Die Kaltwassertoilette am Ende des schwarzen Lochs

Nein, warm ist es – das Wasser – noch immer nicht. Aber wenn es draußen keine Minusgrade hat, tauen die steif gefrorenen Finger nachher ohnehin gleich wieder auf. Und wenigstens rinnt das kalte Wasser so lange, bis die Hände wirklich gewaschen sind. Ist zumindest würdevoller als das Ertasten der Lichtschranke, die den Wasserfluss freigibt, wie es in manch anderem Lokal üblich ist. Wie viel kann ein Wirt eigentlich einsparen, indem er seine Kunden auf der Toilette derart demütigt? Und wer stellt eigentlich die Bewegungsmelder im Handtrockner ein? Kaum ist die feuchte Hand mehr als einen Zentimeter entfernt, macht der lauwarme Luftstrom wieder Siesta.

Wirkliche Sadisten sind aber jene Gastronomen, die in ihren Sparbemühungen selbst in den Toilettenkabinen nicht vor Bewegungsmeldern zurückschrecken. Gibt es eigentlich einen Begriff für die Verrenkungen von Armen und Oberkörper im Sitzen, um in den Bereich des Infrarotfeldes zu gelangen, damit es wieder hell wird? Toiletaerobic? Stimmt schon, es geht auch im Dunkeln. Aber… nein, lassen wir die Details.

Physiker streiten übrigens gerade darüber, ob ein Astronaut in einem schwarzen Loch eher von der Gravitation zerrissen oder verbrennen würde. Denn laut einer neuen Theorie werden schwarze Löcher von einem heißen Partikelstrom umsäumt. Heiß bedeutet in diesem Fall zehn hoch 32 Kelvin, also rund zehn Billionen Billionen Mal mehr als die Temperatur im Kern der Sonne. Der Begriff „Point of no Return“ wirkt da durchaus plausibel. Und niemandem wäre in einer solchen Situation zu verdenken, einen gewissen Zug zur Toilette zu verspüren. In diesem Fall würde man es wohl auch akzeptieren, wenn auf der anderen Seite kein Warmwasser aus dem Wasserhahn käme.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.04.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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