Wollen Sie den Coffee to go? Nein, to drink

Viele nervende Phrasen sind eine Berufskrankheit. Flapsige Antworten nerven aber genauso.

Zugegeben, Leute, die ständig „zugegeben“ sagen, überstrapazieren gelegentlich die Nerven ihrer Zuhörer. Übrigens ähnlich wie Leute, die ständig „Leute, die“ als Stilmittel einsetzen, um eine bestimmte Menschengruppe der einen oder anderen Schrulligkeit zu zeihen. In vielen Fällen ist das eine Berufskrankheit. Leute, die „To go?“ fragen, zum Beispiel, machen das ja nicht aus purer Freude, sondern weil sie damit eine Information vom Kunden einholen müssen. Das Gegenstück dazu wäre übrigens der Coffee to stay, was aber gern mit „zum hier Trinken“ eingedeutscht wird. Es ist aber nicht angebracht, dem Barista eine Flapsigkeit entgegenzuschleudern. „Coffee to go?“ „No, to drink!“ Die arme Kaffeezubereitungskraft führt bestimmt schon eine Stricherlliste (die im Duden übrigens unter „Strichliste“ läuft – aber sagt das wirklich jemand so?) mit den häufigsten vermeintlichen Scherzantworten. Ähnlich wie die Spendenkeiler auf der Mariahilfer Straße. „Guten Tag, mögen Sie Tiere?“ „Ja, am liebsten gegrillt!“ Ja, es ist ein gegenseitiges Nerven, an das man sich im Lauf der Jahre schon ein bisschen gewöhnt hat.

An manche Dinge wiederum wird man sich nie so richtig gewöhnen. Etwa an den langen Augenblick, den man braucht, um zu erkennen, ob es ein Fenster oder ein Spiegel ist. Sie kennen das, man schaut in einem alten Lokal mit viel Holz und Nischen verbissen auf eine Glasfläche, sucht darin prüfend nach Details aus dem Raum. Und irgendwann bewegt man sich ungelenk ein wenig hin und her, sodass man sich jetzt eigentlich im Spiegelbild sehen müsste. Und erkennt am Ende dann doch nur einen Gast im Nebenzimmer, der hinter der Glasscheibe genau den Blick aufsetzt, den Leute aufsetzen, die sich gerade beobachtet fühlen. Zugegeben, ein unangenehmer Moment. In diesem Fall also den Kaffee lieber zum Mitnehmen, bitte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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