Spült die Mobilbox in den telekommunikativen Orkus!

Die Mobilbox ist das unnötigste Stiefkind der mobilen Kommunikation. Besonders dann, wenn sie nur deswegen in Betrieb genommen werden muss, weil man nicht schnell genug abgehoben hat. Dann sieht sich der Anrufer genötigt, auf dem virtuellen Tonband die Nachricht zu hinterlassen, dass er gerade versucht hat, mit dem Angerufenen in einen Akt unmittelbarer Kommunikation zu treten. Was insofern für die Würste ist, da man ja die Nummer ohnehin im Speicher der entgangenen Anrufe findet. Wie auch immer, sofort nach Registrieren des entgangenen Anrufs wählt man also die Nummer des Anrufers – nur um sogleich ebenfalls in dessen Mobilbox zu landen.

Im besten Fall behirnt man spätestens an dieser Stelle, dass der Teufelskreislauf ehestmöglich durchbrochen werden sollte, da man sich sonst in einer Zeitschleife mittelbarer Kommunikation einreiht und die nächsten Minuten nur noch damit verbringt, sich gegenseitig auf die Mobilbox zu sprechen, um einander mitzuteilen, dass man sich nicht erreicht hat und der andere jetzt bitte zurückrufen soll. Erschwert wird die Odyssee auch noch dadurch, dass das Abhören einer Mobilbox vom Grad der Zeitverschwendung in etwa damit vergleichbar ist, auf einer Schnellstraße einer Weinbergschnecke den Vorrang geben zu müssen. Denn ehe man der Botschaft des Anrufers lauschen kann, muss man sich erst von einer sonoren Computerstimme jede einzelne Stelle der Nummer des Anrufers vorlesen lassen. Inklusive Uhrzeit. Spannend wäre dann nur noch, wenn die Stimme danach auch gleichzeitig die Summe der kumulierten Lebenszeit nachliefern könnte, die man mit dem Abhören von Mobilboxen schon in den telekommunikativen Orkus gespült hat. Gut, so viel zu meinem persönlichen Ansagetext. Bitte sprechen Sie jetzt nach dem Signalton . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2011)

Spontane Interjektion im Angesicht des Hundekots

Da stand sie also vor dem Haufen aus Hundekot, den an der Oberfläche genau die gleiche Musterung zierte wie die Sohle ihres linken Sportschuhs, und sprach das Wort aus, in dessen reale Inkarnation sie gerade getreten war. Allzu verständlich, doch in den Augen vieler Leser vermutlich unpassend, weswegen wir uns jetzt vorstellen, dass sie anstelle des vulgären Begriffs für Kot einen anderen Begriff des Ekels in den Mund genommen hat. Sagen wir, es war „Igitt!“ Diese Vorstellung wirft allerdings gleich wieder eine Frage auf, schließlich will man in einer solchen Situation ja auch wissen, auf welchen etymologischen Pfaden man gerade sein Missfallen kundgetan hat.

Hier kann geholfen werden. „Igitt“ ist eine Interjektion, ein wortähnliches Lautgebilde, mit dem eine Empfindung ausgedrückt werden kann. Linguisten geht davon aus, dass es sich um eine verhüllte Fassung von „Oh Gott“ handelt – schließlich wollte man den Namen Gottes in einem Ausdruck des Missfallens nicht direkt aussprechen. Das ändert sich auch nicht durch Verdoppelung, denn sowohl die Ausrufe „Igittigitt“ als auch „Oh Gott, oh Gott“ sind überliefert. Das englische Äquivalent zu „Igitt“ lautet übrigens „yuck“ – diese Äußerung von Ekel stammt vermutlich aus dem neufundländischen Begriff für „sich übergeben“.

Im Deutschen bietet sich neben dem „Igitt“ auch noch „Pfui“ an, das etymologisch möglicherweise von „pfiuche“ – im Mittelhochdeutsch so viel wie „stinken“, hergeleitet wird, oder einfach nur die lautmalerische Nachahmung des Geräusches beim Ausspucken ist. Gelegentlich schüttelt man sich angesichts des Ekels auch mit „Brrr“, vielleicht auch mit „Wääh“, deren etymologische Wurzeln wir jetzt aber einfach links liegen lassen wollen. Denn seien wir ehrlich, Sie würden vermutlich genauso einfach „Scheiße“ sagen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.03.2011)

Das ist nicht ganz das, was ich eigentlich wollte

Dass Verkäufer versuchen, ein Geschäft zu machen, ist nicht nur legitim, sondern deren ureigenste Aufgabe. Gelegentlich gehen sie damit allerdings etwas zu weit. Dann nämlich, wenn es darum geht, dem Kunden um jeden Preis etwas unterjubeln zu wollen. Das beginnt bei Kleidung, die einen beim Anprobieren wie eine Witzfigur aussehen lässt – und der Aussage des Verkäufers: „Das trägt man heute so!“ Analog dazu kennt man den Satz im Schuhgeschäft: „Die gehen sich noch ein.“ Ein Satz, der den arglosen Käufer jedes Mal mit grinsendem Spott verfolgt, wenn er wieder einmal seine blutig geriebenen Fersen aus dem Leder wuchtet.

Das Drama geht weiter an der Feinkosttheke im Supermarkt und der Bestellung von, sagen wir, zehn Deka Prosciutto: „Dürfen’s auch 20 sein?“ Na ja, wenn man das wollte, hätte man wohl 20 gesagt, oder? (Immerhin, mittlerweile muss man wenigstens nicht mehr jedes Mal „bitte dünn schneiden“ anmerken, wenn man den Rohschinken nicht in der Dicke einer Scheibe Brot aus dem Papier ziehen möchte. Ist ja auch schon was. Aber das führt jetzt zu weit . . .)

Schließlich gibt es noch das Phänomen des ratlos schauenden Trafikanten, wenn man nach der „Weltwoche“ fragt. Und das zwar bemühte, aber irgendwie doch nicht ganz zielführende Anbieten einer Alternative: „Leider nein, aber wir hätten die ,Ganze Woche'“. Schon richtig, beide führen „Woche“ im Titel. Nur ist das eine ein konservatives Schweizer Wochenmagazin mit vielen polarisierenden Texten, das andere ein österreichisches Wochenblättchen mit vielen bunten Bildern. Als würde man im Plattenladen nach „Element of Crime“ fragen und die „Kastelruther Spatzen“ angeboten bekommen. Wobei, die Kastelruther Spatzen finde ich ja eigentlich gar nicht so schlecht . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.03.2011)

Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem

Körperliche Anwesenheit ist bekanntlich noch keine Garantie für Geistesgegenwart. Und die Zahl der einen bei einem Problem umgebenden Menschen verhält sich nicht zwangsläufig direkt proportional zur Problemlösungskompetenz. Beobachten lässt sich das etwa bei einer Autopanne in, sagen wir, Armenien. Da sieht man sich, während man den Rauch aus der geöffneten Motorhaube inhaliert, nach und nach von einer Menge herbeigeströmter – durchwegs männlicher – Einheimischer umgeben. Die alle durchaus interessiert verfolgen, was sich denn hier wohl gerade abgespielt haben mag. Die wild gestikulierend darüber debattieren, wie es zu dieser Situation gekommen ist und welcher Bekannte schon einmal in derselben Lage gewesen ist. Und die wieder von dannen ziehen, sobald es nichts Interessantes mehr zu sehen gibt. Damit kein Missverständnis entsteht – erstens findet sich meist doch jemand, der konkrete Hilfe anbietet. Und zweitens ist diese „Ich habe keine Lösung, aber ich bewundere das Problem“-Mentalität selbstverständlich auch hierzulande anzutreffen. In den Verkehrsnachrichten fasst man das Phänomen meist unter dem Begriff „Schaulustige“ zusammen.

Ähnliches lässt sich auch bei Diskussionsforen im Internet beobachten. Jemand stellt eine konkrete Frage – und darunter finden sich unzählige Einträge à la „das würde mich auch interessieren“ oder „darüber weiß ich nichts, aber ich kann über ein anderes Problem sehr ausführlich schwadronieren und mache das hiermit auch . . .“ Zugegeben, das passiert auch tagtäglich in persönlichen Gesprächen – nur lässt es sich im Web besonders leicht nachvollziehen, wenn man hofft, ein eigenes Problem mit Hilfe bisheriger Diskussionen lösen zu können. Was man dagegen tun könnte? Keine Ahnung, aber ich finde es faszinierend . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.03.2011)

Das darf man zu einer Frau niemals sagen

Da stand sie in der Tür, schaute auf die beiden Gäste, die gerade angeläutet hatten. „Ihr seid die zwei aus Wien, oder?“, fragte sie. 900 Kilometer waren sie hierher gefahren, um bei einer Geburtstagsparty in Köln als Überraschung für das Geburtstagskind aufzutauchen. Das Geburtstagskind, das unten im Partykeller saß und noch nichts von seinem Besuch ahnte. Mühsam hatten sie sich vom Hotel per Straßenbahn auf den Weg gemacht, waren unzähligen Kölnern in ihren bunten Karnevalskostümen begegnet, waren johlenden Gruppen betrunkener Jecken ausgewichen und hatten nach langer Suche endlich den Eingang zum kleinen Keller gefunden. Nun sollte es gleich so weit sein, die Freundin des Jubilars grinste die beiden an und bedeutete ihnen, nach unten zu gehen. Und als sie da so stand, in ihrem roten Kleid mit weißen Punkten, da entfuhr es einem der beiden Gäste aus Wien plötzlich: „Oje, wir sind ja gar nicht verkleidet.“ In diesem Moment gefror der Blick der Freundin. Sie blickte an sich herunter, hob den Kopf und sprach mit versteinerter Miene: „Ich auch nicht . . .“

Zu retten war die Situation nicht mehr. Denn mit nichts kann man eine modebewusste Frau wohl härter treffen als mit der Vermutung, ihr Outfit sei ein Karnevalskostüm. In der Intensität ist dieser Lapsus sogar vergleichbar mit der Frage, wann das Baby denn komme – nur die Frau gar nicht schwanger ist.

Ja, es gibt Menschen, die das zweifelhafte Talent haben, in ihrer Unbedarftheit Dinge auszusprechen, die das Licht der Welt vermutlich besser nicht erblickt hätten. Und die man künftig vielleicht einfach mit einem Redeverbot belegen sollte. Im konkreten Fall in Köln erübrigte sich das allerdings – denn erstaunlicherweise sprach die Freundin des Geburtstagskindes den ganzen Abend kein Wort mehr mit uns.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.03.2011)

Ich bin so faul, dass ich manche Sätze nicht zu Ende

Im Grunde ist es grotesk, dafür bezahlen zu müssen, faul sein zu dürfen. Genau diesem Phänomen begegnet man dennoch immer wieder – die gesamte Wellnessindustrie lebt davon. Mit dem feinen Unterschied, dass die Tätigkeit des Faulseins – sofern man das überhaupt als Tätigkeit bezeichnen kann – mit anderen Begriffen euphemismiert wird – sofern es dieses Wort überhaupt gibt. Da wird dann eben vom „Chillen“ gesprochen, vom „Relaxen“ oder, ganz ohne Anglizismus, vom „Entspannen“.

Dieser Argumentation folgend wäre es ja naheliegend, den Geiz in das Rennen gegen die Faulheit zu schicken und auf diese Art ein drohendes Wochenende in einer Therme abzuwenden. Noch eleganter ist es allerdings, gleich die Faulheit selbst zu instrumentalisieren, um gar nicht erst Auto, Zug oder dergleichen bemühen zu müssen. Vom angestrengten Zwang, sich gefälligst entspannen zu müssen, ganz zu schweigen.

Faulheit kann man nicht erzwingen, das widerspricht ihrer Natur. Faulheit muss einfach sein können, ohne dass nach ihr gefragt werden muss. Und der Hang zur Ruhe ohne vorhergehende Arbeit, wie Kant Faulheit definierte, ist nicht zwangsläufig ein Widerspruch zum kapitalistischen System, wie jetzt mancher Leistungsträger einwenden könnte. Im Gegenteil, denn Arbeiten, um nicht denken zu müssen, kann man genauso gut als Art von Faulheit betrachten. Ganz und gar nicht faul ist es allerdings, sich in Gedanken der Faulheit zu widmen, sie mit zitablen Sätzen zu umschreiben, etwa „Faulheit ist die Angewohnheit, sich auszuruhen, bevor man müde wird“ (Jules Renard), oder sich Blödheiten auszudenken, mit denen man dem Müßiggang eine komische Note abgewinnen kann. Diese Kolumne mit den Worten aus dem Titel zu schließen, wäre allerdings nicht faul. Nur billig.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.02.2011)

Ich lass dir den Kochtopf, lass du mir mein Bier!

Ich bin ein Fan von Peter Alexander. Zum einen natürlich aus Verklärung, weil er bei jedem Besuch bei der Großmutter im Kassettenrecorder oder Fernseher präsent war. Und zum anderen aus zeitgeschichtlichem Interesse, weil einige seiner Lieder viel über die Zeit aussagen, in der sie entstanden sind. Und hier ist nicht unbedingt die heile Welt gemeint, die in der Nachkriegszeit gezeichnet werden sollte. Sondern die schon gesetzteren Siebzigerjahre, in denen er etwa mit „Hier ist ein Mensch“ gegen die Anonymität der Großstadt und für gegenseitige Hilfe ansang. „Und manchmal weinst du sicher ein paar Tränen“, verrät viel über die Aufteilung der familiären Pflichten zwischen Mann (Arbeit) und Frau (Haushalt) – und das durchaus nachdenklich. Während dasselbe Thema mit „Ich lass dir den Kochtopf, lass du mir mein Bier“ aus heutiger Sicht nur noch als frauenfeindlicher Schwank betrachtet werden kann.

Es lohnt sich, auch Texte anderer Helden der Nachkriegszeit zu lesen und darin soziale Bedürfnisse oder Nöte zu entdecken. Wenn etwa Heinz Conrads singt „Ich brauch kan‘ Lido und kan‘ Palazzo, i geh wenn’d Sunn scheint am Monte Glatzo“, spricht daraus eine Zeit, in der Reisen in andere Länder noch als Spleen für Reiche galten. Kahlenberg (Monte Glatzo) und Knackwurst statt „kanarrische Inseln“ und Krabben am Teller – in Zeiten organisierter Billigflüge nach Asien kaum mehr vorstellbar. Und selbst der scheinbar weltoffene Freddy Quinn hat sich einst als strammer Konservativer geoutet: In „Wir“ wettert er gegen Hippies, die nur herumlungern und sich um nichts sorgen. „Wer hat den Mut, für euch sich zu schämen? Wir! Wer lässt sich unsere Zukunft nicht nehmen? Wir!“ Auch wenn man es nicht glaubt – die alten Helden waren politischer, als man sie heute wahrnehmen will.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.02.2011)

Ich, mein Leben und der ganze Rest

Irgendwann kommt vermutlich jeder auf die Idee, eine Autobiografie zu verfassen. Eine Idee, die in den häufigsten Fällen daran scheitert, dass man eigentlich gar nichts zu erzählen hat. Das zweite große Hindernis besteht im Gedanken daran, wer sich überhaupt dafür interessieren könnte, was man zu erzählen hat – wenn man es überhaupt hat, wie bereits vorher erwähnt. Drittens verbinden viele eine Autobiografie mit Memoiren, und die hat man gefälligst erst gegen Ende seines Lebens preiszugeben. Gut, spätestens seit vor einigen Tagen Justin Bieber seine Autobiografie vorgestellt hat, ist dieser Punkt obsolet. Der US-Popsänger ist gerade einmal 16 Jahre alt. Aber erfolgreich, womit sich zumindest für ihn Problem Nummer vier nicht stellt – nämlich einen Verlag zu finden, der ein derartiges Kompendium herausbringen will.

Wie auch immer, irgendwann hat man alle Punkte für sich positiv abgehakt und ist bereit, seine Lebensgeschichte in die Textverarbeitung zu klopfen. Da taucht plötzlich ein gewaltiges Problem auf, an das man noch gar nicht zu denken wagte: Welchen Titel soll das Buch tragen? Klingt banal, ist aber eine entscheidende Frage, wie die Nachwelt die Schilderungen eines Lebens dereinst einordnen wird. Ein einfaches „Ich“, so wie Ricky Martin? Oder wirkt das zu wichtigtuerisch, wenn man nicht Ricky Martin ist? Vielleicht passt ja „Mein Leben“, was prägnant wäre – aber auch ziemlich langweilig. Möglicherweise bietet sich ja ein Zitat an, mit dem man assoziiert wird? Kann allerdings danebengehen, wenn es „Hey Baby, soll ich dir meine Briefmarkensammlung zeigen?“ lautet. Vielleicht „Bekenntnisse eines österreichischen Journalisten“? Nein, jetzt weiß ich es! Der Titel meiner Autobiografie wird: „Dichtung und Wahrheit“. Wow. Auf so eine geniale Idee wäre vermutlich nicht mal Goethe gekommen . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.02.2011)

Arno Geiger: »Man muss die Krankheit von der Person trennen«

Autor Arno Geiger schrieb über die Demenz seines Vaters ein Buch. Er hat gelernt, damit umzugehen.

Wie haben Sie die Alzheimer-Erkrankung Ihres Vaters mental verarbeitet?

Arno Geiger: Ich wollte das anfangs nicht wahrhaben und konnte es nicht fassen. Es kam mir widernatürlich vor, dass mein Vater plötzlich die einfachsten Dinge nicht mehr kann. Erst später habe ich widerwillig zugelassen, dass es so ist. Es war eine Entwicklung vom Schock über das Sichhineinfinden zu einem Umgang mit der Situation.

Als Kind hält man seine Eltern ja für besonders stark. Wie geht man damit um, wenn sie plötzlich so schwach sind?

Das Schwierige daran ist, dass man auch selber schutzloser wird. Weil es tief in uns steckt, dass unsere Eltern uns beschützen. Und die Erkenntnis, dass das irgendwann nicht mehr so ist, macht einen verwundbar.

Das Umgehen mit so einer Krankheit kann die Familie aber zusammenschweißen.

Es ist sicher nicht ganz selbstverständlich. Aber im besten Fall rückt die klassische Familie in der Krise zusammen. Und plötzlich ist dieses Reservoir Geschwister wieder da, auf das man jahrelang nicht zurückgreifen musste. Da ist es schön gewesen zu sehen: Auf meine Geschwister kann ich mich verlassen.

Sie schreiben, dass die Diagnose Alzheimer eine Erleichterung war.

Ja, weil wir letztlich gegen die Person angerannt sind, dann haben wir gewusst, wir haben es mit der Krankheit zu tun. Das ist der Gegner. Das „Reiß dich zusammen“ und „Du interessierst dich nicht für mich“, weil er sich nichts mehr gemerkt hat, hat letztlich der Krankheit eher Nahrung geboten. Darum ist es wichtig gewesen, dass ein Umkehrprozess stattgefunden hat.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass die Person, die Ihnen gegenübersteht, nicht Ihr Vater ist, sondern die Krankheit?

Für mich ist es wichtig, dass ich versuche, die Person und die Krankheit zu trennen. In Momenten der Überforderung, wenn er desorientiert und hilflos ist, und das in ruppigen Gesten herauskommt, habe ich das Gefühl, die Krankheit nimmt mir meinen Vater weg. Aber wenn es gut läuft und er ausstrahlt, dass er sich wohlfühlt, habe ich manchmal blitzartig das Gefühl, der Albtraum ist vorbei. Da gibt es Momente von ganz tiefer Trauer und Glück nebeneinander.

Es gibt ja den Punkt, wo man nicht mehr rational spricht, wie Sie schreiben, sondern dem Kranken nur mehr zustimmt.

Da geht es einfach um die Anerkennung der Welt, in der mein Vater lebt. Es ist seine Welt, er hat keine andere. Er kann nicht mehr herüber zu mir, das erzeugt nur Schrecken und Elend. Aber ich kann mich an seine Seite stellen – in seiner Welt. Und wenn er sagt, seine Mutter wartet im Haus auf ihn, bestätige ich ihn. Denn wenn ich ihm ständig sagen würde, dass alles, was er sagt, falsch ist, würde er ja wahnsinnig werden.

Wie wohl sich jemand fühlt, hängt ja viel mit der Betreuung zusammen.

Wir hatten das Glück, dass Daniela, eine seiner Betreuerinnen, großartig war. Das war auch das Pech, als er ins Heim musste, denn er hat sie so gemocht und sie ihn auch. Und sobald sie nach Hause in die Slowakei gefahren ist, hat ihm etwas gefehlt.

Hat er Daniela erkannt oder war es ihr Umgang mit ihm? Er verwechselt ja, wie Sie schreiben, zum Teil sogar seine eigenen Kinder.

Er erkennt die eigenen Kinder sehr gut als ihm vertraute Menschen. So viel er vergisst – und er vergisst sehr viel -, er vergisst nicht, wen er mag. Auch nicht, wen er nicht mag. Wenn Daniela ihn gefragt hat, wie sie heißt, hat er gesagt: „Liebes Fräulein.“ Da hat sie gesagt, „Ich heiße Daniela, das hast du vergessen.“ Da hat er gesagt, „Ja, ich glaube, ich lern’s nicht mehr“. Da gibt es ein enges Nebeneinander von Fähigkeiten, Kompetenzen und unglaublichen Fehlstellen. Dass er etwa das Zuhause nicht erkennt. Aber dann klug darüber redet, was das Zuhause ist. Und man denkt, jemand, der ein solches Gefühl für Nuancen hat, wird doch sein eigenes Wohnzimmer erkennen. Aber da stößt man an die Grenzen der Logik.

Gibt es Persönlichkeitsmuster, die Sie für typisch bei Alzheimer-Patienten halten?

Sie bleiben individuelle Menschen. Mit allen Eigenschaften, Defiziten und eigenem Umgang. Es gibt natürlich im Krankheitsbild Ähnlichkeiten, aber die Frage ist, wie reagiere ich darauf. Also wie groß ist die Angst, die jemand in der Verlorenheit empfindet. Oder wie groß die Gelassenheit, die jemand angesichts dieses Schicksals besitzt. Irgendwann habe ich entdeckt, dass mir mein Vater in manchen Aspekten verloren geht, aber dass die Person noch da ist. Das zu realisieren war auch wieder schön. Das ist August Geiger, das ist die ganze Person.

Aber der Person fehlen Erinnerungen – gibt es da bestimmte?

Ich habe keine Gesetzmäßigkeiten gefunden, dass ich sagen könnte, mein Vater vergisst nur dieses und jenes. Die seltsamsten Dinge weiß er plötzlich, aber die naheliegendsten kann er nicht mehr. Das ist ein Regime der Willkür im Gehirn.

Sie als Schriftsteller können solche Dinge in Worte fassen. Was raten Sie Leuten, die dieses Ventil nicht haben?

Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und letztlich kann ich die Krankheit nicht ändern, nur meine Einstellung dazu. Insofern bin ich mittlerweile auch so weit, dass ich sage: Ja, ich bin glücklich über die schönen Momente, die wir noch haben. Und die will ich auch nicht mehr hergeben.


Arno Geiger: Der alte Mann in seinem Exil

BUCHTIPP

Arno Geiger:
Der alte König in seinem Exil. Carl Hanser Verlag, München.
188 Seiten,
18,40 Euro

Infos unter: www.arno-geiger.de

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2011)

Trink das Trinken, Badezimmermann!

Die Somniloquie an sich ist harmlos. Das ist erstens beruhigend, zweitens allerdings für all jene unverständlich, die sich den deutschen Begriff dazu nicht aus dem Lateinischen herleiten können. Zusammengesetzt ist das Wort aus „somnus“, was Schlaf bedeutet, und aus „loqui“, was wiederum für Sprechen steht. Gemeint ist damit nichts anderes als das Phänomen, dass jemand im Schlaf Worte von sich gibt. Das ist in vielen Fällen nicht viel mehr als unverständliches Gemurmel. Gelegentlich kommt es aber doch immer wieder vor, dass das schlafende Gegenüber durchaus verständlich spricht.

Wenn es dann auch noch die Augen geöffnet hat und dem Nebenschläfer durch Rütteln an der Schulter zu verstehen gibt, dass es etwas zu sagen hat, wird es ein bisschen gruselig. So berichtete etwa eine Freundin, wie ihr Partner sie mitten in der Nacht aus dem Schlaf holte, sie mit starren Augen fixierte und sehr deutlich die bewegenden Worte sprach: „Trink das Trinken!“ Eine Aufforderung, die er auch nach zweimaligem schlaftrunkenen Nachfragen der Freundin sehr fordernd wiederholte. Wie soll man da reagieren? Sie murmelte schließlich etwas wie „Ist gut, ich trinke es ja eh schon aus“ – woraufhin er sich wieder zufrieden zusammenrollte. Schwieriger wurde es, als er ein anderes Mal keinen Imperativ somniloquierte, sondern mit – trotz Tiefschlafs – verzweifeltem Blick eine Frage stellte: „Wie heißt der Badezimmermann?“

Geht man davon aus, dass man im Traum Dinge verarbeitet, die einen auch tagsüber beschäftigt haben, werfen derartige nächtliche Gesprächsrunden jedenfalls einige Fragen auf. Trinkt die Freundin beim Fortgehen ihr Bier zu langsam? Kann man Schlafredner auch mit falschen Antworten zufriedenstellen? Und wer ist eigentlich dieser Badezimmermann?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.02.2011)