„Ein Salzstangerl, bitte!“ „Zwei?“

Hinter so manchem Verhörer steckt der plumpe Versuch, mehr zu verkaufen, als man haben will.

Die Darfssonstnochwasseinisierung an der Supermarkttheke ist ja hinlänglich bekannt, so wie auch das legendäre „Apfeltasche dazu“ beim Hamburgerbrater oder das „passende Pflegemittel dazu“ im Schuhgeschäft (bestimmt braucht jeder Schuh ein eigenes Spray) beim Kontakt. Doch gelegentlich geht der aktive Zusatzverkauf seltsame Wege. Auf „Ein Salzstangerl, bitte“ folgt dann „Zwei?“ Gut, eins und zwei klingen schon recht ähnlich, das kann man im Trubel schon einmal falsch verstehen. Doch wenn dieser Dialog in schöner Regelmäßigkeit immer wieder geführt wird, ist die These des Verhörers nicht mehr haltbar. Dann wird es wohl eine Form des aktiven Zusatzverkaufs sein. Und immerhin eine nicht ganz so plumpe wie „23 dag okay?“, wenn man gerade 10 dag Extra bestellt hat. Vor allem an Fischtheken erreicht die Darfseinbisserlmehrisierung schnell die 100 Prozent – und sogar noch ein bisschen mehr.

Aber wer weiß, vielleicht greift diese Mentalität ja auch noch auf andere Branchen über. Wer sich etwa in einen Zug der ÖBB nach Rekawinkel setzt, bekommt das Angebot „Darf’s ein bisschen weiter sein?“ und wird gleich bis nach Neulengbach gebracht. Einen Anruf bei den Eltern daheim im Wienerwald leitet die Telekom zu einem Teilnehmer in Amstetten weiter. Und in das Auto mit 35-Liter-Tank füllen wir gleich 40 Liter ein. Vielleicht wäre es hilfreich, als Kunde den Spieß umzudrehen. Bei der Kassa legt man freundlich grinsend den nächstgrößeren Geldschein hin, sagt „Darf es ein bisschen mehr sein?“ und zieht von dannen. Klatscht den Wurstverkäufer nach der Bestellung mit „Zugabe“-Rufen ein. Und trällert „I want more“ von den Sisters of Mercy beim Bäckereibesuch. Möglicherweise würde sich damit der Drang zum aktiven Zusatzverkauf verringern. Aber zugegeben, das wäre ähnlich absurd, als würde man eine Kolumne länger schreiben, als auf der Seite überhaupt Platz

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.08.2015)

„Im Sinne von“ ist das Äh der Eloquenten

Einfach zum Nachdenken – so manche unsinnige Redewendung sollte man sich echt abgewöhnen.

Selbstbeobachtung ist eine harte Disziplin. Schließlich könnte man dabei an sich Dinge bemerken, über die man bei anderen lästert. Man kennt das, wenn man Aufnahmen der eigenen Stimme hört – und bemerkt, wie sehr man stammelt, Sätze nicht zu Ende spricht oder alle paar Sekunden „äh“ einbaut. Diese rhetorischen Denkpausen kommen auch in den besten Kreisen vor – nur dass das Äh dann zum Sozusagen gebläht wird. Oder sich im Sinne von „im Sinne von“ entlädt. Auf eine gewisse Art und Weise dient auch „auf eine gewisse Art und Weise“ nur dazu, den Redeschwall in die Länge zu ziehen, damit das hinter der Stimme herhechelnde Sprachzentrum im Gehirn quasi nicht komplett den Anschluss verliert – wobei das hier eingesetzte Quasi auch keinerlei tieferen Zweck erfüllt. Im Allgemeinen ist es eigentlich durchaus üblich, sich auf diese Art und Weise (ab jetzt können Sie weiterlesen, bis hier hat der Satz keinerlei Bedeutung gehabt) durch Konversationen zu hanteln. Ich sag’s ja nur.

Im Grunde genommen sollte man sich auch die Verwendung von allen Redewendungen genau überlegen, in denen es um Denken bzw. Nachdenken geht. Nur so zum Nachdenken, wenn jemand „nur so zum Nachdenken“ auf sozialen Netzwerken schreibt und danach irgendeinen esoterischen Unsinn postet, sollte man das als Einladung verstehen, erst recht nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Nur so ein Gedanke – was aber auch nicht viel besser ist. Aber ist zumindest meine Meinung – natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gesagt; also, nur zur Info –, wer sich selbst beobachtet und es auch noch ernst nimmt, wird auf unglaublich viele Beispiele stoßen, die man sich abgewöhnen könnte. Und ja, auch bei mir selbst habe ich solche Phrasen im Sinne von „im Sinne von“ entdeckt. Ich sag‘ das jetzt so, wie es ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.08.2015)

Preise können weder billig noch teuer sein

Preise in der Bedeutung eines für etwas zu zahlenden Betrags kauft man eher selten ein.

Billigen Sie mir bitte zu, dass das Wort „billig“ eher negativ konnotiert ist. Im Gegensatz zu „günstig“ schwingt immer eine gewisse Minderwertigkeit mit. Ein leicht zu durchschauendes Zauberkunststück ist ein billiger Trick. Ein in Asien gefertigtes Kunststoffprodukt ist Billigware. Und bei Billigfluglinien wird gelegentlich der Vergleich mit Massentierhaltung gezogen. Dabei war billig von seiner ursprünglichen Bedeutung her nicht negativ gemeint. Etwas angemessen finden wurde im Mittelhochdeutschen als „billichen“ bezeichnet, auch das heutige „billigen“ bedeutet, dass man etwas befürwortet oder gutheißt. Die Pejoration – also das Abgleiten eines Wortes in eine negative Bedeutung – setzte ein, als im Zeitalter der Industrialisierung die Fügung „billige Preise“ verwendet wurde. Was aussagen sollte, dass sie angemessen sind – doch wurden sie als niedrig verstanden.

In der heutigen Bedeutung steht das Wort also für „preiswert“. Was allerdings eine gern verwendete Floskel ad absurdum führt: „Billige Preise“, wie sie häufig angepriesen werden, wären demnach preiswerte Preise. Und Preise kauft man, zumindest in der Bedeutung eines für etwas zu zahlenden Betrags, eher nicht ein. Preiswert, also billig, können nur Produkte oder Dienstleistungen sein. Und die Preise analog dazu niedrig. Oder auch hoch – was das Produkt dann allerdings teuer machen würde. Verständlich, dass man in diesem Fall eher die niedrigen Preise preisen würde. Aber zugegeben, das war jetzt ein billiger Versuch eines Wortspiels, für den man wohl keinen Preis bekommen würde.

Die negative Bedeutung des Billigen lässt sich übrigens mit einem einfachen Trick wieder positiv aufladen: durch das Voranstellen von „recht und“. Denn was recht und billig ist, empfinden wir als richtig und gerecht. Würde allerdings ein Diskonter seine Werbung damit bestreiten, wäre das dann doch wieder nur billig.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.08.2015)

Hallo Baby, soll ich dir mein Homonym zeigen?

Wenn Fliegen fliegen und Weichen weichen, lässt sich auch damit spielen.

Keine Ahnung, wie Sie das sehen. Aber wenn jemand keinen Schimmer hat, und der ist auch noch blass, kommt gern ein Tau ins Spiel. Den hat man dann nämlich in der Regel auch nicht. Wobei es sich, wie der Artikel davor schon erahnen lässt, nicht um ein Seil handelt, sondern um in Bodennähe kondensierten Wasserdampf. Und damit, um ein bisschen den Tau fallen zu hören, stehen wir vor einem sehr hübschen sprachlichen Phänomen, nämlich einem Homonym. (Das ist griechisch, mir fällt nur leider kein deutsches Synonym dafür ein.) Darunter versteht man ein Wort, das für verschiedene Begriffe steht. Einem Phänomen, dem nicht nur Witze unserer Kindheit („Wie viel ist zwei Mal sieben?“ „Feiner Sand!“ Hihi!) zu verdanken sind, sondern mit dem man auch im Erwachsenenalter Schabernack treiben kann. Wenn man etwa zu einem Date einen afrikanischen Laufvogel als Präsent übergibt und sich dann gemeinsam auf einem Geldinstitut niederlässt.
Gelegentlich stolpert man auch über die Untergruppe der Homografen, die zwar gleich geschrieben, aber anders ausgesprochen werden. Sie kennen das. Wenn Sie etwa glauben, dass eine Montageanleitung ein Tipp wäre, um den ersten Tag der Woche besser zu überstehen. Umgekehrt haben auch Sie sicher schon Homofone (also gleich klingende Wörter mit verschiedener Schreibweise) scherzhaft eingesetzt – zum Beispiel beim Lästern über die Leere im Schulunterricht.

Den Satz mit den Fliegen, die hinter Fliegen fliegen (oder die Variante mit den Robben), haben Sie sicher schon gehört. Noch öfter, nämlich achtmal, geht das Homonymspiel aber damit: „Weichen Weichen weichen Weichen, weichen Weichen weichen Weichen.“ Was man mit dieser bahnbrechenden (bei weichen Weichen eher bahnbiegenden) Erkenntnis im Alltag anfangen kann? Gute Frage, aber ehrlich gesagt habe ich keinen Tau.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.08.2015)

Leute, die am Ende des Satzes „weißt du“ sagen

Hinter mancher rhetorischer Bestätigungsfrage verbirgt sich ein wenig Prahlerei.

Sie kennen das sicher von Frank Stronach, nicht? Dass er nämlich gerne genau dieses Frageanhängsel am Ende eines Satzes einsetzt. Vor allem die Briten (nein, Stronach ist keiner, der Satz hat auch gar nichts mehr mit ihm zu tun) haben es bei derartigen rhetorischen Bestätigungsfragen zu einer regelrechten Perfektion gebracht, ist es nicht? Doch hierzulande muss man gar nicht neidvoll über den Kanal blicken, denn solche Rückversicherungen kennt man hier auch zur Genüge. Da gibt es das wunderbare „gell“ oder das vor allem im Westen Österreichs gebräuchliche „oder“, während man im Norden Deutschlands gerne ein „ne“ oder „wa“ als Versicherungsfrage anhängt, gelegentlich auch ein „stimmt’s“.

Nicht ganz in diese Kategorie fällt das vielgestaltige „weißt du“, das je nach Sprachraum zwischen „weeste“ und „waaßt“ pendelt. Denn während ein simples „nicht“ oder „oder“ dem Gesprächspartner kein Defizit unterstellt, wirkt das „weißt du“ allzu oft ein wenig schulmeisterlich, gell? (Per Sie hätte da jetzt eigentlich „göllns“ stehen müssen, bitte um Vergebung für die indirekte amikale Duzung!) Denn das „weißt du“ impliziert, dass man selbst das Wissen hat, das man dem kleinen Dummerchen gegenüber jetzt unter die Nase reibt. In rhetorischer Sicht entspricht die Redewendung also etwa dem paternalistischen Tätscheln des Hinterkopfes, stimmt’s? In die gleiche Kategorie passt auch das „verstehst du“, bei dem das Ungleichgewicht des Wissens von oben herab in eine rhetorische Frage gepackt wird. All das oft unbewusst, aber für den Gesprächspartner doch immer wieder ein wenig unangenehm, verstehen Sie?

Es könnte übrigens ein nettes Spielchen sein, auf derartige Floskeln tatsächlich zu antworten. Natürlich verstehe ich das, ich bin ja kein Trottel. Aber vermutlich macht man sich damit eher keine Freunde, oder?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2015)

In welcher Farbe möchten Sie Ihren Wombat?

Es ist immer schön, wenn man zu den wirklich wichtigen Dingen befragt wird.

Wombats haben würfelförmigen Kot. Ich finde, das sollten Sie wissen. Für Ihr weiteres Leben mag diese Information aus dem Lexikon des unnützen Wissens nicht rasend viel Bedeutung haben, aber was hat das schon. Nehmen wir zum Beispiel die demokratische Mitbestimmung. Vergangene Woche stopfte die staatliche Autobahnen- und Schnellstraßen-Finanzierungs-Aktiengesellschaft (Sie wissen schon, das ist der beim spielerischen Langewörterbilden viel zu selten eingesetzte kleine Bruder der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft) das Sommerloch mit einer Aktion fast zur Gänze zu: Per Internet kann darüber abgestimmt werden, ob die Autobahnvignette 2017 lieber rot oder türkis sein soll. Eine Entscheidung, wegen der sich nun tausende Menschen ob ihrer demokratischen Verantwortung unruhig in den Betten wälzen. So wie damals, als die Wiener Linien über die Farbe der neuen U5 abstimmen ließen (sie wird übrigens türkis, hat der Souverän entschieden). Diese Technik, berichtet eine Mutter, funktioniert übrigens auch bei Kindern gut – „Willst du mir beim Straßenüberqueren lieber die linke oder die rechte Hand geben?“

Zu den wirklich wichtigen Dingen wird man dagegen nie befragt. Zum Beispiel, ob ein Adler als nationales Wappentier überhaupt noch zeitgemäß ist. Jede Wette, dass bei einer Abstimmung ein ganz anderes Tier die absolute Mehrheit erhalten würde. Ein Wombat, zum Beispiel. Der ist hierzulande zwar nicht heimisch, sondern nur in Australien (Gibt es eigentlich schon T-Shirts à la „There are no wombats in Austria“?). Aber andererseits – haben Sie schon einmal einen Adler in freier Wildbahn gesehen? Eben. Denkwürdig werden dann auch die Worte, mit denen das Ergebnis der Abstimmung am Abend im Fernsehen offiziell bekannt gegeben wird: „Sehr geehrte Damen und Herren, die Würfel sind gefallen.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.07.2015)

JJ Harrison (jjharrison89@facebook.com)

(c) JJ Harrison (jjharrison89@facebook.com)

Passt schon, kaufen Sie sich damit etwas Schönes

Die Geschichte des Trinkgelds ist eine Geschichte voller Missverständnisse und sprachlicher Fallen.

Es mag mitten in der Hitzewelle deplaziert wirken, das „Alle Jahre wieder“. Aber es passt. Wenn nämlich in der Urlaubssaison wieder die Trinkgeld-Knigge aus dem Sommerloch gezogen werden. In welchem Land wie viel erwartet wird, dass es in Italien schon in der Rechnung inbegriffen ist und Kellner in den USA darauf angewiesen sind. Ist ja auch vernünftig, sich mit den Gegebenheiten in anderen Kulturkreisen zu beschäftigen. Nur sollte man auch daheim nicht ganz auf die Etikette vergessen. „Das können Sie sich behalten“, ist zum Beispiel eher nicht die korrekte Formulierung, wenn die Verkäuferin in der Bäckerei zwei Cent Wechselgeld zurückgeben will. So wie auch das „Kaufen Sie sich damit etwas Schönes“ maximal in drittklassigen Comedyfilmen für ein kurzes Kichern sorgt. Irgendwo zwischen gönnerhaft und herablassend könnte auch das Werfen von Münzen ankommen – wenn man Tresen und Trevi-Brunnen durcheinanderbringt, kann ja passieren. (Kleiner Tipp: Statt Tresen einfach Schank oder Budel sagen, da ist die Verwechslungsgefahr nicht so groß.) Ansonsten liegt man mit einem „Der Rest ist für Sie“ meist nicht ganz falsch. In Wien kommt man mit einem „Stimmt schon“ oder „Passt schon“ auch ganz gut über die Runden. Solange man dabei nicht allzu auffällig zwinkert. Blink, blink, Sie wissen schon. Die gebräuchlichste Variante ist ohnehin, einfach die Zahl zu sagen, auf die man aufrunden möchte. Gern auch mit einem „Bitte“ dahinter. Oder nur „Danke“ sagen beim Überreichen der aufgerundeten Summe. Geht auch.

Apropos Trinkgeld. Da war unlängst diese kleine Bäckerei. Das gewünschte Gebäck kostet 1,99 Euro. Der Verkäufer nimmt die Zwei-Euro-Münze, steckt sie ein und verabschiedet den Kunden mit einem gönnerhaften „Passt schon!“ Was man darauf sagen soll, steht natürlich wieder in keinem Knigge.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.07.2015)

Der Endspört, zu dem manche Endschpurt sagen

Ein englisches Wort, das es gar nicht gibt, kann eigentlich nicht falsch ausgesprochen werden.

Lesen Sie das folgende Wort bitte einmal laut vor: „Endspurt“. Gut gemacht, vielen Dank! (Falls Sie es nicht getan, sondern einfach weitergelesen haben, muss ich wohl an meiner Überzeugungskraft arbeiten . . .) Also: Haben Sie gerade so etwas wie „Endschpurt“ gesagt, wurden Sie sprachlich vermutlich in Deutschland sozialisiert. Klang es dagegen etwa wie „Endspört“, sind Sie mit großer Wahrscheinlichkeit mit dem österreichischen Deutsch aufgewachsen. (Dass ein Deutscher die österreichische Aussprache in der Vermutung, es handle sich um ein englisches Wort, als „Endspirt“ transkribieren würde, ist übrigens nur eine bösartige Unterstellung, die sich empirisch maximal durch einen konkreten Fall belegen lassen würde, aber das führt jetzt zu weit.) Im Englischen ist das scheinbar englische Wort übrigens nicht bekannt, da wird das Anziehen des Tempos am Ende einer sportlichen Tätigkeit eher als „final spurt“ oder „final sprint“ bezeichnet.

Dass es diesen sprachlichen „gap“ (wird der in Deutschland eigentlich eingedeutscht?) gibt, weiß man ja. Da ist etwa diese Zahnpasta. Der Reifenhersteller mit den Fettröllchen aus Clermont-Ferrand. (Gut, das ist Französisch, aber der Effekt ist der Gleiche.) Das lustige Plastikgeschirr, das bei Partys vertrieben wird. Und auch dieses Versandhaus im Internet wird von Deutschen eher deutsch, von Österreichern eher englisch ausgesprochen. Versuchen Sie übrigens einmal, „ämasn“ in Google einzutippen – da wird tatsächlich die richtige Seite gefunden! (Natürlich haben Sie das jetzt ausprobiert und ein erstauntes „Stimmt!“ von sich gegeben.) Damit wir am Ende aber auch etwas von alldem haben, eine kleine Weisheit: „Wer auf halber Strecke zum Endspurt ansetzt, dem geht die Puste vor der Zielgeraden aus.“ Und wenn es Sie beim Wort „Puste“ gerade kurz gerissen hat, haben Sie vorher definitiv „Endspört“ gesagt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.07.2015)

Zum Zuhören beim lauten Denken degradiert

Der Moment, in dem man von anderen Menschen als stumme Denkhilfe benutzt wird.

Ich denke jetzt nur laut. Zugegeben, hören können Sie das nicht, das ist ein Nachteil der geschriebenen Sprache, aber nehmen wir an, jemand würde in einem Dialog mit genau diesen Worten zu einem Redeschwall ansetzen. Was genau steckt dahinter? Dass das Gegenüber in Wirklichkeit noch gar keine Ahnung hat, welche Meinung es jetzt eigentlich vorbringen will? Klar, woher soll jemand wissen, was er denkt, bevor er hört, was er sagt? Tatsächlich hat lautes Denken durchaus seinen Sinn. Sich einsam das Hirn zu zermartern bringt deutlich weniger, als einem armen Tropf seine Gedankengänge frisch geschlüpft auf dem Tablett zu servieren. Gerade in einem kreativen Tief ist es eine bewährte Taktik, sich jemanden zu suchen, der sich unter dem Vorwand, dass man seine Meinung wissen will, das Für und Wider anhören muss, zwischen dem man gerade schwankt. Da sitzt nun das Opfer, lauscht andächtig den Ausführungen. Und ist doch nur ein potemkinscher Zuhörer, weil lautes Denken ohne Widerpart gesellschaftlich nicht allzu anerkannt ist. Denn kaum hat der Lautdenker zu sprechen begonnen, fügen sich in seinem Gehirn all die Puzzleteile zusammen, die vorher in der Selbstzermarterung nicht zueinanderfinden wollten.

Manchmal wird das laute Denken auch als Frage getarnt: „Darf ich dich um deine Meinung fragen?“ Es folgt ein genauer Problemaufriss, dem man andächtig lauscht. Und in dem Moment, in dem der Zuhörer zu einer Antwort ansetzen will, wird der Fragende gerade von seiner intellektuellen Niederkunft überrascht. Ist es ein netter Mensch, gibt er nun zumindest noch vor, der Antwort zuzuhören. Ist er das nicht, legt er eine 180-Grad-Drehung hin und geht ab. „Du hast mich benutzt“, möchte man ihm dann hinterherrufen. Aber man belässt es dann meist doch nur beim Gedanken. Manche Dinge denkt man lieber nur leise.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.07.2015)

Es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen

Wie man bei gesellschaftlichen Ereignissen uninteressanten Gesprächspartnern entkommt.

Dumm, wenn man gerade von der Toilette kommt. Dann fällt sie nämlich recht lange weg, die Gelegenheit, sich bei einem gesellschaftlichen Anlass eines unangenehmen Gesprächspartners zu entledigen. Es sei denn, natürlich, man legt es darauf an, dem Gegenüber deutlich zu signalisieren, dass man von allen sieben Milliarden Menschen auf der Welt am allerwenigsten mit ihm reden möchte. Eine derartige Offenheit ist dem österreichischen Wesen aber weitgehend fremd, man sagt niemandem ins Gesicht, was man von ihm hält, versteckt sich lieber hinter höflichen Floskeln – mon dieu, ich komme gerade drauf, dass mein Goldfisch seine Medikamente heute noch nicht bekommen hat! Oder eben die Toilettennummer, die gekonnt überspielt, dass die Smalltalktube bis zum Letzten ausgequetscht ist und jetzt nichts Relevantes mehr kommen wird.

Umgekehrt kann eine ernst gemeinte Klopause des Gegenübers aber auch eine Versicherung der eigenen Attraktivität – zumindest der kommunikativen – bedeuten. Wenn nämlich die Person nach dem Gang nicht auffällig nach anderen Einstiegspunkten für einen Gesprächspartner heischt. Sondern zielstrebig zurückkehrt – und vielleicht sogar noch an den zuvor abgebrochenen Dialog anschließt. Toilettentest bestanden, yeah!

Im umgekehrten Fall kann es aber auch umgekehrt sein. Dass ein langweiliger Gesprächsabschnittsgefährte sich auf die Toilette zurückzieht, dann aber wie ein Hund mit Stöckchen im Maul und treuherzigem Blick zurückgehechelt kommt. Da kann man sich ja auch nicht mit „Leben Sie wohl, es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen“ aus der Affäre ziehen. Also muss man eine Zeit lang durchhalten. Irgendein Blabla von sich geben. Ein bisschen Zeit vergehen lassen – ehe man sich wieder auf die Flucht in die Nasszelle machen kann. Ui, jetzt muss ich aber schon wirklich dringend…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2015)