Die Bankrotterklärung des Rauchens

Es gab eine Zeit, in der Rauchen als Inbegriff der Coolness galt. Nein, man muss sich diese Zeit nicht zurückwünschen. Doch was davon übrig blieb, ist traurig: Die E-Zigarette als letzter Strohhalm.

Schaut nur, was sie mit den Rauchern gemacht haben! Da sitzen die Armen, nuckeln an einem rosa Filzstift und blasen ein bisschen Dampf in die Luft. Ja, die Nichtraucheraktivisten haben es geschafft. Sie haben die Lokale vom Qualm befreit, sie haben erreicht, dass man den Pullover nach dem Fortgehen ein zweites Mal anziehen kann, haben auf langfristige Sicht womöglich sogar die Gesundheit der Menschen im Land verbessert. Und vielleicht auch noch unzählige Menschen dazu gebracht, das Rauchen aufzugeben – weil die es leid waren, auf Flughäfen wie Tiere in gläserne Gehege gesperrt zu werden, wo sie vor dem Abflug noch einen letzten Zug nehmen konnten. Weil sie bemerkten, dass plötzlich strafende Blicke auf sie gerichtet waren, wenn sie während eines Konzerts das Feuerzeug nicht nur zum Mitschwingen bei langsamen Nummern verwendeten. Und weil sie nach ein paar Tagen ohne Zigaretten bemerkten, dass Stiegen steigen auch ohne Keuchen geht.

Aber ja, natürlich gibt es die Raucher noch. Auch in Restaurants und Lokalen. Nur, dass sie jetzt eben vor allem an Plastikstiften saugen, die sich E-Zigaretten nennen, und ein wenig Dampf in die Umgebung absondern. Wie die Raupe bei „Alice im Wunderland“ wirken sie. Nur, dass die auf einem Schwammerl saß und nie den Anspruch erhob, so etwas wie Würde auszustrahlen. Mit verbissenem Grinsen halten sie fest, dass sie hier im Lokal auch dampfen dürfen. Ein letzter Akt des Widerstands der Nikotinsüchtigen gegen die Nichtraucherlobby, wie sie es vielleicht empfinden. Allein, vom „Rebel Without a Cause“ sind sie meilenweit entfernt. Allein die Vorstellung: James Dean mit einer E-Zigarette? Nie im Leben.
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Es gab eine Zeit, in der Rauchen als Inbegriff der Coolness galt. Als der Marlboro Man für Freiheit stand. Als Lucky Luke auf nahezu jedem Bild die selbst gerollte Zigarette aus dem Mundwinkel hing. Und als man in sich selbst auch den kleinen Cowboy spürte, wenn man vor der Schule den Zigarettenstummel lässig in eine Ecke schnippte. Nun ist schon klar, diese Zeiten sind vorbei. Als Wayne McLaren, der 1976 in diversen Werbespots den Marlboro Man spielte, 1992 an Lungenkrebs starb, wusste man schon, dass es mit dem Tabak langsam bergab gehen musste. Als Lucky Luke plötzlich statt der Zigarette ein Grashalm aus dem Mund hing, brach auch die tabakgeschwängerte Westernromantik langsam zusammen. Gut, die Zigarettenwegschnipper vor der Schule gibt es immer noch. Vermutlich wird sich das aber auch noch legen.

Und nein, man muss den ehemals rauchenden Helden keine Träne nachweinen. Stimmt schon, das Pathos auf Werbeplakaten und im Kino wirkte schon recht stark. Nur war am Morgen danach, als man das bisschen Verwegenheit und Freiheit wieder schleimig aushustete, halt einfach keine Kamera dabei. Keine Kunst also, dass in der Erinnerung am Ende eher die Coolness hängen blieb.

Einatmen wie Darth Vader. Den E-Zigaretten-Rauchern von heute bleibt nicht einmal mehr die. Wie sie da an ihren Plastikstiften ziehen – als würden sie wie Darth Vader an einer Lungenmaschine hängen. Wie sie zwischendurch das Gerät aufschrauben und an den Elektrokontakten herumnesteln, weil der Akku schon wieder nicht funktioniert. Und abgesehen davon: Wie bei Nespressokapseln für den Kaffee lassen sich auch hier noch verschiedene Geschmacksrichtungen hinzufügen. Eine Zigarette mit Schoko-, Karamell- oder Erdbeeraroma. Viel mehr muss man dazu wohl nicht sagen.

Von der sozialen Komponente ganz zu schweigen. „Hast du eine Zigarette für mich?“ oder „Hast du Feuer?“ Wird schwierig – und selbst wenn: Wie attraktiv wirkt es, wenn man beim Sitznachbarn nachfragt, ob man sich einmal kurz das USB-Kabel ausleihen kann, um den Akku wieder vollzukriegen? Da wird das ehemals Erhabene zur Parodie. Wird der Dampfer zum technikabhängigen Nerd, der ohne Reservestrom hilflos zu zappeln beginnt. Was soll denn das für ein Lebensgefühl sein?

Ja, vielleicht passt es zur Generation Handy. Wo parallel zu Gesprächen im Lokal auch noch SMS geschrieben oder gechattet wird. Und wo zwischendurch immer wieder kurz Panik ausbricht, wenn der Akku langsam nach Ladung zu lechzen beginnt. Wo das Mobiltelefon fast schon ein integraler Bestandteil des Körpers ist, ohne den ein Leben nicht mehr vorstellbar scheint. Nur, ein Handy ist eben ein Handy. Und ein Verdampfer eben nur ein bunter Stift, den man in den Mund steckt und daran zieht.

Langzeitfolgen. Ja, vermutlich sind die dampfenden Kugelschreiber gesünder, als es Zigaretten je waren – zumindest gilt diese Vermutung, solange es noch keine Studien zu den Langzeitfolgen gibt. Vielleicht ist es für ehemalige Raucher auch ein gangbarer Weg, sich langsam vom Tabak zu entfernen. Ein Substitut, das weniger Schaden anrichtet als das Original. Doch eines muss dabei auch klar sein: Einen Coolness-Preis gewinnt man damit jedenfalls nicht. Es ist eine Parodie des Rauchens, ein Schnappen nach aromatisierter heißer Luft aus einem Gerät, das wie eine Bankrotterklärung des Rauchens wirkt. Schaut nur, was sie aus den Rauchern gemacht haben!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.06.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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