Erklärt das Erklären

Warum kann mir eigentlich niemand erklären, wie Tarock funktioniert? Kaum spricht man einen Eingeweihten darauf an, wird man sofort mit geheimbündlerisch anmutenden Begriffen wie Gstieß oder Pagat bombardiert. Details aus aberwitzigen Spielsituationen werden geschildert, dazu gleich Ausnahmen und Spezialfälle mitgeliefert. Am Ende freut man sich nur noch, dem wirren Ping-Pong-Monolog ohne größere Blessuren zu entkommen. Wie das Spiel tatsächlich funktioniert, weiß der Zuhörer nachher allerdings nicht. Was, bitteschön, wäre dabei, einfach mit ein paar Grundlagen zu beginnen? So in etwa, welche Karten es gibt, ob mit- oder gegeneinander gespielt wird und – nicht unwesentlich – was denn eigentlich das Ziel des Spiels ist.

Was wir dringend brauchen, ist eine Schule des Erklärens. Jeder Mensch sollte es beherrschen, das Relevante zu erkennen, zu benennen und kurz und prägnant die gewünschte Information weiterzugeben. Schauen Sie mal, wie es die Profis machen. Beobachten Sie Peter Schwarzbauer vom Institut für Marketing & Innovation der Boku in der Hauptbücherei (7, Urban-Loritz-Platz 2a; 17 Uhr) beim Vortrag Was haben Autos mit Holz zu tun? Oder hängen sie sich an die Lippen der Vortragenden Esther Ramharter bei Wozu Gott und die Philosophen einander brauchen im Otto Mauer-Zentrum (9, Währinger Straße 2-4; 19.30 Uhr). Ach so, Sie glauben, dass Sie gar keine Nachhilfe nötig haben? Na gut, dann erklären Sie mir bitte mal die Abseits-Regel – in einem Satz.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.06.2006)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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