„Guten Morgen“ lustvoll absichtlich missverstehen

Spätestens, wenn der grüßende Kollege vom Quadratklafter erschlagen ist, hat man gewonnen.

„Was meint ihr damit? Wünscht ihr mir einen guten Morgen, oder meint ihr, dass dies ein guter Morgen ist, gleichviel, ob ich es wünsche oder nicht. Meint ihr, dass euch der Morgen gut bekommt oder dass dies ein Morgen ist, an dem man gut sein muss?“ Natürlich kann man sich an Gandalfs Antwort in J. R. R. Tolkiens „Der kleine Hobbit“ ein Beispiel nehmen und den Kollegen, der beim Betreten des Büros einen guten Morgen gewünscht hat, ein wenig aus der Fassung bringen. Oder man missversteht ihn absichtlich noch ein wenig mehr und nimmt den Morgen nicht als Tageszeit, sondern als altes Flächenmaß. Das war, doziert man dann, bis etwa 1900 in Deutschland gebräuchlich – als Fläche, die ein Ochsengespann an einem Vormittag pflügen kann. Das konnte regional ziemlich unterschiedlich viel sein, ehe sich im 20. Jahrhundert der metrisierte Morgen von 25 Ar durchsetzte. Harr, das kennen wir – genau, ein Ar entspricht einem a, also 100 m2. (Und 100 a sind ein Hektar, also bei einem Ausmaß von 68 mal 105 Metern etwa 1,4006 Fußballfelder.) Sind Sie noch da?

Als Pendant zum Morgen, wenn auch für einen ganzen Arbeitstag, galt einst das Tagewerk. Also die Fläche, die die berühmten Ochsen von Sonnenauf- bis -untergang bewältigten. Unter anderem in Österreich verwendete man, zumindest in den flachen Teilen, stattdessen das Joch. Das lag, je nach Region und Bodenbeschaffenheit, zwischen 33 und 58 Ar – das österreichische Joch wurde schließlich mit circa 57,55 Ar festgelegt. Das entspricht – bingo! – 1600 Quadratklaftern. Ein Quadratklafter kommt so auf 3,5979 Quadratmeter. Und der Arbeitskollege, der sich eben noch am Beginn eines normalen Bürotags wähnte, setzte mittlerweile einen Blick auf, als wäre er gerade gegen ein Klafter Brennholz gerannt. Tja, wird ein guter Tag heute. Man hätte aber natürlich einfach auch „Guten Morgen“ sagen können.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.12.2017)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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