Das Rindfleisch ist wieder sauteuer

Wir alle behaupten zwar, die deutsche Sprache zu beherrschen, doch ab und zu muckt die derart Beherrschte auf und gehorcht nicht. In einigen Fällen hat dieses Aufmucken für unser Tun und Sein nicht einmal Konsequenzen, doch bei genauem Hinschauen offenbaren sich regelrechte Kleinode, die ein wenig ins Scheinwerferlicht gerückt werden sollen. Mainstream-Beispiele wie den „eingefleischten Vegetarier“ lassen wir einmal beiseite, wenden wir uns lieber dem Underground zu – für Feinspitze, sozusagen. In Zeiten steigender Lebensmittelpreise dürften wir etwa dem „sauteuren Rindfleisch“ immer häufiger begegnen. Umgekehrt werden wir angesichts rekordverdächtiger Benzinpreise wohl seltener auf „herrenlose Damenräder“ treffen.

Sprachliche Pseudoparadoxa begegnen uns auch häufig, wenn gegensätzliche Adjektive aufeinander treffen. Wenn wir etwa etwas ganz „schön hässlich“ (in Österreich „schee schiach“) finden, wir bass erstaunt ausrufen, dass der Kühlschrank „voll leer“ sei oder wir am sonntäglichen Sudoku scheitern – es ist halt „einfach kompliziert“. Und wie so oft erschließt sich uns die Paradoxie gar nicht so recht, wenn wir etwa erzählen, dass die Tochter schon „lange kurze“ Haare hat. Genauso wenig fällt uns auf, wenn unsere Zeitangaben unlogisch sind: Das beginnt bei „heute morgen“, setzt sich fort, wenn man etwas „jetzt gleich“ macht und endet, wenn wir „langsam schneller“ werden. Erwischt, oder? Sie alle verwenden Floskeln wie diese, ohne sich über logische Holperer Gedanken zu machen. Bei aller Logik, so „richtig falsch“ ist das alles doch nicht, werden Sie jetzt einwenden. Stimmt, das können Sie „ruhig laut“ sagen. Und selbst nach Lektüre dieser Zeilen, werden Sie Ihre Sprache nicht ändern, das ist mir schon klar. Da hilft „alles nichts“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2008)

Halb ist das neue Voll

Gleichungen sind sexy. Selbst für mathematisch wenig interessierte Gemüter wie mich. Dementsprechend groß ist die Freude, wenn auch sprachliche Bilder in Form von Gleichungen dargestellt werden. Sehr beliebt ist in jüngster Zeit die Variante, in der neuen Trends eine Referenz an Althergebrachtes gegenübergestellt wird. „Rainhard Fendrich ist der neue Peter Alexander“ wäre ein solches Bild. (Auch wenn Fendrich natürlich schon längst nicht mehr im Trend liegt und Peter Alexanders Klasse sowieso niemals erreichen wird.) „Fußball ist das neue Wetter“ beschrieb perfekt den Smalltalk während der Euro. So weit, so einfach. Dass „Schwarz das neue Grün“ sein soll, lässt sich noch irgendwie erklären – mit energiesparenden Autos (grün) etwa, die trotzdem als elegante Limousinen (schwarz) durch die Gegend rollen. Spannend ist auch „Fotografieren ist das neue Rauchen“ – stimmt, in so manchem Lokal ist Rauchen schon verboten, dafür hält eben jeder seine Handycam in die Höhe.

Etwas komplizierter wird es dann schon, wenn es an wirkliche Gegensätze geht, wenn etwa die Singer-Songwriter Szene mit dem Leitspruch „Quiet is the new loud“ den Rock’n’Roll aus den Charts und in die Altersteilzeit schicken will. Und irgendwann wird es schon äußerst schwierig, Gegensatzpaare noch sinnvoll zu erklären. Oder könnten Sie mit dem Spruch „Straight is the new gay“ etwas anfangen? „Hell ist das neue Dunkel“ ist vermutlich nur mehr Nonsens – es sei denn, Sie sind Einrichtungsberater – und schließlich landen wir bei „Lebendig ist das neue Tot“. Andererseits, natürlich kann mit derartigem Nonsens auch eine reale Situation beschrieben werden – an Tankstellen gilt ja mittlerweile „Halb ist das neue Voll“. So sexy wie gedacht ist diese Gleichung dann allerdings doch wieder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2008)

Amokmonologe im Zugabteil

Schweigende Mehrheit, was soll das bitte sein? Wo immer ich bin, ist es eine Minderheit, die schweigt. Die Mehrheit hat den Mund zumeist offen. Das ist zwar lästig, lässt sich aber ertragen, solange man zumindest selbst nicht zum Sprechen genötigt wird. Genau das passiert aber immer wieder. Zugabteile können dann zu regelrechten Orten des Schreckens werden, wenn einer jener Zeitgenossen einsteigt, der die Strecke von Wien nach Linz ohne Reiselektüre zu bestreiten plant. In diesem Fall hilft nur, die Augen nicht von der eigenen Lektüre zu heben, um dem Gegenüber ja keine Gelegenheit zu geben, ein Gespräch zu beginnen. Denn sind einmal die ersten Worte gewechselt, könnte der nächste ruhige Moment erst am Linzer Hauptbahnhof den Platz des dauerartikulierenden Fahrgastes übernehmen. In der Zwischenzeit sind alle Nuancen von zwischendurch eingestreuten Sätzen bis zum Amokmonolog möglich – und alle halten davon ab, konzentriert (und schweigend) zu lesen.

Aber nicht nur im Zug, auch im politischen Leben wünscht man sich manchmal, so mancher Akteur würde ein Schweigegelübde ablegen. Wenn etwa BZÖ-Generalsekretär Gerald Grosz per Aussendung verkündet, wie er den Bau einer Moschee in Graz zu verhindern gedenke: Es gebe ja, so Grosz, die Möglichkeit, den dafür vorgesehenen Platz zu entweihen. Mit einem ordinären steirischen Gülletransporter könne man jedes Gründstück zur „unreinen“ Erde verwandeln. Spätestens beim Gedanken an Grosz, wie er mit hochrotem Kopf sein politisches Programm zu Boden bringt, sollte ein Spruch von Abraham Lincoln am Himmel erscheinen: „Besser schweigen und als Narr scheinen, als sprechen und jeden Zweifel beseitigen.“ Andererseits, mit seiner Methode hätte Grosz auch ein Zugabteil ganz für sich allein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.07.2008)

Europa ist gar kein Kontinent

Schade, dass gestern nicht Russland und die Türkei um den EM-Titel kämpften. So herrlich wäre der Aufschrei gewesen, dass das ja gar keine europäischen Länder seien. Auf derlei Kleingeist kann zunächst nur eines entgegnet werden: Europa ist ja gar kein Kontinent. Denn ein solcher ist einerseits topografisch definiert durch eine große zusammenhängende Landmasse, die durch Wasser oder andere natürliche Grenzen völlig oder fast völlig abgegrenzt ist, andererseits geologisch durch den Festlandsockel. Also handelt es sich bei Europa nur um einen Subkontinent der eurasischen Landmasse. Der jetzt reflexartig vorgetragene Einwurf von Ural und Bosporus als Grenze zwischen Zivilisation und Wilden mag sein, doch das ist nur eine Definition von vielen.

Aber soll so sein, akzeptieren wir die Definition und schimpfen ein bisschen über die vielen Organisationen, die partout nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass sie bösartige Grenzverletzungen betreiben. (Nationalstaaten wie die Türkei oder Russland lassen wir mal beiseite, ebenso, dass auch Kasachstan einen kleinen Zipfel in Europa hat.) Fangen wir mit der EU an – Zypern gehört geografisch zu Asien. Vielleicht sollte man denen nahe legen, dass sie besser austreten sollten. So wie 1985 auch Grönland der Europäischen Gemeinschaft winke winke gesagt hat – gehören ja zum arktischen Nordamerika, die Schlingel. Und dass Länder wie Armenien, Aserbaidschan oder Ägypten und Marokko zur Europäischen Rundfunkunion gehören – und beim Songcontest teilnehmen dürfen – erregt die Gemüter noch viel mehr. Und die Uefa schreibt uns nicht nur schlechtes Bier vor, sondern hat auch Mannschaften wie Israel als Mitglied. Pfui, sagt da der gelernte Österreicher – und ist plötzlich stolzer Europäer. P. S.: Australien spielt in der Asien-Gruppe.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.06.2008)

Des Türken liebstes Instrument

Des Türken liebstes Instrument ist die Hupe. Sie beherrscht er in all ihren Facetten, reizt virtuos ihr Klangspektrum aus von pianissimo (selten) bis zu forte (öfter) und fortissimo (meistens). Die Musikalität lebt er vor allem spontan aus. Beauftragte man früher einen Komponisten, nach siegreicher Schlacht einen Triumphmarsch zu Blatt zu bringen, agiert der Türke spontan und wartet erst gar nicht auf das Vorliegen der Partitur. Die Sinfonie für Halbmond und Hupe zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass auf crescendo weitgehend verzichtet wird, stattdessen subito nach einem freudigen Ereignis zu den Instrumenten gegriffen wird.

Was die Orchestrierung betrifft, orientiert man sich weniger an den halbleeren Orchestergräben eines Mozart sondern fährt eher Geschütze in Wagnerschen Dimensionen auf (Dass Hupen nach dem Prinzip des Wagnerschen Hammers, der einfachsten Form eines elektromagnetischen Unterbrechers arbeiten, hat damit übrigens nichts zu tun). Vom Smart-Cabrio bis zur LKW-Zugmaschine werden alle Instrumente ausgepackt, mit wehenden Halbmond-Fahnen versehen und in die Open-Air-Arenen der Stadt geschickt. Erste Reihe fußfrei – und ohne Platzkarten – erlebt das Publikum dann eine Vorführung, deren Monotonität vor allem ein Gefühl transportiert – Euphorie. Zuletzt gesehen in der Nacht von Samstag auf Sonntag am Wiener Gürtel. Karlheinz Stockhausen muss sich im Grab umgedreht haben, sogar sein Helikopter-Streichquartett konnte nicht die Intensität erreichen, wie sie das türkische Huporchester gezaubert hat. Der nächste Anlass für ein spontanes Hupkonzert könnte am Mittwoch bevorstehen, wenn das türkische Team auf Deutschland trifft. Wer sich für moderne Musik begeistern kann, weiß ja, wem er die Daumen drücken muss.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.06.2008)

So werd‘ ich nie ein echter Österreicher

Ivica Vastic ist ein gutes Beispiel für gelebte Integration. „Ivo, jetzt bist du ein echter Österreicher“ titelte die Krone bei der WM 1998, als der gebürtige Kroate – und zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre lang Eingebürgerte – in der Verlängerung das Tor zum 1:1 gegen Chile schoss. Damit war es also amtlich, und niemand im Land hält Ivo unser noch für einen Kroaten. Aber es geht auch umgekehrt – bei mir zum Beispiel. Mich hält man gerne für einen Armenier. Unvergesslich etwa die Szene in einem Café in Jerewan, das hauptsächlich von ausländischen Gästen frequentiert wird – alle am Tisch bekamen eine englische Speisekarte, nur auf meinen Platz legte die Kellnerin mit schlafwandlerischer Sicherheit ein in Ostarmenisch gehaltenes Menü. Und auch der Polizist, der unser Mietauto aufhielt, fiel aus allen Wolken, als ich auf seine Wortkaskaden nur mit einem ratlosen Schulterzucken reagieren konnte – „aber der ist doch Armenier“, murmelte er dann auf Russisch. All das geschah noch ohne einen Blick auf meinen Namen – denn auch der sorgte auf dieser Reise für massive Verwirrung, ist doch die klassische Endung eines armenischen Namens das „-ian“ am Ende. Nicht nur in einem Hotel war dann plötzlich ein Herr Kocian registriert.

Aber das ist nicht alles. Auf einem Fährschiff nach Baku wurde mir von einem Matrosen beschieden, dass ich einen guten Aserbaidschaner abgeben würde. Und eine Wirtin in Khiva meinte, ich hätte ein typisch usbekisches Gesicht. Das sind Momente, in denen man etwas zu zweifeln beginnt. Zementiert wird dieser Zweifel dann bei der Ankunft in Wien – wenn mich das Bodenpersonal am Flughafen als einzigen in der Reihe auf Englisch anspricht. Wie, bitte, soll ich mich da als Österreicher fühlen? Vielleicht sollte ich doch noch eine Karriere als Fußballer starten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.06.2008)

George Clooney mag keinen Kaffee

„Es geht mir wirklich schon auf die Nerven“, sagte George, als wir mit einer Dose Ottakringer in der Hand am Würstelstand lehnten, „seit diesem Werbespot habe ich nirgendwo mehr meine Ruhe.“ Wo immer er auch hinkomme, überall würden die Gastgeber sofort die Espressomaschine in der Küche anwerfen. „Dabei mag ich gar keinen Kaffee“, sagte er mit hörbarem Seufzen und nahm einen tiefen Schluck aus der Bierdose. All die anderen Dinge machen ihm ja nichts, behauptet er zumindest. Dass an sich vernünftige Frauen bei seinem Anblick wie Kinder infantil in die Hände zu klatschen beginnen, daran gewöhnt man sich. Dass Bilder von ihm auf Küchenwänden und Klotüren hängen, was soll’s. Aber irgendwo hat auch die Geduld eines Weltstars Grenzen.

„Wenn sie mir wenigstens einen türkischen Kaffee machen würden“, setzte er nach, „das hat noch Stil.“ Auch den Kaffee, den er bei seinen Besuchen in Darfur bekam, schätzte er sehr. Da konnte man noch die Bohnen spüren und nicht nur eine bunte Packung aus Aluminium durch die Finger gleiten lassen.

Während er die leere Dose in der linken Hand zerknitterte, orderte er bei Goran Nachschub: „Zwei Sechzehnerhülsen“, rief er und grinste über den einzigen deutschen Satz, der ihm fast akzentfrei über die Lippen ging. Als er den Verschluss einer Dose öffnete, ging sein Grinsen langsam in einen ernsten Gesichtsausdruck über: „Und dann machen sie auch noch ein Casting, wer mit mir Kaffee trinken darf.“ Introvertiertes Kopfschütteln, ein tiefer Schluck aus der Dose. „Erich“, sagte er und drehte sich mit ernster Miene in meine Richtung, „eigentlich . . .“, er stockte, „eigentlich trinke ich zum Frühstück am liebsten Kakao.“ Verständnisvoll legte ich meine Hand auf seine Schulter. „Kakao“, sagte ich, „was sonst.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.06.2008)

Berühr mich nicht in der U-Bahn

Die U-Bahn ist jener Ort, an dem selbst Philanthropen ihre schwachen Momente bekommen. Kein Wunder, eigentlich. Denn jeder einzelne Fahrgast für sich mag ja recht nett, ein interessanter Gesprächspartner und freundlicher Mensch sein. Doch verschwimmen all diese Individuen plötzlich zu einer im Gleichklang mit dem Wagon schwankenden, trägen Masse, die nichts Menschliches mehr an sich hat. Mit dem Steigen der Temperaturen wähnt sich der Fahrgast oft nur noch mitten in einem vor sich hinblubbernden Germteig. Verständlich, dass bei jeder sich bietenden Gelegenheit so schnell wie möglich versucht wird, dem silbrig-glänzenden Backofen auf Schienen zu entkommen.

Dumm nur, dass der Vorgang der Wiedermenschwerdung nicht ohne Feindkontakt abläuft – und verschwitzte Hände in Bauchhöhe Schneisen in die Freiheit schlagen. Nun mögen Besucher von Swinger-Clubs Körperkontakt mit wildfremden Menschen schätzen, doch beim täglichen Weg in die Arbeit ist der Arm in der Leistengegend keine allzu erbauliche Vorstellung – besser, Realität.

Es muss aber nicht einmal eine volle U-Bahn sein, die für unerwünschten Körperkontakt sorgt. Das Unbehagen beginnt oft schon dann, wenn ein Passagier das ungeschriebene Gesetz missachtet, in der Vierergruppe nicht den Sitz schräg gegenüber einzunehmen, sondern sich neben mich zu setzen. Und genau jene Zeitgenossen sind es – selektive Wahrnehmung ausgeschlossen -, die dann die U-Bahn-Zeitung bis vor mein Gesicht ausbreiten, als wäre es die Wochenendausgabe der Frankfurter Allgemeinen. Genau jene Zeitgenossen sind es, die ihren Ellenbogen bis in die Mitte meines Sitzes reichen lassen. Und jene Zeitgenossen sind es auch, die in mir die Erkenntnis wecken, dass ich eigentlich kein Philanthrop sein kann.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.06.2008)

Mein Höhepunkt des Seelenstriptease

Ich weiß, wo Sie gerade sind. Dazu muss ich nicht einmal Günther Platter sein, der Ihnen mit der Kamera folgt oder Ihr elektronisches Postfach durchforstet. Nein, im Normalfall reicht es mir schon, Ihre Stimme zu hören. „Ich bin in der Straßenbahn“ ist ja mittlerweile der Beginn schon fast jeder Konversation per Mobiltelefon. Auch die restlichen kleinen Details aus Ihrem Leben muss ich mir gar nicht erst mühsam zusammensuchen, sondern bekomme sie als Hörspiel tagtäglich frei Haus geliefert. Nicht, dass mich das sehr interessieren würde, aber von mir aus.

Nun ist unfreiwilliges Mithören eine Sache. Eine andere ist die, dass man geradezu danach lechzt, derartige Statusmeldungen permanent zu empfangen. Und so wie der Voyeurismus den Exhibitionismus braucht, um als Gegensatzpaar existieren zu können, fehlt es auch nicht an Menschen, die eine Erfüllung darin sehen, laufend mitzuteilen, wo sie gerade sind und was sie tun. Dass im Internet schon das passende Werkzeug für derartige permanente Banalkommunikation existiert, verwundert nicht. „Twitter“ (englisch für „Geschnatter“) heißt der Dienst, mit dem ein User jedermann ständig mitteilen kann, ob er gerade Nietzsche liest (unwahrscheinlich), an einer Käsekrainer knabbert (schon eher) oder seinem Hamster den Bauch massiert (Bingo) – auf genau 140 Zeichen. Und das nicht nur per Mail sondern auch aufs Handy. Juhu, permanenter Seelenstriptease. Dumm nur, dass so jeglicher Reiz verloren geht, der dem Entblättern des Innersten sonst innewohnt. Schließlich bietet der Blick auf das sonst Verborgene nur eine Anhäufung von Belanglosigkeiten, die nur mehr die Frage offen lassen, wann „Twitter.com“ von Google, Microsoft & Co gekauft wird – scheint ja ein Geschäftsmodell zu sein. Und, nur falls es jemanden interessiert, ich gehe jetzt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.05.2008)

Kdolsky’s Anatomy in the City

Ganz gewöhnliche Dinge aufzuwerten funktioniert auf der sprachlichen Ebene ganz simpel. Man füge einfach eine englische Phrase an den Begriff, den man in seiner Bedeutung zu heben gedenkt. Im besten Fall verleiht man dem Ganzen damit auch noch ein urbanes Flair, und schon ist ein Marketingkonzept entstanden. Bestes Beispiel: „. . . and the City“. Was mit der Frauen-Midlife-Soap (auch ganz schön englisch, nicht?) rund um Sex begann, findet zunehmend den Weg in Slogans und Werbeprospekte. Da locken Hotels mit „Shopping and the City“, werden Kunstführungen unter „Art and the City“ angepriesen oder eine Literaturveranstaltung als „Shock and the City“ bezeichnet. Wer das „and“ für unlogisch hält, bedient sich eines Tricks und verwendet eine tatsächliche Ortsangabe. „. . . in the City“ kennt man ja auch schon zur Genüge. (Erinnert sich eigentlich noch jemand an „Caroline in the City“? Auch eine TV-Serie.) Die überdimensionale Sandkiste mit Gastrobereich, die vergangene Woche am Heumarkt ihre zweite Saison aufnahm, nennt sich zum Beispiel „Sand in the City“. Obwohl, dafür können die Betreiber nichts, mussten sie ja den ursprünglichen Namen „Sandcity“ aus rechtlichen Gründen ändern.

Wie auch immer, das Rezept ließe sich ja auch für andere Gelegenheiten gut verwenden. Meldungen über die Gesundheitsreform könnten dann etwa als „Kdolsky’s Anatomy“ über die Bildschirme flimmern – mit Sozialminister Buchinger als McDreamy. Und Finanzminister Molterer als sein Gegenspieler McSexy – der heißt im amerikanischen Original übrigens McSteamy, was ja eigentlich wieder viel besser zu Verkehrsminister Faymann passen würde. Was sich alles an das bisher Hausfrauen vorbehaltene Attribut „Desperate . . .“ hängen ließe, lassen wir jetzt aber. Das wäre zu billig.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.05.2008)