Die Rache der Wiederkäuer an ihren Verspeisern

Das Karma taucht oft an ungewohnten Orten auf, etwa in den Zwischenräumen Ihrer Zähne.

Karma ist ein Hund. Eine Quittung, welcher eigenen Untat man zu verdanken hat, dass etwas danebengegangen ist, wird in der Regel nicht ausgestellt. Bei geringfügigen Vergehen ließe sich noch argumentieren, dass sie von der schiedsgebenden göttlichen Instanz sofort geahndet werden, wie es im Volksmund per schadenfrohem Bonmot weitertradiert wird. In anderen Fällen wiederum schlägt es zu einer Zeit zu, in der längst jeder Gedanke an die vergangene Schandtat dahin ist. Und in einem Zusammenhang, der sich auch nicht mehr erschließen lässt, wenn man nicht mit Räucherkerzen und Gläserrücken einen herbeibeschwört.

Umso schöner ist es, wenn es eine logisch herleitbare Erklärung gibt, die beim Sündenfall auch sofort eintritt. Rinder, zum Beispiel, piesacken ihre Verspeiser damit, dass sie sich an deren Zähnen festkrallen, in den Zwischenräumen ihr Lager aufschlagen, um hier noch einmal ein klein wenig Rache zu üben. Kleine Guerillatrupps aus Fleischfasern nötigen dann dem Karmageschädigten ein entwürdigendes Verhalten auf. Wenn er dann versucht, mit Zunge und Kieferyoga den Eindringling aus den Zwischenräumen zu pulen, und damit selbst wie ein Wiederkäuer wirkt. Es ist die solipsistische Version des freundlichen „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen“ des Tischgegenübers. Nur, dass die Person am anderen Ende nichts sieht, schließlich sind Backenzähne in der Regel am Anlächeln zwischen zwei Gängen nicht beteiligt. Dafür gibt es Zungenakrobatik, einen nervösen Blick und je nach Örtlichkeit vielleicht irgendwann den Griff zum Zahnstocher. Irgendwann hat das Rind von dem entwürdigenden Spaß aber genug, strebt in eine höhere Daseinsstufe und lässt die Fasern los.

Aber glauben Sie nicht, dass das Rindvieh das einzige Lebewesen ist, das per Karma zurückschlägt. Auch Spinat kann in dieser Hinsicht ein richtiger Hund sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.03.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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