Da müssen wir auch einmal im Sommer herkommen

Auf der Suche nach dem wohl am häufigsten verwendeten Satz von Nebensaisonurlaubern.

Der Friese sagt „Moin“ zu jeder Tageszeit. Beim Einkauf um vier Uhr nachmittags ist das beim ersten Mal ein wenig verwirrend. Ja, ebenfalls guten Morgen, wie war die Nacht? Nur ist der vermeintliche Morgengruß offenbar gar keiner. Der Duden etwa sieht seinen Ursprung im mittelniederdeutschen „moi“, was für schön, angenehm und gut steht. Also eigentlich „guten!“ Und das häufig verwendete „moin moin“ lässt sich dann wohl wahlweise als „guten Guten“ oder „guten Morgen“ verstehen. Je nach Uhrzeit. Soll noch einer sagen, dass Reisen nicht bildet. Wobei, wenn wir schon beim Reisen sind, widmen wir uns doch dem vermutlich am häufigsten verwendeten Satz aller Nebensaisonurlauber. „Da müssen wir auch einmal im Sommer herkommen.“ Ob dick eingemummt im Strandkorb mit Blick auf die Nordsee, einsam auf der winterlich leeren Schinkenstraße an der Platja de Palma oder als einziger Gast im Tauchressort mit einem frustrierten Schweizer Tauchlehrer als Gesprächspartner. Irgendwann stellt sich dieses Gefühl ein, dass die Hauptsaison wohl aus einem bestimmten Grund Hauptsaison genannt wird.

Aber ob Haupt- oder Nebensaison, eigentlich beginnt der Urlaub ja erst, wenn man nachher davon erzählen darf. Vom herben Charme des Nordfriesen, der auf die Frage nach dem nächsten Supermarkt antwortet: „Edeka, schweineteuer!“ Von einem Mischgetränk aus Kakao und Rum, das unter dem Namen „Tote Tante“ angeboten wird. Oder von einer Robbe namens Willi, die in einem Hafenbecken auf Futter von den Touristen wartet – und der Fischhändler selbstverständlich „Heringe für die Robbe“ zu 1,50 Euro pro Stück anbietet. Und ja, die Menschen nützen das Angebot und werfen Fisch um Fisch ins Becken. Zum Glück sind es nicht so viele, dass sich die Robbe überfressen könnte. Dafür müsste man vermutlich einmal im Sommer herkommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.05.2017)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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