Das Dilemma mit dem Grün hinter den Ohren

Grünschnäbel sind ja eigentlich eher gelb, aber wie kommt die Farbe dann an andere Körperstellen?

Gibt es ein Wort für den Moment, in dem man nach dem Bezahlen an der Kassa beim Einräumen bemerkt, dass die leeren Pfandflaschen noch immer im Rucksack herumliegen? Im Augenblick der Pfandflaschenrückgabenvergessensverfluchung jedenfalls ist man kurz sprachlos und stellt resigniert fest, dass man trotz einiger Jahrzehnte Erfahrung beim Einkaufen immer noch ein Grünschnabel ist. Apropos, fragt man sich dann, woher kommt eigentlich dieser Begriff (Grünschnabel, nicht Einkaufen)? Nun, der kommt wenig überraschend aus der Biologie und leitet sich von der eigentlich eher gelblich als grünen Haut ab, die junge Vögel am Schnabelansatz haben – die ist uns doch allen schon aufgefallen, oder? Wie auch immer, der Gelb- oder Grünschnabel als Bezeichnung für einen unerfahrenen jungen Menschen hat bei Menschen ja seine anatomischen Schwächen. Schon eher passend wäre die Wendung, dass man noch grün hinter den Ohren ist.

Als begeisterter Ornithologe weiß man naturgemäß nicht, ob Kleinkinder grüne Stellen hinter den Ohren haben. Aber man kann sich herleiten, dass Grün auf das althochdeutsche gruoni zurückgeht, das mit dem Verb gruoen (wachsen, sprießen) zusammengehört. Das wiederum lässt sich mit Begriffen wie unreif (kennen wir ja vom Obst) oder unerfahren zusammenspannen. Gleichzeitig kann man hinter den Ohren aber auch feucht sein – das dürfte daher kommen, dass Kinder nach der Geburt noch ein wenig Fruchtwasser an zum Abtrocknen weniger gut zugänglichen Stellen haben.

Um sich seines Alters zu vergewissern, kratzt man sich also kurz am Ohr, spürt die Trockenheit und muss sich eingestehen, dass wohl eher nicht der jugendliche Leichtsinn für das Pfandflaschendilemma verantwortlich war. Schade, eigentlich. Denn dann wäre die Option „wenn ich einmal groß bin . . .“ noch offen geblieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.01.2018)

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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