Eine kleine Kulturgeschichte des 1. April

Er hat eine lange Tradition, doch über seinen Ursprung gibt es nur Spekulationen: Der Aprilscherz hat sich vom 16. Jahrhundert bis heute gehalten – auch wenn er etwas in der Krise steckt.

Der Aprilscherz hat so viel Tradition, dass man gar nicht mehr weiß, worauf sie eigentlich gründet. Wer sich auf die Suche nach den Wurzeln macht, wird, wie so oft im Brauchtum, gleich auf mehrere Erklärungen stoßen, die allesamt plausibel klingen. Da wäre etwa die religiöse Auslegung, dass Jesus Christus am Tag seiner Verurteilung, der ein 1. April gewesen sein soll, „von Pontius zu Pilatus“ geschickt wurde. Eine andere Variante ist die, dass an jenem Tag Judas Ischariot, der Jesus verraten hat, seinen Geburts- oder Sterbetag hatte – und dem wurde eben mit Schabernack gedacht. Häufig wird auch der Reichstag zu Augsburg genannt, der im Jahr 1530 für den 1. April einen Münztag festlegte, auf den spekuliert wurde – als der Münztag dann doch nicht stattfand, verloren die Spekulanten ihr Geld und wurden dafür auch noch verspottet.

Auch der französische König Heinrich IV. (1553-1610) könnte unfreiwillig den Anstoß für den Aprilscherz gegeben haben – er soll von einem jungen Mädchen um ein heimliches Rendezvous gebeten worden sein. Als er zum vereinbarten Treffpunkt erschien, wurde er dort von seiner Gattin Maria de Medici und dem gesamten Hofstaat begrüßt.

Vielleicht war der erste Aprilnarr aber auch Fernando Álvarez de Toledo, der spanische Statthalter in den heutigen Niederlanden. Als er am 1. April 1572 von den Holländern vertrieben wurde, zeigte man ihm die lange Nase. Und schließlich wird auch der französische König Karl IX. immer wieder genannt: Er verlegte 1564 mit einer umfangreichen Kalenderreform den offiziellen Jahresanfang auf den 1. Januar. Die Menschen, die in einigen Regionen den Jahresanfang weiter Ende März feierten, könnten die ersten Aprilnarren gewesen sein. Vielleicht war es aber auch gar keine bestimmte Person, vielleicht war der Aprilscherz ursprünglich einfach ein Frühlingsbrauch und damit ein letztes Relikt des Winters, der noch den einen oder anderen überraschenden Auftritt hatte.

Den Narren übertölpeln. Woher die Tradition kommt, ist also nicht zweifelsfrei zu klären und damit Objekt von Spekulation. Erstmals belegt ist der Brauch in Bayern im Jahr 1618, in der Literatur tauchte der „Aprilnarr“ im 18. Jahrhundert auf – der Begriff „Aprilscherz“ folgte erst im 19. Jahrhundert. Der Narr selbst zeichnet sich in der Tradition dadurch aus, dass er seine Rolle nicht freiwillig einnimmt – wie das etwa die Fastnachtsnarren tun -, sondern sich übertölpeln lässt.

Das wiederum kann auf vielerlei Arten geschehen. Der deutsche Theologe Manfred Becker-Huberti, der sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt hat, spricht in seiner Typologie des Aprilscherzes von zehn verschiedenen Kategorien. Dazu gehört etwa das Anstarren eines imaginären Objekts – und alle, die sich zum Mitbetrachten verleiten lassen, werden ausgelacht. Auch präparierte Lebensmittel, etwa mit Senf gefüllte Pralinen, haben eine gewisse Tradition. So wie auch Ekliges – etwa Hundehaufen aus Plastik und dergleichen – gerne zum Gaudium eingesetzt wird. Und dann gibt es natürlich noch den Klassiker, das „In-den-April-Schicken“. Hier werden Menschen mit unsinnigen Aufträgen losgeschickt – etwa um Gewichte für die Wasserwaage zu holen -, bis sie schließlich irgendwann erkennen, dass sie hereingelegt wurden.

Allerdings hat das In-den-April-schicken, wie es lange auch unter Erwachsenen üblich war, in den letzten Jahren deutlich abgenommen. Schon seit einigen Jahren wähnen Volkskundler den Aprilscherz sogar in der Krise. Einen möglichen Grund dafür orten sie unter anderem in einer Reizüberflutung durch zahllose TV-Komiker, mit denen man im echten Leben kaum mithalten kann. Darum lasse man es lieber gleich bleiben.

Und noch ein weiteres Phänomen trägt zum Vergessen des Brauches bei – bisher ist es nämlich nicht gelungen, die Tradition des Aprilscherzes zu kommerzialisieren. Damit fällt ein Impuls weg, der bei vielen anderen Bräuchen zu einem regelrechten Boom geführt hat – man nehme etwa den Muttertag, der vor allem vom Blumenhandel stark vermarktet wird. Aber auch Halloween wäre im deutschsprachigen Raum ohne intensives Marketing durch die Süßwarenindustrie wohl nie so groß geworden, wie es heute ist.

Übrig bleiben zwei große Gruppen, die den 1. April noch hochhalten. Das sind zum einen Kinder, die großen Gefallen daran finden. Und zum anderen haben im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit die Medien die Federführung in der Verwertung des Aprilscherzes übernommen. Kaum eine Zeitung oder ein TV-Sender, der am 1. April nicht versucht, das Publikum mit einer – manchmal mehr, manchmal weniger offensichtlichen – Falschmeldung in die Irre zu führen. So erklärte etwa 1976 ein Astronom in der BBC, dass um 9.47 Uhr der Pluto exakt hinter dem Jupiter stünde – und die Erdanziehung in diesem Moment stark sinken würde. Wer dann hochspringe, könne für einige Momente schweben. Tatsächlich meldeten sich später hunderte Anrufer, die den Erfolg des Experiments bestätigten. Die Welle ebbte erst ab, als man explizit auf das Datum der Sendung verwies.

Auch aus österreichischen Medien sind unzählige Aprilscherze dokumentiert. Ein Klassiker ist etwa die Meldung, dass auf der Wiener Ringstraße ein Formel-1-Rennen ausgetragen werden soll. Und 2009 meldete die Kleine Zeitung, dass das ehemalige Arnold-Schwarzenegger-Stadion in Graz nach dem Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch benannt werden soll – auf ihn geht der Begriff „Masochismus“ zurück. All das sind Meldungen, die schnell als Scherze erkennbar sind.

Manche Scherze ziehen allerdings tatsächliche Reaktionen nach sich. Als etwa die Austria Presse Agentur (APA) am 1. April 2008 vermeldete, dass eine ungarische Ölfirma unter dem Neusiedler See Öl entdeckt habe und eine Bohrinsel errichten wolle, reagierte der Umweltsprecher der FPÖ mit einer Aussendung, in der er vor „erheblichen Risken für die Natur“ warnte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die APA allerdings längst bekannt gegeben, dass es sich um einen Aprilscherz gehandelt habe.

Warnung vor dem Scherz. Leser von Zeitungen, Fernseher und Radiohörer seien also gewarnt. Nicht alles, was am 1. April scheinbar ganz seriös vermeldet wird, hat auch eine reale Grundlage. Wobei, bei manchen Meldungen der vergangenen Wochen und Monate hätte man sich fast gewünscht, es wäre nur ein Aprilscherz gewesen.

LEXIKON

April
Der Name des Monats geht vermutlich auf das lateinische „aperire“ zurück, das sich auf die sich öffnenden Knospen im Frühling bezieht. Eine weitere Deutung sieht „apricus“ (sonnig) als Ursprung.

Aprilscherz
Über den Ursprung des Brauchs, am 1. April Menschen hineinzulegen, gibt es mehrere Theorien. Neben religiösen und geschichtlichen Varianten könnte es sich um einen alten Frühlingsbrauch handeln – das unbeständige Wetter könnte als letzter Schabernack des vergehenden Winters interpretiert werden.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 01.04.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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