Österreichs Rache an den Briten für Wörtschesta

Zwischen Gschiaß, Hasebruh und Schwauna – nicht alles wird so ausgesprochen, wie man es schreibt.

Woher soll man es denn wissen. Ja eh, Allgemeinbildung und so, aber der erste Impuls ist trotzdem, Wörtschesta zu sagen, wenn von der englischen Stadt Worcester oder ihrer dazugehörigen Sauce die Rede ist. Warum sie letztlich Wusta ausgesprochen wird, lässt sich sprachhistorisch zwar vermutlich erklären – im Lauf der Zeit fällt im Sprachgebrauch halt schon mal die eine oder andere Silbe weg –, doch bei der ersten Begegnung ist für Außenstehende ein Moment der peinlichen Stille eben inkludiert. Wobei man froh sein muss, dass es keine prominente Sauce aus Happisburgh in der Grafschaft Norfolk gibt – denn dass dieser Ort Hasebruh ausgesprochen wird, kann wirklich nur Bosheit sein.

Bevor jetzt jemand gleich eine britische Verschwörung ortet, arglose Kunden in Delikatessengeschäften lächerlich zu machen, verlagern wir doch das Geschehen in heimatliche Gefilde. Die westoberösterreichische Stadt Ried wird ja maximal in überregionalen Sportsendungen so ausgesprochen, wie sie gelesen wird. Bei Einheimischen erinnert die Aussprache eher an die saudiarabische Hauptstadt – vermutlich ist deshalb auch die Ergänzung „Riad im Innkreis“ zur Verortung hilfreich. Die Gemeinde St.Johann am Walde, ebenfalls im Innkreis, hat sogar ihre Website nach dem umgangssprachlichen Namen unter http://www.saigahans.at registriert. Die Einwohner von Schwanenstadt (was für ein wunderbarer Name, übrigens) greifen, wenn sie über ihre Stadt sprechen, zu „Schwauna“. Wer zur Gemeinde Dienten am Hochkönig nicht „Deantn“ sagt, outet sich sofort als Auswärtiger. Und wer bei der Radtour im Burgenland von Einheimischen nach „Gschiaß“ geschickt wird, wird bei Google Maps definitiv nicht fündig. Woher sollte man auch wissen, dass es sich um den früheren Namen von Schützen im Gebirge handelt? Schade eigentlich, dass es von hier keine Würzsauce gibt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.03.2015)

Denk mal drüber nach

Denken Sie mal nach – geht es Ihnen nicht auch fürchterlich auf die Nerven, wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie mal nachdenken sollen? Wenn das Gegenüber mitten in einem Gespräch plötzlich eine unerwartete Wendung hervorzaubert und den scheinbaren Coup mit dieser Phrase abschließt. Immerhin insinuiert er damit, man hätte das Thema der Debatte bis dahin maximal mit dem Rückenmark verarbeitet. Überlegen Sie mal – wird es besser, wenn die Formulierung leicht abgewandelt wird, die Arroganz des besserwisserischen Gesprächspartners aber unverändert vorhanden ist? Sie müssen das so sehen – mit rhetorischen Tricks wie diesen kann es gelingen, anderen Menschen ein als väterlichen Rat verpacktes „Ei, ei, Trottel“ unterzujubeln, und auf dem derart bestellten Acker die eigene Meinung einzupflanzen, auf dass sie aufgehen möge.

Verdächtig oft kommen derartige Aufforderungen ja von Menschen, deren Weltbild, sagen wir, nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Also etwa jenen, die ernsthaft erwägen, dass hinter den Kondensstreifen von Flugzeugen der Plan einer geheimen Weltregierung steckt, das Bevölkerungswachstum in Schach zu halten. Oder die in Conchita Wurst eine chinesische Geheimwaffe zur Unterwanderung der abendländischen Kultur sehen. Nur kurz zum Nachdenken – ein bisschen was muss an dem allen ja dran sein, sonst würden es die Medien ja nicht ständig so lächerlich machen. Hm?

In Wirklichkeit ist es nämlich so, dass Menschen, die Sätze mit „In Wirklichkeit“ beginnen, genau die gleiche rhetorische Waffe einsetzen. Wobei sie das manchmal auch mit Formulierungen à la „Seien wir uns ehrlich“ umschiffen. Also, seien wir uns ehrlich – bei Gesprächen, in denen Phrasen wie diese zum Einsatz kommen, ist Vorsicht angebracht. Denn allzu oft steht ein „Denk mal drüber nach“ dort, wo man sich ein „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ nicht mehr zu sagen traut. Verwandt damit ist übrigens auch das „Ich habe es Ihnen ja gesagt“, das etwa dem gönnerhaften Tätscheln auf den Hinterkopf eines Kleinkindes entspricht. Interessant, nicht? Denken Sie mal drüber nach.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.02.2015)

Mein Seitensprung mit George Clooney

„Wenn die Person, mit der du eine Affäre hast, ebenfalls verheiratet ist, dann sind die Verhältnisse klar, und es gibt weniger Missverständnisse.“ Sagt zumindest der Chef eines Internetportals, das Seitensprünge vermittelt. Und schreibt in seine dazugehörige Aussendung auch gleich eine Warnung: „Pass auf, Amal Alamuddin.“ Denn auf den Gatten besagter Dame hätten es ziemlich viele verheiratete Frauen, die man dazu befragte, abgesehen. Vermutlich kann sie jetzt nicht mehr ruhig schlafen, die Arme. Dabei wäre es doch ein Leichtes für sie, seine Treue ganz wissenschaftlich festzumachen. Britische Forscher haben nämlich herausgefunden (wenn ein Satz so beginnt, weiß man in der Regel, was davon zu halten ist…), dass sprunghafte Menschen an ihrer Fingerlänge erkannt werden können. Je länger der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger ist, desto höher war die Konzentration des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, dem man als Fötus im Mutterleib ausgesetzt war – und desto höher ist laut den Wissenschaftlern die Hinwendung zur Polygamie.

Sie dürfen sich jetzt übrigens ertappt fühlen, wenn Sie mit dem Lesen dieses Absatzes erst dann begonnen haben, nachdem Sie einen prüfenden Blick auf Ihre Hand geworfen haben. (Und, erwischt?) Genau das könnte Frau Alamuddin nun auch bei ihrem Gatten tun– vielleicht gibt es ja einen kurzen Moment, in dem sich seine Finger nicht gerade an eine Espressotasse klammern. Sollte sein Zeigefinger den Längenvergleich mit dem Ringfinger nicht erfolgreich bestehen, würde auch sein treuer Hundeblick nichts mehr helfen. Denn die Biologie lässt sich nicht überlisten, wie wir wissen – wer Augen hat zu sehen, der sehe. Und in diversen bunten Wochenblättern könnten wir schon bald von einem schmutzigen Scheidungskrieg lesen. („Du kannst die Kaffeemaschine behalten, aber die Stadt gehört mir!“)

Sollten Sie mit Hilfe dieses Tests den Filou in sich entdeckt haben, können Sie ja mal im Telefonbuch blättern. Herr Clooney dürfte dann ja wieder zu haben sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.02.2015)

Strč prst skrz krk im Chuchichäschtli

Aus dem Urlaub im nicht deutschsprachigen Ausland ist dieser Austromissionierungseifer ja bekannt. Dass ein verlegen lächelnder Kellner oder Reiseleiter unter großem Gejohle dazu gebracht wird, ein urösterreichisches Wort wie „Oachkatzlschwoaf“ auszusprechen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung, könnte man meinen. Wenn es sich dabei wenigstens um ein Wort handelte, das tatsächlich einen sprachlichen Nutzen mit sich bringt. Allein, zu viel mehr als zum seichten Gaudium auf Kosten anderer taugt es dann doch nicht. Ein typisch österreichisches Verhalten ist dies allerdings nicht, denn auch andere Nationen und Sprachgruppen haben ihre Scherze. „Strč prst skrz krk“ („Steck den Finger durch den Hals“) ist etwa die tschechische Variante einer weitgehend sinnlosen Äußerung, die vor allem dazu dient, Anderssprachige in Schwierigkeiten zu stürzen – schließlich kommt sie komplett ohne Vokale aus.

Man möchte es kaum glauben, aber dieses Phänomen hat einen Namen. Von einem Schibboleth wird in der Linguistik gesprochen, wenn sich ein Sprecher durch ein spezifisches sprachliches Merkmal eindeutig einer regionalen oder sozialen Gruppe zuordnen lässt. Der aus dem Hebräischen entlehnte Begriff (Getreideähre) diente den Gileaditern im Alten Testament dazu, die feindlichen Epraimiter zu erkennen – die den Wortanfang nicht „sch“, sondern „s“ aussprachen. Und die derart identifiziert kurzerhand getötet wurden.

So dramatisch ist es heute nicht mehr, da amüsiert sich höchstens der Schweizer, wenn jemand am „Chuchichäschtli“ (Küchenschrank) scheitert, erkennt der Oberösterreicher am „Ödögidöggi“ (Öltiegeldeckel) den Ortsfremden und erfreut sich der Lustenauer, wenn jemand am Triphthong des „Äuöli“ (Ei) verzweifelt. Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Kellner im italienischen Restaurant, der „D‘ Koinarin håd’s Bschteck z’schpâd bschtoid“ nicht reibungslos aussprechen kann, sind aber keinesfalls angebracht. Schon gar nicht, übrigens, wenn man vorher die „Gnotschi“ bestellt hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.02.2015)

Nicht schlecht staunte Winnetou abschließend

Wer kennt das nicht? Das Gefühl nämlich, dass Zeitungsartikel, die mit „wer kennt das nicht?“ beginnen, gern mit „bleibt abzuwarten“ enden. Soll heißen, dass im journalistischen Vorratsschrank gelegentlich auf Konfektionsware zurückgegriffen wird, die schon seit Jahrzehnten in Regalen vor sich hin angestaubt werden. Zu glauben, dass Leser das ohnehin nicht bemerken, wäre ein Trugschluss, schließlich gibt es bereits ganze Websites, die sich dem Einsatz sprachlicher Dutzendware widmen. Die lieblose Phrase „Nicht schlecht staunte“ zu Beginn eines Artikels feiert Tag für Tag „das größte Comeback seit Lazarus“ – um eine weitere dieser Phrasen zu bemühen. Als selbstkritischer Journalist (ja, auch mea culpa) muss man sich fragen, ob man nicht auch selbst ab und zu dem Immermehrismus anheimfällt, indem man Phänomene, die sich einer exakten Quantifizierung verweigern, eben mit „immer mehr“ beziffert.

Wenn wir schon beim Stil sind – gelegentlich wird das schöne Verb „sagen“ durch, sagen wir, eher unpassende Formulierungen ersetzt. „Es zieht“, schloss der Kapitän das Fenster. „Der arme Hund“, packte er das Häufchen in ein Plastiksackerl. Und um ein wenig scheinbare Authentizität ins Spiel zu bringen, wird das Sagen auch gern mit einer Tätigkeit verbunden, die nicht zwangsläufig etwas damit zu tun haben muss. „Ich habe Hunger“, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ja, eh. Und irgendwann landen wir dann womöglich bei „Hugh“, sprach Winnetou, schnitt sich ein Loch in den Bauch und verschwand darin.

Nicht zu vergessen das „so“, das so gern zum Verbersatz mutiert. Allein, man kann nicht etwas soen. Macht aber nichts, man gewöhnt sich an alles. So auch an die klassischen Schlusspointen in Pressaussendungen vornehmlich politischer Parteien. „Bla bla bla“, so XY abschließend, ist ein Klassiker. Oder, wenn gleich zwei Menschen zitiert werden, „so beide unisono“. Tja, wer kennt das nicht? Doch ob sich das jemals ändern wird, bleibt abzuwarten, so ich abschließend.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2015)

Ein Schritt zu wenig

Es gibt ja diese Phrase, dass man mit etwas einen Schritt zu weit gegangen ist. Weitgehend unbekannt im Schatzkästlein der Aphorismen ist dagegen der umgekehrte Fall – der berühmte Schritt zu wenig. Dabei taucht er im Alltag viel häufiger auf. Etwa beim Wegwerfen eines Taschentuchs: Es wären drei, vier Schritte in Richtung Mistkübel – doch sobald eine akzeptable Distanz erreicht ist, wird mit einer lässigen Wurfbewegung das zusammengeknüllte Stück in Richtung der Öffnung befördert. Dumm nur, dass das aerodynamische Verhalten eines Papiertaschentuchs nicht ganz so berechenbar ist wie das eines Basketballs. Und so endet der Wurf zu 99 Prozent auf dem Boden. Womit der eine eingesparte Schritt Makulatur ist. Nicht nur, dass er nun nachgeholt werden muss, kommt auch noch mit dem Bücken ein weiterer Arbeitsschritt hinzu. Es macht übrigens keinen Unterschied, ob das Objekt vorher noch die Kante berührt und von dort nach außen wegspringt. Außer vielleicht jene Geste, mit der man sich selbst enttäuscht signalisiert, dass es richtig knapp war – so wie Fußballer nach einer verpatzten Torchance theatralisch auf die Knie sinken und sich mit beiden Händen an den Kopf greifen. Könnte in diesem Fall halt übertrieben wirken.

Der eine Schritt zu wenig lässt sich aber auch erweitern. Wenn man etwa beim Abräumen des Frühstückstischs Teller, Tassen, Eierbecher, Marmeladenglas, Honiglöffel, Wurstrest und halbe Semmel zu einem gigantischen Turm aufbaut, um nur einmal den Weg in die Küche antreten zu müssen. Und dann beim Gehen die fragile Konstruktion bedrohlich zu wackeln beginnt. Die Konsequenz ist dann meist, dass nicht nur ein Fußweg nachgeholt werden muss, sondern auch noch ein paar Gabeln aufzuheben sind und ein Marmeladenfleck vom Teppich gewischt werden muss.

Es ließen sich noch viele derartige Beispiele finden. Etwa die Schnalle, die gedrückt wird, noch ehe man die Tür erreicht hat. Oder das Trinkglas, das gekippt wird, noch ehe es am Mund aufliegt. Aber ich kann jetzt leider nicht, ich muss noch die nasse Wäsche aufsammeln, die auf dem Weg zum Trockner liegt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2015)

Nehmt der Spontaneität endlich das e weg

„Es war ein tolles Jahr! Danke, dass du ein Teil davon warst!“ Schön für all jene, die diesen vorgefertigten Text millionenfach auf Facebook als Resümee ihres Jahres verwendet haben. Abgesehen davon, dass 2014 vielleicht gar nicht so toll war, erschüttert aber viel mehr, mit wie wenig Individualität sich das Kollektiv so zufriedengibt. Als wäre jeder Dialog mit Kalendersprüchen und Zitaten von Paulo Coelho austapeziert schon komplett. Originalität has left the building, wie es scheint. Apropos, über die Spontaneität sollten wir auch noch reden – warum die nämlich dieses komplett widersinnige e vor der ität führt. Schon klar, das war schon im spätlateinischen spontaneus drin und hat sich über das französische spontanéité bis ins Deutsche durchgeschlagen. Wobei das mit den Franzosen ja auch so eine Sache ist – nehmen wir zum Beispiel das partielle Vigesimalsystem beim Zählen, das als Basis die Zahl 20 verwendet. Da heißt beispielsweise 96 quatre-vingt-seize, was so viel bedeutet wie viermal 20 und 16. Mon Dieu!

Dabei sind die Franzosen in anderer Hinsicht gar nicht so skurril, sondern haben im Gegenteil eine ziemlich großartige Logik installiert – das metrische System. Da ist es wiederum vor allem die Anglosphäre, die USA und zum Teil Großbritannien, die sich mit ihren Meilen, Pfunden und Gallonen nach wie vor querlegen. Nun, sie waren 1798 halt aus politischen Gründen nicht bei der Pariser Konferenz vertreten, bei der Frankreich zur Teilnahme am französisch-metrischen System eingeladen hat. Aber gut, das waren Deutschland und Russland auch nicht. Und die haben sich im Lauf der Zeit ja auch überzeugen lassen.

In diesem Sinn sollten wir uns auch im deutschsprachigen Raum zu einer sinnvollen Maßnahme durchringen: Nehmen wir der Spontaneität endlich dieses unsinnige e weg. Ansonsten vielen Dank, es war ein tolles Jahr! Danke, dass Sie ein Teil davon waren!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.12.2014)

Diese Weihnachtskolumne ist zu 27,3 Prozent erfunden

Aus Mangel an eigenen Kindern lassen sich rührende Erlebnisse rund um Weihnachten halt nicht so leicht erzählen. So auf die Art, wie der Zehnjährige dem Papa verständnisvoll ins Ohr flüstert: „Du, ich weiß eh schon seit ein paar Jahren, dass es das Christkind gar nicht gibt. Aber ich wollte dich nicht enttäuschen, darum hab ich mitgespielt.“ Also muss der persönliche Erfahrungsschatz eben mit Kuriosa aus externen Quellen aufgepimpt werden. Etwa mit Umfragen aus der Markt- und Meinungsforschung, die uns dabei helfen, das Phänomen Weihnachten besser zu verstehen. Hier erfährt man unter anderem, dass 71,7 Prozent der Österreicher schon mindestens einmal ein falsches Geschenk bekommen haben, sich das 67,8 Prozent jedoch nicht anmerken ließen – hat ja nie jemand behauptet, dass Weihnachten das Fest der Aufrichtigkeit ist. 68 Prozent streiten rund um das Fest der Liebe (das macht 50 Cent fürs Phrasenschwein) mit der Familie oder dem Partner. Zu 35 Prozent ist das Aufräumen und Putzen daran schuld, gefolgt vom Organisieren familiärer Veranstaltungen mit 27 Prozent. Letztere gehören für 72 Prozent zur Weihnachtszeit dazu – nach mageren 65 Prozent im Vorjahr ein deutlicher Anstieg. 46 Prozent backen ihre Weihnachtskekse selbst – und im Dezember legen die Anmeldungen in Fitnesscentern um etwa 20 Prozent zu. (Ja, alle diese Umfrageergebnisse gibt es wirklich!)

Immerhin, hier kann man – auch ganz ohne Kinder– aus eigner Erfahrung etwas beisteuern. 16,9 Prozent treffen bei „Stille Nacht“ auf Anhieb den richtigen Ton. 34,5 Prozent der Bonbonnieren, die unter dem Christbaum liegen, sind weitergeschenkte Firmengeschenke, auf 18,2 Prozent klebt sogar noch die Glückwunschkarte mit bestem Dank für die gute Zusammenarbeit. 57,3 Prozent der Österreicher glauben immer noch, dass Peter Rapp „Licht ins Dunkel“ moderiert. 67,2 Prozent können sich noch an weiße Weihnachten erinnern. Und etwa 77,8 Prozent der besten Geschenkideen hat man in der Woche nach Weihnachten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2014)

Dinge, die man unter dem Christbaum nicht hören will

Weihnachten steht vor der Tür – und ein Text, der mit diesen Worten beginnt, hat eigentlich schon verloren. Auch „Weihnachten naht mit großen Schritten“ ist ein Auswurf kreativer Einfallslosigkeit. Würde man einen Euro für jede Verwendung einer solchen vorweihnachtlichen Hohlphrase zur Seite legen, ließe sich damit eine ganze Kärntner Bank sanieren. Mit einem weiteren Euro für „leuchtende Kinderaugen“ könnten womöglich sogar die Pensionen gesichert werden, bis besagte Kinder selbst in den Ruhestand treten. Und was das hyperinflationär eingesetzte Adjektiv „besinnlich“ bedeuten soll, müsste man all die hektisch weiter über die Mariahilfer Straße hoppelnden Leute fragen, die einem gerade eben ein solches Fest gewünscht haben.

Auch unter dem Christbaum warten diverse Wörter und Sätze, die man nicht unbedingt hören möchte. „Aha“, zum Beispiel, ist der Gottseibeiuns der Reaktionen beim Geschenkeauspacken. Damit signalisiert der Beschenkte, dass er keine Ahnung hat, was er denn nun mit dem Ding, das er gerade aus dem Geschenkpapier geschält hat, anfangen soll. Oder zumindest, dass es definitiv nicht auf irgendeiner Wunschliste verzeichnet war. Gelegentlich wohnt dem „Aha“ noch der Wunsch inne, dass es sich um eine Finte handeln könnte – und unter fröhlichem Gelächter dann doch noch ein Geschenk, das man wirklich gern hätte, aus einem Versteck geholt wird. Allein, wenn die Post-aha-Stille länger als 30 Sekunden anhält, ist es wohl vorbei. Und der Schenkende kann seinerseits eine Phrase auspacken, um das schönste Fest des Jahres (höhö!) weiter in den Abgrund zu ziehen: „Du freust dich ja gar nicht!“

Ein Klassiker ist übrigens auch das „Eigentlich haben wir ja ausgemacht, dass wir uns heuer nichts schenken“. Was allerdings nur wirklich gut funktioniert, wenn beide sich nicht daran gehalten haben. Wer also jetzt noch den Verdacht hat, dass der Pakt erneut nicht halten wird, sollte sich beeilen. Denn, falls es noch nicht erwähnt wurde: Weihnachten steht vor der Tür.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2014)

Zehn Dinge, die in Kolumnen zum Advent stehen müssen

Eigentlich wären jetzt ja 24 Tage Zeit, um täglich eine Weisheit aus einem Kalender mit schlauen Sprüchen zu ziehen. Allein, aus irgendeinem Grund hat es sich eingebürgert, Listen mit zehn, 33 oder 83 meist weitgehend irrationalen Dingen zu erstellen, die man tun muss, bis ein Ereignis eintritt – sehr häufig übrigens das finale Momentum des eigenen Todes, aber das hat ja mit Weihnachten wieder nichts zu tun. Also bitte, dann eben eine Top-Ten-Liste für die kommenden Tage.

1) Einen Wortwitz mit Punsch machen. „Punschlos glücklich“ oder jemandem „jeden Punsch von den Lippen ablesen“.

2) Am Einkaufssamstag einen Verkäufer in eine Grundsatzdebatte über Weihnachten als Orgasmus des Kapitalismus verwickeln.

3) Jedem Zehnten, der sich über „Last Christmas“ beschwert, ein fröhliches „Bingo“ entgegenrufen.

4) Arbeitskollegen, die zur Toilette gehen, einen „besinnlichen Aufenthalt“ wünschen.

5) Dem ORF-Wettermann vorsorglich einen Beschwerdebrief schicken, warum es schon wieder keine weißen Weihnachten geben wird.

6) Täglich auf die Waage steigen und mit betretenem Gesicht „aber nach Weihnachten dann“ murmeln.

7) Die Türen des Adventkalenders in der falschen Reihenfolge öffnen und dabei lauthals „Breaking the Law“ singen.

8) Darauf bestehen, dass bei der Bescherung nicht schon wieder „Stille Nacht“ gespielt wird, sondern das „Helikopter-Streichquartett“ von Karlheinz Stockhausen.

9) Die Wohnung mit Sand auslegen, Heizstrahler aufstellen und Freunde zu einer Mottoparty „Hawaii“ mit Badekleidungspflicht einladen.

10) Mit möglichst vielen Menschen, die man selten sieht, ein baldiges Treffen ausmachen. Irgendwann nach Weihnachten dann, wenn wir mehr Zeit haben, ja? Freu mich! Dann noch schöne Feiertage!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2014)