Sehr geehrte Erkältung, wir müssen Sie leider kündigen

Wenn einem die Stimme wegbleibt, sollte man überlegen, sich vom grippalen Infekt zu trennen.

Hartnäckigkeit ist etwas, das in Lebensläufen für die Bewerbung gern als positive Eigenschaft angeführt wird. Insofern musste die aktuelle Erkältung beim Vorstellungsgespräch wohl geglänzt haben. Hat immerhin Kompetenzen in mehreren Bereichen des Atmungsapparats, sorgt durch fieberhafte Arbeit für ein warmes Betriebsklima und lässt sich durch Einflüsse von außen nicht aus der Ruhe bringen. Als Arbeitgeber bleibt einem da gelegentlich sogar die Stimme weg. Und unter Tränen, Schnäuzen und Schnieben grübelt man, ob es für den verdienten Mitarbeiter nicht an der Zeit wäre, die Karriere andernorts fortzusetzen. Man will ihm ja keine Aufstiegsmöglichkeiten verbauen. Es gibt doch bestimmt noch hochrangigere Eigentümer, deren innere Bereiche man durchwandern könnte. Und um ganz ehrlich zu sein, auf die Dauer nervt die ständige Schleimerei des aufdringlichen Karrieristen schon. Vermutlich kennen Sie das Phänomen auch, diese Typen verbreiten sich ja fast schon viral. Wenn dann sogar in den Lungen Flügelkämpfe ausbrechen, bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Das Dumme ist, dass man solche Mitarbeiter kaum wegbekommt – sie reagieren weder auf freundliche Aufforderungen noch auf die harte Tour, etwa mit Chemie. Im Gegenteil, sie husten einem was.

Abwarten und Tee trinken, sagen sie bei den Human Resources, so etwas ist halt kein Honiglecken. Ja eh, manchmal muss man eben die Extrameile gehen, aber irgendwann wird es wohl schmerzhafte Einschnitte geben müssen. Den Mandeln die Zähne ziehen, vielleicht. Und dann ein freundliches Schreiben, um die Zusammenarbeit zu beenden. Sehr geehrte Erkältung, nach sorgfältiger Prüfung müssen wir Ihnen leider mitteilen, dass wir Ihre Anwesenheit nicht weiter benötigen. Wir bedauern, Ihnen keinen günstigeren Bescheid geben zu können. Und jetzt raus hier, aber flott.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.01.2017)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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