Rettet den Kakao vor dem Kaffee

Gemeinhin haftet dem Kakao der Nimbus an, ein Getränk für Kinder zu sein. Zwar hat sich die Akzeptanz in den vergangenen Jahren gebessert und in Delikatessengeschäften finden sich auch schon Kakaospezialitäten jenseits von Benco & Co. Doch im Alltag ist immer noch die Rede davon, gemeinsam auf einen Kaffee zu gehen. Umgekehrt würde wohl niemand den Vorschlag machen: „Hallo, darf ich dich auf einen Kakao einladen?“ Schade, eigentlich. Das hätte auf jeden Fall mehr Pepp. Oder glauben Sie im Ernst, dass man im Zeitalter der Nespresso-Monokultur noch irgendjemanden mit Kaffee beeindrucken kann? Beim Zubereiten von Kakao ließe sich dagegen durchaus noch ein bisschen Individualität beweisen, die bei den Kaffeetrinkern von heute ja nur noch in der passenden Farbe der Espressokapsel nach außen präsentiert wird. Gratuliere.

Mit Kakao lassen sich übrigens vor allem Kollegen, die westlich von St. Pölten sozialisiert wurden, leicht auf die Kakaopalme (naja) treiben. Dann nämlich, wenn das Getränk als „Gaugau“ ausgesprochen wird. Man glaubt gar nicht, wie gereizt Oberösterreicher, Salzburger & Co auf die weiche Aussprache reagieren. Dabei passt sie genau zur cremigen Konsistenz, die richtig zubereiteter Kakao eben einmal hat. Aber selbst Kakao aus dem Automaten lernt man zu schätzen, nachdem das Aufkochen der Milch in der Arbeit doch etwas aufwendig wäre. Fällt jener Automat allerdings der zunehmenden Nespressierung der Welt zum Opfer, fühlt man sich ein wenig durch den Kakao gezogen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.12.2007)

Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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