Good bye, little PIN-Code

Die Bankomatkarte hat einen PIN-Code. Das Handy hat einen PIN-Code. Und die Kreditkarte hätte auch einen, nur verwendet man den fast nie. Das Spannende an der vierstelligen Zahlenkombination ist, dass sie immer da ist, wenn man sie braucht. Und wenn man sie nicht braucht, stört sie im Kopf nicht mit aufdringlicher Anwesenheit. Soll heißen, dass die vier Ziffern für das Handy erst dann auftauchen, wenn der Daumen über das Zahlenfeld auf dem Display streicht. Und dass auch der Bankomatcode sich erst dann meldet, wenn man ihn tatsächlich in ein Terminal eintippen muss. Dabei scheint jeder Code genau zu wissen, zu welchem Gerät er gehört.

Allerdings, gelegentlich schwächelt das System dann doch. An jenem Morgen, zum Beispiel. Gerade war der Auftritt im Frühstücksfernsehen zu Ende gegangen – er verlief, sagen wir, turbulent. Als die Regie die Sekunden bis zum Rotlicht herunterzählte, waren die Moderatoren noch nicht auf dem Platz und ich allein auf der Couch. Ähem, hallo? Kommt da noch jemand? In letzter Sekunde sprang das Duo ins Studio und machte punktgenau die Moderation. Gut. Jedenfalls wollte ich dieses Erlebnis nachher verarbeiten. Schaltete das Handy ein. Drückte vier Tasten. Falscher Code. Er war weg. Komplett.

Minuten später tauchten die richtigen vier Ziffern wieder auf. Stimmt, genau so ging er. Tippen. Falscher Code. Oh. Dreimal will man es dann doch nicht probieren, sonst wird das Gerät gesperrt. Also weg mit dem Handy in die Tasche. Und gleich danach wieder raus – in solchen Momenten der Einsamkeit will man sich der Welt ja mitteilen. Vielleicht eine SMS an die Freundin… Oh. Geht ja wieder nicht ohne PIN.

Eine halbe Stunde später, dazu einen Espresso und ein Croissant, da war er auf einmal wieder da. Als wäre er nie weg gewesen. Die Ziffern des zweiten Versuchs waren schon richtig – nur die Reihenfolge war vertauscht. Und der erste Versuch? Das war, so stellte sich später heraus, der Bankomatcode.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.03.2013)

Warum muss Kärnten immer wunderschön sein?

Kärntner haben eine sprachliche Eigenheit. Wann immer sie von ihrem Bundesland – oder einem Teil davon – sprechen, muss davor ein „schön“ oder sogar ein „wunderschön“ stehen. Nun ist schon klar, dass Österreichs südlichstes Bundesland teils spektakuläre Berge, Seen und Sehenswürdigkeiten hat. Doch ist es wirklich notwendig, das in jedem Satz extra betonen zu müssen? Und nein, das betrifft nicht nur Politiker – auch sonst unauffällige und über regionalpatriotische Gefühle erhabene Zeitgenossen kommen nicht ohne das behübschende Adjektiv aus, sobald das Gespräch auf das „schöne Millstättertal“, das „bezaubernde St. Michael an der Gurk“ oder ganz generell auf das „wunderschöne Kärnten“ kommt. Warum machen sie das? Warum reicht nicht einfach der Ortsname? In anderen, ebenfalls zum Teil ganz reizenden Teilen des Landes geht es ja auch ohne. Gut, vermutlich haben die Kärntner heute, am Tag nach der Landtagswahl, ohnehin andere Sorgen als diese Frage, aber sie musste halt einfach einmal gestellt werden.

Damit kein Missverständnis aufkommt, das hat nichts mit Kärnten-Bashing zu tun, es interessiert mich wirklich! Abgesehen davon gibt es eine ähnliche sprachliche Unsitte auch in anderen Bundesländern – wenn auch abseits regionaler Selbstbewunderung. Meist taucht sie in eine Frage verpackt auf. Wenn sich etwa jemand erkundigt, was denn zu Mittag auf dem Tisch stehen wird: „Was gibt’s denn Gutes?“ Nun, Schnitzel, vermutlich, aber wer sagt, dass sie gut sind? (Umgekehrt sollte man aber auch sanktionieren, wenn man auf die Frage, was es gibt, die Antwort „etwas Gutes“ bekommt.) Oder auch: „Was liest du denn Schönes?“ Diese Frage ist nicht viel besser – denn meist ist es einfach nur ein schlechter Roman, durch den man sich aus Pflichtbewusstsein bis zum Ende quält. Man kann ja nicht die ganze Zeit nur in Reiseführern blättern, etwa über das schöne Kärnten…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.03.2013)

Wie ein Badeschwamm Sänger von AC/DC wurde

Mitreden wollen, ohne vom Thema allzu viel Ahnung zu haben, kann zu Anekdoten führen, die irgendwann in einer Kolumne landen. Ein solcher Warnhinweis hätte vielleicht auch jener jungen Dame mit nur rudimentärem Interesse an Rockmusik geholfen, um die es sich hier drehen soll. Aber beginnen wir von vorn, nämlich bei einer Phrase, die unter Musikinteressierten zum absoluten Standardrepertoire gehört, nämlich „die alten Sachen“. Kaum eine Diskussion kommt ohne sie aus – „Iron Maiden sind schon gut, aber wirklich genial sind nur die ersten beiden Alben, die alten Sachen halt“, zum Beispiel. Mal wird kritisiert, dass die Psychedelic-Rocker Pink Floyd nach dem Rauswurf von Syd Barrett nie mehr so richtig gut wurden. Ein anderes Mal wird Schockrocker Alice Coopers Werk gelobt – „aber nur bis 1975, die alten Sachen halt“. Und immer wieder hört man auch Kritik, dass die australischen Rocker AC/DC mit Sänger Brian Johnson nie so toll sein können, wie sie es noch mit dem alten Sänger waren. Ja, mit Bon Scott, der 1980 an seinem eigenen Erbrochenen erstickte, da klangen sie halt noch ganz anders, lautet dann das Lamento.

Verbringt man nun seine Zeit mit derlei musikalischen Phrasendreschern, bleibt einiges davon hängen, zumindest in Teilen. Und das kann bei Bedarf, oder wenn es zumindest nach einem Bedarf aussieht, auch schnell reproduziert werden. Also ging eines Tages eine kleine Truppe rockmusikbegeisterter Menschen, unter ihnen auch die eingangs erwähnte junge Dame, in ein Lokal. Als aus den Lautsprechern plötzlich ein hartes Gitarrenriff erklang und sich danach ein kreischender Gesang erhob, da sah sie ihre Chance gekommen, endlich auch einmal auftrumpfen zu können. „Die klingen wie AC/DC“, rief sie begeistert in die Menge. „Aber noch so wie die alten, ihr wisst schon, die mit Spongebob!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.02.2013)

Bitte während des Essens keine Fotos zu machen

Es gibt kaum eine bessere Möglichkeit, Menschen fotografisch in ein schlechtes Licht zu rücken, als sie beim Essen abzulichten. Im besten Fall drückt man genau in jenem Moment ab, in dem die Gabel kurz davor ist, das Stück in den weit aufgerissenen Mund zu laden. Viel hilfloser kann man kaum wirken, fast wie ein Hund, der sich bei Gefahr auf den Rücken legt und seine Weichteile dem Feind als Friedensangebot darlegt. Den Blick starr geradeaus gerichtet, vielleicht verschwindet die Pupille sogar ein wenig unter dem Augenlid, die Zunge tastet sich gerade vor zum Bissen, die leicht nach vorn gebeugte Haltung verkürzt ihr dabei den Weg – nun, das ist nicht unbedingt die Pose, in der sich Models auf dem Titelblatt von „Vanity Fair“ üblicherweise präsentieren.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich manche Speisen einfach nicht dazu eignen, würdevoll konsumiert zu werden. Nudeln zum Beispiel. Beim Verspeisen eines Asia-Nudel-Snacks sollte man tunlichst darauf achten, dass vorher alle Menschen in der Umgebung ihre Kameras abgeben. Besonders bitter ist es bei Bucatini, den spaghettiartigen Teigwaren, die innen hohl sind – denn will man sie aufsaugen, wirken sie wie ein Strohhalm. Soll heißen, man saugt viel Luft – und ein bisschen Sugo – in den Mund, die Nudel selbst hängt weiter in voller Länge aus dem Gesicht. Es sind böse Menschen, die in einer solchen Notlage nicht zur Schere greifen, um dem bedauernswerten Nudelopfer zu Hilfe zu eilen, sondern das Handy zücken und den entwürdigenden Moment für die Nachwelt festhalten.

Doch manchen Opfern der Fütterungspaparazzi scheint das gar nichts auszumachen – sie stellen die Bilder sogar noch auf Facebook… Sieht danach aus, dass die Food-Pornografie, bei der nur das Essen selbst abgelichtet wird, eine Steigerung erfahren hat. Wird spannend, wann bei Facebook die ersten Bilder auf der Toilette zu Profilbildern gemacht werden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.02.2013)

Das Schwedenbombe geht mir auf den Keks

Eine Dissertation sollte eine selbstständig verfasste Arbeit sein, die in der Regel vom aktuellen Forschungsstand ausgehend einen Wissenszuwachs enthalten soll. Sie sollte so eigenständig gestaltet sein, dass sie auch ein paar Jahrzehnte nach ihrer Entstehung einer Prüfung auf ihre handwerkliche Qualität gewachsen ist. Und schließlich schadet es auch nicht, wenn das Thema der Arbeit eine gewisse wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz hat. Eine Dissertation mit dem Titel „Die Repräsentation der Schwedenbombe in der deutschsprachigen Popmusik“ wäre also vermutlich nicht würdig. Schade, schließlich waren die in Schokolade gehüllten Schaumungetüme in den vergangenen Tagen – Achtung, Kalauer! – in aller Munde. Auf YouTube tauchte ein Schwedenbomben-Song (Auszug aus der Endreimschlacht: „Echte Bomben sind gefährlich, die vom Niemetz unentbehrlich“) auf. Andere wiederum gruben aus dem Archiv Heli Deinboeks „Killer vom Billa“ aus, in dem sich folgende Zeile findet: „Der Austro-Terrorismus hat a Goschen voller Plomben. In Irland werfens echte, doch bei uns nur Schwedenbomben.“

Dann also doch lieber ein anderes Dissertationsthema. Eine wissenschaftlich höchst relevante Fragestellung wäre etwa, warum Kekse in Deutschland (außer in Bayern) männlich, in Österreich dagegen sächlich sind. Und warum einem Menschen, obwohl es doch „das Keks“ heißt, auch hierzulande „auf den Keks gehen“ können. Warum können die Nervensägen ihren Spaziergang nicht auf „das Keks“ verlegen? Und warum kann ein Keks im Sprachgebrauch überhaupt die Rolle der neurologischen Leiter im Körper übernehmen? Wenn das mürbe Backwerk das kann, dann müsste das doch ein schokoüberzogenes Schaumgebäck auch zusammenbringen. „Du gehst mir auf das Schwedenbombe“ also. Apropos, seit wann gibt es eigentlich bei Ikea keine Schwedenbomben mehr?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.02.2013)

Schönen Tag noch!

Wann hat es sich eigentlich eingebürgert, dass man beim Verlassen eines Geschäfts immer ein „Schönen Tag noch!“ nachgerufen bekommt? Früher hat ja auch „Auf Wiedersehen“ gereicht. Doch mittlerweile scheint die austrifizierte Version des angloamerikanischen „have a nice day“ zum Pflichtprogramm in Verkäuferausbildungsseminaren zu gehören. Rein inhaltlich mag das ja noch einen Sinn haben (Sinn „machen“ darf es ja nicht, böser Anglizismus!), wenn der Käufer mit fröhlichem Grinsen seinen Champagner am Tresen einpackt oder voller Vorfreude ein neues Computerspiel in die Tasche steckt. Doch spätestens beim Verlassen der Apotheke mit einer Doppelpackung Erkältungstabletten unterm Arm und einer laufenden Nase hat diese Verabschiedung eine eher zweifelhafte Komik. Abgesehen davon, was soll dieses „noch“ am Ende überhaupt bedeuten? Ist damit der verbleibende Resttag gemeint? Steht es für ein „außerdem“? Oder verbirgt sich dahinter die implizite Drohung, dass der nette Wunsch irgendwann nicht mehr gültig sein könnte? „So, diesmal keinen schönen Tag mehr, ätsch!“

Und noch etwas: Gab es Kundenstalking früher auch schon so penetrant? Man betritt das Schuhgeschäft – „Kann ich helfen?“ – „Danke, ich schau nur!“ Und von diesem Moment an hat man den Verkäufer immer im Abstand von eineinhalb Metern hinter sich. Schnell links andeuten – nach rechts gehen. Er ist immer noch da. Einen Schuh in die Hand nehmen – er schaut von hinten zu. Hinter dem Regal verstecken – er lächelt plötzlich um die Ecke. Hinsetzen, um einen Schuh zu probieren – schon pendelt ein Schuhlöffel vor dem Gesicht. Den eigenen Schuh wieder anziehen – der Verkäufer hilft beim Maschenbinden. Aufspringen, Richtung Ausgang hetzen – der Verkäufer läuft hinterher. Die Schiebetür geht auf, schnell raus in die Freiheit – der Verkäufer bremst scharf kurz vor der Türschwelle, wippt nach wie der Roadrunner. Nichts wie weg hier! Der Verkäufer ruft: „Schönen Tag noch!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.02.2013)

Babylonische Kussverwirrung

Treffen in einer größeren Runde sind anstrengend. Die Begrüßung, nämlich. Da ist die eine Freundin, die man schon seit immer mit einem Kuss auf den Mund begrüßt. Da ist die andere, mit der einmal links, einmal rechts an der Wange ein Begrüßungsbussi angedeutet wird – ob dabei nur die Backen aneinandergerieben werden oder mit dem Mund ein Schmatzgeräusch erzeugt wird, muss dabei natürlich auch noch bedacht werden. Bei der nächsten findet das Backenreiberitual dreimal – links-rechts-links – statt („In Bosnien macht man das so!“), die übernächste möchte wieder nur mit zwei angedeuteten Wangenkontakten begrüßt werden, dafür mit der rechten Seite zuerst, so wie daheim in Südtirol. Gut, die eine, die zwar die Wange hinhält – „aber immer nur eine, zweimal ist so unverbindlich!“ – ist diesmal nicht dabei. Dafür die eine aus Deutschland, wo man einander nur die rechte Hand über die Schulter legt und Köpfe und Oberkörper ein wenig zusammensteckt, ohne dabei die Lippen zu schürzen oder die Wangen in allzu intensiven Kontakt kommen zu lassen.

Die babylonische Grußverwirrung geht aber auch noch bei der Frage weiter, was die Hände bei der ritualisierten Begrüßungszeremonie machen. Gibt man einander beim Wangenkuss die Hand, legt man sie dabei auf die Schulter, um die Hüfte – oder lässt sie einfach teilnahmslos zu Boden hängen? Was soll die linke Hand inzwischen tun? Und dann bleibt noch die Frage: Wie möchten all jene begrüßt werden, mit denen ein Aneinanderreiben der Köpfe (noch) nicht angemessen wäre? Die Hand geben? Wenn ja, fest zudrücken oder nur andeuten? Soll man dabei auch noch eine Schüttelbewegung vollziehen? Und reicht in manchen Fällen nicht einfach nur ein angedeutetes Winken? Ein kurzes Nicken? Oder einfach ein Lächeln? Es wird langsam Zeit für eine EU-Norm, scheint es. In diesem Sinne, küss die Hand!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.01.2013)

Heute feiern wir den „World Unwanted Body Touch Day“

Kevin Zaborney hatte eine Idee. Da die Menschen im Jänner jahreszeitenbedingt auf einem emotionalen Tiefpunkt waren, rief der amerikanische Pfarrer im Jahr 1986 den „National Hug Day“ ins Leben. Und wie so viele artifizielle Feiertage landete der Spaß irgendwann auch in Europa und geistert seither – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – als „Weltknuddeltag“ durch die Medien. „Knuddeln“– schon allein das Wort reicht aus, um jegliches Wohlgefühl im Keim ersticken zu lassen. Soll dieser Tag hierzulande auch nur annähernd eine Chance auf Akzeptanz haben, müsste es schon „kuscheln“ heißen.

Aber es scheitert nicht nur an der Wortwahl – denn Umarmen ist schließlich mit Körperkontakt verbunden. Und der ist im öffentlichen Raum maximal eine unangenehme Nebenerscheinung. Schon allein in der U-Bahn vom Oberarm am Nebensitz gestreift zu werden schafft Beklemmung. Der Mittelsitz auf einer Dreierbank im Flugzeug wird zur Doppeloberarmhölle. Und auf einem Stehplatz im 13A hat man ohnehin täglich seinen „World Unwanted Body Touch Day“. Da braucht es nicht am 21.Jänner noch einen Feiertag, an dem man das auch noch absichtlich macht!

„Kuscheln kann helfen, Stress abzubauen, Angst und Furcht zu verringern“, lässt das Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien per Aussendung zum „National Hug Day“ wissen. Es habe dämpfende Wirkung auf den Blutdruck, fördere das Wohlbefinden und die Gedächtnisleistung. Aber, schränken die Experten auch ein, das gelte nur bei Personen, mit denen es ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis gibt. Sonst werde der Körperkontakt als emotionale Belastung empfunden, als Stress. Gut, dafür hätte es kein Medizinstudium gebraucht. Aber die Conclusio ist eindeutig: Dieser seltsame Brauch aus Amerika wird sich bei uns sicher nie durchsetzen. Genauso wenig wie dieses Halloween…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.01.2013)

Andreas Gabalier rettet die Welt

Der Volksmusiker wird Analyst für ein Skirennen. Ein Modell, das im ORF Schule machen sollte.

Andreas Goldberger beim Kokommentieren zuzuhören ist eine Freude. „Ich freu mich schon auf…“ steht am Beginn eines jeden zweiten Satzes, gefolgt von einem Ereignis, dessen Goldberger in offensichtlich freudiger Erwartung harrt. Sei es nun eine Sportveranstaltung, bei der er als Testimonial arbeitet, sei es sein nächster Sprung von der Schanze mit der Helmkamera, oder sei es einfach nur der nächste Österreicher im Starterfeld. Abgeschlossen wird die Ode an die Freude mit einem „Das wird sicher super!“.

Für den Damenslalom in Flachau hat der ORF nun einen weiteren Experten aus dem Hut gezaubert, der als Ko-Kommentator dem Publikum erklären wird, wessen es auf dem Schirm gerade gewärtig wird: Neovolksmusiker Andreas Gabalier feiert seine Premiere als TV-Analyst. Ein bisschen dürfte der Sänger dabei schon von Goldberger gelernt haben: „Ich freue mich schon sehr darauf“, verkündet der laut Eigenangaben „begeisterte Skifan“. Und damit er dem Publikum einen Mehrwert bietet, wird er sich auch akribisch auf das Event vorbereiten. „Ich werde mir die Startaufstellung anschauen, damit ich über alles informiert bin und dann auch mitreden kann.“ Na, freut sich der sportbegeisterte Fernseher, dann wird das sicher super.

Man erinnert sich an Sternstunden der Sportübertragung, als etwa einst bei einer Fußballgroßveranstaltung Serge Falck ein Spiel der belgischen Mannschaft im Studio analysieren durfte – warum nicht, wurde der Schauspieler schließlich in Belgien geboren. Aber warum immer nur im Sport? Quereinsteigende Analysten ließen sich auch in anderen Sendungen unterbringen. Karel Gott könnte ja in der „Orientierung“ über den Zölibat philosophieren. Also ich freu mich schon drauf. Das wird sicher super.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.01.2013)

Bitte seien Sie achtsam, der Spalt wird zur Popkultur!

Gibt es eigentlich eine Statistik, wie oft Benutzer der U-Bahn in den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür tappen? Und wenn ja, lässt sich seit Einführung der neuen Ansagen mit neuer Stimme in den Wiener U-Bahnen ein signifikanter Rückgang dieser Zwischenfälle feststellen? Schließlich wird seit Anfang Dezember regelmäßig auf diese einen Zwischenraum bildende, schmale, längliche Öffnung und die von ihr ausgehende Gefahr hingewiesen.

Aber abgesehen davon, dass die Botschaft aus den Lautsprechern das Leben in der Stadt wohl nur bedingt sicherer macht, muss man den Wiener Linien dennoch gratulieren. Denn für die Ermahnung zur Aufmerksamkeit das Wort „achtsam“ zu verwenden, lässt das sprachinteressierte Herz höherschlagen. Wie viel banaler hätte man es ausdrücken können – „Seien Sie vorsichtig!“, „Passen Sie auf!“, „Achtung, Türspalt“. Nein, man hat „Bitte seien Sie achtsam!“ aus dem Sprachlabor des vernachlässigten passiven Wortschatzes Wiens gekramt. Und damit eine Formel geschaffen, die zum Teil der Popkultur werden könnte.

Ähnlich wie beim Londoner Gegenstück „Mind the gap“ wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der Spruch auf T-Shirts, Aschenbechern und ähnlichem touristischem Tand zu lesen sein wird. Ähnlich wie die „Unschuldsvermutung“ wird der Sager zum medialen Dauerbrenner, der bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit angebracht wird. (Bei einer Analyse des Wirtschaftswachstums etwa in Form von: „Bitte seien Sie achtsam, aus Spargründen wurde das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet!“) Und vermutlich arbeitet DJ Ötzi sogar schon an einer skihüttenkompatiblen Variante des Spruchs, die beim Abfahrtswochenende in Kitzbühel live präsentiert wird. „Bitte seien Sie achtsam! Uh! Ah!“, oder so. Und das alles nur wegen dieses kleinen Spalts… Wie war das noch mal mit der Statistik?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.01.2013)