Soa Fitness-Karotten-Honigmirabellchen, bitte!

Ob man des Morgens nun bei der einen Bäckereikette seinen Anker auswirft, bei einer anderen seinen Mann steht oder bei einer dritten die Hand nach einem Stück Gebäck ausströckt – ein Wort darf dabei nie fehlen: „Soa“ – in der männlichen Variante auch „Soan“ – ist das Vokabel, das Mitarbeiter von Backshops am allerhäufigsten hören. Tatsächlich dürfte das „Soa-Weckerl“ das meistbestellte Backwerk des Landes sein. Die dabei österreichweit vereinheitlichte Körpersprache setzt sich im Moment des Aussprechens aus drei Elementen zusammen. Erstens: Der Körper ist leicht über die schräg verlaufende Glasvitrine geneigt, um die Sprechdistanz zur Verkaufskraft ein wenig zu minimieren. Zweitens: Der Zeigefinger der rechten Hand ist auf das „Soa“ gerichtet – wenn auch die schick uniformierte Backshopverkaufskraft besagten Finger durch die vollgeräumte Vitrine nie im Leben sehen kann. Drittens: Stimme und Blick sind ähnlich schuldbewusst-fragend gesenkt, als würde man in einem anderssprachigen Land versuchen, dem Kellner einen Begriff von der Speisekarte vorzulesen. Denn, auch das gehört zum ritualisierten Ablauf beim morgendlichen Jausenkauf dazu, die „Frühstücksjausen-Kornweckerl“, „Aborigines-Kartoffel-Gurken-Liwanzen“, „Fitness-Karotten-Honigmirabellchen“ oder wie sie auch immer besonders verheißungsvoll getauft wurden, weisen sich nur rudimentär durch Beschriftungen an der richtigen Stelle auch als solche aus.

Inmitten der morgendlichen Selektionsüberforderung ist das „Soa“ als Hilferuf des Kunden zu verstehen, der doch nichts anderes will, als „so ein“ belegtes Stück Gebäck für die Jause zu erstehen. Paradoxerweise freut man sich dennoch jeden Morgen auf das entwürdigende Ritual der Nahrungsbeschaffung. Und wenn nicht? Im Zweifel hilft es, eine leere Semmel zu erstehen und sich mit ein paar Blättern Wurst, einem Salatblatt – und vielleicht einem halben Kilo Mayonnaise, wenn dieser kleine Seitenhieb erlaubt ist – sein „Soa“-Weckerl einfach selbst zuzubereiten. Soafoch is des.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.11.2013)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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