Den Algorithmus im Blut

Ein arabischer Mathematiker hilft bei der Suche nach der Schreibung von Rhythmus nicht weiter.

Abu Dscha’far Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi ist schuld. Kenn‘ ich nicht, werden Sie jetzt sagen, vermutlich eine Figur aus einem besonders schlechten Roman von Karl May (nein, das war nicht der mit „Das Kapital“, der hieß ein bisschen anders). Nun ja, nicht ganz, eigentlich sogar gar nicht. Wobei, mit einem Roman liegen Sie schon mal ganz gut, nur dass es sich halt nicht um belletristische Literatur handelt, sondern um ein Lehrbuch über Ziffern. Und dass unser Freund mit dem langen Namen nicht Protagonist, sondern Autor ist.

Schweifen wir nun ab in eine Konzerthalle und geben uns der taktmäßigen Gliederung hin, in der die Musik gerade an uns vorbeiläuft. Ein Moment, in dem das Gehirn so entspannt ist, dass man plötzlich ins Grübeln kommt: Wie schreibt man eigentlich Rytmus? Also, ob da nicht noch ein h reingehört. Nur wo in den Rhytmus soll man es setzen, dass es rythmisch klingt, gut aussieht und noch dazu sprachlich korrekt ist? Das ist der Moment, in dem Freund Abu wieder auftaucht. Dessen Namensbestandteil ganz am Ende wurde nämlich aus dem Arabischen verballhornisiert. Aus al-Chwarizmi – der Choresmier (Choresmien war eine Großoase in Zentralasien) – wurde bei der Übersetzung aus dem Arabischen ins Lateinische Algorismi. Und aus der von ihm gelehrten Art des Rechnens wurde der Algorithmus – eine Handlungsvorschrift, die etwa in Computerprogrammen in Einzelschritten abgearbeitet wird. Dieser Algorithmus hat jedenfalls mit der Begeisterung beim Konzert überhaupt nichts zu tun – der Rhythmus leitet sich nämlich vom griechischen rhythmós ab, was ursprünglich für das Fließen steht. Als weltgewandter Schreiber weiß man das natürlich, lächelt deswegen milde über jene, die gern einen Algorhythmus auf das Parkett legen würden. Mit einem Hauch von Arroganz klopft man das Wort in die Tastatur – und liest dann, dass man gerade Alorithmus geschrieben hat. Ach, Abu Dscha’far, hättest du nicht ein bisschen einfacher heißen können?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.11.2016)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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