Fight the anglicisms

Die amerikanische Sprache ist voller Anglizismen. Da hat der deutsche Kabarettist Bodo Wartke wohl recht. Aber auch dieses Neuigkeitenpapier in Ihrer Hand ist nicht immer ganz frei sind von derartigen Griffen in den sprachlichen Mistkübel, wie kritische Leser immer wieder einwenden. „Das macht Sinn“ wagte ich etwa einmal zu schreiben – um postwendend per Leserbrief zurechtgewiesen zu werden, dass die englische Redewendung „makes sense“ in unserer Sprache eher keinen Sinn hat beziehungsweise keinen Sinn ergibt. Ja, dieser Vorwurf macht schon Sinn.

Besonders böse wird es allerdings, wenn vermeintlich ähnlich klingende Worte im Englischen verwendet werden – die dort eine völlig andere Bedeutung haben. Diese sogenannten „falschen Freunde“ kennt man aus der Schulzeit, wenn man etwa im Englischunterricht euphorisch seine Weihnachtswünsche äußert: „I become a book!“ Dann mal viel Spaß bei der Transformation – und hoffentlich wird man unter dem Weihnachtsbaum wenigstens zu einem halbwegs spannenden Buch.

Solche falschen Freunde gibt es übrigens nicht nur im Englischen. Das Niederländische ist hier besonders dankbar. Ein Schild mit der Aufschrift „te huur“ in einem Fenster bedeutet nicht etwa, dass sich dahinter eine Prostituierte verbirgt, sondern weist darauf hin, dass das Apartment zu vermieten ist. Auch sollte man sich nicht wundern, wenn irgendwo in Amsterdam plötzlich ein Telefon zu „bellen“ beginnt. Wäre es ein Hund, würde es schließlich eher „blaffen“.

Noch ein Tipp für Freunde der falschen englischen Freunde: Kommen Sie bei schlechtem Gewissen lieber nicht auf die Idee, im Beichtstuhl einen Sinn zu bekennen – bleiben Sie lieber bei Sünde. Sonst würde Ihr Bekenntnis ja absolut keinen Sinn machen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.11.2009)

Für manche ist es Klopapier . . .

Es ist für uns alle unübersehbar Herbst geworden. Und auch unüberhörbar, unüberspürbar und unüberriechbar – Letzteres natürlich nur für jene, deren Nase nicht gerade auf permanente Tuchfühlung angewiesen ist. Apropos Tuch, darüber habe ich mir kürzlich ein wenig den Kopf zerbrochen. Genauer, über die verschiedenen Nutzertypen des  Taschentuchs – und was wir aus dem Umgang mit dem Schnäuzbehelf über die Persönlichkeit des Schnäuzers erfahren können.

Der Stofftaschentuchbenutzer etwa meint Stil zu haben. Ein Stil, der jedesmal auf die Probe gestellt wird, wenn der Schnäuzwillige beim Fingern nach dem Sacktuch (so nennt er es meist) aus der linken Tasche der Wollweste ein Gefühl verspürt, als würde er einem Ochsen das wiedergekäute Futter aus dem Maul ziehen. Und es dann doch an die Nase führt – und danach wieder auf den Weg  zurück in die mittlerweile modrige Wollweste schickt.

Derartigen Stil verabscheut der Freund des Papiertaschentuchs. Aus der Zehnerpackung in der linken Hosentasche zieht er mit überlegenem Lächeln bügelglatte Tüchlein, die er nach dem zärtlichen Kontakt mit den wunden Nasenflügeln als Stoffknäuel in die rechte Hosentasche wandern lässt, die im Lauf des Tages zunehmend zum Feuchtbiotop mutiert.

Stilvoll geht anders, wie eine Kollegin jüngst bewies – einzeln riss sie die Blätter von einer Rolle, die sie auf ihrem Tisch abgestellt hatte. Liebevoll tupfte sie damit das Nasensekret auf und warf das Blatt in den Papierkorb – ehe sie ein weiteres Mal zur Rolle griff. Ihre Taschen blieben sauber. Und während sie so dasaß, begannen ihre Augen noch heller als ihre Nase zu leuchten, als sie sprach: Für manche ist es Klopapier, für andere das längste Taschentuch der Welt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.11.2009)

Tanz die Solopolonaise

Ein Witz setzt an sich immer ein Publikum voraus. Nur einigen wenigen gelingt es, sich zum Alleinunterhalter zu machen, der sich des Abends schenkelklopfend an sich selbst erfreut. Zugegeben, ein bisschen neidisch könnte man auf solche solitären Entertainer schon sein, die sich selbst genügen und auch ohne andere Spaß mit sich haben. Denn wer sich in der eigenen Gesellschaft nicht wohl fühlt, der hat vermutlich ganz recht. Aber andererseits . . .

Interessant an solchen Menschen ist vor allem die Beobachtung, dass sie sogar Dinge, die von der Idee her eine gewisse Mindestzahl an Akteuren brauchen, ganz allein bewerkstelligen, die quasi das Kunststück zuwege bringen, sich selbst im Halbkreis aufzustellen.

So wie etwa der Kollege, der sich in der Redaktion regelmäßig zum Soloflashmob zusammentrommelt. Klingt komisch, funktioniert aber wirklich! Auf einmal steht er da (Überraschungseffekt erfüllt), erzählt etwas völlig Sinnloses (auch das eine Conditio sine qua non eines Flashmobs) und dann löst er sich schlagartig wieder auf – soll heißen, er setzt sich wieder auf seinen Platz. Gut, der einzige Punkt, der zum echten Flashmob fehlt, ist, dass er sich wohl nicht vorher selbst per Facebook oder SMS organisiert hat. Der Effekt beim Publikum ist aber derselbe – ratlose Gesichter und der Eindruck, gerade etwas völlig Verrücktes miterlebt zu haben.

Und ja, trotz eines etwas seltsamen Gefühls hat man sich am Ende dann doch recht gut unterhalten. Shine on, you crazy Alleinunterhalter, möchte man innerlich rufen. Und trotzdem hofft man, dass der Kollege bei der nächsten Firmenfeier nicht auf die Idee kommt, eine Solopolonaise anzuzetteln.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.11.2009)

Ein Badezimmer mit Pommes frites

Das eigene Weltbild, wie es so friedlich an der Wand hängt, gemächlich hat es Staub angesetzt und sich im Gehirn längst als Klassiker manifestiert – dieses Weltbild lässt sich auch immer wieder ein wenig entstauben und mit neuen Facetten bereichern, mit dem Erlernen einer Fremdsprache zum Beispiel. Man glaubt gar nicht, wie viele Buchstaben es gibt, die es gar nicht gibt. Im Arabischen etwa das „ain“, ein im Rachen gebildeter Reibelaut, der  ungefähr wie das Schreien eines Babys aus dem  Kinderwagen klingt. Wenn  wir beim Arabischen bleiben, begegnen wir auch manchem Buchstaben, den es gleich mehrfach gibt. Allein für das S, wie wir es im Deutschen verwenden, gibt es drei  verschiedene Zeichen. Das „za“, ausgesprochen wie das stimmhafte S in „Rose“, das „siin“, stimmlos ausgesprochen wie in „essen“, und das „sad“, die betont und gepresst ausgesprochene  Variante des „siin“ – also etwa jener Laut, wie er in  österreichischer Mundart bei „Sau“ zu hören ist.

Zum Problem kann dieses Phänomen werden, wenn der gelernte Europäer diese Unterschiede nicht auch in gesprochene Rede umsetzen kann. Gibt man dem Taxifahrer als Ziel „Haram“ an, ausgesprochen wie im Deutschen, wird man bei den Pyramiden landen. Haucht man das „h“ allerdings ein wenig zu stark, wird derselbe Taxifahrer sich fragen, was genau an der Zielangabe „verboten“ sein soll. Und wohl ewig wird sich der Kellner in jenem Restaurant in Kairo die Frage stellen, was in mich gefahren war, als ich gebratene „hamam“ bestellte – das bedeutet an sich „Taube“. Wird allerdings das M zu stark betont, und das tat ich wohl, wandelt sich die Bedeutung schlagartig. Und so muss meine Bestellung in etwa gelautet haben: „Ein Badezimmer mit Pommes frites, bitte!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.10.2009)

Der schlechteste Witz der Welt

Witze sind gefährlich. Einmal angefangen, kann eine ganze – bis dahin spannende – Gesprächsrunde plötzlich zum Bruhaha ausarten, das spätestens nach dem dritten Scherz peinlich wird – und nur der oder die Erzähler nicht die pikierten Blicke der anderen Gesprächspartner bemerkt.

Und doch erfüllt der Witz eine immens wichtige Aufgabe, etwa um eine ins Stocken geratene Konversation wieder anzukurbeln. Gut, das geht auch mit völlig ohne jeden Zusammenhang hervorgekramten Fragen à la „Was hältst du eigentlich von Kaviar?“, aber versuchen Sie das mal an einem Stammtisch mit rot-weiß karierten Tischtüchern!

Besonders geeignet als Kommunikationsturbo sind Scherze aus der Kategorie „kurz und schmerzvoll“. Beispiel: „Was ist weiß und stört beim Essen? Lawine!“ Ja, es sind genau diese „Was ist“-Scherzchen, die kurz genug sind, um nicht gleich als Auftakt zum Gaudimax zu fungieren, das kommunikative Eis jedoch innerhalb kürzester Zeit brechen. Ein gangbarer Weg, wenn die Zeit nicht reicht, um das Eis mit geistreichen Dialogen langsam zu schmelzen, ist das allemal. Auch im angloamerikanischen Sprachraum sind derartige Kalauer weit verbreitet: „Why don’t sharks eat clowns? Because they taste funny!“

Zugegeben, für Sobig (So bad, it’s good) reicht das noch nicht, aber bei kommunikativen Zwischenmahlzeiten muss man eben Abstriche machen wie der hungrige Gourmetkritiker im Fast-Food-Restaurant.

Apropos: Wissen Sie, warum Giraffen so einen langen Hals haben? Weil der Kopf so weit oben ist! Au, der tut weh. Und ich sehe Sie schon nasenrümpfend am Frühstückstisch sitzen, bereit, unsere Kommunikation durch Umblättern zu beenden. Gut, also andere Taktik – was halten Sie eigentlich von Erbsen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.10.2009)

Liebesgrüße aus Kairo

Beim Lernen von Fremdsprachen dauert es in der Regel nicht lange, bis der Lehrer zum ersten Mal die Frage nach den wichtigsten Schimpfwörtern gestellt bekommt. Der zweite Fragenblock dreht sich unter aufgeregtem Gekicher der Schüler meist um besonders unaussprechliche Gustostücke (der Verzicht auf das Diminutiv sei mir gestattet) à la „Oachkatzlschwoaf“, „Strc prst skrz krk“ (tschechisch: Steck den Finger durch den Hals“) usw. Und schließlich muss der mittlerweile völlig entnervte Pädagoge auch noch den wichtigsten aller Sätze in Text und Ton bereitstellen – „Ich liebe dich“.

„Was müssen die Holländer für einen Spaß haben“, meinte schon der deutsche Kabarettist Bodo Wartke, der in seinem „Liebeslied“ genau diesen Satz in unzähligen Sprachen und Dialekten verarbeitet hat – und tatsächlich erregt „Ik hou van jou“ beim gelernten Österreicher wohl weniger das Herz als vielmehr die Lachmuskeln. So wie auch „Minä rakastan sinua“ (finnisch), „Ben seni seviyorum“ (türkisch) oder „Wo ai ni“ (Mandarin) hierzulande wohl nur bedingt zur Romantisierung einer Situation beitragen.

Besonders perfid ist es, diesen Satz schriftlich abzufassen – in Zeichen, die der Laie nicht einfach durch den Google-Übersetzer rattern lassen kann. Das arabische „Ana behibek“ etwa, in eleganten Schnörkeln auf eine Postkarte gemalt, bedeutet für die Empfängerin zunächst einmal eine harte Nuss. Die ohne einen sprachlichen Nussknacker aus dem arabischen Raum kaum aus ihrer Schale zu holen sein wird. Umso schöner muss dann die Situation sein, wenn ein ägyptischer Zeitungskolporteur irgendwo am Wiener Gürtel kurzfristig zum Übersetzungsbüro umfunktioniert wird. Frei nach dem Motto: Ein guter Tag beginnt mit der besseren Liebeserklärung.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.10.2009)

Zum Abmalen: "Ich liebe dich" auf Arabisch.

Die intellektuelle Niederkunft

Wer hätte gedacht, dass es gerade hier passieren würde? Gerade in der Hurriya-Bar in Kairo, in der Dutzende Ägypter (nur Männer natürlich) bei einem Stella-Bier sitzen, die Luft vom Rauch unzähliger Filterzigaretten zu Indoorsmog entreinigt, da ging mir der Knopf auf. Es war gerade ein paar Tage her, seit der Arabischkurs begonnen hatte, beim Anblick der Schriftzeichen rauchte mein Kopf ähnlich stark wie die blauen L&M meines Tischnachbarn. Da fiel mein Blick auf eine Getränkekarte an der Wand. Und siehe da, die Zeichen formierten sich vor mir: Kef – Alev – Kef – Alev – Wouw (Letzteres wird tatsächlich wie ein Ausruf der Bewunderung ausgesprochen) – ich hatte gerade ohne Hilfe mein erstes Wort in Arabisch gelesen. Und dann noch so ein schönes: Kakao!

Nun muss man wissen, dass die Gäste der grindig-liebenswerten Hurriya-Bar nie im Leben ihr Stella gegen einen Kakao tauschen würden, doch allein die Tatsache, dass er hier auf einer Karte steht, erfüllt mein Herz mit Freude. Ein kleiner Gruß aus der Heimat, vom täglichen Tiroler Trinkkakao bei meinem Lieblingsbäcker.

Nie würde ich auf die Idee kommen, wie viele Exil österreicher nach Wiener Hochquellwasser oder Schwarzbrot zu lechzen. Aber Kakao, auch wenn es ihn ohnehin fast überall zu kaufen gibt, der weckt dann doch ein bisschen Heimatgefühle. Umso schöner, wenn dieses Göttergetränk die intellektuelle Niederkunft meiner rudimentären Arabischkenntnisse markiert – und sei es in einem charmant-schäbigen Bierlokal. Im Grunde hätte diese sprachliche Initialzündung nicht besser sein können. Es sei denn, natürlich . . . also gut, sobald ich herausgefunden habe, wie man Almdudler auf Arabisch schreibt, melde ich mich wieder.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.09.2009)

Onomatopoesie aus der Nase

Gerade auf Reisen stürzen scheinbare Selbstverständlichkeiten gern in sich zusammen. Dass zum Beispiel der Laut des Niesens nicht in  aller Welt dem entspricht, was wir hierzulande als Grundkonstante menschlicher Kommunikation verstehen. „Hatschi“ wird etwa in der islamischen Welt vordergründig als eine Person verstanden, die bereits den „Hadsch“ – die Pilgerreise nach Mekka – hinter sich hat. An Erkältung, Heuschnupfen und Co. denkt da niemand. Und auch anderswo krähen nicht nur die Hähne anders („coco roco“ in Frankreich, zum Beispiel), sondern wird auch das Niesgeräusch onomatopoetisch völlig unterschiedlich gedeutet.

Man denke an „atishoo“, wie wir es im Englischunterricht aus „Ann & Pat 1“ gelernt haben. Das übrigens ähnlich klingt wie das „etciu“ im Italienischen oder das finnische „atsiuh“. Auch das französische „atchoum“ lässt sich da noch ein bisschen heraushören. Etwas mehr Fantasie braucht man schon, um dahinterzukommen, dass ein japanischer Samurai mit „haku shon“ exakt das Gleiche ausdrückt wie ein türkischer Gemüseverkäufer, der ein „hapsu“ in die Welt prustet.

Bei den Antworten liegt man mit „Gesundheit“ (italienisch „salute“, französisch „salut“) vermutlich nie ganz falsch. Würde man allerdings das englische „bless you“ auf Deutsch umlegen, wären wir bei etwas pathetischen Wünschen à la „Gott segne dich“ – ein Spruch, der in unseren Breiten gelegentlich eher verschnupft aufgenommen wird. Immerhin, das ist allemal liebevoller als ein „Zerreißen soll’s dich“, wie es ein Kärntner Kollege immer wieder gern anbringt. Meine Antwort darauf ist wiederum klar: „Und das größte Stück soll dich treffen!“ Nur, wie erkläre ich das jetzt wieder einem Franzosen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.09.2009)

Ihr wisst gar nichts über mich!

Seit ich bei Amazon eine „Hannah Montana“-DVD als Geburtstagsgeschenk für meine Nichte bestellt habe, ist es vorbei mit der Ruhe. Denn sobald ich wieder auf die Seite gehe, werde ich mit brandheißen News zu den Cheetah Girls, Miley Cyrus und dem besonders unseligen „High School Musical 3“ empfangen. Mit meiner Bestellung wurde ich wohl von einem bösartigen Algorithmus als 11-jähriges Mädchen identifiziert – und werde dementsprechend mit altersadäquaten Kaufhinweisen versorgt.

Vermutlich hat mich mein Supermarkt angesichts meines Einkaufsverhaltens – natürlich mit der Kundenbonusvorteilscard – längst auch in ein Raster gepresst und weiß genau Bescheid, wie ich lebe und wofür ich mich so interessiere. Was mich wieder auf die Idee bringt, den Algorithmus einmal ein wenig auf eine falsche Fährte zu locken.

Hätte doch was, einige Monate hindurch täglich eine Portion Keta-Kaviar, eine Portion Gänseleber, ein Fläschchen Dom Pérignon und langstielige Rosen über den Scanner jagen zu lassen – und von einem Tag auf den anderen den Einkauf auf eine Dose Ravioli in Tomatensauce und eine Dose Ottakringer zurückzufahren. Irgendwo in der Zentrale schrillt dann eine Alarmglocke – und kurz darauf ruft ein besorgter Manager des Kundenclubs an, ob mit mir auch wirklich alles in Ordnung ist. Oder ob meine Superbonusvorteilsmitgliedskarte womöglich gestohlen worden sein könnte. Ich würde mich in diesem Moment zurücklehnen, deutlich hörbar einen Schluck aus der Bierdose machen und dem Kundenbetreuer entgegenschleudern: „Ihr wisst absolut nichts über mich!“

Dann würde ich auflegen und am CD-Player das aktuelle Album von Miley Cyrus weiterlaufen lassen. So schlecht ist das nämlich gar nicht . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.09.2009)

Mein Körper geht mir auf den Geist

Es gibt Tage, an denen einem der Körper so richtig auf den Geist geht. Wenn beim Aufstehen der Rücken schmerzt, nach dem Duschen immer ein paar Haare in der Wanne herumliegen müssen oder man einen Sessel braucht, um ein Buch von ganz oben aus dem Regal zu holen. Oder wenn nach einem Sportunfall der Arm mit einem Gips ruhiggestellt wird – zugegeben, ein Armbruch ist noch lange kein Beinbruch, aber so manche alltägliche Verrichtung entwickelt sich damit zu einem Zauberkunststück à la Houdini. Ähnlich unangenehm ist jener Augenblick im Kino, in dem die  Erkenntnis massiven Druck macht, dass man den halben Liter Cola nicht gleich zu  Beginn der Vorstellung hätte austrinken sollen.

In Momenten wie diesen ziehe ich mich immer tief in Gedanken zurück und sinniere darüber, wie man es wohl nennt, wenn man sieht, dass ein Bus kommt, und man vor ihm herläuft, um rechtzeitig die Station zu erreichen. Läuft man dem Bus da nach? Ist es sinnvoll, für Frieden zu kämpfen oder nach Ruhe zu schreien? Ist ein Waschbär waschbar? Und wie kann man sich eigentlich die Konsistenz von Flüssigwaschpulver vorstellen?

Fragen über Fragen, die sich so stellen, wenn man sich von der Körperlichkeit löst und sich völlig auf die Ratio reduziert. Kein Hunger mehr, kein Japsen nach Luft beim Joggen auf die Gloriette, keine wunden Fingerkuppen nach dem Gitarrespielen . . . Das hätte schon seinen Reiz, oder? Fragt sich nur, wie ich in meiner gänzlich entkörperten Existenz all diese bewegenden Gedanken zu Papier bringen könnte. Aber da werde ich mir schon noch etwas einfallen lassen, denn eines ist klar: Ich kann mir eine Welt ohne Fantasie nicht vorstellen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.09.2009)