Der diskrete Charme des Toilettenpapiers

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Preis eines Produkts mit der Menge der Abnahme sinkt. Soll heißen – je größer die Packung, desto geringer der Preis pro Stück, Liter oder was auch immer sich darin befindet. Nun wissen wir aber, dass die Größe der Verpackung nicht ausschließlich ökonomische Aspekte hat. Deutlich wird das etwa am Beispiel jener Menschen, die beim Kauf ihres Toilettenpapiers auf den Preisvorteil einer Großpackung verzichten – weil es ihnen unangenehm ist, der ganzen Welt mittels einer unter den Arm geklemmten und in Plastik verschweißten Batterie dreilagigen Papiers ihre Körperlichkeit eingestehen zu müssen.

Ob sich hinter dieser Scham das Erbe von Adam und Eva verbirgt, wie das Immanuel Kant vermutete? Denn ihm zufolge lag die Strafe dafür, dass sie verbotenerweise den Apfel vom Baum der Erkenntnis aßen, nicht nur in der Vertreibung aus dem Paradies, sondern auch darin, dass sie fortan verdauen mussten. Quasi als tägliche Erinnerung an den Sündenfall.

Wie auch immer. Literarisch findet sich die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Bild eines Menschen und seiner Leiblichkeit unter anderem in Jonathan Swifts Gedicht „The Lady’s Dressing Room“. Darin durchsucht ein gewisser Strephon den Umkleideraum seiner angebeteten Celia. Und stößt dabei auf Schweißflecken auf einem Hemd, Haare in den Zinken eines Kamms, Ohrenschmalz im Handtuch – und schließlich auch auf ihren Leibstuhl. Was ihn zur schmerzhaften Erkenntnis führt, dass selbst das von ihm gottgleich verehrte Wesen auch nur ein Mensch ist. Und so wie jeder Mensch gelegentlich auf den Topf gehen muss. Verständlich also, wenn man nur eine Viererpackung Toilettenpapier kauft. Die kann man besser in der Einkaufstasche verstecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.05.2011)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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