Mein Leben als Brandstifter

So manches dunkle Geheimnis, das im hintersten Winkel der persönlichen Erinnerung abgelegt sein karges Dasein fristet, offenbart gelegentlich und unerwartet seine dämonische Fratze. Auch mir, als ich kürzlich meinen Kleiderschrank ausmistete. Da war sie also wieder. Und mit ihr die schmerzhaften Erinnerungen. Aber beginnen wir von vorne.

Es war im Jänner 2000, gezahlt wurde noch mit Schilling, als ich mich aufmachte, eine Winterjacke zu erstehen. Eine massentaugliche Bekleidungskette auf der Mariahilfer Straße offenbarte dann auch ein solches Stück – schwarzer Stoff und ein dekorativer, dicker brauner Streifen, umrahmt von zwei dünnen weißen Streifen, die horizontal über die Jacke mäanderten. Im Abverkauf noch dazu. Formschön, günstig, zapp zapp – Jacke gekauft und angezogen.

Beim Verlassen des Geschäfts lächelte der Maronibrater vis à vis freundlich – so etwas, er trug genau die gleiche Jacke. So wie auch der nächste Maronimann. Und so wie weitere gefühlte 666 Passanten, die an diesem Nachmittag über die Mariahilfer Straße marschierten. Wie ein Kainsmal leuchtete der markante weiß-braun-weiße Streifen alle paar Sekunden aus der Masse hervor. Eine Bruderschaft der Jacke, die Stück für Stück den Glauben an Individualität aus meinem Herzen riss.

„Der Brandstifter ist gefasst“, lautete am nächsten Tag die Schlagzeile einer Zeitung, die mir beim Frühstück entgegensprang. Jener Brandstifter, der über Wochen den oberösterreichischen Ort St. Georgen an der Gusen in Aufruhr versetzt hatte. Unter dem Titel war sogar ein Bild des mutmaßlichen Täters zu sehen, der gerade von der Polizei abgeführt wurde. Und jetzt raten Sie einmal, welche Jacke er trug.

Am nächsten Tag habe ich mir eine neue gekauft.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.03.2009)

Du bist jetzt ein Krapfen

Wissen Sie, was ein Overkill ist? Nun, in Zeiten des Kalten Krieges war damit die Fähigkeit gemeint, einen Gegner mittels nuklearen Arsenals mehr als einmal zu vernichten. In der medialen Wahrnehmung taucht der Begriff dann auf, wenn ein Thema oder eine Person so omnipräsent ist, dass es schon weh tut – wir denken etwa an Demi Moore, die in den Neunzigern jede zweite Titelseite von „TV-Media“ zierte, oder an Alfons Haider, vor dem man heute ja nirgendwo mehr sicher ist.

Ein weiterer Overkill muss noch zwei Tage ausgehalten werden – der Angriff der Krapfen. Denn die Menge des zurzeit verbreiteten Süßgebäcks steht dem letalen Potenzial einer russischen SS-20-Rakete um nichts nach. Statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit wohl viel höher, an den Folgen exzessiven Konsums von Marillenmarmelade zu erkranken, als von einer Atomrakete getroffen zu werden. Dass das Gebäck eine Art Waffe ist, lässt sich sogar etymologisch nachvollziehen – Krapfen leitet sich vom mittelhochdeutschen krapfe ab, das für ein hakenförmiges Gebäck steht, aber eben auch für den Haken, der heute noch im Krampen weiterlebt.

Praktischerweise gibt es auch gleich einen Nachfahren des Begriffs für den Zustand nach dem Genuss zu vieler Krapfen, wenn sich der Körper unter der Last des Fettes zusammenkrümmt. Ja, das Wort Krampf hat genau dieselben Wurzeln wie die Faschingssüßspeise. Kann das ein Zufall sein? Womit wir den schönen Bereich der Verschwörungstheorie betreten – sind Krapfen womöglich Geheimwaffen der Aliens zur Vernichtung der Menschheit? Erinnern wir uns nur an die Folge von Alf, in der der pelzige Außerirdische die Hauskatze Lucky hypnotisieren möchte: „Du bist jetzt keine Katze mehr – du bist ein Krapfen!“ Noch Fragen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.02.2009)

Körperteilsudoku ist heilbar

Gelegentlich verleihe ich für herausragende sprachliche Kreationen meinen persönlichen Pulitzer-Preis. Vergangene Woche konnte ich das gleich zwei Mal tun. Ein Preis geht an die Kollegin, die Charlotte Roches literarischen Erguss „Feuchtgebiete“ mit dem Wort „Körperteilsudoku“ bezeichnete. Treffender lässt sich der spielerische Ansatz der Erforschung weiblicher Sexualität kaum beschreiben.

Für die Laudatio zur zweiten Auszeichnung ist allerdings weiter auszuholen. Immerhin kreierte Preisträger Gerhard Maria Wagner, hauptberuflich designierter Linzer Weihbischof, ja kein neues sprachliches Kleinod.

Doch seine Wortwahl in Bezug auf gleichgeschlechtliche Liebe hat einen neuen Kalauer in den öffentlichen Diskurs gebracht, der Schöpfungen wie „Lebensmensch“ oder „Ein Quantum?“ um nichts nachsteht. Schon durften wir lesen, dass weniger Homosexualität, als vielmehr Einfalt heilbar sei. Und die nächsten Tage werden wohl noch mehrere Titelzeilen bringen, in der an ein Substantiv der Zusatz „ist heilbar“ angehängt wird.

Und wie es sprachliche Spielereien so mit sich bringen, liegt die weitere Nutzung abseits der Medien ja auch schon auf der Hand. Nach dem Vorbild von Lokalen wie der „Sonderbar“ oder der „Wunderbar“ in der Wiener City könnte ein findiger Gastronom sein neues Pub ja „Heilbar“ taufen. Das Spektrum eines solchen Etablissements könnte von der Schwulenbar (ironisch) über ein auf Magenbitter spezialisiertes Beisl in einer alten Apotheke (medizinisch) bis zum Treffpunkt Ewiggestriger (in diesem Fall eher „Sieg Heil“-Bar) reichen. In welchem dieser Pubs stieße wohl Bischof Wagner auf seinen Pulitzer-Preis an?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.02.2009)

Frag doch den Blähbauch

So manches Wort eignet sich maximal zum einmaligen Gebrauch. Danach sollte es zusammengeknüllt und auf die Müllhalde der Sprache gekippt werden – so wie man auch ein angeschnäuztes Taschentuch schleunigst entsorgt. Passenderweise hat seinerzeit die Werbung für ein Einweg-Taschentuch ein solches Wort in die Welt gesetzt: „Sind Sie ein Durchnieser?“ wurden da Menschen befragt, die mit einem kräftigen Tröten gerade ein Loch in das feuchte – vorher mit einem Wasserzerstäuber benetzte (!) – Tüchlein geblasen hatten. Ein Einwegwort für ein Einwegprodukt – das macht durchaus Sinn. Und konsequenterweise ist dieser Neologismus wieder so schnell aus dem Wortschatz entschwunden, wie er gekommen war.

Ein aktuelleres Beispiel muss hingegen erst einmal verdaut werden, ehe es den finalen Weg in die sprachliche Jauchegrube antreten kann. Erraten, die Rede ist vom „Blähbauch“, der seit einigen Wochen äußerst aktiv durch eine Joghurtwerbung flatuliert. Zugegeben, eine wirkliche Neukreation ist das nicht, wird der Begriff doch gerne zur Beschreibung von Meteorismus, einer übermäßigen Ansammlung von Gas im Verdauungstrakt, herangezogen. Doch im Alltag – präziser: im Werbefernsehen – war man von diesem Wegwerfwort, das wohl synonym für den frisch gefüllten Wohlstandsbauch stehen soll, bislang noch verschont geblieben. Nun, da der Tabubruch vollzogen ist, bleibt die Hoffnung, dass die mentale Verdauung möglichst schnell voranschreitet und der krampfeuphemistische Hilfsausdruck bald wieder aus unserer medialen Wahrnehmung gespült wird. Unterdessen warten wir gespannt, mit welchem Eintagswort die Werbebranche als nächstes aufwarten wird. Gibt es den Begriff Atemdeo eigentlich schon?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.02.2009)

It must have been Love im Sexshop

Kennen Sie die Text- Bild-Schere? Davon ist die Rede, wenn ein Bild und der dazu gesprochene oder geschriebene Text nicht übereinstimmen. Denken Sie zum Beispiel an den Australien-Besuch von Papst Benedikt XVI., bei dem eine Gruppe australischer Ureinwohner laut einem Bildtext „eine flotte Sohle aufs Parkett“ legte – dumm nur, dass die Aborigines-Abordnung in Wirklichkeit auf Sand tanzte.

Wie auch immer, dieses Phänomen ist auch auf anderen Ebenen gar nicht so selten anzutreffen. Besonders anfällig ist Hintergrundmusik, bei der die lyrische Komponente zu Gunsten der melodischen außer Acht gelassen wurde. „All out of Love“ von Air Supply etwa ist eine klassische Kuschelrock-Nummer, in der einer verlorenen Liebe nachgeweint wird – und die schon bei so mancher Hochzeit die Zeremonie eingeleitet hat. Na dann, viel Glück dem Brautpaar. Ähnlich unpassend wirkt es, wenn man als Besucher eines Sexshops – oje, in was rede ich mich da jetzt wieder hinein – zwischen Fetisch-Masken und Peitschen mit dem Roxette-Klassiker „It must have been Love“ beschallt wird.

Dann war da noch dieser Besuch in einer Therme – es war wirklich nur einer, oje, in was rede ich mich da jetzt wieder hinein. Gerade war Seniorenturnen angesagt. Auf einem Podium stand ein Muskelmann, der Übungen vorzeigte. Im Wasser machten die Damen und Herren eifrig die Dehnungen nach. Und während ich das Treiben beobachte, erkenne ich plötzlich die Hintergrundmusik – ein Song von Queen. Titel: „Who wants to live forever“. . . Interessantes Wellness-Konzept. Viel dümmer geht es ja wirklich nicht mehr. Oder vielleicht doch – aber zum Glück bin ich bis jetzt noch in keinem Spital gewesen, in dem in den Aufzügen „Time to say Goodbye“ gespielt wird.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.02.2009)

Ich weiß, dass du mehr weißt

Menschliche Kommunikation nimmt zeitweise paradoxe Formen an. Hängt man etwa an eine vertrauliche Information den Zusatz „Bitte sag es nicht weiter“, kann man sich fast schon sicher sein, dass dieser Satz als Freibrief für die ungezügelte Weiterverbreitung betrachtet wird. Spätestens in jenem Moment, in dem der Erstverbreiter des Geheimnisses die vermeintlich geheime Information selbst wieder bekommt – „streng vertraulich“, selbstverständlich -, hat sich der Kreislauf der Information wieder geschlossen und die Ursprungsquelle muss davon ausgehen, dass sich unter der vorgehaltenen Hand doch ein Abhörgerät verborgen haben muss.

Angesichts dieses scheinbaren Naturgesetzes vom freien Fluss der Information steckt der Geheimnishüter ein wenig in der Zwickmühle. Verbreitet er die geheime Nachricht weiter, ist die Büchse der Pandora geöffnet und die gesamte Öffentlichkeit sagt artig Danke. Schweigt man hingegen, ist die – doch recht attraktive – Rolle des Wissenden dahin. In der Realität findet sich meist ein Mittelweg, dass nämlich implizit kein Zweifel daran gelassen wird, ein Geheimnis zu haben. Mit wissendem Lächeln, in der Sache jedoch schweigend, sonnt man sich dann in Sprüchen wie „Ich weiß, dass du mehr weißt“ ein wenig. Die etwas plumpere Methode ist die, das Geheimnis verpackt auf den Tisch zu legen – dann aber nicht auszupacken. Die begleitende Phrase dazu lautet dann: „Das darf ich dir nicht sagen!“ Diese Methode des verbalen Coitus Interruptus lässt den Geheimnisträger zwar ebenfalls im Sonnenlicht stehen, birgt jedoch die Gefahr einer zunehmenden Verfinsterung in sich. Bei Gelegenheit kann ich Ihnen gerne noch mehr dazu erzählen. Das bleibt aber unter uns, versprochen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.01.2009)

Zusammen sind wir halb so viel

Ich sehe zu viel Werbung. Das wäre an sich nicht schlimm, würde sich nicht die Erinnerung an alte Werbespots immer wieder unvermittelt den Weg in die Konversation bahnen. So Winnetou, Zähne putzen. Hab‘ ich schon. Dann mach‘ mal den Färbetest von Antibelag. Erwischt. Das Rote ist gefährlicher Zahnbelag, Karies kann entstehen. Blendax Antibelag entfernt Zahnbelag und führt dem Zahn stärkendes Kalzium zu. Verstanden? Mhm! Gerade im Gespräch mit jüngeren Semestern ernte ich dafür ratlose Blicke.

Selbst ältere Kollegen schütteln erstaunt den Kopf, wenn während des Essens plötzlich „Mogst an Radi? Na, du, i trau mi nit. Wieso? Na, wegen meine Dritten halt, host du do keine Probleme? Schmarrn, i nimm doch die Kukident Haftcreme“ aus mir hervorbricht. Dabei ist mir doch nur wichtig, dass alle gesunde Zähne haben. Unvermeidlich geht es auch mit mir durch, sobald eine Flasche Rotwein geöffnet wird. Denn „ich druck den Stoppel eini, und alles dem Herbert aufs Hemd. Ein Riesenfleck. Also, wenn da was hilft, dann nur Dixan“.

Nun ist mir klar, dass markige Sprüche aus der Vergangenheit einen ewig langen Bart haben. Doch auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit als „Wickie, Slime & Paiper“-Werbekonsument oute, früher waren die Spots halt irgendwie markanter. Und es ist nun einmal so: Ich bin alle Werbespots, die ich gesehen habe. Ich bin die roten Zähne, wegen denen ich nach dem Färbetest mehrere Tage lang nicht den Mund aufzumachen wagte. Ich bin die Haftcreme, die auf meine dritten Zähne wartet. Ich bin Herberts Hemd, das nach einem Waschgang wieder weiß war. Ich bin der Leser, der mir per Postkarte einen Dachschaden attestiert hat. Aber ich bin nicht Gerlinde Kaltenbrunner, denn ich habe Höhenangst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.01.2009)

Wenn der Hamster Hände trocknet

Sollten Sie nicht jener Spezies angehören, die Händewaschen nach der Toilette für massiv überbewertet hält, ist Ihnen die Problematik vermutlich nicht ganz unbekannt – so manche öffentliche Be dürfnisanstalt scheint darauf ausgelegt zu sein, den ma nuellen Selbstreinigungsvorgang mit möglichst viel Unannehmlichkeit zu verquicken. Das beginnt schon damit, dass der Wasserhahn so kurz ist, dass die Hände permanent mit dem Porzellan auf Tuchfühlung gehen müssen, um überhaupt einen Wasserstrahl zu erhaschen. Einen Strahl, der oft die gefühlte Temperatur eines kirgisischen Gebirgsbaches hat. Nun wird kaltem Wasser ja eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben, aber sollte es bei der Minikneippkur auf der Kaffeehaustoilette nicht eher um das Beseitigen von Keimen als um durchblutungssteigernde Maßnahmen für die Finger gehen?

Die ultimative Erniedrigung folgt aber ohnehin erst danach, wenn die klammen Finger unter jene unseligen Automaten gehalten werden, die statt Papier- oder Handtüchern die Handflächen wieder trockenlegen sollen. Wie das Klischee eines Fernsehmonteurs beim Ausrichten der Antenne gilt es, jenen kleinen infrarotabgetasteten Bereich zu ertasten, der das Gebläse zum Arbeiten bringt. Ein Gebläse, das seine Tätigkeit wie ein Fabriksarbeiter beim Ertönen der  Sirene sofort wieder beendet, sobald die Hand den Bereich des Infrarot-Annäherungsschalters wieder verlässt. Auch schon egal, schließlich entspricht die Stärke des lauwarmen Luftstroms ohnehin nur dem Atemhauch eines lungenkranken syrischen Goldhamsters. Wenn Sie dann frustriert die feuchten Hände einfach an Ihrer Kleidung abstreifen, kann man Ihnen fast nicht verdenken, wenn Sie Händewaschen nach der Toilette für massiv überbewertet halten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2009)

Wenn der Neger zweimal klingelt

Das Phänomen der verschlossenen Tür, hinter der ein Bewohner krampfhaft versucht, Abwesenheit zu suggerieren – den starren Blick durch den Türspion gerichtet -, ist dieser Tage besonders heftig verbreitet. Immerhin spart man sich damit  ein paar Euro – und zwei Minuten unbehaglichen  Angesungenwerdens. Dass die Tür trotz mehrmaligen Klingelns nicht geöffnet wird, weil einer der davor  stehenden Sternsinger schwarze Haut hat, kann man hingegen vermutlich ausschließen. Schließlich ist  es meist jenes Schwarz, das man – schuhcremeartig auf das Gesicht eines Weißen aufgetragen – von Schminksets kennt, auf denen ein schwarz gelockter Afrikaner mit dicken roten Lippen und Kreolen abgebildet ist. (Ja, das „Schminkset Neger“ um 3,20 € gibt  es tatsächlich noch: http://www.faschingsfactory.com/schminkset+neger.html.)

Im Volksglauben der „Heiligen Drei Könige“ wird Jahr für Jahr das Bild des Schwarzen als liebes kleines Negerlein transportiert, wie es in bestem Deutsch „Unter einem guten Stern“ trällert. Aber Gott behüte, ein Schwarzer würde wirklich König. Oder Präsident der USA – schließlich seien „die Schwarzen in ihrer politisch-zivilisatorischen Entwicklung noch nicht so weit“, wie ORF-Mann Klaus Emmerich aussprach, was in den Köpfen vieler noch heute seine Runden macht.

Ein latenter Rassismus, der aber bei Weitem nicht auf Schwarze beschränkt ist. Oder glauben Sie, dass es ein Zufall war, dass die „Kronen Zeitung“ lieber die Neujahrszwillinge Anna und Samara aus Oberwart auf die Titelseite hievte als das echte Neujahrsbaby? – Seine Eltern sind türkischstämmig, sein Name ist  Hasan. Des Volkes Stimme ist entsetzt.

Übrigens, weil wir gerade beim verklärten Volksglauben sind: Der heilige Nikolaus war Türke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2009)

Es gibt viel zu tun: Baut Urlaub ab

Mit einer Körpergröße von 1,70 Meter weiß ich seit Teenagerzeiten, wie sich stagnierendes Wachstum anfühlt. Insofern bin ich so weit abgehärtet, dass ich bei Schlagworten wie „Krise“ und „Rezession“ nicht reflexartig in Duldungsstarre verfalle. Denn so wie bei der Körpergröße – klein, aber oho – gibt es auch im Arbeits- und Wirtschaftsleben geeignete sprachliche Mechanismen, um einer negativen Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. Das beginnt schon damit, sich niemals in eine passive Rolle drängen zu lassen, sondern immer das Ruder in der Hand zu behalten.

Statt 2009 also „Ferien zu machen“ oder „abzuschalten“, sollten Sie aktiv „Urlaub abbauen“. Damit entsteht im Kopf des Zuhörers das Bild eines Bergarbeiters mit Helm, der mühevoll Urlaubstage aus dem Gestein hämmert – und nicht das eines in Sonnenöl marinierten Stücks Fleisch auf dem Liegestuhl. Das Abbauen von Urlaub ist gerade jetzt eine Tugend wie sonst kaum. Schließlich winken keine Zinsen, wenn Urlaub länger aufgespart wird. Und auch mit Termingeschäften lassen sich angesparte freie Tage nicht als Gewinn im Urlaubsportefeuille verbuchen.

Andererseits muss uns aber auch klar sein, dass der Urlaub, analog zu den natürlichen Rohstoffen, die im Bergbau gewonnen werden, endlich ist. Und dass unkontrollierter Raubbau letztlich nur dazu führt, dass die Ressourcen irgendwann erschöpft sein werden. Womit wir im Rahmen der aktiven Sprache gleich noch eine Ebene weiter gehen und den uns zur Verfügung stehenden Urlaub „maßvoll“ und „nachhaltig“ verbrauchen. Aber tappen Sie nicht in die Falle: Weisheiten à la „Wir haben den Urlaub nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen“ sind dann doch ein wenig dick aufgetragen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.12.2008)