Tango in Finnland: Betörende Wehmut

Schlaflose Nächte beim Tangofestival in Seinäjoki.

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„Eteen, eteen, sivulle yhden, taakse, taakse“ – vor, vor, Seite, zusammen, zurück, zurück. Einige hundert Menschen in kurzen Hosen und T-Shirts beobachten Åke Blomquist, wie er im Turnsaal der Schule von Seinäjoki den richtigen Tangoschritt vorzeigt. Der ältere Herr, im Styling eine Mischung aus Lex Barker und Opa Laffite aus der „Lieben Familie“ – wobei der Beitrag von Lex Barker vor allem in der schlaksigen Gestalt und der Tolle besteht – ist Finnlands bekanntester Tangolehrer.

Und so ist auch die für Außenstehende skurril anmutende Szenerie schnell erklärt: In der kleinen westfinnischen Stadt Seinäjoki findet seit 1985 alljährlich das Tangofestival statt. Für fünf Tage verwandelt sich die ganze Stadt – Straßen, Plätze, Lokale, in Hallen oder unter freiem Himmel – in ein riesiges Tanzparkett. Wohin sich der Blick wendet, überall wiegen sich Paare im Tangoschritt.

Dabei ist das Festival nicht nur für die Einwohner Finnlands – neben Argentinien die zweite große Tangonation – interessant. Aus der ganzen Welt strömen Tangoliebhaber und Hobbytänzer herbei. Und auch internationale Medien berichten vom alljährlichen Treiben in Seinäjoki vor Ort.

Tomoo Sukogawa, ein Tanzlehrer aus Tokio, ist auf Einladung von Åke Blomquist gekommen, den er bei der Dance Teachers Association kennen gelernt hat. Gekonnt gleitet er mit seiner Partnerin, einer seiner Studentinnen, über das Turnsaalparkett. „Das Gefühl ist wichtiger als die Musik“, verrät er.

Im Gegensatz zum argentinischen Tango lasse sich der finnische sehr leicht erlernen. Denn er sei weniger technisch, in seiner betörenden Wehmut vielmehr gefühlsorientiert. Kurz: „Es gibt keinen Fehler beim Tanzen, jeder Tänzer macht es richtig.“

Åke Blomquist scheint das nicht ganz so einfach zu sehen. Unnachgiebig geht er durch die Reihen und mustert die Tänzer. Unnachgiebig zählt er im Takt mit: „Eteen, sivulle yhden, taakse.“ Die Wurzeln des finnischen Tangos liegen in der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Während Familien und Liebende durch den Krieg getrennt waren, hielt der Tango das Volk zusammen. Nostalgie, Weltschmerz und unglückliche Liebe sind die Themen, um die sich die Texte der Lieder drehen. Und der Tango ist für viele Finnen mehr als nur Musik oder Modetrend, sondern ein Teil finnischer Lebensart.

Während im Turnsaal der Ernstfall nur geprobt wird, herrscht draußen auf der Straße bereits Feststimmung. Männer mit aufgekrempelten Hemdsärmeln halten Damen in Jeans und T-Shirts im Arm, wiegen elegant hin und her und verbinden den ausdruckslosen Blick des Tangos mit einem Hauch finnischer Fröhlichkeit. Bei Sonnenschein ist die gesamte Straße mit Tänzern übersät, bei Regen drehen zumindest die Härteren ihre Runden – einige davon eben mit Schirm in der Hand.

Wem das bunte Treiben zu viel wird, der kann sich für einige stille Momente in Richtung Aalto-Zentrum zurückziehen. In der Stadtbücherei, dem Theater, der Stadthalle und der Kirche „Lakeuden Risti“, alle vom finnischen Nationalarchitekten Alvar Aalto erbaut, scheint auch während des Festivals eine Art Tangoverbot zu herrschen. Und auch in der alten Mallaskoski-Brauerei widmen sich die Finnen eher in Ruhe dem frisch gezapften Bier als dem überall präsenten Tanzfestival.

Gegen Abend verlagern sich die Massen langsam in Richtung Seinäjoki Arena, eine Mehrzweckhalle mit rund 7000 Sitzplätzen. Hier findet der Tango Singing Contest statt. Denn finnischer Tango ist nicht nur ein Tanz, auch die Musik dazu wird zelebriert. Und die alljährlich stattfindenden Wahlen zu Tangokönigin und Tangokönig waren schon das Sprungbrett für so manche Karriere. Zumindest national gesehen, oder haben Sie schon einmal etwas von Jari Sillanpää gehört? In Finnland ist der ehemalige Tangokönig von 1995 ein absoluter Superstar.

Das Publikum, eher Menschen jenseits der Dreißig, findet sich brav auf den Sitzen ein, in einer Stimmung irgendwo zwischen der Ehrfurcht bei einem Udo Jürgens-Konzert und der Gelassenheit während des Musikantenstadls. Und dann beginnt die Halle zu kochen.

Die Scherze zwischen den Musikbeiträgen verstehen Nichtfinnen wegen der sprachlichen Hürde zwar nicht, doch die Stimmung greift auch auf alle anderen über. Und am Ende des Tages, wenn die sommerliche Sonne gerade eine kurze Pause einlegt, lässt sich so mancher Besucher der zweiten großen Tangohauptstadt dabei ertappen, wie er im passenden Schritt zurück ins Hotel tänzelt. „Eteen, sivulle yhden, taakse.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.04.2006)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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