Die Papierschlange am Ende der Kassa

Es sind nicht unbedingt die Früchte der Erkenntnis, zu der uns die Schlange an der Supermarktkassa verführt. Maximal zu Schokoriegeln, die allerdings nicht zur Vertreibung aus dem Paradies führen. Wobei man in dieser Situation vom Garten Eden ziemlich weit entfernt ist – sondern einfach nur Teil des metaphorischen Reptils, das sich neben dem Förderband langsam zum Bezahlvorgang windet. Der dauert, seit die Bankomatkarte nur noch an das Lesegerät gehalten werden muss, ja mittlerweile recht kurz. Doch was danach kommt, ist dafür umso länger: die Papierschlange, die sich aus der Registrierkassa (sagt man das heute noch?) schlängelt. Die entwickelt dabei nämlich zunehmend die Ausmaße einer Python. Und das nicht nur dann, wenn ein Großeinkauf für die gesamte Familie ansteht, sondern auch bei der kleinen Besorgung mit nur einem Artikel. Der simple Kauf eines Desinfektionssprays in einem Drogeriemarkt wirft dann eine 21 Zentimeter lange Papierschlange aus, auf der ein ganzes Kapitel von Tolstois „Krieg und Frieden“ untergebracht werden könnte. Nur, dass statt Fürst Kutusow in der Dreikaiserschlacht bei Austerlitz weit profanere Texte darauf zu finden sind.

Der Name des Ladens. Das Produkt und sein Preis. Die dank Bonuskarte abgezogene Summe. Die Information über die Zahlung mit Karte. „Betrag dankend erhalten.“ Die Adresse der Filiale. Name und Körpergröße der Kassiererin. Die Kundennummer. Die Auflistung sämtlicher Bonuspunkte in mehreren Stufen. Das Verfallsdatum der Bonuspunkte. Die Information, wie viel Prozent Ermäßigung es mit wie vielen Bonuspunkten gibt. Ein lustiges Logo einer Aktion. Dann meist noch ein weiterer Zettel mit einem Gutscheincode für ein Produkt, das man nicht braucht – dafür bekommt man es um 25 Prozent günstiger. Und am Ende „Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Verfilmung und Übersetzung.“

Von welchen Früchten die Verantwortlichen dieser Zettelwirtschaft wohl genascht haben – gab es im Garten Eden eigentlich psilocybinhaltige Pilze?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.11.2014)

Generation Generationenfrust

Ich lese keine Mails, das ist ein Prinzip bei mir. Als Vertreter der Generation Brieftaube geziemt sich so etwas einfach nicht. Apropos Generation, das ist ja auch so eine Sache – derzeit scheint sich eine Art Generation Generationenfrust herauszubilden. Das sind jene Menschen, die etwa zwischen 1990 und 2014 geboren wurden – und die medial dauerseziert werden, wie sie ticken, verbunden mit ein paar soziologischen Fachbegriffen und nicht zuletzt einem griffigen Generationenbegriff. „Generation Merkel“ titelte zuletzt etwa der Spiegel über jene jungen Deutschen, die bis jetzt nur eine Kanzlerin erlebt haben. Analog könnte man bei allen 20-jährigen Wienern von einer Generation Häupl sprechen oder bei den Profi-Skifahrern der vergangenen Jahre von der Generation Schröcksnadel. Wie auch immer, derart durchleuchtet beginnt es in der Generation Praktikum zu kochen, vollzieht sich die Transformation zur Generation Aufschrei, die ihre Wut letztlich als Generation Smartphone mit den anderen Vertretern der Generation Facebook teilt.

Keine Angst, es geht auch abstrakter. Die jungen Menschen, die ab der Jahrtausendwende geboren wurden, firmieren etwa unter Generation Z, die Generation davor (nein, das ist kein soziologischer Terminus) läuft unter Generation Y. Und begonnen hat alles mit der Generation X, die im gleichnamigen Roman von Douglas Coupland aus dem Jahr 1991 bekannt wurde. Nun empfiehlt es sich, bei Aufzählungen, die der Logik des Alphabets folgen, am Anfang anzufangen. Sonst besteht die Gefahr, dass zwischendurch die Buchstaben knapp werden. Und ehe man die Logik verinnerlicht hat, ist auch schon das Ende erreicht. Und dann? Fängt es nach der Generation Z bei der Generation A an, oder wird es die Generation Z plus? Werden die Soziologen der Zukunft die Generation Alpha aus der Taufe heben? Oder erreichen wir irgendwann die Generation wurscht, der das alles ohnehin egal ist? Bin auf Anregungen gespannt – am besten per Mail…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.11.2014)

Leute, die mit dem Finger auf mich zeigen

Dass man nicht mit dem nackten Finger auf angezogene Leute zeigen soll, haben wir ja schon von den Großeltern gelernt. Allein, in mancher Unterhaltung möchte man am liebsten zweifelnd nach unten blicken, um sich zu versichern, dass man nicht schon wieder ohne Hose aus dem Haus gegangen ist. Dann nämlich, wenn man dem ausgestreckten Zeigefinger des Gegenübers ständig ins Auge blickt, als würde Harry Potter mit seinem Zauberstab gerade einen Expelliarmus abfeuern. Wobei der Fingerzeig gar nicht viel mit dem Inhalt des Gesagten zu tun haben muss – vielmehr wird er von manchem Gesprächspartner eingesetzt, wie man am Telefon mit einem regelmäßigen „Mhm“ signalisiert, dass man noch den Ausführungen am anderen Ende der Leitung folgt.

Oder er erfüllt die Funktion des Tuschs wie in Late-Night-Shows, damit auch jeder bemerkt, dass gerade eine Pointe abgefeuert wurde – in diesem Fall wird er auch wie eine Pistole aus der Hüfte in Stellung gebracht. Dass man sich tatsächlich bedroht fühlt, kommt vor allem dann vor, wenn sich der Fingerzeiger dabei nach vorne lehnt und mit dem Zeigefinger in der Intimdistanz umrührt. Nicht zu verwechseln ist der Einsatz des Fingers als rhetorische Stichwaffe übrigens mit dem erhobenen Zeigefinger – der ist zwar auch lästig, aber immerhin durchbohrt er nur den Himmel.

Eine Unsitte, von der man lieber die Finger lassen sollte, ist auch das Zeigen auf Dinge als Ersatz für verbale Kommunikation. Wenn etwa statt „Kannst du mir bitte das Salz reichen“ nur auf den Streuer gezeigt wird. Oder der wortlos auf ein Objekt gestreckte Zeigefinger ein „Schau dir das an“ ersetzt. Wobei die Kombination von Zeigen und Worten auch nicht immer wahnsinnig sinnvoll wirkt – man denke an Hundebesitzer, die auf einen ungewollten wohnzimmerlichen Haufen deuten und das mit gesenktem Kopf dastehende Tier vorwurfsvoll anschnauzen: „Was ist das?“ Aber das ist eine andere Geschichte – und an der will ich mir jetzt lieber nicht die Finger verbrennen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.11.2014)

Leute, die im Gespräch ständig meinen Namen sagen

Empörung ist vielleicht zu viel verlangt, vor allem, wenn man noch nicht einmal den Kurs „Empörung für Phlegmatiker“ an der Volkshochschule erfolgreich absolviert hat. Doch Verwunderung darf schon sein. Über jene Menschen nämlich, die während einer Unterhaltung ständig den Namen des Gesprächspartners sagen. Als ob sie sich immer wieder vergewissern müssten, dass sie noch wissen, mit wem sie gerade Konversation führen. Und das dem Gegenüber auch mitteilen müssen. Wenn jeder neue Argumentationsstrang mit „Erich …“ eingeleitet wird, ist jedenfalls Vorsicht angebracht. (Wenn Sie gar nicht „Erich“ heißen, sowieso, aber der Name war jetzt ja auch nur als Beispiel gedacht.) Wobei gelegentlich natürlich eine gesprächstaktische Variante dahintersteckt, die eigene Position zu untermauern, indem man vor den Namen ein eindringliches „aber“ stellt – und mit dem leichten Anflug von Indignation signalisiert, dass der Angesprochene sich in einer argumentativen Sackgasse befindet. „Aber Herr Kocina, Sie glauben doch nicht …“ Gern auch verbunden mit einem Stoßseufzer und rollenden Augen.

Eine damit verwandte Unart ist das lang gezogene „Du“ als Anbahnung eines Gesprächs, dem der Name folgt. Immerhin setzt sich das aber in der Regel nicht während der Unterhaltung fort. Es sei denn als Ersatz für das „äh“, um vor einem neuen Gesprächsstrang ein wenig Zeit zu haben, sich zu ordnen. Sollte es im Lauf einer Konversation zu anhaltenden „Du“-Attacken kommen – oft auch in Kombination mit einem ausgestreckten Zeigefinger in Richtung des Angesprochenen, muss man ohnehin an der Sinnhaftigkeit des Gesprächs zweifeln.

Wie unsinnig dieses ständige Anreden im Gespräch ist, lässt sich übrigens schön illustrieren, indem man sich eine Nachrichtensendung im Fernsehen vorstellt, bei der jeder einzelne Beitrag mit „meine sehr geehrten Damen und Herren“ eingeleitet wird. Käme ja auch komisch, oder? Und das, liebe Leserinnen und Leser, musste einfach einmal gesagt werden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.11.2014)

Das Passwort muss @$&%!~*’€# enthalten

Passwörter sind nicht für die Ewigkeit. Darum bietet es sich an, sie gelegentlich zu ändern. Ist ja auch kein Problem. Und so quetscht man sich eben eine Kombination aus einem Wort und einer Zahl heraus, tippt sie freudig in das Formular – und starrt danach auf die rote Schrift. „Das Passwort muss mindestens acht Zeichen lang sein.“ Ja, das leuchtet ein. Sonst könnte es ja jeder knacken, also dann eben ein längeres Wort. Ist ja kein Problem. „Das Passwort muss mindestens einen Großbuchstaben enthalten.“ Gut, schreibt man den ersten Buchstaben eben groß. Ist ja kein Problem. „Das Passwort muss mindestens einen Großbuchstaben enthalten, der nicht am Anfang stehen darf.“ Ach, klar. Ist ja kein Problem, setzt man ihn eben ans Ende. „Das Passwort muss mindestens einen Großbuchstaben enthalten, der nicht am Ende stehen darf.“ Oh, na gut, dann eben ein Buchstabe irgendwo in der Mitte, merkt man sich schon irgendwie. Ist ja kein Problem. „Das Passwort muss mindestens zwei Ziffern enthalten.“ Verständlich, sonst kann man es ja viel zu leicht knacken. Also gut, dann eben zwei Ziffern. Ist ja kein Problem. „Das Passwort muss mindestens ein Sonderzeichen enthalten.“ Oh, ja, dann schreibt man eben statt des „S“ in der Mitte des Wortes einfach ein Dollarzeichen. Sieht ja fast gleich aus und merkt man sich locker. Ist ja kein Problem.

„Das Passwort muss mindestens einen Reim enthalten.“ Sehr gut, dann merkt man es sich ja gleich viel leichter. „Das Passwort muss eine Melodie enthalten.“ Gute Idee, vielleicht wird ja ein Hit draus – Notiz an mich selbst: Helene Fischer die Idee anbieten. „Das Passwort muss mindestens eine Hieroglyphe enthalten.“ Gute Idee, mal sehen, ob man die Tastatur auf altägyptische Zeichen umstellen kann. „Das Passwort muss das Blut eines Einhorns enthalten.“ So, wo bekommt man das jetzt wieder her? Aber okay, bitte sehr.

„Das Passwort kann nicht geändert werden, weil Sie zu viele Versuche dafür benötigt haben. Bitte starten Sie den Vorgang erneut.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.10.2014)

Du siehst gut aus, heute schon gekotzt?

„Normalerweise hast du das Monopol auf schlechte Witze“, sagt die Kollegin entschuldigend, nachdem sie einen schlechten Scherz gemacht hat. Eine solche Situation lässt sich auf drei Arten auflösen. Man steht beleidigt auf und geht. Man macht einen weiteren schlechten Scherz. Oder man führt das Gespräch auf eine Metaebene und erklärt, dass die angesprochenen Sprüche à la „Schmeckt gar nicht mal so gut“ zu einem Sprachstil gehören, der vor allem in den 1970ern und 1980ern sehr gebräuchlich war. Schnodderdeutsch, so erklärt man, geht auf den norddeutschen Begriff „schnoddrig“ zurück, was für provozierend und großsprecherisch steht. Das Wort wiederum geht auf den deutschen Synchronsprecher Rainer Brandt zurück, der TV-Serien und Filmen mit Neologismen, umgewandelten Sprichwörtern und Brüchen in Stil und Logik seinen eigenen Humor aufdrückte. Besonders anschaulich ist das bei der Serie „Die Zwei“ mit Tony Curtis und Roger Moore, deren deutsche Übersetzung zum Teil erheblich vom Original abweicht. „Hände hoch – ich bin Achselfetischist“ oder „Sleep well in your Bettgestell“ wurden zu geflügelten Worten. Nicht zu vergessen „Tschüssikowski“, wie sich der von Curtis gespielte Danny Wilde zu verabschieden pflegte. Sprüche wie „Jetzt gibt’s vor die Sabberrinne!“ oder „Siehst gut aus – heute schon gekotzt?“ machten auch die Filme von Bud Spencer und Terence Hill erfolgreich.

Mit schlechten Witzen, so wird weiter doziert, haben diese Sprüche also nichts zu tun. Vielmehr sind sie ein Stilmittel, das heutzutage viel zu selten angewandt wird, weil sämtliche Filme und Fernsehserien stromlinienförmig und langweilig ins Deutsche übertragen werden. Das möge die Kollegin also bedenken, ehe sie den Vorwurf eines schlechten Humors in den Raum stellt. Und um sie komplett zu verstören, könnte man dann doch noch den Teil mit dem Beleidigt-Weggehen nachholen, ihr dabei zurufen: „Auf Wiedersehen, aber es eilt nicht.“ Und sich insgeheim freuen, dass man bei schlechten Scherzen tatsächlich eine Monopolstellung innehat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.10.2014)

Stoppelgeld im Vorstadtbeisl

Auf Privatsendern war es ja eine Zeit lang ein beliebtes Sendungskonzept, unterschiedliche soziale Welten aufeinanderprallen zu lassen. „Tausche Familie“, „Tausche Frau“ oder „Tausche Leben“ erlaubten dem Fernsehvoyeur, sich an – meist noch zusätzlich inszenierten oder angestachelten – Konflikten zwischen reich und arm, zwischen weltgewandt und provinziell, zwischen tütü und bumbum zu ergötzen. Wirklich originell sind diese Schaukämpfe längst nicht mehr, doch wer die richtigen Freunde hat, muss sich ohnehin nicht mit dem passiven Konsum vor dem Fernseher zufrieden geben – sondern erlebt auch im Alltag seinen persönlichen Clash of Civilizations.

Wenn sich etwa jemand, aus welchem Grund auch immer, dazu entschlossen hat, bis zum Ende des Jahres keinen Alkohol mehr zu trinken. Nur im Vorstadtbeisl – so eines mit Harley-Davidson-Fahne hinter der Bar, nur damit man sich das besser vorstellen kann – ist gerade kein Bier ohne Alkohol vorrätig. Da lehnt sich besagter Freund vor, mustert die Kellnerin in ihrem schwarzen Lederdress und präsentiert einen Vorschlag: Ob sie denn wisse, was Stoppelgeld ist. Um danach, ohne auf die Antwort zu warten, das Konzept dahinter erklärt und vorschlägt, dass er jetzt schnell von daheim zwei Flaschen Schlossgold holen geht. Fast schade, dass in diesem Moment kein Drehteam eines Privatsenders das Gesicht der Kellnerin in einer Nahaufnahme brachte.

Apropos Bierflasche, das muss auch einmal gesagt werden: Die lustigen Behältnisse, deren Kronkorken man aufdrehen kann, haben das Verletzungsrisiko beim Flaschenöffnen doch deutlich erhöht. Zum einen, weil die Zacken ohnehin nicht die angenehmste Oberfläche sind, auf die man mit der Hand Druck ausüben möchte. Zum anderen, weil dadurch auch die Gewohnheit entstanden ist, es bei jeder Flasche zunächst einmal mit Drehen zu probieren. Was beim Großteil der Flaschen, die ausschließlich konventionell mit Flaschenöffner geknackt werden können, sehr schmerzhaft sein kann. Aber zugegeben, genug Stoff für eine eigene Fernsehsendung ist das dann doch noch nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.10.2014)

Die Hauptrolle in der Verfilmung von „Tetris“

Gibt es eigentlich irgendetwas, das noch nicht verfilmt wurde? Allzu viel kann jedenfalls nicht mehr übrig sein, wenn ein Unterhaltungskonzern nun sogar schon plant, das Computerspiel „Tetris“ als abendfüllenden Spielfilm auf die Leinwand zu bringen. Ja, genau das, wo mit herabfallenden Blöcken eine Mauer gebaut werden muss, die sich dann auflöst. Bei „Super Mario Bros“ gab es zumindest noch Figuren, die mit Schauspielern besetzt werden konnten. Einen Hollywoodstar dafür zu gewinnen, einen Bauklotz zu spielen, dürfte um einiges schwieriger werden. Wobei die einzelnen Blöcke ja durchaus verschiedene Charaktere sind. Da sind die langen, dünnen mit einem Haken oben – einmal nach links, einmal nach rechts. Dafür reicht schauspielerische Standardware, solange sie Ecken und Kanten hat. Dann die kürzeren mit einem Knubbel in der Mitte, auch dafür braucht man keinen Publikumsliebling, solange sich die Person halt fallen lassen kann. Die s- und z-förmigen Bausteine, die besonders lästig sein können, sind charakterlich wohl am vielschichtigsten, also Kategorie Christoph Waltz. Als Bösewicht bietet sich der quadratische Block an, der durch das Method Acting von Robert De Niro lebendig werden könnte. Und der lange dünne Block wäre für die Heldenfigur reserviert, Scarlett Johansson in der Hauptrolle rettet die Welt. „Inglourious Mauerbau“ oder „Bauklotz unchained“ könnten so zu Kassenschlagern werden.

Und während im Filmstudio das Geld gezählt wird, das die Verfilmung herabfallender Steine einbringt, laufen schon die Vorbereitungen für die nächsten großen Filmproduktionen. Dem Vernehmen nach könnten „Minesweeper“ und „Tic Tac Toe“ als nächstes auf dem Programm stehen. Und sind auch diese Klassiker im Kasten, geht es dann vermutlich an die Verfilmung von Windows 7, ehe Apple dann sein aktuellstes Betriebssystem für das iPhone in ein Drehbuch packt. Irgendwann kommt dann auch noch „MS-DOS – The Movie“ ins Kino. Als Arthouse-Film natürlich. In schwarz-weiß.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.10.2014)

Nurzurinfoisierung

Im Herbst wird ja gern gebastelt. Wer allerdings nicht Kürbisse zerschneiden, Kastanien durchbohren oder Tannenzapfen mit Zweigen zusammenschnüren will, kann ja mit ein paar Wörtern spielen. Zum Beispiel könnte man aus dem Buchstabensäckchen die Zutaten für „indem“ hervorkramen. Und sich darüber Gedanken machen, ob ein Leerzeichen mitten im Wort zu einer Bedeutungsveränderung führt. Ja, tut es, auch wenn in vielen aktuellen Texten „indem“ und „in dem“ so willkürlich gesetzt werden, als hätte man per Münzwurf darüber entschieden. „In dem“ leitet einen Relativsatz ein – und könnte auch durch „in welchem“ ersetzt werden. Ein Satz, in dem „indem“ steht, dreht sich hingegen um die Art und Weise, wie etwas geschieht. Es ließe sich also auch mit „dadurch, dass“ erklären. Dass das mittlerweile ähnlich schlampig gehandhabt wird wie „das“ und „dass“, mag auch daran liegen, dass eben zu wenig mit Sprache gebastelt wird.

Der zweite Griff in das Säckchen mit den Buchstaben könnte ja die Kombination „nur“ hervorbringen. Das lässt sich etwa im Sinne von ausschließlich, lediglich, bloß, aber, allerdings, doch oder jedoch anwenden. In der alltäglichen Kommunikation kommt es hauptsächlich zum Einsatz, wenn jemand beschwichtigt werden soll, den man gerade unterbricht oder stört. „Nur ganz kurz“ ist die dazugehörige Killerphrase, über die man dann während der ganz und gar nicht kurzen Störung ziemlich lange sinnieren kann. Und dann gibt es auch noch jene Zeitgenossen, die jedes Gespräch mit „nur zur Info“ einleiten. Was ja legitim wäre, wenn gesagt werden soll: Du musst nichts tun, aber ich erzähle dir jetzt etwas. Doch mittlerweile scheint „nur zur Info“ fast schon die Funktion des „grüß Gott“ übernommen zu haben. Ja, offenbar haben wir es mit einer schleichenden Nurzurinfoisierung der deutschen Sprache zu tun.

Damit genug gebastelt für heute. Und das Lamentieren über die sprachliche Verrohung in dem (nicht indem) Text bitte nicht persönlich zu nehmen. War ja nur zur Info.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.09.2014)

Rettet das Datum!

Erinnert sich eigentlich noch jemand an diese Ice-Bucket-Challenge? Das war dieses kurzlebige Internetphänomen, das einige Wochen lang in Form von Bewegtbildern, versehen mit der Aufforderung, sich auch daran zu beteiligen, gefühlt die Hälfte des gesamten Internetverkehrs ausmachte. Noch etwas kurzlebiger, weil vermutlich intellektuell ein wenig herausfordernder, war der ebenfalls in sozialen Netzwerken verbreitete Kettenbrief mit der Aufforderung, die zehn Bücher zu nennen, die das eigene Leben am stärksten geprägt haben – Nominierung an weitere Personen inklusive. (Michael Ende: „Die unendliche Geschichte“ wäre übrigens fix drauf gewesen, hätte mich jemand nominiert, aber jetzt nur nicht abschweifen.) Derartige Hypes im Internet tauchen auf, haben einen kurzen Höhepunkt, verschwinden wieder in der Versenkung. Und ab und zu spült es sie Monate oder Jahre später noch einmal in die Mailbox. Dann werden sie mit der gleichen Begeisterung wieder weiterverbreitet, als wären sie gerade erst aus dem Ei geschlüpft.

Eine Bewegung allerdings zeichnet sich durch eine besondere Konstanz aus. Zwar hat sie nie einen derartigen Boom wie die Eiskübelausleerer erlebt, dafür klopft sie mehrmals täglich an, um in die Mailbox eingelassen zu werden. Es müssen wahrhaft echte Idealisten dahinterstecken. Und, das macht es noch spannender, es läuft immer weiter, ohne dass überhaupt jemand nominiert werden muss, die Botschaft zu verbreiten. Ihr Slogan lautet: „Rettet das Datum“. Wie groß angelegt die Kampagne ist, lässt sich daran erkennen, dass sie weit über den deutschen Sprachraum hinausgeht, ja, die ganze Welt umspannt – denn die Botschaft kommt, auf dass sie jeder versteht, auf Englisch daher. „Save the date“ steht in der Betreffzeile. Dass sich im eigentlichen Mail dann nur Erinnerungen an sinnlose Veranstaltungen finden, ist die perfekte Tarnung. Wer sollte schon Verdacht schöpfen, dass hinter einem schnöden Gartenfest eine weltumspannende Organisation steht? Also, Mail schnell löschen. Und wissen, dass wir uns um den Fortbestand des Datums keine Sorgen machen müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.09.2014)