Leute, die beim Reden auf die Uhr schauen

Der Moment, in dem sich das Narrenkastl in Form eines Zifferblatts deutlich zu erkennen gibt.

Wie lang dauert es eigentlich, die Uhrzeit von einer Armbanduhr abzulesen? Bitte nicht falsch verstehen, als Nichtuhrenträger interessiert einen diese Frage wirklich. Vor allem dann, wenn man jemandem gegenübersteht, der während eines Dialogs eine halbe Minute lang mit abgewinkeltem Arm die Uhrzeiger zu hypnotisieren scheint. Das Gespräch geht in dieser Zeit des verhinderten Augenkontakts ganz normal weiter. Und man sieht regelrecht, wie der Uhrenbetrachter in seinem Gehirn eine gigantische Kalenderwand aufbaut, in die er all seine Gedanken zur Planung der nächsten Stunden einträgt. Shine on you crazy Augenkontakt, wozu jemanden anschauen. Den gleichen Effekt gibt es übrigens auch, wenn jemand mit einem Blatt Papier in der Hand vor einem steht – und während des Gesprächs mit den Augen ein Loch in den Zettel zu starren scheint. In Fällen wie diesen lässt sich im Papier – oder auf dem Zifferblatt – das Narrenkastl fast schon direkt greifen.

Bitte auch das nicht falsch verstehen, es ist gut, wenn Menschen beim Sprechen nicht ständig direkt in die Augen des Gegenübers starren. Wenn sie in die Luft schauen, während sie etwas visualisieren. Nach unten, wenn sie über Gefühle nachdenken. Oder auf den Mund des Gegenübers, wenn ein Stück Blattspinat genau auf dem Schneidezahn klebt. Es ist geradezu angsteinflößend, wenn ein Mensch den Blick nicht von den Augen des anderen lösen kann. Wie ein Reh im Fernlicht steht man dann da und wagt sich nicht mehr zu bewegen – nur dass weder auf Abblendlicht umgeschaltet und abgebremst wird, noch der Krach des Zusammenpralls folgt. Ziemlich angespannte Situation, das. Im Zweifel also bitte ruhig auf die Uhr schauen, auch gern länger, wenn ein Gespräch mit mir ansteht. Ich nutze die Zeit ebenfalls zielführend – mir könnte zum Beispiel einfallen, worüber ich einmal eine Kolumne schreiben könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.10.2015)

Die unbändige Freude am steten Rinnen der Nase

Ich freue mich, wenn ich krank bin. Denn wenn ich mich nicht freue, bin ich es trotzdem.

Wo sind eigentlich all jene, die im Sommer darüber geklagt haben, dass das Wetter so schön ist? Sie mögen jetzt, da die Sonne auf Tauchstation gegangen ist, bitte schön die Alternative des nasskalten Herbstes genießen. Und Abbitte leisten bei all jenen, die jetzt den Tag unter der Decke verbringen müssen, weil pünktlich zum Herbstbeginn sämtliche Krankheitserreger aus ihren Verstecken gelassen wurden. Vielen Dank. Immerhin, die Zeit lässt sich herrlich damit verbringen, das Konzept Krankheit ein wenig genauer zu beleuchten. So lernt man schließlich den eigenen Körper von einer Seite kennen, die er bei sommerlicher Hitze nie offenbart hat. (Ja, da schwang ein leiser Vorwurf an die Sommernörgler mit.) Also, sehen wir es positiv: Ich freue mich, wenn ich krank bin. Denn wenn ich mich nicht freue, bin ich es trotzdem.

Gehört man zur „Ich trinke Tee nur, wenn ich krank bin“-Fraktion, durchsucht man nun die hinteren Winkel der Kredenz nach „Halsfreund“, „Schlaf-Freund“ und „Innerer Balance“. Und freut sich, dass man fortan jede halbe Stunde beim Entleeren die Fliesen auf der Toilette zählen darf. Apropos zählen – auch das lässt sich beim Herumliegen vortrefflich üben. Mein Schlafzimmervorhang hat sieben Aufhänger, auf einer Seite meines Polsters sind 96 blaue und 84 rote Blumen und auf den Buchrücken der „Herr der Ringe“-Ausgabe im Dreierschuber befinden sich genau 143 Zeichen. Das Schöne ist, dass man von diesen Zahlen auch in diversen Fieberträumen immer wieder eingefangen wird. Darüber kann man sich ärgern – oder man begreift all das als abenteuerliche Reise. Wie oft hat man schon die Chance, über einen Berg Papiertaschentücher zu stolpern. Ich bin gespannt, wann die Tourismusindustrie Kurztrips ins eigene Bett vermarkten wird. Apropos, diese Kolumne hat genau 1680 Zeichen. Ohne Leerzeichen – so krank bin ich auch wieder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.09.2015)

Das „ad calendas graecas“ der Nichtlateiner

Was dahintersteckt, wenn jemand verspricht, sich um etwas zu kümmern, „sobald er dazu kommt“.

„Wir halten Sie in Evidenz.“ Diese Floskel in Antwortschreiben auf Bewerbungen kennt man schon vom „Leider nicht“ in Brieflosen. Dass der Begriff selbst so gut wie ausschließlich in Schreiben an abgelehnte Bewerber vorkommt, ist evident. Dass er dort überhaupt einen Platz hat, ist wiederum ein österreichisches Spezifikum, abgeleitet vom Evidenzbüro, wie in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Zentrale des militärischen Nachrichtendienstes bezeichnet wurde. Und da dieses Büro diverse militärisch relevante Dinge, also solche mit Evidenz, im Auge zu behalten hatte, kam das In-Evidenz-Halten ins österreichische Amtsdeutsch, von wo aus es seinen Siegeslauf in diverse Personalabteilungen des Landes startete. Dass sich hinter der scheinbaren Beachtung des Bewerbers in Wirklichkeit ein „Schmeck’s“ verbirgt und die Evidenz im Rundordner landet, ist dann wieder eine andere Geschichte.

Aber eine, die sich auch in anderen Situationen immer wieder findet. Das „Komme gleich“ des Kellners entspricht einem „Natürlich sehe ich, dass du seit fünf Minuten nach mir rufst, aber ich komme jetzt trotzdem nicht zu dir“. Das „Ich werde es mir anschauen“ im Büroalltag ist eine höfliche Umschreibung von „Red es in ein Sackerl“. Und die Floskel „Sobald ich dazu komme“ ist das „ad calendas graecas“ der Nichtlateiner. Im römischen Kalender sind die Kalenden jeweils der erste Tag eines Monats – die Griechen hingegen kannten diese Bezeichnung nicht. Im Englischen wird diese Wendung mit „when pigs fly“ oder „when hell freezes over“ umschrieben. Im Französischen verweist man „à la Saint-Glinglin“ – was wiederum sehr nah am Deutschen ist, in dem man ebenfalls einen fiktiven Heiligen ins Spiel bringt und den Sankt-Nimmerleins-Tag als Zieldatum angibt. Dazu gäbe es noch viel Spannendes zu erzählen– und das werde ich auch tun. Sobald ich dazu komme.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.09.2015)

Leute, die einen Stau durch Hupen auflösen können

Immer wieder im Test: Die Hupe, die wie die Trompeten von Jericho Mauern einstürzen lässt.

Der kleine Maxi hat eine neue Hupe. Apropos, warum heißt der Protagonist von Witzen eigentlich so oft Maxi? Gut, die Zeiten, in denen das Erzählen von Witzen beim abendlichen Zusammensitzen noch opportun war, sind lang vorbei. Aber warum 99 Prozent der Witze, in denen der Name eines kleinen Buben gebraucht wird, auf einen Maxi zurückgreifen, ist nicht wirklich schlüssig. Es gäbe doch so viele andere Namen, die man hier einsetzen könnte und die den Witz um nichts besser oder schlechter machen würden. Wie auch immer, der kleine Maxi hat also eine neue Hupe. Und die testet er gerade. Nicht nur gerade, sondern sogar recht häufig. Und das in der Regel vor meinem Fenster. Und es muss eine sehr mächtige Hupe sein, die Maxi da in seinem Auto hat. Denn offenbar hat sie eine Durchschlagskraft, die an die sieben Trompeten heranreicht, die dereinst die Mauern von Jericho umgeblasen haben sollen. (Dass es sich bei den Trompeten in Wirklichkeit um Schofaroth, posaunenähnliche Instrumente aus Widderhorn handelte, lassen wir jetzt einfach beiseite.)

Man darf den kleinen Maxi jedenfalls beneiden. Nicht nur wegen seiner Hupe. Sondern auch wegen seines unbezwingbare Glaubens, durch penetrantes Hupen ein Verkehrshindernis beseitigen zu können. Genau das versucht er nämlich. Wenn in einer engen Gasse jemand etwas länger zum Einparken braucht. Wenn ein Wagen der Müllabfuhr nach dem Leeren eines Mistkübels nicht sofort weiterfährt. Oder wenn sich an einer Engstelle ein Stau gebildet hat. Vermutlich erwartet Maxi, dass sich beim siebenten Erklingen seiner Hupe der Himmel öffnet und eine mächtige Hand den Verkehrsstau mit einem Wisch beseitigt.

Viele Witze enden übrigens damit, dass der kleine Maxi am Ende mit einer pfiffigen Wendung die anderen dumm dastehen lässt. Bei diesem ist das nicht so.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.09.2015)

Ja haben wir denn wirklich keine kleineren Probleme?

Elementare Schwierigkeiten? Pah. Die alltäglichen Tücken treiben uns wirklich in den Wahnsinn.

Was wären die großen Probleme ohne die kleinen? Die elementaren Schwierigkeiten mögen die sein, die uns aus Angst vor der Zukunft nachts nicht schlafen lassen. Doch es sind die alltäglichen Tücken, die uns wirklich in den Wahnsinn treiben. Wenn etwa ein Automat eine Münze partout nicht annehmen will – man wirft sie einmal mit mehr, einmal mit weniger Schwung in den Schlitz, reibt sie an der metallenen Front des Geräts und hört sie doch jedes Mal in den Schacht für Retourgeld plumpsen. Fast jedes Mal – irgendwann schluckt sie der Automat. Ciao, Münze. Ciao, Getränk, das ich nie kennenlernen durfte. Wenn der Kleber eines Preispickerls so beschaffen ist, dass es sich nicht einfach ablösen lässt, sondern man die kleinen Papierfetzchen mühsam von der DVD-Hülle wutzeln muss. Ähnlich wie bei Mandarinen, deren Schale man nicht einfach abziehen kann. Sondern die weiße Schicht darunter unter Fluchen minutenlang herunterpfriemelt.

Wenn man bei einer Packung Kakao den Plastikverschluss so abziehen muss, dass zwangsläufig ein paar Tropfen auf das weiße Hemd spritzen. Wenn eine Bankomatkassa den Magnetstreifen nach oben haben will – an jedem ernst zu nehmenden Geldausgabegerät wird die Karte mit dem Streifen nach unten eingeschoben. Und nur, weil ein Designer auf Egotrip glaubt, seine Individualität ausleben zu müssen, soll es bei diesem Automaten plötzlich umgekehrt sein? Wenn beim Hochfahren des Computers jedes Mal die Meldung kommt, dass der Adobe Flash Player ein Update braucht. Man auf Windows 10 upgraden soll. Ob man das Antivirenprogramm nicht auf die kostenpflichtige Variante umstellen möchte. Eine neue Version von Firefox muss auch installiert werden. Und den Rechner für eine Aktualisierung herunterfahren. Jetzt sofort. Oder in vier Stunden. Ja haben wir denn wirklich keine kleineren Probleme?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.09.2015)

„Ein Salzstangerl, bitte!“ „Zwei?“

Hinter so manchem Verhörer steckt der plumpe Versuch, mehr zu verkaufen, als man haben will.

Die Darfssonstnochwasseinisierung an der Supermarkttheke ist ja hinlänglich bekannt, so wie auch das legendäre „Apfeltasche dazu“ beim Hamburgerbrater oder das „passende Pflegemittel dazu“ im Schuhgeschäft (bestimmt braucht jeder Schuh ein eigenes Spray) beim Kontakt. Doch gelegentlich geht der aktive Zusatzverkauf seltsame Wege. Auf „Ein Salzstangerl, bitte“ folgt dann „Zwei?“ Gut, eins und zwei klingen schon recht ähnlich, das kann man im Trubel schon einmal falsch verstehen. Doch wenn dieser Dialog in schöner Regelmäßigkeit immer wieder geführt wird, ist die These des Verhörers nicht mehr haltbar. Dann wird es wohl eine Form des aktiven Zusatzverkaufs sein. Und immerhin eine nicht ganz so plumpe wie „23 dag okay?“, wenn man gerade 10 dag Extra bestellt hat. Vor allem an Fischtheken erreicht die Darfseinbisserlmehrisierung schnell die 100 Prozent – und sogar noch ein bisschen mehr.

Aber wer weiß, vielleicht greift diese Mentalität ja auch noch auf andere Branchen über. Wer sich etwa in einen Zug der ÖBB nach Rekawinkel setzt, bekommt das Angebot „Darf’s ein bisschen weiter sein?“ und wird gleich bis nach Neulengbach gebracht. Einen Anruf bei den Eltern daheim im Wienerwald leitet die Telekom zu einem Teilnehmer in Amstetten weiter. Und in das Auto mit 35-Liter-Tank füllen wir gleich 40 Liter ein. Vielleicht wäre es hilfreich, als Kunde den Spieß umzudrehen. Bei der Kassa legt man freundlich grinsend den nächstgrößeren Geldschein hin, sagt „Darf es ein bisschen mehr sein?“ und zieht von dannen. Klatscht den Wurstverkäufer nach der Bestellung mit „Zugabe“-Rufen ein. Und trällert „I want more“ von den Sisters of Mercy beim Bäckereibesuch. Möglicherweise würde sich damit der Drang zum aktiven Zusatzverkauf verringern. Aber zugegeben, das wäre ähnlich absurd, als würde man eine Kolumne länger schreiben, als auf der Seite überhaupt Platz

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.08.2015)

„Im Sinne von“ ist das Äh der Eloquenten

Einfach zum Nachdenken – so manche unsinnige Redewendung sollte man sich echt abgewöhnen.

Selbstbeobachtung ist eine harte Disziplin. Schließlich könnte man dabei an sich Dinge bemerken, über die man bei anderen lästert. Man kennt das, wenn man Aufnahmen der eigenen Stimme hört – und bemerkt, wie sehr man stammelt, Sätze nicht zu Ende spricht oder alle paar Sekunden „äh“ einbaut. Diese rhetorischen Denkpausen kommen auch in den besten Kreisen vor – nur dass das Äh dann zum Sozusagen gebläht wird. Oder sich im Sinne von „im Sinne von“ entlädt. Auf eine gewisse Art und Weise dient auch „auf eine gewisse Art und Weise“ nur dazu, den Redeschwall in die Länge zu ziehen, damit das hinter der Stimme herhechelnde Sprachzentrum im Gehirn quasi nicht komplett den Anschluss verliert – wobei das hier eingesetzte Quasi auch keinerlei tieferen Zweck erfüllt. Im Allgemeinen ist es eigentlich durchaus üblich, sich auf diese Art und Weise (ab jetzt können Sie weiterlesen, bis hier hat der Satz keinerlei Bedeutung gehabt) durch Konversationen zu hanteln. Ich sag’s ja nur.

Im Grunde genommen sollte man sich auch die Verwendung von allen Redewendungen genau überlegen, in denen es um Denken bzw. Nachdenken geht. Nur so zum Nachdenken, wenn jemand „nur so zum Nachdenken“ auf sozialen Netzwerken schreibt und danach irgendeinen esoterischen Unsinn postet, sollte man das als Einladung verstehen, erst recht nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Nur so ein Gedanke – was aber auch nicht viel besser ist. Aber ist zumindest meine Meinung – natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gesagt; also, nur zur Info –, wer sich selbst beobachtet und es auch noch ernst nimmt, wird auf unglaublich viele Beispiele stoßen, die man sich abgewöhnen könnte. Und ja, auch bei mir selbst habe ich solche Phrasen im Sinne von „im Sinne von“ entdeckt. Ich sag‘ das jetzt so, wie es ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.08.2015)

Preise können weder billig noch teuer sein

Preise in der Bedeutung eines für etwas zu zahlenden Betrags kauft man eher selten ein.

Billigen Sie mir bitte zu, dass das Wort „billig“ eher negativ konnotiert ist. Im Gegensatz zu „günstig“ schwingt immer eine gewisse Minderwertigkeit mit. Ein leicht zu durchschauendes Zauberkunststück ist ein billiger Trick. Ein in Asien gefertigtes Kunststoffprodukt ist Billigware. Und bei Billigfluglinien wird gelegentlich der Vergleich mit Massentierhaltung gezogen. Dabei war billig von seiner ursprünglichen Bedeutung her nicht negativ gemeint. Etwas angemessen finden wurde im Mittelhochdeutschen als „billichen“ bezeichnet, auch das heutige „billigen“ bedeutet, dass man etwas befürwortet oder gutheißt. Die Pejoration – also das Abgleiten eines Wortes in eine negative Bedeutung – setzte ein, als im Zeitalter der Industrialisierung die Fügung „billige Preise“ verwendet wurde. Was aussagen sollte, dass sie angemessen sind – doch wurden sie als niedrig verstanden.

In der heutigen Bedeutung steht das Wort also für „preiswert“. Was allerdings eine gern verwendete Floskel ad absurdum führt: „Billige Preise“, wie sie häufig angepriesen werden, wären demnach preiswerte Preise. Und Preise kauft man, zumindest in der Bedeutung eines für etwas zu zahlenden Betrags, eher nicht ein. Preiswert, also billig, können nur Produkte oder Dienstleistungen sein. Und die Preise analog dazu niedrig. Oder auch hoch – was das Produkt dann allerdings teuer machen würde. Verständlich, dass man in diesem Fall eher die niedrigen Preise preisen würde. Aber zugegeben, das war jetzt ein billiger Versuch eines Wortspiels, für den man wohl keinen Preis bekommen würde.

Die negative Bedeutung des Billigen lässt sich übrigens mit einem einfachen Trick wieder positiv aufladen: durch das Voranstellen von „recht und“. Denn was recht und billig ist, empfinden wir als richtig und gerecht. Würde allerdings ein Diskonter seine Werbung damit bestreiten, wäre das dann doch wieder nur billig.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.08.2015)

Hallo Baby, soll ich dir mein Homonym zeigen?

Wenn Fliegen fliegen und Weichen weichen, lässt sich auch damit spielen.

Keine Ahnung, wie Sie das sehen. Aber wenn jemand keinen Schimmer hat, und der ist auch noch blass, kommt gern ein Tau ins Spiel. Den hat man dann nämlich in der Regel auch nicht. Wobei es sich, wie der Artikel davor schon erahnen lässt, nicht um ein Seil handelt, sondern um in Bodennähe kondensierten Wasserdampf. Und damit, um ein bisschen den Tau fallen zu hören, stehen wir vor einem sehr hübschen sprachlichen Phänomen, nämlich einem Homonym. (Das ist griechisch, mir fällt nur leider kein deutsches Synonym dafür ein.) Darunter versteht man ein Wort, das für verschiedene Begriffe steht. Einem Phänomen, dem nicht nur Witze unserer Kindheit („Wie viel ist zwei Mal sieben?“ „Feiner Sand!“ Hihi!) zu verdanken sind, sondern mit dem man auch im Erwachsenenalter Schabernack treiben kann. Wenn man etwa zu einem Date einen afrikanischen Laufvogel als Präsent übergibt und sich dann gemeinsam auf einem Geldinstitut niederlässt.
Gelegentlich stolpert man auch über die Untergruppe der Homografen, die zwar gleich geschrieben, aber anders ausgesprochen werden. Sie kennen das. Wenn Sie etwa glauben, dass eine Montageanleitung ein Tipp wäre, um den ersten Tag der Woche besser zu überstehen. Umgekehrt haben auch Sie sicher schon Homofone (also gleich klingende Wörter mit verschiedener Schreibweise) scherzhaft eingesetzt – zum Beispiel beim Lästern über die Leere im Schulunterricht.

Den Satz mit den Fliegen, die hinter Fliegen fliegen (oder die Variante mit den Robben), haben Sie sicher schon gehört. Noch öfter, nämlich achtmal, geht das Homonymspiel aber damit: „Weichen Weichen weichen Weichen, weichen Weichen weichen Weichen.“ Was man mit dieser bahnbrechenden (bei weichen Weichen eher bahnbiegenden) Erkenntnis im Alltag anfangen kann? Gute Frage, aber ehrlich gesagt habe ich keinen Tau.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.08.2015)

Leute, die am Ende des Satzes „weißt du“ sagen

Hinter mancher rhetorischer Bestätigungsfrage verbirgt sich ein wenig Prahlerei.

Sie kennen das sicher von Frank Stronach, nicht? Dass er nämlich gerne genau dieses Frageanhängsel am Ende eines Satzes einsetzt. Vor allem die Briten (nein, Stronach ist keiner, der Satz hat auch gar nichts mehr mit ihm zu tun) haben es bei derartigen rhetorischen Bestätigungsfragen zu einer regelrechten Perfektion gebracht, ist es nicht? Doch hierzulande muss man gar nicht neidvoll über den Kanal blicken, denn solche Rückversicherungen kennt man hier auch zur Genüge. Da gibt es das wunderbare „gell“ oder das vor allem im Westen Österreichs gebräuchliche „oder“, während man im Norden Deutschlands gerne ein „ne“ oder „wa“ als Versicherungsfrage anhängt, gelegentlich auch ein „stimmt’s“.

Nicht ganz in diese Kategorie fällt das vielgestaltige „weißt du“, das je nach Sprachraum zwischen „weeste“ und „waaßt“ pendelt. Denn während ein simples „nicht“ oder „oder“ dem Gesprächspartner kein Defizit unterstellt, wirkt das „weißt du“ allzu oft ein wenig schulmeisterlich, gell? (Per Sie hätte da jetzt eigentlich „göllns“ stehen müssen, bitte um Vergebung für die indirekte amikale Duzung!) Denn das „weißt du“ impliziert, dass man selbst das Wissen hat, das man dem kleinen Dummerchen gegenüber jetzt unter die Nase reibt. In rhetorischer Sicht entspricht die Redewendung also etwa dem paternalistischen Tätscheln des Hinterkopfes, stimmt’s? In die gleiche Kategorie passt auch das „verstehst du“, bei dem das Ungleichgewicht des Wissens von oben herab in eine rhetorische Frage gepackt wird. All das oft unbewusst, aber für den Gesprächspartner doch immer wieder ein wenig unangenehm, verstehen Sie?

Es könnte übrigens ein nettes Spielchen sein, auf derartige Floskeln tatsächlich zu antworten. Natürlich verstehe ich das, ich bin ja kein Trottel. Aber vermutlich macht man sich damit eher keine Freunde, oder?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2015)