Schweinische Weihnachten

Mittlerweile ist bei Vielen bereits jener Grad der Sättigung erreicht, an dem schon der Anblick von Weihnachtskeksen für Sodbrennen sorgt. Zwischen Vanillekipferl, Lebkuchen und Linzer Augen erwächst plötzlich der Heißhunger nach einem simplen Rad Extrawurst. Und dem geschundenen Magen kommt der Gedanke, warum der Christbaum nicht mit Salzbrezeln, Erdnusslocken oder Salamistangen behängt werden kann. Auch das kollektive Punschtrinken erfüllt nur mehr die soziale Funktion des in der Kälte Zusammenstehens, trinken will man das klebrige Gesöff schon längst nicht mehr.

Unnötig zu erwähnen, dass auch die amerikanisch-romantisch-verkitschten Litaneien Bing Crosby & Co aus den Lautsprechern der Einkaufszentren ihren alljährlichen Zenit weihnachtlicher Vorfreude längst überschritten haben und die gequälten Gehörgänge sehnsüchtigst Motörhead als reinigendes Korrektiv herbeisehnen, um akustisch Tabula rasa zu machen.

Derart verzweifelt stürzt sich die weihnachtlich angewiderte Seele zum Kühlschrank, zitternde Finger entriegeln eine Dose „Leberwurst grob“ und kurz darauf setzt der Moment der Entspannung ein. Der süßliche Geschmack auf der Zunge ist dem herben Aroma von salzigem Schweinefleisch gewichen. So muss Weihnachten schmecken. Zumindest kurzfristig. Denn schon kurz nach der salzigen Heißhungerattacke ertappt man sich schon beim nächsten Griff in die Keksdose. Ganz genau. Und irgendwie gehört ja auch Speisesoda zum Geschmack von Weihnachten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.12.2007)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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