Die Empörung liegt gern auf der zweiten Silbe

Nicht jeder Name eignet sich, um damit angekeift zu werden. Dreisilbige Namen sind dafür optimal.

Manche Namen eignen sich besser, um von jemandem mit pikiertem Blick angekeift zu werden. In der Regel sind das jene mit drei Silben, weil sich da ein Vokal besonders schön lang ziehen lässt. Bei einer Sabine kann man zum Beispiel die Empörung in der mittleren Silbe geradezu spüren. Als würde Fräulein Rottenmeier voller Entrüstung beim „i“ mit der Stimme hochgehen, den Vokal lange halten und die dritte Silbe fast schlucken. Nun wissen wir, dass die Hausdame aus Johanna Spyris bekanntestem Roman es nie mit einer Sabine zu tun hatte, sondern mit der titelgebenden Heidi. Die nannte sie natürlich dreisilbig, damit sie bei Adelheid die erste Silbe lang ziehen konnte. Aus ihrer Sicht logisch, denn jemanden mit zweisilbigem Namen verbal zu tadeln, ist nicht annähernd so effektvoll. Heidi! Na ja, Sie sehen schon. Fast unmöglich ist es, seine pädagogische Autorität in einen einsilbigen Namen zu legen – einen Kurt pikiert anzuschreien, ist hart. Ohne nachfolgendes „du, du, du!“ bleibt da nicht viel hängen.

Vielleicht sind ja deswegen in Deutschland Doppelnamen so beliebt. Der erste einsilbige Teil dient dazu, die Aufmerksamkeit des Angesprochenen zu erhaschen, beim zweiten Namen kann die Stimme gehoben und die Empörung hineingelegt werden. Hans-Joachim – Betonung auf dem „jo“ – funktioniert also blendend. Spielen Sie das mit Kai-Uwe, Klaus-Werner oder Ben-Luca durch. Gut, natürlich gibt es auch andere Fälle – Karl-Heinz eignet sich etwa nur bedingt zum Anschreien. Bei Pocahontas-Annegret weiß man auch nicht so recht, welche Silbe man im Fall der Empörung am stärksten betonen soll. Im Zweifelsfall kann man einfach ein „du“ voranstellen und danach einen mindestens zweisilbigen Begriff einfügen, wird halt oft ein unfeiner sein. („Du Trottel“ – Betonung auf „o“) Und ja, mit „Sie“ geht es genauso. Hauptsache, Sie können die zweite Silbe schön dehnen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.06.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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