Sündenböcke brauchen Liebe

Eine verbreitete Unsitte von Managern ist das Abschieben von Verantwortung – insbesondere dann, wenn etwas daneben gegangen ist. Und da man ja nicht in den Verdacht geraten möchte, den schwarzen Peter jemandem persönlich in die Schuhe schieben zu wollen, wird als Sündenbock einfach ein Ort angegeben: „Da muss wohl im Vorfeld etwas schief gelaufen sein.“ Nun stellen wir uns vor, wie es irgendwo am Stadtrand von Wien plötzlich einem armen Getreidefeld einen Stich ins Herz versetzt. Schon wieder wurde die Last von einer Managerschulter auf ein schuldloses Fleckchen Erde abgewälzt. Der Landwirt, der gerade daneben steht und gen Himmel blickt, hat nichts davon bemerkt. Er wird später wieder mit dem Traktor seine Kreise ziehen, während das arme Feld unter der Last der fälschlich zugeschobenen Verantwortung eine stille Träne zerdrückt. Nun der Appell an Sie: Geben Sie dem armen Feld ein bisschen Liebe, zum Beispiel bei der Strohzeit in Siebenhirten (23, Halauskag.) beim Kuscheln mit der Natur.

Nun hat der aufmerksame Leser sicherlich bemerkt, dass in dieser Kolumne noch ein weiterer armer Kerl vorgekommen ist, der unserer Liebe bedarf: Der schwarze Peter ist quasi das Synonym für den Sündenbock schlechthin. Dabei wissen wir doch alle, dass Peter längst orange ist. Und Sünden konnte er mangels Regierungsverantwortung noch nicht mal begehen. Während wir nun also den armen Peter herzen, überlegen wir uns, auf wem wir stattdessen ein bisschen Last abladen könnten. Schwarzer Wolfgang, hm?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.07.2006)

Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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