Frag doch den Blähbauch

So manches Wort eignet sich maximal zum einmaligen Gebrauch. Danach sollte es zusammengeknüllt und auf die Müllhalde der Sprache gekippt werden – so wie man auch ein angeschnäuztes Taschentuch schleunigst entsorgt. Passenderweise hat seinerzeit die Werbung für ein Einweg-Taschentuch ein solches Wort in die Welt gesetzt: „Sind Sie ein Durchnieser?“ wurden da Menschen befragt, die mit einem kräftigen Tröten gerade ein Loch in das feuchte – vorher mit einem Wasserzerstäuber benetzte (!) – Tüchlein geblasen hatten. Ein Einwegwort für ein Einwegprodukt – das macht durchaus Sinn. Und konsequenterweise ist dieser Neologismus wieder so schnell aus dem Wortschatz entschwunden, wie er gekommen war.

Ein aktuelleres Beispiel muss hingegen erst einmal verdaut werden, ehe es den finalen Weg in die sprachliche Jauchegrube antreten kann. Erraten, die Rede ist vom „Blähbauch“, der seit einigen Wochen äußerst aktiv durch eine Joghurtwerbung flatuliert. Zugegeben, eine wirkliche Neukreation ist das nicht, wird der Begriff doch gerne zur Beschreibung von Meteorismus, einer übermäßigen Ansammlung von Gas im Verdauungstrakt, herangezogen. Doch im Alltag – präziser: im Werbefernsehen – war man von diesem Wegwerfwort, das wohl synonym für den frisch gefüllten Wohlstandsbauch stehen soll, bislang noch verschont geblieben. Nun, da der Tabubruch vollzogen ist, bleibt die Hoffnung, dass die mentale Verdauung möglichst schnell voranschreitet und der krampfeuphemistische Hilfsausdruck bald wieder aus unserer medialen Wahrnehmung gespült wird. Unterdessen warten wir gespannt, mit welchem Eintagswort die Werbebranche als nächstes aufwarten wird. Gibt es den Begriff Atemdeo eigentlich schon?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.02.2009)

Das Rindfleisch ist wieder sauteuer

Wir alle behaupten zwar, die deutsche Sprache zu beherrschen, doch ab und zu muckt die derart Beherrschte auf und gehorcht nicht. In einigen Fällen hat dieses Aufmucken für unser Tun und Sein nicht einmal Konsequenzen, doch bei genauem Hinschauen offenbaren sich regelrechte Kleinode, die ein wenig ins Scheinwerferlicht gerückt werden sollen. Mainstream-Beispiele wie den „eingefleischten Vegetarier“ lassen wir einmal beiseite, wenden wir uns lieber dem Underground zu – für Feinspitze, sozusagen. In Zeiten steigender Lebensmittelpreise dürften wir etwa dem „sauteuren Rindfleisch“ immer häufiger begegnen. Umgekehrt werden wir angesichts rekordverdächtiger Benzinpreise wohl seltener auf „herrenlose Damenräder“ treffen.

Sprachliche Pseudoparadoxa begegnen uns auch häufig, wenn gegensätzliche Adjektive aufeinander treffen. Wenn wir etwa etwas ganz „schön hässlich“ (in Österreich „schee schiach“) finden, wir bass erstaunt ausrufen, dass der Kühlschrank „voll leer“ sei oder wir am sonntäglichen Sudoku scheitern – es ist halt „einfach kompliziert“. Und wie so oft erschließt sich uns die Paradoxie gar nicht so recht, wenn wir etwa erzählen, dass die Tochter schon „lange kurze“ Haare hat. Genauso wenig fällt uns auf, wenn unsere Zeitangaben unlogisch sind: Das beginnt bei „heute morgen“, setzt sich fort, wenn man etwas „jetzt gleich“ macht und endet, wenn wir „langsam schneller“ werden. Erwischt, oder? Sie alle verwenden Floskeln wie diese, ohne sich über logische Holperer Gedanken zu machen. Bei aller Logik, so „richtig falsch“ ist das alles doch nicht, werden Sie jetzt einwenden. Stimmt, das können Sie „ruhig laut“ sagen. Und selbst nach Lektüre dieser Zeilen, werden Sie Ihre Sprache nicht ändern, das ist mir schon klar. Da hilft „alles nichts“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2008)

Halb ist das neue Voll

Gleichungen sind sexy. Selbst für mathematisch wenig interessierte Gemüter wie mich. Dementsprechend groß ist die Freude, wenn auch sprachliche Bilder in Form von Gleichungen dargestellt werden. Sehr beliebt ist in jüngster Zeit die Variante, in der neuen Trends eine Referenz an Althergebrachtes gegenübergestellt wird. „Rainhard Fendrich ist der neue Peter Alexander“ wäre ein solches Bild. (Auch wenn Fendrich natürlich schon längst nicht mehr im Trend liegt und Peter Alexanders Klasse sowieso niemals erreichen wird.) „Fußball ist das neue Wetter“ beschrieb perfekt den Smalltalk während der Euro. So weit, so einfach. Dass „Schwarz das neue Grün“ sein soll, lässt sich noch irgendwie erklären – mit energiesparenden Autos (grün) etwa, die trotzdem als elegante Limousinen (schwarz) durch die Gegend rollen. Spannend ist auch „Fotografieren ist das neue Rauchen“ – stimmt, in so manchem Lokal ist Rauchen schon verboten, dafür hält eben jeder seine Handycam in die Höhe.

Etwas komplizierter wird es dann schon, wenn es an wirkliche Gegensätze geht, wenn etwa die Singer-Songwriter Szene mit dem Leitspruch „Quiet is the new loud“ den Rock’n’Roll aus den Charts und in die Altersteilzeit schicken will. Und irgendwann wird es schon äußerst schwierig, Gegensatzpaare noch sinnvoll zu erklären. Oder könnten Sie mit dem Spruch „Straight is the new gay“ etwas anfangen? „Hell ist das neue Dunkel“ ist vermutlich nur mehr Nonsens – es sei denn, Sie sind Einrichtungsberater – und schließlich landen wir bei „Lebendig ist das neue Tot“. Andererseits, natürlich kann mit derartigem Nonsens auch eine reale Situation beschrieben werden – an Tankstellen gilt ja mittlerweile „Halb ist das neue Voll“. So sexy wie gedacht ist diese Gleichung dann allerdings doch wieder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.07.2008)

Akustische Vexierbilder

Selbst wenn man die gleiche Sprache spricht, ist genügend Potenzial vorhanden, einander nicht oder zumindest falsch zu verstehen. Ein guter Freund, aufgewachsen in Deutschland und seit einigen Jahren leidenschaftlicher Wiener, kann ein Lied davon singen. Damals etwa, als er zum ersten Mal in einem Beisl hörte, wie jemand am Nachbartisch „s‘ Beischl“ bestellte. In österreichischen Essgepflogenheiten noch nicht sattelfest, fragte er die Wirtin, was denn heute das „Special“ sei. Ein andermal stieg er in eine Diskussion ein, es muss sich um Haushaltsversicherungen gedreht haben, und wurde plötzlich mit „Wiener Stehtischen“ konfrontiert. Nun versteht er zwar einiges von Möbeln, doch diese besondere Art war ihm noch nicht untergekommen. Dass es sich dabei um eine Versicherungsgesellschaft handeln könnte, war ihm in jenem Moment nicht bewusst.

Immerhin erkannte er die Systematik dahinter und taufte das Phänomen „akustisches Vexierbild“. Und wie üblich, wenn man einmal ein System geknackt hat, spielt er auch immer wieder gerne damit. So sprach er etwa bei der Fußball WM mit breitem Grinsen, jemand hätte sein „L verschissen“. Verstanden?

Falls Sie an derartigen Spielereien Gefallen finden, empfehle ich Ihnen zum einen Axel Hackes Büchlein „Der weisse Neger Wumbaba. Kleines Handbuch des Verhörens“, zum anderen sollten Sie sich die DVD von Jim Jarmuschs Film „Down by Law“ besorgen. Und lassen Sie sich die Zeile „I scream, you scream, we all scream for Ice Cream“ auf der Zunge zergehen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.08.2006)

Kampf den Köstlichkeiten

Warum wird eigentlich alles als Spezialität bezeichnet, auch wenn es sich dabei nur um etwas ganz gewöhnliches handelt? Nehmen wir einen Imbissstand, der sich damit rühmt, türkische Spezialitäten anzubieten. Na ja, Kebab gibt es mittlerweile längst an jeder Ecke, so wirklich speziell ist das schon lange nicht mehr. Oder nehmen wir den sogenannten Spezialtoast, wie er in zahlreichen Gasthäusern angepriesen wird: Was ist denn bitte an zwei getoasteten Weißbrotscheiben mit Schinken und Käse so spektakulär, dass in der Speisekarte sogleich der Adelsschlag zur Spezialität erfolgen muss? Wenn absolute Standardware derartig angepriesen wird, was wird dann aus wirklichen Spezialitäten? Umgekehrt gefragt: Wenn das schon speziell sein soll, wie muss dann erst die Normalware aussehen? Trockenes Brot?

Skeptisch reagieren sollte man übrigens auch auf Einladungen zu Veranstaltungen, bei denen das kulinarische Programm unter „Köstlichkeiten“ firmiert. Viel platter lässt sich Essen – von mir aus auch appetitlich zubereitet und qualitativ hochwertig – kaum mehr beschreiben. Warum ringen sich Veranstalter und PR-Texter nicht dazu durch, einfach zu schreiben, dass es ein Buffet mit Speisen aus diesem und jenem Land gibt. Ob es wirklich köstlich ist, werden wir dann schon bemerken, so oder so. Aber so werden sich wohl weiterhin „Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur“ die von „orientalischen Schönheiten“ servierten „Schmankerln“ irgendwo am medialen Platitüdenfriedhof schmecken lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.08.2006)

Kampf dem Diminutiv

Ich kann es nicht mehr hören. Warum muss man in Wien immer auf ein Weinderl gehen? Wieso wird ständig vom Semmerl gesprochen? Und weshalb verlangt es äußerlich ganz normal wirkende Menschen plötzlich nach einem Papperl? In einigen Fällen mag es ja gerechtfertigt sein, zum Diminutiv, der Verniedlichungsform, zu greifen – etwa dann, wenn der große Bruder sich längst aus dem aktiven Sprachschatz verabschiedet hat. (Oder wissen Sie etwa, was eine Flinse sein soll? Und auch beim Stamperl bestehe ich nicht auf den Stamper.) In den meisten Fällen jedoch gibt man sich mit der übermäßigen Verwendung der Verkleinerungsform den Anschein der Infantili- oder Senilität. Ganz ehrlich, wie ernst kann man jemanden nehmen, der mit Freunderl auf ein, zwei Vierterl und ein Schweinsbraterl geht? Würden Sie diesem Mann ein Gebrauchtwagerl abkaufen?

Tun Sie mir einen Gefallen, versuchen Sie bei Ihrer Abendplanung Veranstaltungen mit der unseligen Endung -erl zu meiden. Zum Glück kommen die meisten Organisatoren gar nicht erst auf die Idee, im Schlosstheater Schönbrunn (19 Uhr) Das Zauberflöterl aufzuführen. Auch die Lange Nacht der Kircherl (www.langenachtderkirchen.at) bleibt uns gottlob erspart. Aber Vorsicht, es gibt Veranstaltungen, die nur auf den ersten Blick harmlos erscheinen: Bei Ein Gruss aus Wien – Wienerlied & Schlager im Waldmüllerzentrum (10, Haseng. 38) muss wohl mit erhöhter vom Weinderl geschwängerten Diminutiv-Glückseligkeit gerechnet werden. Da schaudert’s mich ein bisserl.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.06.2006)

In meinem Inneren bin ich außer mir

Vergangenen Samstag war ich Zeuge des legendären Babyshambles-Konzerts in Graz – das gar nicht stattfand. Nur weil der Sänger und Frontgockel Pete Doherty lieber wegen eines Drogendelikts auf der Polizeiwache saß, als ein bisschen Musik zu machen. Auf diese Weise dem Hahn einen Korb zu geben, ist wirklich nicht die feine englische Art. Sie können sich vorstellen, dass ich ob solcher Arroganz in meinem Inneren komplett außer mir war. Aber wer A sagt, muss auch die bittere Pille schlucken. Und noch länger auf Herrn Dohertys Drogenproblemen herum zu reiten, wäre auf demselben Niveau, wie einen Alkoholiker durch den Kakao zu ziehen. Aber damit genug, jetzt ist der Gipfel voll.

Widmen wir uns lieber den Veranstaltungen des heutigen Tages. Blöde Briefe An G’scheite Leut gibt es ab 19 Uhr im Theatro Kosilo (8, Neudeggerg. 14) zu hören. Im kleinsten Theater Wiens sind allerdings nur 21 Plätze verfügbar, Reservierungen unter theatro@kosilo.at daher sinnvoll. Und ab 20 Uhr spielen im Planet Music (20, Adalbert-Stifter Str. 73) Helloween. Dummerweise hatten die Erfinder des melodischen Speed Metal ihre beste Zeit Ende der Achtziger und die sind ja bekanntlich schon eine Weile vorbei. Doch der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen. Und am Ende dieses ereignisreichen Tages schlagen wir dann noch im Lexikon nach, was eine Katachrese ist. Aber das bringt den heißen Stein dann auch nicht mehr zum Überlaufen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.01.2006)