Der Tag des heiligen Fenster

Er ist der höchste Feiertag des Jahres. Warum es ihn gibt, spielt keine allzu große Rolle. Auch nicht, wessen Gedenken der Tag davor oder jener danach gewidmet ist. Es gibt ihn meist nicht nur einmal, sondern sogar mehrmals pro Jahr. Und auf kaum ein Ereignis im Kalender wird die Bevölkerung derart früh und penibel vorbereitet – ganze Handlungsanleitungen und Kalenderspielereien zur richtigen Vorbereitung werden pünktlich zu Jahresbeginn in diversen Medien veröffentlicht, um die Festtagsfreude (bzw. die Festtage) noch zu mehren. Gerade, dass findige Geschäftsleute nicht auch noch einen Kalender mit 24 Fenstern (hö hö!) erfinden, mit deren täglichem Öffnen man das Nahen des hohen Festes auch für Kinder erlebbar macht. Der Jahrestag des heiligen Fenster, um im Jargon des heimischen Feiertagsgebarens zu bleiben, hat in seiner landesweiten Bedeutung Weihnachten längst abgelöst. Gefeiert wird er österreichweit, wenn es auch regionale Eigenheiten gibt – die allerdings weitgehend sprachlicher Natur sind. Da wird einmal eben der heilige Zwickel verehrt, ein anderes Mal die heilige Brücke.

Gekennzeichnet ist ein solcher Fenstertag, wie er im Volksmund auch gern vereinfacht genannt wird, von Völle und Leere zugleich. Völle etwa überall dort, wo sich die Menschen zur Feier treffen. Das kann eine Einkaufsstraße sein, aber auch – je nach Jahreszeit – ein mehr oder weniger entfernter Erholungsort. Und Leere überall dort, wo an all den dunklen (fensterlosen?) Tagen malocht wird. Wobei die wenigen Systemerhalter – nennen wir so einfach all jene, die diesmal nicht zur Huldigung davonschreiten – zum Trost meist zumindest den Tag davor oder den Tag danach von ihrem Tagewerk pausieren dürfen. Vielleicht klappt es dann ja beim nächsten Fenstertag.

Übrigens, gestern, Donnerstag, war auch frei. Hand aufs Herz: Wer weiß, was da gefeiert wurde?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.08.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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