Das Wie-geht’s-dir-danke-gut-Dilemma

Amerikaner sind ein freundliches Volk. Sogar die Verkäufer im Supermarkt grüßen, lächeln dabei, und dann fragen sie im selben Atemzug auch noch, wie es einem geht. Nun ist die Phrase „How are you“ auch dem Österreicher nicht ganz unbekannt. Doch in der generell eher oberflächlichen sozialen Interaktion mit Verkäufern ist sie hierzulande mehr als unüblich. Noch. Denn es besteht die Gefahr, dass sie gemeinsam mit all den anderen Errungenschaften amerikanischer Kommunikationskultur, die in Film, Funk und Fernsehen vorgelebt werden, auch nach Wien gespült wird. Und das wäre so ziemlich das Letzte, was ins Stadtbild passen würde. Denn während die amerikanische Höflichkeit zwar unverbindlich, aber tatsächlich höflich gemeint ist, übertüncht die Wiener Ausprägung lediglich eine tief sitzende grundsätzliche Misanthropie. Und ein kurzer Augenkontakt mit dem Supermarktkassier ist üblicherweise schon der Höhepunkt der sozialen Interaktion.

Abgesehen davon ist das „Wie geht’s“ als unmittelbar der Begrüßung nachgestellte Floskel nur dazu gedacht, ein „Danke, gut“ hervorzulocken. Und weil es einem nur selten wirklich „danke, gut“ geht, wird durch ein unverbindliches Begrüßungsgeplänkel ein Lügengebilde aufgeblasen, das Friede, Freude und Sonnenschein suggeriert, selbst wenn man kurz davor ist, in Tränen auszubrechen.

Schließlich kann der inflationäre Gebrauch der Floskel (auch abseits der Supermarktkassa) reichlich skurril enden: Will man etwa von einem Bekannten/Freund/Kollegen nach dem „Hallowiegeht’sdankegut“-Befloskeln tatsächlich wissen, was er so treibt, wird wenige Sekunden später die Frage nach dem Befinden gleich noch einmal gestellt. Diesmal ernst gemeint. Und ein solches Doppel-wie-geht’s muss jetzt wirklich nicht sein! So, damit für heute genug gelästert. Und wie geht es eigentlich Ihnen so?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.10.2012)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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