Schön, Sie wiederzusehen. Aber wer sind Sie eigentlich?

Die Beschäftigung mit dem Phänomen des Déjà-vu führt regelmäßig zu einem Déjà-vu, dass nämlich dieses Thema schon so oft zerredet und diskutiert wurde, dass man es eben nicht noch einmal sehen will. In der Regel viel bedeutungsvoller ist ja ohnehin das Gegenteil – nämlich das Jamais-vu. Das ist Französisch – jene Sprache, die man im Alltag trotz der fünf Jahre Unterricht oft tatsächlich so beherrscht, als hätte man noch nie davon gehört. Aber das ist ein anderes Thema. Übersetzt steht das Phänomen jedenfalls für „niemals gesehen“ und bezeichnet ein Ereignis, bei dem man eine Person, einen Ort oder einen Umstand – obwohl eigentlich bekannt – als völlig fremd oder neu empfindet. Was gerade im Fall einer Person sehr peinlich sein kann.

Wenn man etwa von einem Menschen euphorisch begrüßt wird, von dem man nicht einmal wusste, dass es ihn gibt. Die Person dann auch noch in allen Details schildert, wann und wo man einander kennengelernt hat. Und man womöglich auch noch erfährt, dass man sich dabei auf irgendeine Art danebenbenommen hat. Mit hochrotem Kopf laufen dann im Hinterkopf unzählige Filme ab, aber der Klick, das rettende Aha-Erlebnis bleibt aus. Bitter, das. Die harmlosere Variante ist jene, dass man eine Person kennt, mit ihr immer wieder spricht – und keine Ahnung hat, wie sie heißt. Was spätestens dann unangenehm wird, wenn eine dritte Person dazukommt, und man die beiden einander vorstellen sollte. Im Zweifel bleibt dann nur noch, so lange zu warten, bis sie das von selbst machen. Ähnlich lässt sich übrigens auch die Frage lösen, ob man nun mit jemandem, den man nicht so eindeutig zuordnen kann, per Du oder per Sie ist – einfach abwarten, bis der andere einen direkt anspricht, dazwischen schön allgemein bleiben. Ja, ja, geht gut, und selbst?

Übrigens: Das Geständnis „Sorry, ich habe echt keine Ahnung, wer Sie sind“ ist etwas hart. Auf Französisch dagegen klingt es gleich nicht mehr wie ein Schuldeingeständnis: „Mon dieu, ich habe gerade ein Jamais-vu!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.06.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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