Nur Spießer fahren Automatik

Irgendwann kommt der Tag, an dem man endgültig im Erwachsenenleben angekommen ist. Dann etwa, wenn man zum ersten Mal das Campingzelt daheim lässt und in einer gemütlichen Pension absteigt. Wenn man lieber daheim DVD schaut, als durch Lokale zu ziehen. Doch den endgültigen Abschied vom auch nur annähernd jugendlichen Lebensstil hat vollzogen, wer ein Auto mit Automatikgetriebe kauft (nein, damit sind nicht Kaliber wie der Ferrari 355 Spider mit F1 Schaltung & Co gemeint, sondern biedere Familienkarossen). Das ist nämlich das ultimative Eingeständnis, es lieber bequem zu haben, sich nicht anstrengen zu wollen. Der linke Fuß liegt regungslos herum, die rechte Hand dient nur noch dem Nasenbohren. Wollen wir das?

In der Kollegenschaft hat diese meine Einstellung jedenfalls zu Protesten geführt. Was man nicht alles tun könne, wenn man sich nicht auf das Schalten konzentrieren muss. Der eine – ich nenne keine Namen – meint, er hätte dann eine Hand frei zum Telefonieren, der andere berichtet, dass er dann viel besser seine Kinder auf der Rückbank im Zaum halten könne. Wie auch immer, es finden sich Tausende Argumente, die den Verlust jeglicher Spannung und Spritzigkeit im Leben kompensieren sollen. Und dann gibt es noch die fadenscheinige Rechtfertigung, dass man so den Motor nicht zu hoch drehen kann – dem Klimawandel zuliebe. Nun, ob da nicht einfach der Umweltschutzgedanke einer autofahrerischen Inkompetenz vorgeschoben wird?

Und noch schlimmer, Automatik-Fahrer sind von ihrem Verhalten derart überzeugt, dass sie bisweilen sogar weit über das Ziel hinausschießen. Ausschnitt aus einem Streitgespräch: „Ich kann mit Automatikgetriebe während der Fahrt essen.“ – „Das kann ich mit Schaltung auch.“ – „Ja, aber nicht mit Besteck.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.08.2008)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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