Santiago de Wien Mitte

Wenn es nur nicht schon so abgelutscht wäre. Dann könnte man rund um die Teileröffnung des Einkaufszentrums am Bahnhof Wien Mitte so wunderbare Vergleiche heranziehen. Doch weder ist es originell, das neue Marktgebäude als Tempel zu bezeichnen, noch die hunderten bis tausenden Menschen, die in Schlangen auf Einlass warteten, mit Pilgern gleichzusetzen. Das Wunder, das zu sehen die Wallfahrer angetrieben hat, wäre in einem solchen Vergleich wohl das Macbook Air um 899 statt um 1108,24 Euro. Aber bei Apple wirken derartige religiöse Vergleiche gleich noch weniger neu. Selbst wenn der Vorgang des geduldigen Schreitens im Mittelpunkt steht, ist die Bezeichnung als Prozession nicht angebracht – vor allem, weil das Seelenheil üblicherweise nicht am Ende in einer Einkaufstasche davongetragen wird.

Bitte auch jegliche Anspielung an den heiligsten Ort der Muslime zu unterlassen – allein schon der Gedanke an die Verwendung des Begriffs Einkaufsmekka sollte die ewige Verdammnis nach sich ziehen. Sagen wir es einfach so, wie es ist: Am Donnerstag stellten sich tausende Menschen, die offensichtlich sehr viel Zeit haben, stundenlang an, um sich ein halb fertiges Einkaufszentrum anzuschauen. Amen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.11.2012)

The Great Volksmusik Swindle

Sturm in den Dolomiten! Der ehemalige Produzent der Kastelruther Spatzen hat der „Bild“-Zeitung geflüstert, dass die wohl erfolgreichste Volksmusikgruppe im deutschsprachigen Raum ihre Instrumente auf sämtlichen CDs gar nicht selbst gespielt habe. Zwar meinten manche, als dies ruchbar wurde, dass die Spatzen das schon lange vom Kastel gepfiffen hätten. Doch in der Spatzenpost war vom Schunkelschwindel bisher noch nie etwas zu lesen gewesen.

Die Volksmusikszene ist jedenfalls in heller Aufruhr. Was, wenn die Auftritte beim Grand Prix der Volksmusik womöglich auch nicht live gespielt werden, sondern aus der Konserve kommen? Was, wenn Stefan Mross in Wirklichkeit ein stümperhafter Trompeter ist, dessen Parts auf seinen Alben von einem belgischen Trompeter eingespielt werden? Was, wenn auf der Künstlertoilette des Musikantenstadls Spuren von Kokain gefunden würden? Und was, wenn Florian Silbereisen im Glühweinrausch auf dem Weihnachtsmarkt randaliert?

Unvorstellbar, all das! Hier ist man ehrlich, man ist ja nicht Milli Vanilli. Dem Vernehmen nach versicherten die Verantwortlichen jedenfalls bereits, dass sie nicht eher kastelruhen werden, bis diese Sauerei restlos aufgespatzt ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.11.2012)

Das Rhinozeros in der Wohnung über mir

In der Wohnung über mir wohnt ein Rhinozeros. Nein, gesehen habe ich es noch nie. Aber sehr deutlich gehört. Und gespürt. Nur ein Tier dieser Größe kann diese stampfenden Geräusche machen, wenn es von einer in die andere Ecke läuft. Nur ein derart starkes Geschöpf ist dazu fähig – meist mitten in der Nacht –, die gesamte Möblage mit großem Getöse über den Parkettboden rumpeln zu lassen. Und nur ein Lebewesen mit einem solch hohen Gewicht kann es schaffen, dass die Gläser auf der Anrichte zittern, als würde die Richter-Skala austesten, wie weit nach oben sie denn nun wirklich offen ist.

Was das Rhinozeros in der Wohnung über mir von seinen Artgenossen in freier Wildbahn abhebt, ist seine Vorliebe für Tanzmusik. Immer wieder überrascht es mit wummerndem Bass, der durch die Altbauwände nur ein wenig in seiner Intensität behindert wird. Auf der anderen Seite beweist das Tier aber auch echte musikalische Ambitionen – zuletzt dürfte es sogar das Gitarrespielen zu erlernen versucht haben. Sein aktuelles Lieblingslied ist „Somebody that I used to know“ von Gotye, dessen eingehendes Riff es mit großer Leidenschaft zu Tages- und Nachtzeiten übt – hätte gar nicht gedacht, dass ein Rhinozeros derart fingerfertig sein kann. Dazu versucht es übrigens auch noch, den Text in der Stimmlage des Originals zu trällern. Auch hier sehr überraschend, wie sehr das stimmliche Spektrum von Mensch und Rhinozeros einander ähneln.

Wie das Verdauungsverhalten eines Rhinozerosses aussieht, weiß ich leider nicht. Aber offensichtlich dürfte das Exemplar in der Wohnung über mir stubenrein sein. Zumindest hört man es immer wieder die Spülung der Toilette betätigen. Immerhin etwas.

Vielleicht sollte ich ja einfach mal auf einen Sprung hinaufschauen. Mit einem Kuchen und einer Flasche Sekt, um auf gute Nachbarschaft anzustoßen. Wobei, trinken Rhinozerosse eigentlich Alkohol?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.11.2012)

Internet: Angriff der lachenden Katzen

Kaum ein Phänomen hat das Internet so heftig im Griff wie Katzenbilder – in sozialen Netzwerken kann man ihnen kaum entkommen. Und mit ihnen lässt sich sogar Geld verdienen.

Sie sind überall. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in der Mailbox eine von ihnen auftaucht. Kein Tag, an dem nicht irgendwo in der Timeline auf Facebook ein paar von ihnen herumstolzieren. Und kein Tag, an dem nicht irgendein schnelllebiges popkulturelles Phänomen im Web für sie adaptiert wird. Als die Welt etwa am 14. Oktober gerade erst Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre halbwegs mitbekommen hatte, tauchte auch schon die erste Animation auf, in der eine Katze aus der Kapsel sprang. Wird über die Übernahme von Lucasfilms durch den Disney-Konzern gesprochen, werden Bilder von Katzen weitergereicht, die im Stil von Star Wars mit Laserschwertern kämpfen. Und gibt es gerade keinen Anlass, findet sich sicher auch irgendein Gimmick, das sich wie ein Virus in unzähligen Mail-Accounts rund um die Welt ausbreitet. Die Katzen haben längst die Herrschaft über das Internet übernommen.

Schon eine Suchabfrage bei Google zeigt beim Begriff „Cat“ mehr als 2,46 Milliarden Einträge. Zum Vergleich, bei „Dog“ sind es gerade einmal 1,5 Milliarden. Aber Google ist in dieser Hinsicht gar nicht so der entscheidende Gradmesser – viel deutlicher zeigt sich das Phänomen im persönlichen Nutzungsverhalten im Web. Gerade auf Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook muss man Hunde schon eher gezielt suchen – wenn man das möchte. Katzen hingegen tauchen ungefragt auf. Und das nicht nur in Haustierforen oder auf Hello-Kittie-Fansites, auch sonst auf Seriosität bedachte Journalisten tapezieren ihre Accounts mit Katzenbildern zu. Und wenn sogar die üblicherweise so auf minimale Emotionalität bedachte Redaktion von fm4 auf ihrer Timeline Katzenbilder postet (Kommentar: „die chefin will mehr katzenfotos auf unserer fb-seite… also bitte!“), hat das Phänomen Wellen jenseits eines „Oh-wie-süß-die-Diddlmaus“-Publikums geschlagen.

Katzen im Puppengewand. Dass Bilder von Katzen in ungewöhnlichen Posen, auf dem Fahrrad, im Kinderwagen oder in einer Schüssel auf Menschen belustigend wirken, ist dabei nicht unbedingt neu. Schon in den 1870er-Jahren inszenierte der britische Fotograf Harry Pointer für rund 200 Fotos die Tiere in menschenähnlichen Posen. Die Bilder dieser „Brighton Cats“ reicherte er mit Sprüchen an, die eine menschliche Note ins Spiel brachten – fünf Katzen vor fünf Teetassen bekam etwa den Namen „Five o’clock tea“.

Dass es mit anderen Tieren genauso lustige Ergebnisse geben kann, zeigte Harry Witthier Frees, der abseits von Katzen auch Kaninchen, Welpen und sogar Schweine in Kostüme steckte. Allein, nicht alle Tiere wirken gleich gut. So schrieb er im Vorwort zu seinem 1929 erschienenen Buch „Animal Land on the Air“: „Kätzchen sind die vielseitigsten Schauspieler und besitzen eine große Vielfalt an Attraktivitäten.“

Dass gerade Katzen in mehr oder weniger künstlichen oder lächerlichen Posen für Begeisterung sorgen, kann unter anderem daran liegen, dass sie nicht so leicht (oder auch gar nicht) zu trainieren sind. Einem Hund kann man beibringen, die Pfote zu geben, einen Salto zu schlagen, vielleicht sogar auf dem Fahrrad zu fahren. Bilder wie diese kennt man aus dem Zirkus, als dort noch Tiere zum Programm gehörten, und vielleicht sogar aus dem eigenen Alltag in Parks oder auf Wiesen.

Dass Katzen solche Dinge tun, ist eher unwahrscheinlich. Und umso größer mag die Attraktion sein, wenn eine Katze plötzlich genau solche Dinge macht, die wie antrainiert wirken. Oder die ihr sogar so etwas wie ein menschliches Antlitz geben. Genau hier schlägt die Stunde von YouTube & Co., wenn solche kleinen Wunder zufällig mit der Kamera eingefangen wurden und nun über das Internet weltweit verbreitet werden.

Klar ist, dass ein solches Phänomen auch kommerziell nutzbar gemacht wird. Bekanntestes Beispiel ist icanhascheezburger.com. Im Jänner 2007 als Blog gestartet, auf dem Katzenbilder zu sehen waren, die mit lustigen Sprüchen in schlechtem Englisch angereichert waren, wurde die Website noch im selben Jahr um 2,25 Millionen Dollar verkauft.

Im Jänner 2011 konnte das Unternehmen bei einer Finanzierungsrunde sogar 30 Millionen Dollar einsammeln. Zu diesem Zeitpunkt luden bereits 16,5 Millionen Besucher pro Monat rund 500.000 Bilder und Videos in das Netzwerk hoch. Ein durchaus massentaugliches Phänomen, wie es scheint. Genau diese LolCats – so lautet der offizielle Begriff – tragen heute einen großen Teil zum persönlichen Datenaufkommen unzähliger Internetuser bei.

Das Internet wäre sinnlos. Kein Wunder also, dass sich bei vielen von ihnen zunehmend das Bild verfestigt, dass die Katzen die Macht über das Web übernommen haben. Und wir ihnen wehrlos ausgeliefert sind. Doch selbst umzingelt von Katzen, die scheinbar auf einem unsichtbaren Einrad fahren, von Tieren in Star-Wars-Kostümen und sogar von Katzen mit Hitlerbart – die Anhänger dieses seltsamen Kults würden weiter ihr Credo postulieren: Ein Internet ohne Katzen wäre zwar möglich, aber es wäre sinnlos und leer.

KATZEN IM INTERNET

www.lolcats.com
Katzen mit witzigen Sprüchen.

www.catsthat-looklikehitler.com
Katzen mit Bart und Scheitel.

www.infinitecat.com
Katzen schauen Katzen an.

www.catsinsinks.com
Katzen, die in Waschbecken sitzen.

www.meowbify.com
Mit diesem Tool lässt sich jede Website im Katzenlook darstellen.

 

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.11.2012)

Ab heute wird zurückgesprungen

Immer deutlicher wird, was die kaum verständlichen Funksignale beim Sprung von Felix Baumgartner aus der Stratosphäre tatsächlich bedeuteten. Konnte Sponsor Red Bull die Frage des Springers an das Fernsehpublikum noch rechtzeitig zensieren („Wollt ihr den totalen Sprung?“), gelang es später nur mehr, die Laute des Springers etwas zu verzerren. Doch nun konnten Experten das rauschende Kauderwelsch entschlüsseln. „Ab heute wird zurückgesprungen“, soll er im Moment des Absprungs geschrien haben. „Heute gehört uns die Stratosphäre, morgen die ganze Welt“ war die Nachricht, als er zu trudeln begann. Und als er sich wieder gefangen hatte, jubilierte er vom „Triumph des Willens“. Nicht überliefert ist allerdings das Geräusch, das Baumgartners Verstand machte, als er an der Schallmauer hängenblieb.

Immerhin, mittlerweile soll sich der ehemalige Profisportler bereits ein wenig gemäßigt haben. So hält er etwa Wahlfreiheit durchaus für möglich – Red Bull gibt es schließlich auch mit oder ohne Zucker… Und auch auf dem heiklen Terrain der Fiskalpolitik zeigt er sich mittlerweile gemäßigt, aber souverän: So wird bereits darüber spekuliert, dass Baumgartner sich von Europas Schuldenberg stürzen möchte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.10.2012)

Den Volksmund kann man nicht kaufen

Der höchste Wolkenkratzer der USA ist der Sears Tower. Vermutlich wird der Großteil der Menschen hier wohlwollend nickend Zustimmung signalisieren. Grundsätzlich ist der Satz ja auch richtig– abgesehen davon, dass der inklusive Antenne 527 Meter hohe Turm schon seit mehr als drei Jahren nicht mehr Sears Tower heißt. Nachdem der britische Versicherungskonzern Willis Group Holdings die Namensrechte an dem Hochhaus gekauft hat, heißt das Gebäude heute eigentlich Willis Tower. Allein, kaum ein Mensch in Chicago nennt ihn so. Und auch weltweit sieht es nicht so viel anders aus.

Wien ist da keine Ausnahme. Als 1967 in Simmering die Mautner-Markhof-Gasse ihren Namen erhielt, verschwand ihr früherer Name keineswegs. Noch jahrzehntelang wurde sie als Dorfgasse bezeichnet. Erst nach und nach setzte sich mit immer neuen Generationen der neue Name durch. Allein, vom namensgebenden Lebensmittelbetrieb ist in der Gegend ironischerweise heute kaum mehr etwas vorhanden.

Den Volksmund kann man nicht kaufen, lernt man aus Episoden wie diesen. Nur weil ein Unternehmen sich Namensrechte sichert, muss die alte Bezeichnung noch lange nicht verdrängt werden. Viele sagen noch heute Raider zum Twix-Schokoriegel. Und der Holland Blumen Markt wird nach wie vor so genannt, obwohl er aus wettbewerbsrechtlichen Gründen schon 1993 sein t am Ende eingebüßt hat. Auch das Penthouse, in dem Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner einst residiert hat, wird wohl noch längere Zeit als Elsner-Penthouse bezeichnet werden. Vom neuen Hauptbahnhof gar nicht zu reden. Der wird sicher über Jahre hinweg noch Südbahnhof heißen.

So manches Festhalten an alten Bezeichnungen kann aber auch ein wenig schrullig wirken. Zuletzt etwa, als am Ende einer Postkarte aus Berlin zu lesen war: „Liebe Grüße aus der DDR!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.10.2012)

Von Herrn Sido will man nicht gestreichelt werden

„Lieber von einer Hand, die wir nicht drücken möchten, geschlagen als von ihr gestreichelt werden“, sagte Marie von Ebner-Eschenbach. Ein edler Gedanke, der Dominic Heinzl sicherlich in jenem Moment durch den Kopf gegangen sein muss, als er jüngst von einem Faustschlag getroffen zu Boden ging. Allerdings auch einer, der dem Durchschnittsösterreicher eher nicht in den Sinn kam, als er der Attacke des deutschen Rappers Sido gegen den Moderator medial gewärtig wurde. Hier regierte vielmehr ein Gefühl der Befriedigung, weil es mit Heinzl eine Figur des öffentlichen Lebens erwischt hatte, der viele einen solchen Schlag von Herzen gönnten.

An den Stammtischen und in den sozialen Netzwerken herrschte eine regelrechte Schadenfreude, die Facebook-Gruppe „Sido 1 Heinzl 0“ kam innerhalb von zwei Tagen auf über 50.000 Mitglieder. Und Wortmeldungen à la „Den (sic!) hat schon lange eine auf die Fresse gehört“ bestimmen den Ton der Debatte. Geradezu unappetitlich lesen sich dann auch Kommentare auf Twitter oder Facebook, dass „a klane Tetschn“ ja ohnehin niemandem schaden würde. Ja, es scheint sogar immer noch ein tief verwurzeltes Verständnis dafür zu geben, dass jemandem einmal „die Hand ausrutscht“. Und Herr Sido war letztlich nur derjenige, der das, was viele sich immer schon gedacht haben, auch tatsächlich umsetzte.

Nein, man muss Dominic Heinzl nicht mögen. Und es ist gut möglich, dass er auch das Seinige zum letztlich eskalierten Streit beigetragen hat. Doch wer sich für Sidos Aggressivität derart begeistert und sie für ein probates Mittel erachtet, seiner Antipathie Ausdruck zu verleihen, gehört zur Kategorie Mensch, der man lieber nicht die Hand drücken sollte. Und für die gilt dann eine weitere Ebner-Eschenbacher’sche Weisheit: „Über das Kommen mancher Leute tröstet uns nichts als die Hoffnung auf ihr Gehen.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.10.2012)

Car Wars – Episode I: Die Parkpickerlbedrohung

Es herrscht Bürgerkrieg. Die Pendler, deren Autos von der Stadtgrenze aus angreifen, haben eine bittere Niederlage gegen das rot-grüne Imperium erlitten. Doch während der Schlacht um Wien ist es Spionen der niederösterreichischen Rebellen gelungen, Geheimpläne über die absolute Waffe des Imperiums in ihren Besitz zu bringen, das Parkpickerl, eine bürokratische Gemeinheit, deren Feuerkraft ausreicht, um sämtliche Parkplätze des Planeten zu vernichten. Verfolgt von den finsteren Agenten des Imperiums, jagt Pendlerprinzessin Leia an Bord ihres Kleinwagens nach Hause, als Hüterin der erbeuteten Pläne, die die geknechteten Autofahrer retten und der Galaxie die Freiheit wiedergeben könnten…

Klingt nach einem interessanten Plot für einen Hollywood-Film, nicht? Und hat durchaus Potenzial für gleich mehrere Teile. Dabei scheint ein solches Szenario rund um das Wiener Parkpickerl in den Köpfen vieler Beteiligter gar nicht so unrealistisch. Da wird die Parkraumbewirtschaftung von Pendlervertretern gern einmal als „Kriegserklärung“ bezeichnet, da wird von oppositioneller Seite „Hass und Zwietracht auf unseren Straßen“ geortet und schließlich sogar die Frage gestellt: „Müssen erst Autos brennen?“ Und tatsächlich rücken in manchen Bezirken schon mit Schlüsseln und Messern bewaffnete Anwohner aus, um Autos mit auswärtigen Kennzeichen zu zerkratzen. Zur vollständigen Eskalation fehlt nur noch, dass aus dem Wiener Rathaus ein röchelnder Darth Vassilakou ausrückt, um die letzten Widerstandsnester der rebellischen Pendler persönlich auszulöschen.

Natürlich, es ist unangenehm, keinen Parkplatz zu finden. Und es ist bitter, für einen Stellplatz künftig auch etwas tiefer in die Tasche greifen zu müssen. Aber müssen deswegen gleich Kriegsmetaphern und apokalyptische Szenarien bemüht werden? Kleiner Tipp am Rande: Hütet euch vor der dunklen Seite…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.10.2012)

Das Wie-geht’s-dir-danke-gut-Dilemma

Amerikaner sind ein freundliches Volk. Sogar die Verkäufer im Supermarkt grüßen, lächeln dabei, und dann fragen sie im selben Atemzug auch noch, wie es einem geht. Nun ist die Phrase „How are you“ auch dem Österreicher nicht ganz unbekannt. Doch in der generell eher oberflächlichen sozialen Interaktion mit Verkäufern ist sie hierzulande mehr als unüblich. Noch. Denn es besteht die Gefahr, dass sie gemeinsam mit all den anderen Errungenschaften amerikanischer Kommunikationskultur, die in Film, Funk und Fernsehen vorgelebt werden, auch nach Wien gespült wird. Und das wäre so ziemlich das Letzte, was ins Stadtbild passen würde. Denn während die amerikanische Höflichkeit zwar unverbindlich, aber tatsächlich höflich gemeint ist, übertüncht die Wiener Ausprägung lediglich eine tief sitzende grundsätzliche Misanthropie. Und ein kurzer Augenkontakt mit dem Supermarktkassier ist üblicherweise schon der Höhepunkt der sozialen Interaktion.

Abgesehen davon ist das „Wie geht’s“ als unmittelbar der Begrüßung nachgestellte Floskel nur dazu gedacht, ein „Danke, gut“ hervorzulocken. Und weil es einem nur selten wirklich „danke, gut“ geht, wird durch ein unverbindliches Begrüßungsgeplänkel ein Lügengebilde aufgeblasen, das Friede, Freude und Sonnenschein suggeriert, selbst wenn man kurz davor ist, in Tränen auszubrechen.

Schließlich kann der inflationäre Gebrauch der Floskel (auch abseits der Supermarktkassa) reichlich skurril enden: Will man etwa von einem Bekannten/Freund/Kollegen nach dem „Hallowiegeht’sdankegut“-Befloskeln tatsächlich wissen, was er so treibt, wird wenige Sekunden später die Frage nach dem Befinden gleich noch einmal gestellt. Diesmal ernst gemeint. Und ein solches Doppel-wie-geht’s muss jetzt wirklich nicht sein! So, damit für heute genug gelästert. Und wie geht es eigentlich Ihnen so?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.10.2012)

Bittezweitekassaschreier und andere Großstadtvögel

Die Artenvielfalt im Biotop Großstadt ist beinahe so groß wie jene der Fauna im Dschungel. Dementsprechend ergiebig sind humanornithologische Missionen, bei denen die schrägsten Großstadtvögel quasi von selbst vor die Linse laufen. Häufig lässt sich etwa die Spezies der Bittezweitekassaschreier beobachten – vorausgesetzt, dass nicht gerade ein Anderengstenstelleimsupermarktstehenbleiber die Sicht in den Kassenbereich versperrt. Besonders groß ist der urbanbiologische Artenreichtum indes in den öffentlichen Verkehrsmitteln – man muss sich nicht einmal besonders anstrengen, um etwa den charakteristischen Gesang des Klingeltonausprobierers zu hören. Auch der Überdeneigenenwitzamlautestenlacher ist hier heimisch, so wie auch der Ichhabinderkronenzeitunggelesensager. Einige Arten in dieser natürlichen Umgebung sind sogar – was nicht jedem gefällt – sehr zutraulich. Der Inderubahnnebeneinensetzerobwohlauchgegenübereinplatzfreiwäre, zum Beispiel, scheint sogar aktiv nach Körperkontakt zu suchen.

Weniger harmonisch verläuft dagegen das Zusammenleben in freier Wildbahn. Im evolutionären Verdrängungswettbewerb lassen sich etwa der Aufdemradweggeher und der Aufdemgehsteigradler trefflich beobachten. Und besonders in Acht nehmen sollte man sich vor dem Hastdueinbisschenkleingeldzumtelefonierenfrager – der kann sehr hartnäckig werden. In Fällen wie diesen tarnt man sich am besten als Aufdenbodenschauenundvorbeigeher, um einer Konfrontation zu entgehen. Später empfiehlt sich ein kurzer Blick in eine Schenke – dort kann man so originellen Exemplaren wie den Lassdieluftausdemglasbierbestellern begegnen. Oder auch den besonders lustigen Saucetrarasager beim Knabbern an gebackenen Champignons beobachten. Ja, es gäbe noch viel zu erzählen – schade nur, dass dieser Text von einem Wennesamspannendstenwirdzuerzählenaufhörer stammt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.09.2012)