Werden tote Bäume in Särgen begraben?

Im Übrigen sollte man gegen die Phrase „rechtliche Schritte prüfen“ rechtliche Schritte prüfen.

Und jedes Mal diese Überraschung, wenn die Coladose aus dem Automaten beim Öffnen überschäumt. Dabei hat man doch ohnehin vorher ein paar Mal mit dem Zeigefinger auf den Deckel geklopft, damit es diesmal nicht schon wieder passiert. Vermutlich sollte man rechtliche Schritte gegen die Dosenhersteller prüfen. Oder gegen die Automatenaufsteller. Oder am besten gleich gegen alle. Apropos, diese Phrase wurde in den vergangenen Wochen so häufig aus dem sprachlichen Baukasten genommen, dass man bei Runtastic schon das Programmieren einer eigenen SchrittzählerApp für Juristen prüft. Kann also bitte endlich jemand rechtliche Schritte gegen die Verwendung von „rechtliche Schritte prüfen“ prüfen! Oder beim rechtlichen Schreiten, wenn man es schon unbedingt prüfen muss, zumindest weniger aufstampfen. Dann gibt es auch weniger Erschütterungen, die Kohlensäure will nicht so vehement aus der Dose und man spart sich das würdelose Aufsaugen des Colaschaums vom Dosenrand.

Nicht viel besser ist es übrigens, wenn man sich rechtliche Schritte vorbehält. Das heißt ja in Wirklichkeit auch nur, dass man prüft, ob man sie prüft. Und eine Prüfungssituation ist unangenehm. Nicht auszudenken, wenn da plötzlich eine Frage kommt, auf die man nicht vorbereitet ist und bei der man dementsprechend nicht auf eine plötzliche Prüfungseinsicht hoffen kann. Etwa, ob tote Bäume in Särgen begraben werden. Und wenn ja, woraus die gemacht sind. Ob man sich entschuldigen muss, wenn jemand schlecht von einem geträumt hat. Oder ob der Bus wirklich schneller kommt, wenn möglichst viele Leute ihren Kopf nach vorn strecken und schauen, ob er bald kommt. Kommt er übrigens nicht, kommt man mit dem Prüfen rechtlicher Schritte auch keinen Schritt weiter. Aber das geht jetzt eigentlich schon einen Schritt zu weit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.10.2016)

Warum landen Meteoriten eigentlich immer in Kratern?

Fragen, die leider viel zu selten gestellt werden – vermutlich werden sie vom System unterdrückt.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie sehr sich die Natur an unsere Maßeinheiten hält? Es kann doch kein Zufall sein, dass Wasser genau bei null Grad friert und bei 100 Grad kocht! Dass ein Tag genau 24 Stunden lang dauert, trifft sich auch perfekt – nicht vorzustellen, was wir mit unseren Uhren anfangen würden, sollte es nicht so sein. Und was für ein Glück muss Jesus gehabt haben, dass er genau zu Weihnachten auf die Welt gekommen ist – und das auch noch im Jahr 0. Das kann doch alles kein Zufall sein. Genauso sollten wir uns einmal darüber Gedanken machen, warum Meteoriten eigentlich immer in Kratern landen. Da muss eine gröbere Verschwörung im Gange sein. Und wie soll man sich im Übrigen vorstellen, dass eine Frau 1,46 Kinder bekommen soll, wie das in den Medien immer wieder zu lesen ist. Kann man das 0,46-Kind wenigstens mit einem zweiten zu einem ganzen zusammensetzen? Aber ganz abgesehen davon – haben Zebras eigentlich weiße oder schwarze Streifen? Warum wird man nicht geblendet, wenn man sich ein Foto der Sonne anschaut? Oder macht man sich dabei auch die Augen kaputt und bemerkt es nur nicht?

Unangenehm ist es auch, wenn man einen Eiswürfel verschluckt hat – und man wartet und wartet, nur kommt er einfach nicht wieder heraus. Was soll man in so einer Situation nur tun? Dürfen Vegetarier Fruchtfleisch essen? Ist Unfruchtbarkeit erblich? Bekommt man eigentlich Geld zurück, wenn man in einem Taxi sitzt, das rückwärts fährt? Müsste eine Schwangerschaft bei Zwillingen statt neun nicht 18 Monate dauern? Warum ist das Wort einsilbig dreisilbig? Was passiert, wenn man sich zwei Mal halb tot gelacht hat? Und nicht zuletzt sollten wir uns auch eine medienkritische Frage stellen: Warum passiert auf der Welt immer genau so viel, wie in die Zeitung passt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.10.2016)

Mit einem Bankomaten kann man nicht einkaufen gehen

„Ich zahl mit Bankomat.“ Ja, eh. Nur, dass ein Geldautomat halt nicht in eine Geldbörse passt.

Sie müssen sich das so vorstellen: Ich bin der Taxler. Die Kolumne ist das Taxi, und Sie dürfen dann alle mitfahren. Ich bring‘ die Fuhr wohin, mehr kann ich nicht tun. Und am Ende stehen wir an der Kassa, wo irgendjemand sagt, dass er mit Bankomat zahlen möchte. Blöd nur, dass so ein ganzer Geldautomat nie im Leben in die Geldbörse passt. Und auch in der Registrierkassa ist kein Platz dafür, geschweige denn gibt es einen sinnvollen Umrechnungskurs für das Wechselgeld. Im Zweifelsfall zahlt es sich also aus, statt mit dem Automaten lieber mit der Bankomatkarte zu zahlen. Es sei denn, natürlich, dass Ihre Geldtasche so etwas wie eine TARDIS ist – eine fiktive Raum-Zeit-Maschine aus der Science-Fiction-Serie „Doctor Who“. Die zeichnet sich dadurch aus, dass sie im Inneren viel größer ist, als sie von außen vermuten lässt. Im britischen Raum ist das ein geflügeltes Wort, während man es hierzulande kaum kennt. Aber wenn wir gerade dabei sind – der Name der Maschine ist ein sogenanntes Backronym, also ein Wort, dessen Buchstaben nachträglich als Anfangsbuchstaben von Wörtern interpretiert werden. Bei TARDIS war „Time And Relative Dimensions In Space“ gemeint.

Kennzeichen des Backronyms ist, dass dem Wort erst nachträglich eine Bedeutung zugewiesen wird – etwa „Errare humanum est“ für Ehe. (Höhö!) Sein Gegenstück, das Apronym, wird dagegen gezielt aus einzelnen Wörtern zu einem existierenden Wort zusammengesetzt. So wie beim Studentenaustauschprogramm Erasmus, das für „European community action scheme for the mobility of university students“ steht. Und sowohl Apronym als auch Backronym sind Sonderformen des Akronyms – Sie wissen schon, Billa steht für Billiger Laden. Was wir aus all dem lernen? Im Endeffekt eigentlich nur, dass man eigentlich nicht mit Bankomat zahlen kann. Aber das muss im Endeffekt jeder selbst wissen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.09.2016)

Leute, die gleichzeitig reden

Wenn zwei in einer Dreiergruppe sich nicht einig sind, wer spricht, leidet vor allem der Dritte.

Wir brauchen eine Redepolizei. Das hat nichts mit Sprachpolizei zu tun, die einschreitet, wenn jemand Kindern etwas lernen will oder einen Wehmutstropfen aufspürt – die ist natürlich auch sinnvoll und notwendig, aber diesmal geht es um jemanden, der einschreitet, wenn das Reden zu L’art pour l’art verkommt. Das passiert regelmäßig, wenn Menschen nicht auf ihr Gegenüber achten, Hauptsache, sie sagen etwas. Nun ist Logorrhoe schon im Zwiegespräch anstrengend, doch besonders bitter ist eine Dreierkonstellation. Wenn nämlich zwei in der Runde gleichzeitig mit einem Satz beginnen. Nur, dass sie dann nicht, so wie Autofahrer an einer Kreuzung, sich den Vorrang ausmachen. Sondern beide unbeirrt weitersprechen – und dabei den unbeteiligten Dritten anschauen. Der ist dann in der bitteren Situation, dass er nicht zwei Menschen gleichzeitig zuhören kann. So springt er von einem zum anderen, blickt hilflos erst in die eine, dann in die andere Richtung. Doch die beiden kennen keine Gnade, wollen ihre Sätze zu Ende bringen. Verstehe sie jemand oder auch nicht. Erste Schweißtropfen bilden sich, das mit dem Multitasking wird nichts, nur wen schaltet man nun aus? Der, den man ausbremst, ist dann sicher beleidigt. Und wer weiß, vielleicht hätte er ja das Interessantere zum Gespräch beizutragen gehabt.

Kann sich in dieser Situation nicht einfach der Himmel auftun, ein geflügeltes Einhorn nach unten stechen, auf dem ein uniformierter Götterbote sitzt? Der dann den Zeigefinger auf seine Lippen legt und die eben noch sprudelnden Münder der Logorrhoetiker zu einem trockenen O formen lässt. „Kinder“, würde er mit sanfter Stimme sagen, „wenn ihr so durcheinanderquatscht, versteht doch kein Mensch etwas.“ Von einer Strafe würde er absehen, sie nur mit einem „beim nächsten Mal aber . . .“ zurücklassen. Und der eben noch arme Dritte könnte ein Lächeln aufsetzen, einen der beiden anblicken und fragen: „Was wolltest du gerade sagen?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.09.2016)

Gute Wahl!

Es passiert selten, dass Kellner eine Bestellung mit einem verschreckten „Sind Sie sicher?“ quittieren.

Sehr gern bekommt man ein virtuelles Klopfen auf die Schulter, ein kleines Zeichen der Anerkennung. Kellner wissen das. Und so nicken sie zustimmend, zwinkern aufmunternd oder spielen mit ihrer Mimik ein anerkennendes Staunen, wenn man ihnen aus der Speisekarte vorliest. „Gute Wahl“, kommt dann gern. Natürlich ist die Wahl gut, mein Lieber, ist ja auch von mir. Nur bleibt da dieser Verdacht, dass er das bei jeder anderen Bestellung auch gesagt hätte. Zumindest passiert es selten, dass er mit großen Augen fragt: „Sind Sie sicher?“ Oder gar auf die Bestellung hin den Mund verzieht, mit den Augen rollt und ein flehentliches „Na, ned!“ stammelt. Hätte allerdings was – das verschwörerische Neigen des Körpers, die Hand an die Seite des Mundes gelegt und das Flüstern ins Ohr: „Bestellen Sie auf keinen Fall den Zwiebelrostbraten – den kann unser Koch nämlich so wirklich gar nicht.“ In diesem Fall böte sich eine Wahlwiederholung an – wobei Wiederholung impliziert, dass man es noch einmal genauso macht wie vorhin. Also sprechen wir lieber vom zweiten Versuch.

Dabei nutzen die Gäste ihre Wahloptionen ohnehin kaum mehr so, wie sie vorgesehen sind. Gibt es eigentlich noch Menschen, die einfach das bestellen, was auf der Karte steht? Ohne einen Zusatz, der meist mit den Worten „aber ohne“ eingeleitet wird. Ob man statt des Dings etwas anderes als Beilage haben kann? Oder ob das Tartar eh gut durchgebraten ist. . . In Lokalen mit elektronischen Bestellsystemen, bei denen der Kellner mit einem Stift die gewählten Speisen auf einem Display antippt, schlägt dann die Stunde des offenen Eingabefelds. Und gern wüsste man, ob dann nicht kleine Notizen mit in die Küche wandern. „Der Lästerbold auf Tisch drei hat wieder Extrawürste.“ In Momenten wie diesen blitzt dann auch manchmal hinter der freundlichen Fassade dieser Anflug von Ehrlichkeit aus der Mimik des Kellners hervor. „Von mir aus, es müssen ja eh nur Sie essen.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.09.2016)

Warum die Österreicher so gern doppelt grüßen

„Guten Tag, Grüß Gott“ als ideologische Brücke, nur was steckt hinter dem „Servus, grüß dich“?

Die Feststellung „Sie kennen das!“ am Beginn eines Textes ist schon ein ziemlich abgelutschtes Stilmittel. Das nicht besser wird, wenn man eine Frage daraus macht. Gäbe es doch so viele andere Möglichkeiten für den Autor, eine direkte Beziehung zu den Lesern herzustellen, ihnen zu signalisieren, dass es jetzt um ein Phänomen geht, das auch sie selbst sicher schon erlebt haben. In diesem Sinn wenden wir uns von dieser Redewendungsfließbandware ab und gehen endlich in medias res: Ist Ihnen eigentlich schon aufgefallen, dass Österreicher gern zweimal grüßen? (Elegant gelöst, finden Sie nicht?) Und nein, damit ist nicht die Wiederholung eines Grußes gemeint, wie er etwa in Deutschland mit dem „moin, moin“ üblich ist. Sondern eine Aneinanderreihung verschiedener Grußformeln, etwa mit einem „Servus, grüß dich!“

Nun muss man wissen, dass die Wahl der Grußformel gelegentlich ein heikles Terrain sein kann. Weil manche Weltanschauung im Gruß nach außen getragen wird – Sie kennen das (verflixt!), wenn etwa dem „Guten Tag“ des Städters in ländlichen Regionen ein demonstrativ lautes „Grüß Gott“ entgegengeschmettert wird. (Und nein, das saloppe „Grüssie“ als weltlicher Kompromiss reicht nicht!) Vielleicht lässt sich ja dadurch das verunsicherte „Guten Tag, Grüß Gott“ erklären, mit dem man ideologisch auf der sicheren Seite bleiben kann. (Auf „Freundschaft, Grüß Gott“ stößt man hingegen selbst bei katholischen Sozialdemokraten selten.) Das „Hallo, Grüß Gott“ wiederum kann hilfreich sein, um sich bei Unbekannten nicht gleich auf ein Du oder Sie festzulegen. Nur was steckt dann hinter „Hallo, servus“, „Ciao, baba“ oder „Baba, pfiati“? Und sagt eigentlich noch irgendjemand „Küss die Hand, meine Verehrung“? Da weiß man manchmal gar nicht so recht, wie man darauf antworten soll – Sie kennen das…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.09.2016)

Auf den Finger spucken und damit das Gesicht abwischen

Mögen Sie es auch so gern, wenn Dinge passieren, die Sie eigentlich gar nicht so gern mögen?

Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit Ihnen am Tisch sitzt, irgendwann den Zeigefinger hebt und wortlos auf den Salzstreuer zeigt? Das „Darf ich bitte das Salz haben?“ in seiner unsympathischsten Ausprägung. Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand „Darf ich kosten?“ fragt – und im gleichen Moment schon mit der Gabel auf Ihrem Teller herumfuhrwerkt? Mögen Sie es umgekehrt auch so gern, wenn Ihnen jemand anbietet, etwas von seinem Essen zu probieren – das aber nicht nur verbal macht, sondern indem er Ihnen die Gabel direkt vor das Gesicht hält? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit den Worten „Darf ich eh das letzte haben?“ das einzige verbliebene Kuchenstück vom Teller nimmt? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand beim Essen aus seinem Hemdsärmel ein Taschentuch nimmt, sich schnäuzt und es dann wieder zurück in den Ärmel steckt? (Abgesehen davon, mögen Sie es auch so gern, dass Sie in der Schule noch schneuzen gelernt haben, es seit 1996 aber nicht mehr so schreiben dürfen?) Mögen Sie es auch so gern, wenn der Sitznachbar die Nudelsuppe zu einem guten Teil in seinem Vollbart ablegt? Mögen Sie es auch so gern, wenn er beim Schlürfen der Nudeln auch noch Suppe auf Ihren Platz spritzen lässt? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit der Gabel auf dem leeren Teller herumkratzt? Mögen Sie es auch so gern, wenn Ihr Gegenüber sich den Finger ableckt – oder gar auf ihn spuckt –, um Ihnen damit einen Fleck aus dem Gesicht zu wischen? Mögen Sie es auch so gern, wenn diese Person dann „Jetzt sei nicht so empfindlich“ sagt, wenn man ihr mitteilt, dass man auf fremden Sabber im Gesicht gar nicht so steht?

Und noch etwas: Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand pseudorhetorische Fragen stellt, die mit „Mögen Sie es auch so gern“ beginnen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.08.2016)

Das unbefriedigendste Geräusch der Welt

Die Ketchupflasche, der Strohhalm und der Schuh, der wie ein kaputter Reifen umherschlapft.

Es sind die großen Probleme in der Welt, die einen irgendwann resigniert mit den Schultern den Hampelmann machen lassen. Aber es ist immer ausreichend Zorn vorhanden, um sich über kleine Dinge aufzuregen. Über die Zahnpastatube, die zwei Drittel ihres Inhalts dann preisgibt, wenn man über Wochen nur in mühseliger Kleinstarbeit noch die letzten Reste herausdrücken will. Über die Rechnung beim Bäcker, die 2,54 Euro ausmacht – und man genau 2,53 Euro in der Tasche hat, deswegen mit einem Zehner bezahlen muss und das Wechselgeld in Cent gestückelt bekommt („Ich hab’s leider nur in Münzen . . .“). Oder über Geräusche. Den tropfenden Wasserhahn, das Scheren mit der Gabel über einen Porzellanteller oder die Rückkopplung des zu laut aufgedrehten Mikrofons beim Feuerwehrfest.

Es soll Menschen geben, die das Geräusch von Flipflops mögen, wenn sie beim Gehen monoton auf die Fußsohle klatschen. In den Ohren anderer ist es ein widerliches Schlapf, als würde ein platter Reifen bei jeder Umdrehung auf den Asphalt aufklatschen. Getoppt wird das vom Geräusch, das eine Ketchupflasche macht, sobald man sie zwei Mal verwendet hat. Ab dann nämlich kommt zu zwei Dritteln vor allem Luft aus der Flasche. Überholt die zähflüssig herabfließende Paradeisflüssigkeit und drückt dabei auf die Lufthupe. Luft ist auch die Hauptdarstellerin beim unbefriedigendsten Geräusch der Welt: Nehmen wir die Versuchsanordnung volles Glas mit Limonade, Strohhalm und einen Menschen, der die Flüssigkeit heraussaugt. Am Ende saugt man am letzten rettenden Strohhalm, um noch etwas Flüssigkeit nach oben zu ziehen, doch es ist nur noch Luft übrig. Und ein Geräusch à la „Brftftftft“. In diesem Moment bleibt dann nur mehr die Resignation. Lass es gut sein, es ist vorbei. Insofern ist das also doch eines der wirklich großen Probleme der Welt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.08.2016)

Endlich ein guter Anlass für Panikmache

Wenn es einen guten Anlass gibt, werden dann Boulevardblätter per Hubschrauber abgeworfen?

„Die österreichischen Sicherheitsbehörden sehen aktuell keinen Anlass für Panikmache“, ließ das Innenministerium vergangene Woche verlauten. Das ist einerseits beruhigend, weil es das wohlige Zurücklehnen in der Hollywoodschaukel (gibt es die heute überhaupt noch?) erlaubt. Andererseits aber auch extrem beunruhigend, denn wenn es aktuell keinen Anlass gibt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass es ja wohl irgendwann einen Anlass für Panikmache geben muss. Wann mag wohl der Zeitpunkt sein, zu dem aus dem Ministerium die Anweisung kommt, sofort Panikmache einzuleiten? Werden dann Sirenen darauf hinweisen? Oder Boulevardblätter mit reißerischen Schlagzeilen per Hubschrauber über dem Land abgeworfen? Wir werden alle sterben! Pack die Badehose ein, die Sintflut ist da!

Wenn wir schon bei den Floskeln in der Berichterstattung rund um den Sicherheitsapparat sind – die Redewendung, dass die Ermittlungen „auf Hochtouren“ laufen, ist nur eine Chiffre dafür, dass es in einem Fall gerade nichts Neues zu berichten gibt. Und wenn das Phrasenschwein besonders laut quiekt, dann haben wohl irgendwo gerade wieder die „Handschellen geklickt“. Jemanden einfach festzunehmen reicht offenbar nicht. Wobei, verwendet die Polizei in solchen Fällen nicht mittlerweile Kabelbinder statt Handschellen? Wie das dann wohl klingen würde? „Und dann rastete der Kabelbinder ein.“ Fairerweise muss man anmerken, dass manche Phrase vor allem aus amerikanischen Filmen kommt – „Bitte treten Sie zurück, es gibt nichts zu sehen“, zum Beispiel. Aber auch „Sie haben das Recht zu schweigen“ oder „Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann gegen Sie verwendet werden“. In diesem Sinne, nur keine Panik. Und sollten noch Fragen offen sein, dann einfach das Schweigen hinnehmen. Denn ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.

(Print-Ausgabe, 08.08.2016)

Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind

Wer sagt, dass er nichts zu sagen hat, bedient das Paradoxon vom schweigenden Sprechen.

Zu den Dingen, die einen so richtig sprachlos machen, gehören auch Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind. Schweigend ins Gespräch vertieft, quasi. Wäre es nicht authentischer, in einem solchen Moment tatsächlich nichts zu sagen? Mit offenem Mund dazustehen, die Situation auf sich wirken zu lassen? Und nicht einfach aus dem Glauben heraus, etwas sagen zu müssen, nur zu sagen, dass man nichts zu sagen hat? Und selbst, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben, heißt das nicht, dass es etwas Sinnvolles sein muss. „Dann siehst du einmal, wie es ist, wenn . . .“ ist eine dieser Phrasen. Es ist nicht viel mehr, als jemandem eine schlechte Erfahrung zu wünschen oder sich an einer bereits erlebten zu weiden. Es ist die erwachsene Version des kindlichen „Nichts getroffen, Schnaps gesoffen, eh oh eh!“. Aus dem Alter sollten wir eigentlich schon draußen sein, oder?

Gerhard Bronners „Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort“ (ja, das ist nicht das Original im Wienerischen, sondern eine Abwandlung auf Hochdeutsch, aber man soll das ja auch jenseits des österreichischen Tellerrands verstehen) scheint heutzutage auch das Sprachliche erreicht zu haben. Apropos „heutzutage scheint“ – das heißt nicht, dass früher alles besser war. Das ist nämlich genauso unsinnig. Ja, damals im Mutterleib war es noch schön warm und behaglich. Aber wollen wir wirklich dorthin zurück? Immerhin, einen Vorteil hätte das: Der Druck wäre weg, zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Ob man nun eine Ahnung davon hat oder nicht. Hauptsache meinungsstark, irgendetwas wird schon stimmen daran. Und wenn nicht, macht es eigentlich auch nichts. Hört eh keiner so genau zu, weil jeder damit beschäftigt ist, selbst etwas zu sagen. Und sei es nur, dass man eigentlich gerade gar nichts zu sagen hat. Gibt es eigentlich auch das Wort schreiblos?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.08.2016)