Nichts reimt sich im Deutschen auf Mensch

Der Endreim ist der VW Käfer der deutschen Sprache: volksnah, billig, auch vom Laien leicht zu bedienen – und nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit. Große Verbreitung findet er demnach vor allem im Volkstümlichen, seien das jetzt Musikantenstadl oder Schlagerparade, in schenkelklopfender Lyrik auf Geburtstagspartys („Der August der wird vierzig Jahr, drum singen wir jetzt tralala!“), die des Endreims willen gelegentlich die Satzstellung durcheinanderwirbelt, und in Wahlkampfslogans. Mit dem Reimpaket „Heimatliebe statt Marokkaner-Diebe“ verlieh zuletzt die Innsbrucker FPÖ offensichtlich ihrer Sorge Ausdruck, dass in der Tiroler Landeshauptstadt auffällig viele Nordafrikaner entwendet werden.

Traurig stimmt es da allerdings, dass sich manche Wörter einer Nutzung als Endreim besonders hartnäckig entziehen. Noch dazu, wenn es sich um solche handelt, die sowohl in der volkstümlichen Musik als auch in der Politik einen gewissen Stellenwert haben sollten. So gibt es etwa im Deutschen keinen Reim auf das Wort Mensch. (Und nein, Eigennamen gelten nicht!) Auch Löffel, Apfel, Schaffner oder fünf gehen in der Endreimpartnerbörse leer aus. So wie übrigens auch der Hanf – der hat dafür in seiner weiterverarbeiteten Form und leicht berauschenden Funktion einige Synonyme bekommen, vom schwarzen Afghanen über den roten Libanesen bis zum grünen Marokkaner. Fast schon verständlich, dass ein blauer Tiroler ob solcher multiethnischer Vielfalt ein wenig überfordert wirkt und lieber im großen Braunen umrührt.

Genug gerührt hat indes Wolf Martin. Der Endreimguru der „Kronen Zeitung“ zog sich vergangene Woche vom Schreiben endgültig zurück. Ob das das endgültige Ende des Endreims ist, sei allerdings dahingestellt. Denn die Verlockung, den buckligen Volkswagen anzustarten, ist wohl größer als die, sich auf moderne und umweltschonende Gefährte einzulassen.

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 02.04.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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