Wenn alle Rolltreppe fahren, werden wir nie Weltmeister

Auch das ist Wien. Wenn sich am Ende der U-Bahn-Station hunderte Menschen anstellen, um den schmalen Schlauch der Rolltreppe bergab zu fahren. Und die breite Treppe daneben leer bleibt wie das Strandbad Kritzendorf an einem frostigen Novembertag. Die Rolltreppe ist so etwas wie die Fernbedienung des städtischen Lebens, die die Bewohner gemütlich auf der Couch sitzen lässt, um sich gerade einmal gemächlich zu erheben, wenn das Bier aus oder die Blase voll ist. Natürlich, bergauf kann es schon ein wenig anstrengen, in der Station Westbahnhof die Stufen zur U6 zu erklimmen. Und, klar, wer nicht gut bei Luft oder zu Fuß ist, kann sich durch die wandelnden Treppen einiges an Mühsal ersparen. Und es ist gut so, dass all jenen, denen es schwer fällt, eine Möglichkeit geboten wird, sich in der Stadt zu bewegen. Nur kann es sein, dass mittlerweile ganz Wien nur noch aus kränkelnden und fußmaroden Einwohnern besteht? Nicht anders lässt sich erklären, warum sich regelmäßig die Masse aus den Silberpfeilen direttissimo in Richtung Rolltreppe wälzt, selbst wenn es beim Bergabgehen nicht einmal die Schwerkraft zu überwinden gilt. Und die verschreckten Gesichter, wenn mitten in der Routine klar wird, dass die Rolltreppe gar nicht fährt. Da ist diese Hoffnung, dass nicht doch irgendwo noch eine Lichtschranke ist, die das Werk in Bewegung setzt. Shine on you crazy Bequemlichkeit zieht sich wie ein Leitmotiv durch die städtische Mobilität. Was macht es da schon, dass auch mit gemächlichem Tempo so mancher Stiegenaufgang gegenüber der Rolltreppe wie eine Überholspur wirkt. So werden wir nie Weltmeister.

Wie Wien wohl aussähe, wenn es in den U-Bahn-Stationen nur Stiegenaufgänge gäbe? (Und Aufzüge für die, die sie wirklich brauchen) Keine Sorge, das ist undenkbar, wird nie passieren. Eher ließe sich die Südosttangente zur Begegnungszone umwidmen. Aber stimmt schon, genug geraunzt. Man will ja nicht durch die Welt stapfen wie Mr. Grumpy. Wobei, auch das ist Wien…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.07.2014)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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