Der Trainingsanzug am Ende der Hundeleine

Wie kann es sein, dass plötzlich Menschen in Jogginganzügen durch Wien Neubau gehen?

Ich jammere nicht, ich stelle nur wehleidig fest. Dass nämlich ein Relikt aus einem früheren Leben plötzlich wieder in der Gegenwart aufschlägt. Und nein, es sind nicht die in eine Serviette eingewickelten Frankfurter, damit man sich nicht die Finger an der heißen Wurst verbrennt. Auch nicht das Ketchup, das in den Achtzigern vor dem Toasten in den Schinken-Käste-Toast gesteckt wurde, um sich danach so richtig schöne Brandblasen auf der Zunge zu holen. Nein, viel schlimmer – der Trainingsanzug ist wieder da. Gut, vielleicht war er ja eh nie wirklich weg, was weiß man schon als modische Nullnummer. Aber dass er des Morgens mitten im Herzen von Wien Neubau plötzlich herumspaziert, verdient zumindest eine Erwähnung. Wobei, so viel Stil muss sein, er tritt fast ausschließlich in Kombination mit einem Hund an der Leine auf. In sattem Neongrün – der Anzug, nicht der Hund – bildet er eine Aura der gewollten Stillosigkeit rund um einen schläfrigen Vollbartträger. Auch ein Leopardenmuster wurde schon beim Streifen durch die morgendliche Neustiftgasse erspäht. Ein Hauch von Simmering durchweht neuerdings Bobostan. Wozu ist man eigentlich damals umgezogen?

„Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte Karl Lagerfeld einmal. Gut, als jemand, dessen Kleidungsstil von Kollegen mit „ausgewaschene Ruderleiberln“ beschrieben wird, darf man da nicht mit Glashäusern werfen. Aber ist es eine kalkulierte ironische Normverletzung? Ein sportlich-proletarisches Zitat in einer viel zu aufgeräumten Seifenblasenwelt? Was dagegenspricht – um sieben Uhr morgens ist hier kaum jemand auf der Straße. Und ein modisches Statement kann nur ein modisches Statement sein, wenn es auch jemand zu Gesicht bekommt. Naja, vielleicht war es ja auch gar kein Trainingsanzug, sondern nur ein Pyjama. Macht das Ganze ja gleich viel besser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.06.2015)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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