Leute, die „Weit haben wir’s gebracht“ sagen

Wie weit ist weit von vorher entfernt, wo liegt das genau, und wer ist überhaupt mit wir gemeint?

„Weit haben wir’s gebracht.“ Da stellen Leute diverse Bilder, Filme oder Artikel auf ein soziales Medium ihrer Wahl und kommentieren es mit einem lapidaren „Weit haben wir’s gebracht!“ Ein Satz, der Zivilisationskritik sein soll, aber doch nur ein Rückgriff ist auf eine verklärte Vergangenheit, vergleichbar mit dem „Früher war alles besser“ oder dem „Damals hätt’s das nicht gegeben“. Es ist das zu Worten gewordene Klopfen mit dem Besenstiel an die Decke, weil von oben Schritte zu hören sind. Ein Verhalten, das sich mittlerweile aufgehört hat, oder? Vielleicht, weil moderne Haushaltstechnik die unsachgemäße Nutzung des Geräts hintanhält – versuchen Sie einmal, einen Staubsauger so hoch zu heben, dass man damit auf den Plafond klopfen kann. Wobei die Jugend heute vermutlich nicht einmal mehr weiß, was ein Plafond ist. Weit haben wir’s gebracht.

Vermutlich hat es auch gar keinen Sinn mehr, heutzutage von einem Fauteuil zu sprechen. Ausgesprochen wurde das gepolsterte Sitzmöbel mit Armlehnen früher zwar auch nur bedingt richtig, doch man wusste zumindest noch, was man sich unter dem Fotell vorzustellen hatte. Aber heutzutage, mon dieu! Da fragt man sich schon, wie weit man es gebracht hat und wie weit weit eigentlich ist. Denn die Distanz ist auf der sprachlichen Möbiusschleife nur bedingt korrekt zu messen, schließlich ist nicht klar, ob die Entfernung zwischen dem „Weit“, wo wir es gerade hingebracht haben, und dem, wo wir vorher waren (nah?), so einfach in Zentimetern angegeben werden kann. Und wer weiß, vielleicht wurde man dabei sogar schon vom Weit-Gebrachten überrundet. Wenigstens über das verbindende „Wir“ herrscht keine Diskussion – das Weit-zu-etwas-Gebrachte war eine gemeinschaftliche Leistung von uns allen. Es sei denn natürlich, das „Wir“ ist in Wirklichkeit ein pikiertes „Ihr“. Ist das womöglich so? Wo kommen wir denn da hin?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.03.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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