Die Erdbeere als Killerphrase

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, ein Gespräch abzuwürgen. Erzählt etwa jemand voller Begeisterung über eine Begebenheit, an der man weder beteiligt war noch Interesse dafür aufbringt, lässt sich mit „Ja, da hätte man dabei sein müssen“ sehr schnell ein kommunikativer Nullpunkt erreichen. Diese Variante entbehrt dennoch nicht einer gewissen Eleganz, denn man vermittelt dem Gegenüber, dass man seinen Ausführungen zumindest im Ansatz gelauscht hat. Anders bei der Holzhammervariante. Schüttet Ihnen jemand gerade sein Herz aus, warten Sie auf einen emotionalen Höhepunkt – und genau dann wechseln Sie das Thema: „Magst du eine Erdbeere?“ Knickt der Gesprächspartner mit offenem Mund ein wenig ein, haben Sie das Ziel erreicht.

In Fachkreisen wird in diesem Zusammenhang gerne von Killerphrasen gesprochen. Die kann man übrigens lernen. Versuchen Sie es einfach beim Vortrag von Adolf Holl zum Thema „Mystik statt Politik: Eine Trendumkehr?“ im Otto Mauer-Zentrum (9. Währinger Str. 1-4; 19 Uhr). Stehen Sie mittendrin kopfschüttelnd auf und sagen deutlich hörbar: „Das weiß man doch schon alles!“ Oder fallen Sie nach seinem Konzert im Birdland (3, Am Stadtpark 1; 20 Uhr) Joe Zawinul beim Small Talk ins Wort: „Ich finde ja Jazz ganz furchtbar.“ Man darf sich allerdings nicht wundern, wenn dieses Verhalten bei Ihren Mitmenschen nicht immer nur für Freude sorgt. Man kann sich da auch leicht in etwas hineinreden. . . Ach übrigens, wollen Sie eine Erdbeere?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.03.2006)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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