Bei der Vleischpalatschinke geht es um die Vurst

Nicht einmal Deutsch können die! Das war der erste Gedanke vor dem Schild mit dem Mittagsmenü des Lokals. Und sogleich wanderte ein Foto der „Vleischpalatschinke“ auf Facebook. Doch was zunächst für großes Gaudium und hämische Kommentare sorgte, wurde wenige Minuten später vom sprachlichen Pranger geholt – denn Vleisch gibt es wirklich. Der Neologismus steht für vegetarischen oder veganen Fleischersatz. Und damit nicht genug – es gibt auch analog dazu den Begriff Vurst.

Nun könnte man hämisch einwerfen: Wenn Vegetarier keine Tiere essen, warum pressen sie dann Soja und andere pflanzliche Produkte in Formen wie Schnitzel, Döner oder Frankfurter Würstel? Nun, und damit endet die Häme auch schon wieder, vermutlich aus ganz pragmatischen Gründen. Weil Wurst einfach praktisch ist – Erbsenwurst kennen ja beispielsweise auch Carnivore. Weil Schnitzel sich aus Tofu leichter formen lassen als Tannenzapfen. Und weil ein Stück Gebäck mit Seitanstreifen nun einmal die Anmutung eines Döner-Sandwichs hat. So einfach.

Und ganz nebenbei, es geht ja auch in die umgekehrte Richtung. Ein faschiertes Laibchen hört etwa in Bayern auf den Namen Fleischpflanzerl. Gelegentlich wandern auch hierzulande marinierte Fleischröschen auf den Griller. Und die Saison für den Heringssalat kommt sicher auch bald wieder.

Nach dem ersten Verteidigungsreflex, die Wurst vor den Veganern zu schützen, stellt sich also so etwas wie Gleichstand ein. Ein bisschen Weiterblödeln muss aber trotzdem erlaubt sein. Denn vielleicht zaubern findige Marketingexperten ja bald Mofu aus dem Hut – den Tofuersatz aus Milch. Oder vermarkten Sojabohnenersatz aus Hühnerfleisch, könnte man ja Chickoja nennen, oder so. Und wenn wir schon beim Thema Ernährung sind: Solange Kakao auf Bäumen wächst, ist Schokolade für mich Obst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.12.2012)

Simma wieder gut?

Tschuidign ist eines der meistgebrauchten Wörter im österreichischen Idiom der deutschen Sprache. Wobei diese Kurzform für „Ich bitte um Entschuldigung“ hauptsächlich die Funktion von „Darf ich bitte durch“ (in öffentlichen Verkehrsmitteln auch „Oh mein Gott, ich werde hier nicht rauskommen und kann erst bei der nächsten Station aussteigen!!! Panik!!!“) erfüllt. Die ernst gemeinte Bitte um Verzeihung wird dagegen deutlich seltener ausgesprochen. Klar, schließlich kann man damit nicht einfach nur schwerfällige Menschenmassen dazu bringen, einen Durchgang zu schaffen, sondern muss sich selbst und anderen eingestehen, etwas falsch gemacht zu haben. Und das ist gar nicht so einfach.

Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, sich zu versöhnen. Denn Entschuldigen ist unser eigener Entschluss, doch bei der Versöhnung gilt es, zwei (oder mehrere) Seiten dazu zu bringen, auf Hass und Groll zu verzichten. Oft sind dabei die Positionen aber so festgefahren, dass es einen Impuls von außen braucht, um eine solche Versöhnung in Gang zu bringen. So etwas wie den Elternteil, der den Kindern sagt: „Gebt euch die Hand und seid wieder gut!“

Schade nur, dass im Erwachsenenalter vielen Situationen ein Vermittler à la Eltern fehlt – und man von selbst initiativ werden muss, um den Versöhnungsprozess ins Laufen zu bringen. Gerade Weihnachten ist aber vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, damit zu beginnen. Auch ohne Vermittlung. Und so wackelt man dann mit hochrotem Kopf von einem Bein auf das andere, wagt kaum den Blick zu heben. Doch schließlich schaut man doch auf sein Gegenüber, sei es die Partnerin, die man enttäuscht hat, sei es ein Kollege, den man bloßgestellt hat oder sei es ein italienischer Eisverkäufer, den man in einem Anfall von Flapsigkeit als Mafioso bezeichnet hat. „Es tut mir leid“, sagt man dann. Hebt die Hand und sagt mit hoffendem Blick genau die Worte, die man schon als Kind so oft geübt hat: „Simma wieder gut?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.12.2012)

Der Fänger im Staub

Der Setzkasten erfreute sich vor 30 bis 40 Jahren großer Beliebtheit in so gut wie jedem Haushalt. Mittlerweile ist er außer Mode. Das hat nichts damit zu tun, dass seine Aufgabe, nämlich das Aufbewahren kleiner Püppchen, Zinnsoldaten, Miniaturautos und sonstigen Krimskrams verschwunden wäre. Im Gegenteil: Die Rolle, die das hölzerne Kästchen mit den unzähligen kleinen Fächern spielte, hat nun die ganze Wohnung übernommen. In fast jedem Regal findet sich ein kleiner Kerzenständer, die chinesische Buddhastatue, die besonders hübsche leere Flasche Châteauneuf-du-Pape oder das Pizzastück aus Plastik, das auf Knopfdruck zu leuchten beginnt. Im Haushaltsjargon spricht man auch von Staubfängern.

Der Name rührt daher, dass ihre tatsächliche Existenz immer erst dann bemerkt wird, wenn man beim Staubwischen hunderte kleine Tierchen, Figürchen und ähnlichen Tand hochheben und danach wieder auf den gewischten Untergrund stellen muss. In jenem Moment verflucht man sie auch, die unzähligen Stückchen, die auf Weihnachtsmärkten, in Geschenkshops und ähnlichen Etablissements erstanden wurden. Und wünscht sich eine Hebebühne, die all die kleinen Regalbesetzer einfach anhebt, sobald ein Staubtuch in ihrer Nähe auftaucht, auf dass man darunter in Ruhe wischen kann. Wobei, dann müsste man auch noch das Gerät entstauben. Also in Wirklichkeit brächte das nur noch mehr Arbeit.

Vielleicht einfach die Wohnung entrümpeln? Aus den dicht verbauten Regalen wieder Highways machen, über die der Staubfetzen flott dahingleiten kann? Nun, die Härte, all die Überraschungseierfiguren, die kleinen Jägermeister-Fläschchen und die blinkenden Schlüsselanhänger der MA48 zu überantworten, hat man dann doch wieder nicht. Gibt es eigentlich noch irgendwo Setzkästen zu kaufen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.12.2012)

Kundenkarte ist das neue Guten Tag

Rettungsgasse ist das Wort des Jahres. Es gab schon mal originellere Sieger. Abgesehen davon, würde die Forschungsstelle für Österreichisches Deutsch nicht per Internet darüber abstimmen lassen, sondern einfach die quantitative Häufung eines Begriffs als Entscheidungsgrundlage heranziehen, hätte ein Wort seit Jahren mit Abstand die Spitzenposition inne: Kundenkarte.

Gerade in der vorweihnachtlichen Einkaufszeit wird immer deutlicher, wie sehr dieser Begriff unser Leben schon im Griff hat. Denn kaum liegt die Ware auf dem Förderband, hebt die Kassierin oder der Kassier bereits die Stimme zum monoton vorgetragenen Viersilber. Kundenkarte ist das neue Guten Tag.

Was in den Supermarktketten begann, hat mittlerweile so ziemlich jedes Unternehmen erreicht, das mehr als nur eine Filiale hat. Die Geldtasche hat dieser Umstand schon zu einer Breite in der Dimension einer mittleren Habilitationsschrift anwachsen lassen. Und ja, man muss eine Karte für jedes einzelne Geschäft haben. Denn als kommunikativer Mitbürger will man ja nicht unhöflich sein – schließlich hat die mit zwei spitzen Fingern in Kopfhöhe gehaltene Karte, verbunden mit einem stummen Schielen in ihre Richtung, die Stelle des Gegengrußes eingenommen.

Würde die Kassenkraft nicht noch in genau jenem Moment, in dem man leicht hilflos all das Gekaufte hektisch in den Plastiksack räumt – und schon die ersten Beutestücke des Nachfolgers vom Fließband herunterpurzeln –, ein schnelles „Wiedersehen“ murmeln – man hätte sich jegliches Grüßen gespart. Vielleicht lassen sich die Marketingabteilungen der Supermärkte hier ja auch noch eine Lösung einfallen, um althergebrachte Höflichkeitsfloskeln effizienter zu gestalten – eine rote Karte, vielleicht? Verbunden mit dem Geräusch einer Trillerpfeife. Sie dürfen jetzt gehen, der Nächste, bitte. „Kundenkarte!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.12.2012)

Der Punsch im Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit

Vier Elemente, innig gesellt, bilden das Leben, bauen die Welt. Mit diesen Worten leitete Friedrich Schiller sein Punschlied ein. Und doch schafft es der Punsch im Getränkekanon nicht annähernd, einen Rang vergleichbar mit Schillers Stellung in der Literatur einzunehmen. Was mitunter daran liegen mag, dass im modernen Punsch nur mehr homöopathische Mengen der Schiller’schen Punschologie zu finden sind. „Presst der Zitrone saftigen Stern! Herbst ist des Lebens innerster Kern.“ Nun, der saftige Kern hat wohl gerade andere Pläne, als in einem Plastiktank darauf zu warten, dass er in einen Kocher gekippt und auf Temperatur gebracht wird. Und bestellt man „des Zuckers lindernden Saft“, der „die herbe brennende Kraft“ zähmen soll, wird die Saisongastronomiekraft in ihrer Hütte vermutlich nur verständnislos den Kopf schütteln.

Damit das jetzt nicht vollends in ein trinkkulturkritisches Lamento ausartet, wenden wir uns nun einem anderen Aspekt der alljährlichen Punschiade zu: Unlängst wurde in einem sozialen Medium die Frage gezwitschert, um wie viel der Alkoholpegel einer ganzen Stadt in der Vorweihnachtszeit eigentlich steigen kann. Nun, rechnen wir es einmal durch: Pro Tag werden in Wien ca. 25.000 Liter getrunken, der Alkoholgehalt des Gebräus schwankt zwischen fünf und zehn Prozent. Nehmen wir der Fairness halber den unteren Wert, geben als Körpergröße den EU-Schnitt von 169 cm und ein Gewicht von 72 kg an. Und gehen wir davon aus, dass diese Durchschnittsperson zwischen 16 und 22 Uhr insgesamt vier Punsche, also etwa einen Liter, trinkt. Das ergibt 1,02 Promille, multipliziert mit den 25.000 Litern, die pro Tag in Wien getrunken werden, kommen wir also auf einen städtischen Alkoholgehalt von 25.000 Promille. Ungefähr, zumindest. Also, sagt der Promillerechner eindringlich in dunkelroten Buchstaben: Das Auto lieber stehen lassen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.12.2012)

Als Franz Kafka eine U-Bahn-Station plante

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens in die U-Bahn-Station Volkstheater gestellt. Genau, das ist jene Station, die Franz Kafka erdacht haben könnte, wäre er nicht Autor gewesen, sondern Architekt. Denn der dreigeschoßige, unterirdische Kreuzungsbahnhof wirkt mit seinem weitverzweigten Gewirr unübersichtlicher Räume wie aus dem „Prozess“ oder „Schloss“ entlehnt. Da sind die unzähligen Ein- und Ausgänge, die quer über die Ränder von erstem und siebentem Bezirk verstreut worden sind – und vor jedem davon steht zumindest ein Unglücklicher, der sich bei der Station Volkstheater verabredet hat und sich nun versetzt wähnt, während dessen Verabredung an einem der anderen Eingänge das gleiche Schicksal erleidet.

Welchen Eingang in das Kellergewölbe man auch wählt, um hinabzugelangen – es ist immer der falsche. „Da die Seitenbahnsteige der U2-Station Volkstheater nur ein Geschoß unter dem Straßenniveau liegen, ist die Entscheidung, in welcher Fahrtrichtung man mit der Linie U2 fahren will, bereits an der Oberfläche zu treffen“, warnen die Wiener Linien bereits in bestem Bürokratendeutsch. Doch damit nicht genug – wer von der Burggasse aus zur U2 Richtung Aspernstraße will, wird erst bergab gejagt, nur um gleich wieder bergauf fahren zu müssen. Besonders bedrohlich wirkt dieses Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse dann, wenn eine der Rolltreppen nicht in Betrieb ist – was häufig vorkommt – und die Fahrgäste über dunkle Treppenhäuser, vorbei an verwaisten Schaukästen, ihren Weg zu den Bahnsteigen finden müssen.

Das vergebliche Streben ist ein Hauptmotiv in Kafkas Arbeiten, das Scheitern an einer unzugänglichen höheren Macht durchzieht sein Œuvre. Hier kann man es täglich erleben. Schade, dass sein Romanfragment „Das Volkstheater“ heute als verschollen gilt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.11.2012)

In der Parallelstaffel auf dem Gehsteig

Fußgänger sind nicht nur glückliche Autofahrer, denen es gelungen ist, einen Parkplatz zu finden. Nein, es gibt sie auch in der hauptberuflichen Ausführung. Wobei es zu unterscheiden gilt, in welcher Disziplin sie sich darauf spezialisiert haben, den zur Verfügung stehenden Boden möglichst effizient zu nutzen. Besonders häufig begegnet man dem Slalomgeher, der die Distanz zwischen Haus- und Gehsteigkante permanent auslotet. An ihm vorbeizukommen, erfordert ein hohes Geschick – und birgt die Gefahr einer Kollision in sich. Geradliniger mögen es die Verfechter der Parallelstaffel. Das ist jene Spezies, die in gehsteigbreiten Gruppen auftritt und das Gesetz der Kohäsion bedingungslos lebt – sie zu umschiffen erfordert meist ein Ausweichen auf die Fahrbahn.

In einer eigenen Welt lebt der Abruptstopper. Ihn erkennt man meist erst dann, wenn die eigene Nase sich in den Rückenfilz seines Mantels gebohrt hat. Wobei man zwischen dem Auslagenstopper, dessen impulsive Negativbeschleunigung von äußeren Einflüssen determiniert ist, und dem viel häufiger vorkommenden „l’art pour l’art“-Stehenbleiber differenzieren muss. Letzterer scheint von einer unsichtbaren Kommandozentrale aus zum sofortigen unmotivierten Halten gesteuert zu werden. Manche dagegen tragen das Steuerungsgerät deutlich sichtbar vor ihrem Körper – den Blick fest auf das Smartphone gerichtet. Dieser Typus Fußgänger gehört zur Sorte der Spontanwender – mitten im schnellen Schritt wird der Körper um 180Grad gedreht und weitergeschickt. Gäbe es den Ö3-Verkehrsfunk für Fußgänger, käme die Redaktion mit den Geistergehermeldungen nicht mehr nach.

Gibt es eigentlich so etwas wie die Straßenverkehrsordnung auch für Fußgänger? Und sollte man das Nutzen der Straße per pedes vielleicht in eigenen Gehschulen unterrichten? Übrigens hat Wien seit Kurzem eine eigene Fußgängerbeauftragte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.11.2012)

Jetzt muss ich aber schon ein bisschen schimpfen

Dass Ärzte einen ganz eigenen Technolekt pflegen, ist bekannt. So wie auch, dass ihr Jargon gern als Fachchinesisch – konkret vermutlich treffender als Fachlatein – bezeichnet wird. Tatsächlich kann es passieren, dass ein Besuch beim Doktor ähnlich abläuft wie eine katholische Messe vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Dass ein „Hoc est enim corpus meum“ da schnell im Volksmund zum „Hocus pocus fidibus“ mutieren konnte, ist leicht vorstellbar. Analog dazu kann man im Ärztezimmer bei intravenös schon einmal extranervös werden. Und man darf auch verwirrt sein, wenn der Arzt von „externem Pigment“ spricht und dringend zur „Balneotherapie“ rät – und damit nicht viel mehr aussagen will, als dass man schmutzig ist und in die Badewanne steigen sollte.

Es gibt allerdings auch den umgekehrten Fall, dass die Mediziner sich eines fast schon elterlich-pädagogischen Tons befleißigen. Das äußerst sich dann etwa in einem vorwurfsvoll vorgebrachten: „Jetzt muss ich aber schon ein bisschen schimpfen!“ In Momenten wie diesen schwankt man als Patient zwischen zwei Polen. Auf der einen Seite steht das schlechte Gewissen, warum man tatsächlich so lange gewartet hat, bis man zur Vorsorgeuntersuchung gegangen ist, wieso man nicht mehr Sport treibt – oder dass zweimal Zähneputzen pro Tag ja wirklich nicht zu viel verlangt ist. Auf der anderen Seite steht eine aggressiv-renitente Trotzhaltung, dass man von seinem Arzt nicht gemaßregelt werden will wie von einer Kindergärtnerin.

Üblicherweise senkt man dennoch das leicht errötete Haupt, sichert Besserung zu und entfernt sich dann langsam aus der Ordination. Immerhin, der Arzt hat ja nur angedroht, dass er schimpft. Und zumindest hat er es nicht auf Latein gemacht…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.11.2012)

Das Rhinozeros in der Wohnung über mir

In der Wohnung über mir wohnt ein Rhinozeros. Nein, gesehen habe ich es noch nie. Aber sehr deutlich gehört. Und gespürt. Nur ein Tier dieser Größe kann diese stampfenden Geräusche machen, wenn es von einer in die andere Ecke läuft. Nur ein derart starkes Geschöpf ist dazu fähig – meist mitten in der Nacht –, die gesamte Möblage mit großem Getöse über den Parkettboden rumpeln zu lassen. Und nur ein Lebewesen mit einem solch hohen Gewicht kann es schaffen, dass die Gläser auf der Anrichte zittern, als würde die Richter-Skala austesten, wie weit nach oben sie denn nun wirklich offen ist.

Was das Rhinozeros in der Wohnung über mir von seinen Artgenossen in freier Wildbahn abhebt, ist seine Vorliebe für Tanzmusik. Immer wieder überrascht es mit wummerndem Bass, der durch die Altbauwände nur ein wenig in seiner Intensität behindert wird. Auf der anderen Seite beweist das Tier aber auch echte musikalische Ambitionen – zuletzt dürfte es sogar das Gitarrespielen zu erlernen versucht haben. Sein aktuelles Lieblingslied ist „Somebody that I used to know“ von Gotye, dessen eingehendes Riff es mit großer Leidenschaft zu Tages- und Nachtzeiten übt – hätte gar nicht gedacht, dass ein Rhinozeros derart fingerfertig sein kann. Dazu versucht es übrigens auch noch, den Text in der Stimmlage des Originals zu trällern. Auch hier sehr überraschend, wie sehr das stimmliche Spektrum von Mensch und Rhinozeros einander ähneln.

Wie das Verdauungsverhalten eines Rhinozerosses aussieht, weiß ich leider nicht. Aber offensichtlich dürfte das Exemplar in der Wohnung über mir stubenrein sein. Zumindest hört man es immer wieder die Spülung der Toilette betätigen. Immerhin etwas.

Vielleicht sollte ich ja einfach mal auf einen Sprung hinaufschauen. Mit einem Kuchen und einer Flasche Sekt, um auf gute Nachbarschaft anzustoßen. Wobei, trinken Rhinozerosse eigentlich Alkohol?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.11.2012)

Den Volksmund kann man nicht kaufen

Der höchste Wolkenkratzer der USA ist der Sears Tower. Vermutlich wird der Großteil der Menschen hier wohlwollend nickend Zustimmung signalisieren. Grundsätzlich ist der Satz ja auch richtig– abgesehen davon, dass der inklusive Antenne 527 Meter hohe Turm schon seit mehr als drei Jahren nicht mehr Sears Tower heißt. Nachdem der britische Versicherungskonzern Willis Group Holdings die Namensrechte an dem Hochhaus gekauft hat, heißt das Gebäude heute eigentlich Willis Tower. Allein, kaum ein Mensch in Chicago nennt ihn so. Und auch weltweit sieht es nicht so viel anders aus.

Wien ist da keine Ausnahme. Als 1967 in Simmering die Mautner-Markhof-Gasse ihren Namen erhielt, verschwand ihr früherer Name keineswegs. Noch jahrzehntelang wurde sie als Dorfgasse bezeichnet. Erst nach und nach setzte sich mit immer neuen Generationen der neue Name durch. Allein, vom namensgebenden Lebensmittelbetrieb ist in der Gegend ironischerweise heute kaum mehr etwas vorhanden.

Den Volksmund kann man nicht kaufen, lernt man aus Episoden wie diesen. Nur weil ein Unternehmen sich Namensrechte sichert, muss die alte Bezeichnung noch lange nicht verdrängt werden. Viele sagen noch heute Raider zum Twix-Schokoriegel. Und der Holland Blumen Markt wird nach wie vor so genannt, obwohl er aus wettbewerbsrechtlichen Gründen schon 1993 sein t am Ende eingebüßt hat. Auch das Penthouse, in dem Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner einst residiert hat, wird wohl noch längere Zeit als Elsner-Penthouse bezeichnet werden. Vom neuen Hauptbahnhof gar nicht zu reden. Der wird sicher über Jahre hinweg noch Südbahnhof heißen.

So manches Festhalten an alten Bezeichnungen kann aber auch ein wenig schrullig wirken. Zuletzt etwa, als am Ende einer Postkarte aus Berlin zu lesen war: „Liebe Grüße aus der DDR!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.10.2012)