Zwar stirbt gerade irgendwo auf der Welt ein Rhinozeros

Über die unbefriedigende Situation, wenn eine Doppelkonjunktion nicht aufgelöst wird.

Einerseits ist es etwas befremdlich, wenn danach nichts kommt. Sie wissen schon, wenn eine Doppelkonjunktion in einem Text nicht aufgelöst wird. Beim Lesen entsteht dadurch eine unangenehme Spannung, man wartet auf das Wort, das die Klammer schließt, doch wie nach einem sprachlichen Coitus interruptus bleibt die Erlösung aus. Immer wieder schwimmt das „andererseits“ im sprachlichen Wurstkessel des Abraham munter weiter und macht keine Anstalten, den Satz mit einer Alternative zu vervollständigen. So wie es musikalisch kaum auszuhalten ist, wenn nach dem „tam ta ta taa tam“ kein „tam tam“ ertönt. Da ist die gespannte Stille, in der alles darauf wartet, dass es zu einem Abschluss kommt. Und das ist frustrierend.

Jedes Mal, wenn in einem Text ein „zwar“ steht, das danach nicht mit einem „doch“ (notfalls auch mit einem aber) aufgelöst wird, stirbt irgendwo auf der Welt ein Rhinozeros – kein Wunder, dass Nashörner heute zu den gefährdeten Arten gehören. Entweder macht man das richtig. Und da ist sie wieder, diese Stille, in der die Finger nervös auf der Tischplatte zu klopfen beginnen. Und das sowohl in der gesprochenen Sprache, in der es nicht so auffällt. (Und jetzt spüren Sie es auch, oder? Dass die Augen ein paar Zeilen nach oben wandern und zweifelnd nachprüfen, ob man ein „oder“ und ein „als auch“ überlesen hat. Aber nein, da fehlt wirklich etwas.)

Ob Schlampigkeit oder mangelndes sprachliches Feingefühl, es gehört sich bei einer Argumentationslinie, dass einem „wenn“ ein „dann“, einem „nicht nur“ ein „sondern auch“, einem „je“ ein „desto“, einem „sowohl“ ein „als auch“ und einem „entweder“ ein „oder“ folgt. Sonst stellen sich bei Zuhörern oder Lesern gleich drei unbefriedigende Effekte ein: Erstens verstehen sie nicht, was gerade gesagt wurde. Und zweitens haben sie das Gefühl, dass am Ende noch irgendetwas fehlt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.03.2015)

Fun Fact: Adam Riese hieß gar nicht Adam Riese

Wussten Sie, dass die Einleitung „Fun Fact“ heute dafür steht, was früher „Wussten Sie, dass?“ hieß?

Jede Zeit hat ihre Sprüche. So wie man Anfang der 1990er eben „Ja, das stimmt“ sagte, frei nach Mini Bydlinskis Toni-Polster-Parodie, und Mitte der 1990er auf das Alfred-Dorfer’sche „Danke, ganz lieb“ wechselte, findet sich auch im heutigen Sprachgebrauch die eine oder andere Konstante. Zuletzt etwa ein Anglizismus, der vor allem im Internet eingesetzt wird: „Fun Fact“. Zu finden ist die lustige Tatsache vor mittlerweile fast jedem Satz, der einen gewissen Informationsgehalt beansprucht und im besten Fall auch noch eine Überraschung beinhaltet, die beim Lesen für ein Schmunzeln sorgen könnte. Dinge also, die auch in den um die Jahrtausendwende beliebten Handbüchern des nutzlosen Wissens und ihren Epigonen zu finden waren. Im Gespräch hätte man früher mit einem „Wussten Sie, dass?“ begonnen.

So erfährt man, dass Adam Riese, der Vater des modernen Rechnens, in Wirklichkeit Adam Ries hieß. Und die Redewendung „nach Adam Riese“ darauf zurückgeht, dass zu seiner Zeit Personennamen dekliniert wurden – und beim Dativ eben ein -e angehängt wurde. Interessant auch, dass wenn man in China mit Daumen und Zeigefinger dem Kellner eine Zwei für zwei Bier signalisiert, acht Bier bekommen wird. Was daran liegt, dass dort mit einer Hand bis zehn gezählt werden kann. Die Nationalhymnen von Finnland und Estland haben die gleiche Melodie. Der Wüstenstaat Saudiarabien importiert Sand aus Schottland und Kamele aus Australien. Und ein Viertel der weltweiten Haselnussernte landet in Nutella.

Fun Fact: So manches vorangestellte „Fun Fact“ suggeriert einen Wahrheitsgehalt, der einer genauen Recherche nicht standhält – so wie etwa auch „Konfuzius sagt“ immer wieder dazu dient, so manche sinnlose Aussage zu legitimieren. Abraham Lincoln hatte schon recht, als er sagte: „Das Problem mit Zitaten aus dem Internet ist, dass man nie weiß, ob sie echt sind.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.03.2015)

Herr und Frau Österreicher sind ins Börserl gefallen

Österreichs politisch meistgebrauchter Diminutiv taucht nur dann auf, wenn mehr drin bleiben soll.

Es ist natürlich eine hohle Phrase, dass ein Begriff wieder in aller Munde ist. Aber rund um die aktuelle Steuerreform ist ein Begriff wieder in aller Munde: Das Börserl. Dieser per Diminutiv verharmloste politische Kampfbegriff, in dem alle Jahre wieder künftig mehr drin bleiben soll, wird regelmäßig hervorgeholt, um wahlweise den kleinen Mann von der Straße (warum nicht gleich das kleine Männchen?), Herrn und Frau Österreicher oder die Billa-Kassiererin ein bisschen in Wohlgefallen zu schaukeln. Etymologisch betrachtet kommt die Börse ja vom mittellateinischen „bursa“, das für Ledertasche oder Geldsack steht – was sich wiederum vom altgriechischen „byrsa“ herleitet, was so viel wie Fell oder abgezogene Tierhaut bedeutet. Wie passend, schließlich wird das Fell des Bären, das für die Gegenfinanzierung der Steuerreform schon verteilt wurde, um später im Börserl (manchmal auch Börsel) zu landen, selbstverständlich noch abgezogen. Aus der ledernen Geldtasche, nämlich. Nur sagt in diesem Zusammenhang interessanterweise niemand Börserl dazu. Davon ist nur die sprichwörtliche Rede, wenn mehr drin bleiben soll.

Interessant auch, dass nie zu hören ist, dass dem kleinen Mann auf der Straße mehr im Portemonnaie bleiben soll. Böse Zungen würden behaupten, dass das an den Fallstricken der französischen Aussprache liegen könnte. Näher liegt allerdings der Gedanke, dass die Assoziation – obwohl sich der Begriff aus „porte“ (tragen) und „monnaie“ (Münzen) zusammensetzt – eher jene mit einer Brieftasche ist. Und es eben leichter fällt, ein bisschen mehr Münzen im Börserl zu lassen als Scheine im Portemonnaie. Ebenfalls spannend ist, dass der Finanzminister die Steuereinnahmen weder ins Börserl noch ins Portemonnaie steckt. Wenn es um Steuern geht, landen die am Ende immer im Säckel. Spannend, oder? Was nicht alles in einem simplen Geldtascherl steckt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.03.2015)

Wenn Fliesen fließen

Das scharfe ß ist nicht ausgestorben – im Gegenteil, man findet es sogar dort, wo es nicht hingehört.

In der Schweiz ist sowieso alles anders. Aber die Schweiz ist halt nicht überall. Und so gibt es hierzulande nun einmal das scharfe ß. Ein Buchstabe, auf den man stolz sein kann, wenn man das unbedingt möchte, immerhin ist es der einzige Buchstabe des deutschen Alphabets, der ausschließlich in der deutschen Sprache (nur eben nicht in der Schweiz und in Liechtenstein) vorkommt. Doch vor lauter Stolz wird das ß allzu oft ausgepackt, wenn es eigentlich weiter im Setzkasten (kennt man den Begriff heute noch?) ruhen sollte. So können gelegentlich wirklich Tränen fließen, wenn Kacheln aus Keramik als „Fließen“ angeschrieben stehen. Das Taschentuch, mit dem man sich danach die Tränen abwischt, lässt man am besten gleich draußen – es könnte ja jemand nießen. Was ungünstig ist, denn auch hier ist das ß fehl am Platz. Auch, wenn es scharf klingt, wird das unwillkürliche und explosionsartige Ausstoßen von Luft durch die Nase mit nur einem s geschrieben. Es ist zum Schießen (und das stimmt jetzt auch so).

Und nein, für einen Lapsus wie diesen (nein, auch hier kein ß, wobei man diesen Fehler wirklich selten sieht) wird man nicht gleich ins Verlies geworfen, das übrigens auch ab und zu ganz verlassen mit einem scharfen ß am Ende abgelegt wird. Wobei umgekehrt viele glauben, dass mit der neuen deutschen Rechtschreibung (die mittlerweile auch schon fast 20 Jahre auf dem Buckel hat) das ß komplett abgeschafft wurde. Aber nein, Schweizer Zustände herrschen hier noch lang nicht. Und so wird weiter der stimmlose s-Laut nach einem betont langen Vokal (Buße und Maße statt Busse und Masse) scharf geschrieben. So auch, wenn ein Diphthong, ein als lang geltender Doppelvokal, draußen (nicht draussen) vor der Tür steht. Folgt allerdings im Wortstamm ein Konsonant, kommt nur ein einfaches s – trößtet (hihi, falsch) Sie das jetzt ein bisschen?

Warum die Schweizer sich diesen Spass entgehen lassen, das weiss ich allerdings leider nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.03.2015)

Österreichs Rache an den Briten für Wörtschesta

Zwischen Gschiaß, Hasebruh und Schwauna – nicht alles wird so ausgesprochen, wie man es schreibt.

Woher soll man es denn wissen. Ja eh, Allgemeinbildung und so, aber der erste Impuls ist trotzdem, Wörtschesta zu sagen, wenn von der englischen Stadt Worcester oder ihrer dazugehörigen Sauce die Rede ist. Warum sie letztlich Wusta ausgesprochen wird, lässt sich sprachhistorisch zwar vermutlich erklären – im Lauf der Zeit fällt im Sprachgebrauch halt schon mal die eine oder andere Silbe weg –, doch bei der ersten Begegnung ist für Außenstehende ein Moment der peinlichen Stille eben inkludiert. Wobei man froh sein muss, dass es keine prominente Sauce aus Happisburgh in der Grafschaft Norfolk gibt – denn dass dieser Ort Hasebruh ausgesprochen wird, kann wirklich nur Bosheit sein.

Bevor jetzt jemand gleich eine britische Verschwörung ortet, arglose Kunden in Delikatessengeschäften lächerlich zu machen, verlagern wir doch das Geschehen in heimatliche Gefilde. Die westoberösterreichische Stadt Ried wird ja maximal in überregionalen Sportsendungen so ausgesprochen, wie sie gelesen wird. Bei Einheimischen erinnert die Aussprache eher an die saudiarabische Hauptstadt – vermutlich ist deshalb auch die Ergänzung „Riad im Innkreis“ zur Verortung hilfreich. Die Gemeinde St.Johann am Walde, ebenfalls im Innkreis, hat sogar ihre Website nach dem umgangssprachlichen Namen unter http://www.saigahans.at registriert. Die Einwohner von Schwanenstadt (was für ein wunderbarer Name, übrigens) greifen, wenn sie über ihre Stadt sprechen, zu „Schwauna“. Wer zur Gemeinde Dienten am Hochkönig nicht „Deantn“ sagt, outet sich sofort als Auswärtiger. Und wer bei der Radtour im Burgenland von Einheimischen nach „Gschiaß“ geschickt wird, wird bei Google Maps definitiv nicht fündig. Woher sollte man auch wissen, dass es sich um den früheren Namen von Schützen im Gebirge handelt? Schade eigentlich, dass es von hier keine Würzsauce gibt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.03.2015)

Denk mal drüber nach

Denken Sie mal nach – geht es Ihnen nicht auch fürchterlich auf die Nerven, wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie mal nachdenken sollen? Wenn das Gegenüber mitten in einem Gespräch plötzlich eine unerwartete Wendung hervorzaubert und den scheinbaren Coup mit dieser Phrase abschließt. Immerhin insinuiert er damit, man hätte das Thema der Debatte bis dahin maximal mit dem Rückenmark verarbeitet. Überlegen Sie mal – wird es besser, wenn die Formulierung leicht abgewandelt wird, die Arroganz des besserwisserischen Gesprächspartners aber unverändert vorhanden ist? Sie müssen das so sehen – mit rhetorischen Tricks wie diesen kann es gelingen, anderen Menschen ein als väterlichen Rat verpacktes „Ei, ei, Trottel“ unterzujubeln, und auf dem derart bestellten Acker die eigene Meinung einzupflanzen, auf dass sie aufgehen möge.

Verdächtig oft kommen derartige Aufforderungen ja von Menschen, deren Weltbild, sagen wir, nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Also etwa jenen, die ernsthaft erwägen, dass hinter den Kondensstreifen von Flugzeugen der Plan einer geheimen Weltregierung steckt, das Bevölkerungswachstum in Schach zu halten. Oder die in Conchita Wurst eine chinesische Geheimwaffe zur Unterwanderung der abendländischen Kultur sehen. Nur kurz zum Nachdenken – ein bisschen was muss an dem allen ja dran sein, sonst würden es die Medien ja nicht ständig so lächerlich machen. Hm?

In Wirklichkeit ist es nämlich so, dass Menschen, die Sätze mit „In Wirklichkeit“ beginnen, genau die gleiche rhetorische Waffe einsetzen. Wobei sie das manchmal auch mit Formulierungen à la „Seien wir uns ehrlich“ umschiffen. Also, seien wir uns ehrlich – bei Gesprächen, in denen Phrasen wie diese zum Einsatz kommen, ist Vorsicht angebracht. Denn allzu oft steht ein „Denk mal drüber nach“ dort, wo man sich ein „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ nicht mehr zu sagen traut. Verwandt damit ist übrigens auch das „Ich habe es Ihnen ja gesagt“, das etwa dem gönnerhaften Tätscheln auf den Hinterkopf eines Kleinkindes entspricht. Interessant, nicht? Denken Sie mal drüber nach.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.02.2015)

Mein Seitensprung mit George Clooney

„Wenn die Person, mit der du eine Affäre hast, ebenfalls verheiratet ist, dann sind die Verhältnisse klar, und es gibt weniger Missverständnisse.“ Sagt zumindest der Chef eines Internetportals, das Seitensprünge vermittelt. Und schreibt in seine dazugehörige Aussendung auch gleich eine Warnung: „Pass auf, Amal Alamuddin.“ Denn auf den Gatten besagter Dame hätten es ziemlich viele verheiratete Frauen, die man dazu befragte, abgesehen. Vermutlich kann sie jetzt nicht mehr ruhig schlafen, die Arme. Dabei wäre es doch ein Leichtes für sie, seine Treue ganz wissenschaftlich festzumachen. Britische Forscher haben nämlich herausgefunden (wenn ein Satz so beginnt, weiß man in der Regel, was davon zu halten ist…), dass sprunghafte Menschen an ihrer Fingerlänge erkannt werden können. Je länger der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger ist, desto höher war die Konzentration des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, dem man als Fötus im Mutterleib ausgesetzt war – und desto höher ist laut den Wissenschaftlern die Hinwendung zur Polygamie.

Sie dürfen sich jetzt übrigens ertappt fühlen, wenn Sie mit dem Lesen dieses Absatzes erst dann begonnen haben, nachdem Sie einen prüfenden Blick auf Ihre Hand geworfen haben. (Und, erwischt?) Genau das könnte Frau Alamuddin nun auch bei ihrem Gatten tun– vielleicht gibt es ja einen kurzen Moment, in dem sich seine Finger nicht gerade an eine Espressotasse klammern. Sollte sein Zeigefinger den Längenvergleich mit dem Ringfinger nicht erfolgreich bestehen, würde auch sein treuer Hundeblick nichts mehr helfen. Denn die Biologie lässt sich nicht überlisten, wie wir wissen – wer Augen hat zu sehen, der sehe. Und in diversen bunten Wochenblättern könnten wir schon bald von einem schmutzigen Scheidungskrieg lesen. („Du kannst die Kaffeemaschine behalten, aber die Stadt gehört mir!“)

Sollten Sie mit Hilfe dieses Tests den Filou in sich entdeckt haben, können Sie ja mal im Telefonbuch blättern. Herr Clooney dürfte dann ja wieder zu haben sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.02.2015)

Strč prst skrz krk im Chuchichäschtli

Aus dem Urlaub im nicht deutschsprachigen Ausland ist dieser Austromissionierungseifer ja bekannt. Dass ein verlegen lächelnder Kellner oder Reiseleiter unter großem Gejohle dazu gebracht wird, ein urösterreichisches Wort wie „Oachkatzlschwoaf“ auszusprechen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung, könnte man meinen. Wenn es sich dabei wenigstens um ein Wort handelte, das tatsächlich einen sprachlichen Nutzen mit sich bringt. Allein, zu viel mehr als zum seichten Gaudium auf Kosten anderer taugt es dann doch nicht. Ein typisch österreichisches Verhalten ist dies allerdings nicht, denn auch andere Nationen und Sprachgruppen haben ihre Scherze. „Strč prst skrz krk“ („Steck den Finger durch den Hals“) ist etwa die tschechische Variante einer weitgehend sinnlosen Äußerung, die vor allem dazu dient, Anderssprachige in Schwierigkeiten zu stürzen – schließlich kommt sie komplett ohne Vokale aus.

Man möchte es kaum glauben, aber dieses Phänomen hat einen Namen. Von einem Schibboleth wird in der Linguistik gesprochen, wenn sich ein Sprecher durch ein spezifisches sprachliches Merkmal eindeutig einer regionalen oder sozialen Gruppe zuordnen lässt. Der aus dem Hebräischen entlehnte Begriff (Getreideähre) diente den Gileaditern im Alten Testament dazu, die feindlichen Epraimiter zu erkennen – die den Wortanfang nicht „sch“, sondern „s“ aussprachen. Und die derart identifiziert kurzerhand getötet wurden.

So dramatisch ist es heute nicht mehr, da amüsiert sich höchstens der Schweizer, wenn jemand am „Chuchichäschtli“ (Küchenschrank) scheitert, erkennt der Oberösterreicher am „Ödögidöggi“ (Öltiegeldeckel) den Ortsfremden und erfreut sich der Lustenauer, wenn jemand am Triphthong des „Äuöli“ (Ei) verzweifelt. Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Kellner im italienischen Restaurant, der „D‘ Koinarin håd’s Bschteck z’schpâd bschtoid“ nicht reibungslos aussprechen kann, sind aber keinesfalls angebracht. Schon gar nicht, übrigens, wenn man vorher die „Gnotschi“ bestellt hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.02.2015)

Nicht schlecht staunte Winnetou abschließend

Wer kennt das nicht? Das Gefühl nämlich, dass Zeitungsartikel, die mit „wer kennt das nicht?“ beginnen, gern mit „bleibt abzuwarten“ enden. Soll heißen, dass im journalistischen Vorratsschrank gelegentlich auf Konfektionsware zurückgegriffen wird, die schon seit Jahrzehnten in Regalen vor sich hin angestaubt werden. Zu glauben, dass Leser das ohnehin nicht bemerken, wäre ein Trugschluss, schließlich gibt es bereits ganze Websites, die sich dem Einsatz sprachlicher Dutzendware widmen. Die lieblose Phrase „Nicht schlecht staunte“ zu Beginn eines Artikels feiert Tag für Tag „das größte Comeback seit Lazarus“ – um eine weitere dieser Phrasen zu bemühen. Als selbstkritischer Journalist (ja, auch mea culpa) muss man sich fragen, ob man nicht auch selbst ab und zu dem Immermehrismus anheimfällt, indem man Phänomene, die sich einer exakten Quantifizierung verweigern, eben mit „immer mehr“ beziffert.

Wenn wir schon beim Stil sind – gelegentlich wird das schöne Verb „sagen“ durch, sagen wir, eher unpassende Formulierungen ersetzt. „Es zieht“, schloss der Kapitän das Fenster. „Der arme Hund“, packte er das Häufchen in ein Plastiksackerl. Und um ein wenig scheinbare Authentizität ins Spiel zu bringen, wird das Sagen auch gern mit einer Tätigkeit verbunden, die nicht zwangsläufig etwas damit zu tun haben muss. „Ich habe Hunger“, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ja, eh. Und irgendwann landen wir dann womöglich bei „Hugh“, sprach Winnetou, schnitt sich ein Loch in den Bauch und verschwand darin.

Nicht zu vergessen das „so“, das so gern zum Verbersatz mutiert. Allein, man kann nicht etwas soen. Macht aber nichts, man gewöhnt sich an alles. So auch an die klassischen Schlusspointen in Pressaussendungen vornehmlich politischer Parteien. „Bla bla bla“, so XY abschließend, ist ein Klassiker. Oder, wenn gleich zwei Menschen zitiert werden, „so beide unisono“. Tja, wer kennt das nicht? Doch ob sich das jemals ändern wird, bleibt abzuwarten, so ich abschließend.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2015)

Ein Schritt zu wenig

Es gibt ja diese Phrase, dass man mit etwas einen Schritt zu weit gegangen ist. Weitgehend unbekannt im Schatzkästlein der Aphorismen ist dagegen der umgekehrte Fall – der berühmte Schritt zu wenig. Dabei taucht er im Alltag viel häufiger auf. Etwa beim Wegwerfen eines Taschentuchs: Es wären drei, vier Schritte in Richtung Mistkübel – doch sobald eine akzeptable Distanz erreicht ist, wird mit einer lässigen Wurfbewegung das zusammengeknüllte Stück in Richtung der Öffnung befördert. Dumm nur, dass das aerodynamische Verhalten eines Papiertaschentuchs nicht ganz so berechenbar ist wie das eines Basketballs. Und so endet der Wurf zu 99 Prozent auf dem Boden. Womit der eine eingesparte Schritt Makulatur ist. Nicht nur, dass er nun nachgeholt werden muss, kommt auch noch mit dem Bücken ein weiterer Arbeitsschritt hinzu. Es macht übrigens keinen Unterschied, ob das Objekt vorher noch die Kante berührt und von dort nach außen wegspringt. Außer vielleicht jene Geste, mit der man sich selbst enttäuscht signalisiert, dass es richtig knapp war – so wie Fußballer nach einer verpatzten Torchance theatralisch auf die Knie sinken und sich mit beiden Händen an den Kopf greifen. Könnte in diesem Fall halt übertrieben wirken.

Der eine Schritt zu wenig lässt sich aber auch erweitern. Wenn man etwa beim Abräumen des Frühstückstischs Teller, Tassen, Eierbecher, Marmeladenglas, Honiglöffel, Wurstrest und halbe Semmel zu einem gigantischen Turm aufbaut, um nur einmal den Weg in die Küche antreten zu müssen. Und dann beim Gehen die fragile Konstruktion bedrohlich zu wackeln beginnt. Die Konsequenz ist dann meist, dass nicht nur ein Fußweg nachgeholt werden muss, sondern auch noch ein paar Gabeln aufzuheben sind und ein Marmeladenfleck vom Teppich gewischt werden muss.

Es ließen sich noch viele derartige Beispiele finden. Etwa die Schnalle, die gedrückt wird, noch ehe man die Tür erreicht hat. Oder das Trinkglas, das gekippt wird, noch ehe es am Mund aufliegt. Aber ich kann jetzt leider nicht, ich muss noch die nasse Wäsche aufsammeln, die auf dem Weg zum Trockner liegt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2015)