Es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen

Wie man bei gesellschaftlichen Ereignissen uninteressanten Gesprächspartnern entkommt.

Dumm, wenn man gerade von der Toilette kommt. Dann fällt sie nämlich recht lange weg, die Gelegenheit, sich bei einem gesellschaftlichen Anlass eines unangenehmen Gesprächspartners zu entledigen. Es sei denn, natürlich, man legt es darauf an, dem Gegenüber deutlich zu signalisieren, dass man von allen sieben Milliarden Menschen auf der Welt am allerwenigsten mit ihm reden möchte. Eine derartige Offenheit ist dem österreichischen Wesen aber weitgehend fremd, man sagt niemandem ins Gesicht, was man von ihm hält, versteckt sich lieber hinter höflichen Floskeln – mon dieu, ich komme gerade drauf, dass mein Goldfisch seine Medikamente heute noch nicht bekommen hat! Oder eben die Toilettennummer, die gekonnt überspielt, dass die Smalltalktube bis zum Letzten ausgequetscht ist und jetzt nichts Relevantes mehr kommen wird.

Umgekehrt kann eine ernst gemeinte Klopause des Gegenübers aber auch eine Versicherung der eigenen Attraktivität – zumindest der kommunikativen – bedeuten. Wenn nämlich die Person nach dem Gang nicht auffällig nach anderen Einstiegspunkten für einen Gesprächspartner heischt. Sondern zielstrebig zurückkehrt – und vielleicht sogar noch an den zuvor abgebrochenen Dialog anschließt. Toilettentest bestanden, yeah!

Im umgekehrten Fall kann es aber auch umgekehrt sein. Dass ein langweiliger Gesprächsabschnittsgefährte sich auf die Toilette zurückzieht, dann aber wie ein Hund mit Stöckchen im Maul und treuherzigem Blick zurückgehechelt kommt. Da kann man sich ja auch nicht mit „Leben Sie wohl, es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen“ aus der Affäre ziehen. Also muss man eine Zeit lang durchhalten. Irgendein Blabla von sich geben. Ein bisschen Zeit vergehen lassen – ehe man sich wieder auf die Flucht in die Nasszelle machen kann. Ui, jetzt muss ich aber schon wirklich dringend…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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