Selbstaufdieschulterklopfer und Nachherrechthaber

Das schulmeisternde „Ich hab’s dir ja gesagt“ ist der Prototyp für ein argumentatives Pfauenrad.

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Aber der Vorherrechthaber von gestern ist gern auch der Nachherrechthaber von morgen. Der praktische Wert des nachträglichen Selbstaufdieschulterklopfens hält sich allerdings in Grenzen. Ein „Ich hab’s dir ja gesagt“ ist lediglich ein argumentatives Pfauenrad, das Fehler weder wiedergutmacht, noch eine konstruktive Lösung für die Zukunft präsentiert. Vielmehr fühlt man sich an den kleinen Schweizer erinnert, der in der Werbung für ein Hustenzuckerl ständig ins Bild kriecht und penetrant „Wer hat’s erfunden?“ schulmeistert. Besonders gern mag man den Nachherrechthaber übrigens dann, wenn er als Vorherrechthaber auch ein Vorherschweiger war. Ihn erkennt man am „Ich habe es ja schon lang gewusst“, dem man so gern ein „Warum hast du es dann nicht gesagt?“ entgegenschmettern würde. „Du hast ja nicht gefragt.“ Ja, eh. Vielen Dank. (Fairerweise muss man sagen, dass das „Hättest du nur auf mich gehört!“, das auf ein früheres „Du wirst schon noch sehen, was du davon hast“ folgt, auch nicht viel angenehmer ist. Sie werden das schon noch sehen!)

Ähnlich viel Sympathien erwarb man sich übrigens einst in Kindergarten und Schule durch drei berühmte Worte der enttäuschten Drohung: „Das sag ich!“ Dem Kindergartenpersonal, den Eltern oder einer nicht näher bestimmten Autoritätsperson, darum ging es gar nicht. Allein schon das langgezogene a im Sagen reichte als sublime Drohung der Denunziation. (Gelegentlich wurde sie dann auch mit einem weiteren langen a im „Frau Lehraarin“ tatsächlich umgesetzt.) Interessant übrigens, dass das lange a auch im späteren zutiefst österreichischen „ich zeig sie aan“ herauszuhören ist. Ein bisschen Kindergarten steckt offenbar noch in allen von uns. Ich habe das übrigens schon immer gewusst. Und sagen Sie jetzt nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.04.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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