Die Weilerskannisierung der deutschen Sprache

Leute, die Texte mit „Weil er es kann“ beenden, beenden Texte auch mit „Weil er es kann“.

Wer sich dazu hinreißen lässt, „Im Notfall kann ich“ zu sagen, hat einen Fehler gemacht. Denn der Notfall tritt in diesem Moment ganz automatisch ein. Da kann der Sprecher in einem noch so leidenden Ton die Unwahrscheinlichkeit beschwören, dass es zum Äußersten kommt und hoffen, dass sich vielleicht doch wohl irgendjemand anderer finden lassen wird, der etwa einen ungeliebten Dienst übernimmt. Die vorher kollektiv den Blick auf die Fußspitzen gerichteten Kollegen werden augenblicklich erleichtert wieder aufsehen. Und das fragende Gegenüber wird, noch ehe das „ch“ fertig ausgesprochen ist, die Suche nach einem Dummen als beendet betrachten. Warum? Weil er es kann.

Apropos, das ist nämlich auch so eine Sache – dass in Texten elendslang über einen Menschen schwadroniert wird, der gerade etwas besonders Originelles geleistet hat, um die am Ende lässig eingeworfene Frage, warum er das wohl gemacht hat, mit einem lässigen „Weil er es kann“ zu beantworten. Vermutlich ist die so entstandene Weilerskannisierung der deutschen Sprache ja nur ein zeitlich begrenztes Phänomen, und doch könnte es bald so abgelutscht sein wie der Running Gag, wie man auf einer Party einen Veganer erkennt – gar nicht, nämlich, er wird es ohnehin jedem erzählen. Ähnlich konsequent sind übrigens auch jene Menschen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählen müssen, dass sie daheim keinen Fernseher haben. (Nein, ich habe wirklich keinen. Warum nicht? Weil ich es kann.)

Keinen Fernseher zu haben schafft nämlich unendlich viele Freiräume, seine Zeit mit anderen Dingen zu verschwenden. Zum Beispiel mit einer Runde des beliebten Gesellschaftsspiels Modalverbenbingo – das wird man ja wohl noch wollen mögen, nicht wahr? Um wieder zum Einstieg zurückzukommen – im Notfall will ich. Warum? Weil ich es muss.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.04.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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