Deutschländisches Deutsch und haste nich‘ geseh’n

Na servus – oder na tschüss, wie es wohl auf Deutschländisch heißen muss. Hat das Bildungsministerium nun also tatsächlich eine Broschüre für die Schulen herausgebracht, in der der Unterschied zwischen österreichischem und deutschländischem (ja, das steht wirklich so drin) Deutsch erläutert wird, um Kindern den Stellenwert des österreichischen Deutsch als Nationalvarietät einer plurizentrischen Sprache näherzubringen. Da lernt man etwa, dass die Maroni in Deutschland Esskastanie oder Marone heißt – und man sie in der Schweiz mit zwei r schreibt. Oder dass die Semmel in Deutschland Brötchen genannt wird, während man in der Schweiz Brötli, Bürli oder Mutschli (!!!) sagt. Wobei zum Teil auch verallgemeinernder Unsinn zu lesen ist – denn dass sich in Österreich für das geflochtene Mohnweckerl der Begriff „Flesserl“ durchgesetzt haben soll, kann nur einem Oberösterreicher eingefallen sein. So sagt nämlich im Osten zum Mohnstriezel kein Mensch.

Trotz allem ist die Lektüre lohnend. Wenn auch so manche Redewendung, die aus dem Deutschländischen ins Österreichische geschwappt ist, nicht erwähnt wird. Wenn einem etwa bei einer Aufzählung die Worte ausgehen, wird heute anstelle des früher verbreiteten „und so weiter“ gerne ein „haste nich‘ geseh’n“ verwendet. Deutlich an Einfluss bei Aufzählungen hat auch die Phrase „Schieß mich tot“ gewonnen. Die wird immer häufiger eingesetzt, wenn jemand sagen möchte, dass er etwas nicht genau weiß, es aber eigentlich auch gar nicht darauf ankommt. Früher nahm man dafür unter anderem ein „was auch immer“, ein locker dahingesagtes „und so weiter“ oder auch das typisch österreichische „was weiß ich“ in den Mund.

Noch in österreichischen Kinderschuhen steckt hingegen ein Ausruf der Freude oder Überraschung, der aber auch ein gleichgültiges Abschwächen bedeuten kann: „Scheiß die Wand an!“ Und was, wenn sich dieser Begriff auch hierzulande durchsetzt? Nun, tausend Rosen. Oder in der urösterreichischen Kurzform: wurscht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.06.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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