Warum die Österreicher so gern doppelt grüßen

„Guten Tag, Grüß Gott“ als ideologische Brücke, nur was steckt hinter dem „Servus, grüß dich“?

Die Feststellung „Sie kennen das!“ am Beginn eines Textes ist schon ein ziemlich abgelutschtes Stilmittel. Das nicht besser wird, wenn man eine Frage daraus macht. Gäbe es doch so viele andere Möglichkeiten für den Autor, eine direkte Beziehung zu den Lesern herzustellen, ihnen zu signalisieren, dass es jetzt um ein Phänomen geht, das auch sie selbst sicher schon erlebt haben. In diesem Sinn wenden wir uns von dieser Redewendungsfließbandware ab und gehen endlich in medias res: Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass Österreicher gern zweimal grüßen? (Elegant gelöst, finden Sie nicht?) Und nein, damit ist nicht die Wiederholung eines Grußes gemeint, wie er etwa in Deutschland mit dem „moin, moin“ üblich ist. Sondern eine Aneinanderreihung verschiedener Grußformeln, etwa mit einem „Servus, grüß dich!“

Nun muss man wissen, dass die Wahl der Grußformel gelegentlich ein heikles Terrain sein kann. Weil manche Weltanschauung im Gruß nach außen getragen wird – Sie kennen das (verflixt!), wenn etwa dem „Guten Tag“ des Städters in ländlichen Regionen ein demonstrativ lautes „Grüß Gott“ entgegengeschmettert wird. (Und nein, das saloppe „Grüssie“ als weltlicher Kompromiss reicht nicht!) Vielleicht lässt sich ja dadurch das verunsicherte „Guten Tag, Grüß Gott“ erklären, mit dem man ideologisch auf der sicheren Seite bleiben kann. (Auf „Freundschaft, Grüß Gott“ stößt man hingegen selbst bei katholischen Sozialdemokraten selten.) Das „Hallo, Grüß Gott“ wiederum kann hilfreich sein, um sich bei Unbekannten nicht gleich auf ein Du oder Sie festzulegen. Nur was steckt dann hinter „Hallo, servus“, „Ciao, baba“ oder „Baba, pfiati“? Und sagt eigentlich noch irgendjemand „Küss die Hand, meine Verehrung“? Da weiß man manchmal gar nicht so recht, wie man darauf antworten soll – Sie kennen das…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.09.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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