Husten, wir haben ein Problem

Die meisten Menschen, die unter Husten leiden, gehen nicht zum Arzt. Sie gehen ins Theater. An wohl keinem anderen Ort der Welt reinigen derart viele Menschen lautstark ihre Atemwege. Umgekehrt scheint das Raumklima im Zuschauerraum eine äußerst heilsame Wirkung auf verstopfte Nasen zu haben – denn nur äußerst selten wird die gespannte Stille vor einem dramatischen Höhepunkt von einem Niesanfall durchbrochen. Was daran liegen könnte, dass dann reflexartig das Publikum inklusive Ensemble kollektiv „Gesundheit“ ausrufen würde. Und derart bloßstellen lassen, dass nicht nur die Nase vor Scham errötet, will man sich dann doch nicht. Ein solcher Wunsch zur Genesung ist dem Hustenden allerdings völlig fremd. Gerade einmal bei Kindern wird es mit einem liebevollen „Kutz Kutz“ kommentiert. Im höheren Alter bekommt man im schlimmsten Fall mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken. „Danke, reizend“, möchte man dann gerne sagen – nicht, dass der Hustenreiz deswegen nachließe.

Aber es muss ja nicht immer gleich echter Husten sein. Auch sein kleiner Bruder, das Räuspern, ist allzu häufig zu Gast im Auditorium. Am liebsten würde man all die im Theater versammelten Räusperer in Frösche verwandeln – schließlich können sie dann keinen Frosch mehr im Hals haben, oder?

So sitzt man am Ende verzweifelt am Rang und lauscht all dem Husten, Krächzen und den Fröschen, die die Geschehnisse auf der Bühne übertönen, und malt sich aus, welchem Dialog man wohl lauschen könnte, würden all die kranken Menschen einen Doktor aufsuchen: „Ihr Husten hört sich ja schon viel besser an“, würde der Arzt sagen. „Kein Wunder“, käme die Antwort, „ich übe ja auch Tag und Nacht!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.08.2010)

Kleine Erniedrigung für Urlauber

Als Bewohner eines Landes, das zu einem Gutteil von Tourismus lebt, sollte man ausländische Gäste ja nicht vergraulen. Umgekehrt erwartet man aber auch, dass sich die Besucher so manche kleine Spitze sparen. Wird man etwa von einer kleinen Gruppe von Italienern angesprochen, die auf Englisch nach dem Weg radebrecht – und man kramt stolz aus dem Gedächtnis die schon in der Volksschule gelernten Wegbeschreibungen -, dann will man nach der langen Litanei, wie man denn nun zum Schloss Schönbrunn komme, genau einen Satz nicht hören: „Do you speak English?“

Fast bereut man in so einem Moment, dass man der Gruppe den richtigen Weg nach Hietzing gewiesen und sie nicht mit der U1 zur  Station Aderklaaer Straße geschickt hat. Einen viel öderen Ort in Wien gibt es bekanntlich nicht. Wobei, Gemeinheiten wie diese sollen gar nicht so selten sein. Zumindest geht das Gerücht, dass manche Gruppe von Pauschalreisenden, die Wien per Bus erkundet, gar nicht zum größten Wahrzeichen selbst vordringt, sondern kurz vor der Votivkirche abgeladen wird – um dort den berühmten Stephansdom zu fotografieren. Sieht doch nicht viel anders aus als auf dem Packerl Manner Schnitten. Mokieren sich dann doch ein paar Aufmüpfige, dass der Dom laut Reiseführer nur einen Turm hat, kann man sie ja auf einen Sprung beim Rathaus vorbeiführen. So, ein Turm. Noch was? Im Supermarkt besorgen wir dann Semmeln, gefüllt mit zehn Deka Polnischer – die preisen wir als das wundervolle Wiener Schnitzel an. Und am Ende schicken wir die Gruppe in ein Konzert, bei dem Musikstudenten in barocken Kostümen ein bisschen Mozart spielen, und verkaufen sie als Philharmoniker. So, und jetzt soll noch einer fragen, ob ich Englisch spreche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.08.2010)

Grammatik du bei Yoda gelernt hast

Manche Dinge, die im Film passieren, haben auch in der Realität ihren Reiz. Man denke nur an die Fähigkeit der Jedi Ritter aus den „Krieg der Sterne“-Filmen, mit einer einzigen Handbewegung Gegenstände zu bewegen oder Türen zu öffnen. Allein – in der Realität können wir uns auf einen hohen Midi-Chlorianer-Wert, der es erlaubt, mit der Macht in Kontakt zu treten, nicht wirklich verlassen. Und so braucht es eben ein bisschen Nachhilfe. Etwa in Form von automatischen Schiebetüren. Sie werden nicht glauben, wie mächtig man sich fühlt, wenn man vor dem Betreten einer Bankfiliale eine dezente Wischbewegung mit der rechten Hand macht – und sich plötzlich der Eingang wie auf Befehl öffnet. Ein bisschen nerdig, stimmt schon. Aber macht trotzdem Spaß.

Weniger Beispiel sollte man sich hingegen an der Sprache der Jedi-Ritter nehmen, zumindest nicht an der von Meister Yoda, der ein wenig dazu neigt, die einzelnen Satzbausteine wild durcheinander zu mischen. „Grammatik du bei Yoda gelernt hast“ wäre in einem solchen Fall wohl die passende Antwort eines Lehrers auf derartige Fehler bei der Deutschschularbeit. „Dunkel die andere Seite ist“, wie es der kleine Jedi-Meister gerne zu sagen pflegte, verdient wiederum eher die mütterliche Antwort: „Sei still, Yoda, und iss endlich deinen Toast.“

Manche Dinge aus dem „Star Wars“-Universum erschließen sich allerdings nur in der englischen Originalvariante. So lautet der traditionelle Abschiedsgruß der Jedi – „Möge die Macht mit dir sein.“ – dann „May the Force be with you!“ Ein Spruch, der einst von einem unbedarften Simultanübersetzer ein wenig falsch verstanden worden sein dürfte. Er schloss mit den Worten: „Am vierten Mai bei dir sein!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.07.2010)

Kann man mit dem Aufhören anfangen?

Einschlafen ist gar nicht so einfach. Wenn man etwa plötzlich im beginnenden Halbschlaf registriert, dass man auf die Schlaftablette vergessen hat, dann ist das ein ähnlicher Effekt, als würde man beim Schäfchenzählen aufwachen. Und dann ist es passiert, man liegt da und starrt mit offenen Augen in die Dunkelheit. Im Kopf rotieren all die offenen Punkte des Tages – und damit gleich die Frage, wie ein nicht ausgedehnter Ort (das ist ein Punkt in der Geometrie nämlich) überhaupt offen sein kann.

Um derartiger Schlaflosigkeit am Abend zu entgehen, böte sich an, sich einfach vorzunehmen, den ganzen Tag nichts zu erreichen. Allerdings: Schafft man das, hat man dann ja doch etwas erreicht, oder? Das wäre dann so, als müsste man sich zwei Mal halb tot lachen, um wirklich das Zeitliche zu segnen. Oder man bemüht das Rechenspiel, wenn aus einem Zug mit drei Passagieren vier aussteigen, dann müsste einer wieder einsteigen, damit keiner drin ist. Fast schämt man sich schon ob solcher Uraltkalauer – da kann man noch so schlaftrunken sein – und überlegt, ob es nicht originellere Gedanken gibt, die die Ganglien beim Versuch des Einschlafens beschäftigen könnten. Vielleicht, ob USB die Fortsetzung von USA ist? Oder die Frage, ob man auch mit Münzen Scheingeschäfte machen kann. Sieht es sehr blöd aus, wenn man sich im Handumdrehen das Bein bricht? Und kann ein kleinkarierter Mensch auf seine Linie achten? Und warum sind Karotten oranger als Orangen?

Könnte sich jetzt bitte endlich der Schlaf meiner erbarmen? Dann könnte ich endlich aufhören, mir mit solchen Blödheiten das Warten auf das Einschlafen zur Qual zu machen. Wobei, kann man mit dem Aufhören eigentlich anfangen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.07.2010)

Reich mir doch mal die Pike!

Es ist eine bösartige Angewohnheit, Menschen in Verlegenheit zu bringen – aber auch eine, die Spaß macht. Am besten funktioniert es mit ein wenig Vorwissen, mit dem man das Gegenüber ein kleines bisschen demütigen kann. Erzählt etwa ein Kollege voller Stolz, er hätte etwas von der Pike auf gelernt, braucht man nur provokant zu fragen: „Was ist eine Pike?“ Im Normalfall wird der Gefragte erröten und unsicher stammeln, dass es etwas mit der Kindheit zu tun haben müsse, vielleicht sei ja das Kindbett oder die Wiege gemeint. Mitnichten, Freund der Blasmusik! Die Pike ist eine Waffe, die im Dreißigjährigen Krieg gerne zum Einsatz gekommen ist – ein etwa fünf bis sechs Meter langer Spieß, mit dem man sich gegen  angreifende Kavallerie gestellt hat. Pikeniere waren die unterste Waffengattung, weil man für das Halten der Pike keine lange Ausbildung brauchte. Auf dem Weg zu höheren Waffengattungen musste man also das Kriegshandwerk „von der Pike auf“ lernen.

Derart in Fahrt geraten kann man dem Belehrten erklären, dass „blaumachen“ aus dem Färberwesen kommt: Für die Herstellung von Indigoblau wurde einst mit Urin gearbeitet – und um den zu erhalten, betranken sich die Färber, um schließlich am nächsten Tag blauzumachen. „Halt die Klappe“ wiederum hat nichts mit dem Mund zu tun, sondern bezieht sich auf die Klappsitze im Chorgestühl einer Kirche, die bei Unachtsamkeit laut herunterfallen und so die Andacht der Mönche stören konnten.

Und da steht es nun, das Gegenüber, und fühlt sich nach all diesem gehäuften Wissen auf einmal ganz klein. Nur irgendwo im Hinterkopf wird er sich vermutlich fragen, wie sich eigentlich das Wort „Klugscheißer“ etymologisch herleiten lässt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.07.2010)

Heavy Metal, Herr Fäymann!

„Popkulturelles Gesülze“ nennt es der Kollege, wenn ich über Phänomene aus der Welt von Musik, Film und anderen Ecken der Populärkultur referiere. Dabei gäbe es doch so viele Dinge aus der wunderbaren Welt der Unterhaltungsindustrie, die auch in anderen Bereichen sinnvoll eingesetzt werden könnten. Nehmen wir zum Beispiel den Heavy-Metal-Umlaut. Hinter diesem Begriff verbergen sich die englischen „röck döts“ – Umlaute und andere diakritische Zeichen, die den (englischsprachigen) Bandnamen ein fremdartiges Erscheinungsbild geben sollen. Berühmt wurde der Umlaut in der Rockmusik durch die Band „Blue Öyster Cult“, die als Erste das Potenzial des Umlauts erkannte. Es folgten Gruppen wie „Motörhead“ oder „Mötley Crüe“, die mit den für die englischsprachige Welt exotischen Zeichen spielten.

Das Kalkül dahinter ist klar: eine geheimnisvolle Aura um eigentlich ganz banale Namen und Dinge zaubern. Allerdings muss man beachten, dass das auch danebengehen kann – beim früheren US-Vizepräsidenten Al Göre zum Beispiel. Zumindest im deutschsprachigen Raum würde man dann mit ihm weniger einen Politiker und Nobelpreisträger verbinden als eher ein freches Mädchen. Umgekehrt ist der österreichische Vizekanzler mit seinem ö gut bedient – schließlich würde Proll selbst in der wohlmeinenden sozialdemokratischen Diktion heute eher negativ aufgefasst. Von Exkanzler Wolfgang Schussel gar nicht zu reden. Bei anderen Personen des öffentlichen Lebens wäre es dagegen völlig unbedenklich, mit einem Heavy-Metal-Umlaut ein bisschen Pep in den Namen und das Erscheinungsbild zu bringen. Fäymann, Bändion-Örtner und Löpatka – das rockt! In diesem Sinn: Nö Sleep ‚Til Steuererhöhung!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.07.2010)

Das ist ja das Beste!

Der Markt hat nicht recht. Sonst hätte er vor einigen Jahren nicht zugelassen, dass das wunderbare Arosa aus den Supermarktregalen verschwindet – und Firn drin bleibt. „Was ist Arosa?“, fragte der jüngere Kollege, dem erst erklärt werden musste, dass es sich dabei um ein Pfefferminzbonbon mit Eukalyptuskern handelte. Im Gegensatz dazu behelligt Firn den durch die Pfefferminze euphorisierten Lutschenden plötzlich mit einem süßlich-klebrigen Innenleben – aus Schokolade. „Aber“, warf der junge Kollege mit fast schon authentischer Empörung ein, „das ist ja das Beste!“ Gratulation, damit hatte er mir einen Retro-Flash beschert. Nein, nicht wegen der Zuckerln! Sondern wegen des altklugen Spruchs! Schon als Kind habe ich den gehasst.

Auf einmal war da wieder die Erinnerung. An die Tränen, weil das Gulaschfleisch nur aus einer meterdicken Fettschicht zu bestehen schien. An den Brechreiz, als im flaumigen Gugelhupf plötzlich eine mumifizierte Weintraube auftauchte. Und an das (groß-)elterliche Totschlagargument, für das sich das kindliche Geschmacksempfinden wenig empfänglich zeigte: „Das ist ja das Beste!“ Nein, ist es nicht, verdammt noch mal. Genauso wenig ergiebig ist die Phrase, die meist auf solcherart geäußerten geschmacklichen Absolutheitsanspruch folgt: „Du wirst schon noch draufkommen, was gut ist!“

Allein, fast hätte ich dem verdutzten Kollegen das gleiche Argument entgegengeschmettert – nur mit umgekehrten Vorzeichen: „Du wärst draufgekommen, was gut ist, wenn du jemals Arosa gegessen hättest!“ Ein bisschen ertappt kommt man sich da vor. Man argumentiert ja auch nicht anders als die anderen. Aber was soll’s – schließlich lebt ja jeder in seiner eigenen Welt . . . Aber meine ist die richtige!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.06.2010)

Alice Cooper: »In der Bibel stehen keine Gleichnisse«

Man kennt ihn vor allem wegen seiner Shows mit Monstern, Schlangen und Riesenspinnen. Doch abseits der Bühne ist Alice Cooper, der Begründer des Schock-Rock, vor allem auf dem Golfplatz anzutreffen – aber auch in der Kirche und bei Bibelstunden. Denn seinen Weg aus dem Alkoholismus, sagt er, habe er nur mit Gottes Hilfe gefunden.

Alice Cooper

Sie kommen in den Himmel und begegnen Gott – wie wird er wohl aussehen?

Alice Cooper: Das ist wohl die ewige Frage. Es heißt, dass er uns nach seinem Abbild geschaffen hat. Also wird er wohl auch so aussehen. Nur viel hübscher.

Ist er ein sanfter oder ein zorniger Gott?

Er ist ein gerechter Gott. Er ist so mächtig, dass er in alle Richtungen ausstrahlt, sei es jetzt in Richtung Zorn oder in Richtung Liebe. Wir sollten uns eher vor seinem Zorn fürchten, denn wir sind es ja, die ständig die Regeln brechen.

Und müssen Sie selbst sich auch vor ihm fürchten, allein schon wegen all der Horror-Shows, die Sie machen?

Das glaube ich nicht. Ich habe einen starken christlichen Background, das hat viel mit Vergebung zu tun. Die christliche Religion basiert auf dem individuellen Verhältnis zu Jesus Christus. Ich glaube nicht, dass er jemand ist, der sagt, dass es nicht erlaubt ist, ein Künstler zu sein. Viel in meiner Show mag furchteinflößend sein, aber gleichzeitig will ich ja auch, dass das Publikum darüber lacht.

Es gibt da diese Legende, dass Sie auf der Bühne ein Huhn getötet haben . . .

Das Lustige damals war: Jemand hat tatsächlich ein Huhn auf die Bühne geworfen. Ich habe es nur zurück ins Publikum geworfen, nein, nicht einmal geworfen, ich dachte, es würde einfach wegfliegen. Ich bin in Detroit aufgewachsen, ich hatte damals keine Ahnung, dass ein Huhn gar nicht fliegen kann. Ja, und die Zuschauer haben es dann in Stücke gerissen. Genauer gesagt, es waren die Zuschauer in der ersten Reihe – die war für all die Menschen mit Rollstühlen reserviert. Das heißt, in Wirklichkeit haben die Rollstuhlfahrer das Huhn auseinandergerissen. Und mir wurde es am Ende angelastet.

Glauben Sie denn, dass Gott bei Ihrer Show Spaß haben würde?

Er würde vermutlich die satirischen Elemente in meiner Show mögen. Aber natürlich, niemand ist perfekt. Und vermutlich würde er auch manche Teile meiner Show hassen. Aber ich weiß leider nicht, welche Teile das sein würden.

Das Böse ist in Ihren Shows ja in vielen verschiedenen Ausprägungen präsent. Wie sieht denn Satan in Ihrer Vorstellung aus?

Als Christ muss ich an Satan als ein sehr reales Wesen glauben. Alles, was falsch läuft, geht von ihm aus. Aber ich glaube nicht, dass er nur als er selbst existiert, doch ich glaube sehr wohl, dass er all die Plagen steuert, mit denen wir zu kämpfen haben. Ich glaube jedenfalls bestimmt nicht, dass er Hörner und einen Schwanz hat.

Wenn nicht mit Hörnern und Schwanz, wie müssen wir ihn uns denn vorstellen?

Wenn ich Satan beschreiben müsste, wäre er vermutlich ein schleimiger Politiker. Er wäre gut aussehend, nett, würde ständig sagen, wie großartig man ist und wie wundervoll alles ist. Und dass wir die besten Freunde sind. Und dabei würde er alles tun, um einen weg von Gott zu bringen. Aber sein Anblick wäre nicht furchterregend, er wäre vielmehr sehr überzeugend. Als er vom Himmel fiel, war er ja der schönste Engel.

Sind Sie Satan jemals begegnet?

Nein, das nicht. Aber ich habe sein Werk gesehen. Und das hat mich nicht sehr begeistert.

Sie spielen auf die Zeit an, in der Sie alkoholsüchtig waren?

Ja, das war zu der Zeit, als ich so etwas wie eine Landplage des Rock ’n‘ Roll war. Es gab keine Show, bei der ich nicht betrunken war. Und das für mehr als 15 Jahre. Ich war so etwas wie ein Aushängeschild des moralischen Verfalls. Ich war vom Weg abgekommen. Aber ich habe dabei viel gelernt. Und jetzt bin ich wieder zurück bei Christus.

Haben Sie in diesen schweren Zeiten eigentlich nie an Gott gezweifelt?

Nein. Das hat auch viel mit meinem familiären Hintergrund zu tun. Mein Vater war Priester, mein Großvater war Priester, der Vater meiner Frau ist Priester. Ich bin in einem christlichen Haushalt aufgewachsen. Aber natürlich, es gab schwierige Zeiten, ich war der verlorene Sohn, ich bin vor Christus weggelaufen. Aber dann bin ich auch wieder zu ihm zurückgekommen.

Sie halten ja seit mehr als zehn Jahren auch regelmäßig Bibelstunden für Kinder ab – was ist Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?

Da gibt es so viele großartige Geschichten im Alten Testament: die Geschichte der jüdischen Nation, die Geschichte Israels, das ist eine der großen Geschichten. Und ich bin vermutlich einer der wenigen Menschen auf dem Planeten, die glauben, dass Gott es genau so meint, wie er es sagt. Ich glaube nicht unbedingt daran, dass alles in der Bibel nur Gleichnisse sind. Wenn Gott sagt, dass David den Löwen getötet hat, hat David vermutlich den Löwen getötet. Ich glaube nicht, dass das nur eine Geschichte war. Ich glaube, wenn er sagt, dass sich das Rote Meer aufgetan hat, dann ist das Rote Meer eben auseinandergegangen. Und so war es auch mit Jesus. Ich glaube, dass er tatsächlich all das getan hat, was in der Bibel steht.

Jetzt hat Hardrock eher nicht das Image, besonders christlich zu sein.

Wenn man ein echtes Individuum ist, glaubt man an das, woran man glaubt. Und man kümmert sich nicht darum, was andere Menschen darüber denken. Ich bin sehr überzeugt von dem, was ich glaube. Und diese Überzeugung habe ich nicht deswegen, weil ich mich auf einer intellektuellen Ebene damit beschäftigt habe. Nein, die Bibel spricht direkt mit meinem Herzen. Und das ist wichtiger als mein Intellekt.

Und es verträgt sich, auf der Bühne mit Horror-Elementen zu spielen und am nächsten Sonntag in der Kirche zu beten?

Es gibt so manche besonders überzeugte Menschen, die glauben, dass man 24 Stunden am Tag in einem finsteren Zimmer knien muss, um ein guter Christ zu sein. Von mir aus, sollen sie so leben. Aber ich glaube nicht, dass Gott das von uns erwartet. Und Jesus verbrachte viel Zeit mit den Ausgestoßenen, mit Trinkern, mit Huren, denn das waren die Menschen, die ihn brauchten. Er verbrachte seine Zeit nie mit den Pharisäern.

Was sagen Ihre Fans dazu? Wie verträgt sich Ihr christlicher Hintergrund mit dem rebellischen Image des Rock ’n‘ Roll?

Ich rede mit jedem Menschen darüber, der darüber reden will. Aber ich glaube, das vermutlich Rebellischste, das Alice Cooper jemals getan hat, war, ein Christ zu werden.

Der zweite Punkt, der mit dem Rock ’n‘ Roll- Image nicht wirklich zusammenpasst, ist Ihre Leidenschaft für Golf.

Golf ist total Rock ’n‘ Roll. Jede Band, die ich kenne, spielt Golf. Pantera, Metallica, Mötley Crüe, Iggy and the Stooges, Lou Reed, Bob Dylan, Neil Young . . . Ich könnte aus jeder Band jemanden nennen, der Golf spielt. Golf ist jetzt ein Rock ’n‘ Roll-Sport. Das war nicht immer so, aber vielleicht habe ich ja dazu beigetragen, dass es ein Rock ’n‘ Roll-Sport geworden ist.

Dann ist Tiger Woods wohl auch so etwas wie ein Rockstar?

Tiger Woods ist definitiv ein Rockstar, zumindest wenn man sich einmal die Zahlen ansieht! 121 Mädchen, mit denen er im Bett gewesen sein soll. Das reicht an andere große Rocker wie Nikki Sixx von Mötley Crüe heran.

Klingt da so etwas wie Bewunderung durch?

Ich mag Tiger Woods als Golfer. Aber wir haben in seinem Schlafzimmer absolut nichts verloren. Die Welt ist so süchtig nach Klatsch geworden, vor allem wegen des Internets. Wir sitzen den ganzen Tag herum und wollen wissen, wie es in den Schlafzimmern der Menschen aussieht. Aber ich glaube nicht, dass wir dort hingehören. Tiger Woods ist der größte Golfer. Und auf dem Golfplatz will ich ihn sehen.

Und worin unterscheiden Sie sich letztlich vom „Rockstar“ Tiger Woods?

Wenn er 121 Freundinnen hat, ist das sein Problem. Ich bin nun seit 34 Jahren verheiratet und habe meine Frau Sheryl in all diesen Jahren nie betrogen.


Herr Cooper, darf man Sie auch fragen . . .

. . . ob Ihre Frau Sie mit dem Namen „Alice“ anspricht?

Natürlich nennt sie mich Alice. Nach 34 Jahren Ehe gewöhnt man sich daran. Ich kenne auch viele Menschen, die ihre Söhne Alice nennen. Das ist mittlerweile ein sehr männlicher Name.

. . . ob Sie sich manchmal im Dunkeln fürchten?

Ich bin wie jeder andere auch. Ich schaue mir gern die TV-Show „Ghost Hunters“ an, wo sie in alte Gebäude reingehen und nach Geistern Ausschau halten. Und wenn ich dabei in meinem großen Haus ganz allein bin, schaue ich nachher, wenn ich ins Bett gehe, immer ganz vorsichtig um jede Ecke.

. . . ob Sie immer noch ein Fan von George W. Bush sind?

Ich hasse Politik. Alice Cooper ist der unpolitischste Charakter, den es gibt. Andere Musiker wie Sting oder U2 können von mir aus darüber reden. Mich interessiert das nicht. Und das Gerücht, dass ich ein Bush-Fan sein soll, entstand, als ich während des Irak-Kriegs gesagt habe: Wenn man einen Krieg führt, will man einen Präsidenten, der wie ein Pitbull ist und nicht wie ein Pudel. Das gilt auch heute noch.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.06.2010)

Wo die Zahnbürste ins Leere greift

Man ist dann erwachsen, wenn man sich beim Zahnarzt nicht mehr vor den Schmerzen, sondern vor den Kosten fürchtet. Und Grund dazu hat man derzeit mehr als genug – schließlich sind Füllungen vor allem bei leeren Kassen besonders teuer. Da kann der Dentist noch so oft behaupten, dass er von der Hand in den Mund lebt. An dieser Meinung wird er auch festhalten – selbst wenn Sie ihm die Zähne zeigen. Besonders Schlaue meinen zwar, sie könnten der finanziellen Belastung entgehen, wenn sie zur Behandlung nach Tschechien reisen – schließlich bekommt man dort um einen Euro schon an die 25 Kronen. Doch selbst dort gilt: Wo die Zahnbürste ins Leere greift, kann der Zahnarzt in die Vollen greifen. Und mit der Sanierung unser aller Zahnruinen steigt er in den Geldadel auf. Da kann man ihm noch so oft zähneknirschend vorwerfen, dass er in Wirklichkeit nur ein Aufschneider ist.

Seien wir uns ehrlich: Das Überleben der Zähne ist nun einmal kein Zuckerschlecken – vor allem dann, wenn der Zahn der Zeit schon ein wenig an ihnen genagt hat. Dann fallen die Zähne nämlich nur mehr zur Zufriedenheit der Zahnärzte aus. Das gilt für uns alle – vielleicht abgesehen von denen, die Mut zur Lücke haben. Denen sind Gewissensbisse bekanntlich völlig fremd. Für den Rest gilt, dass die Rettung so manchen Zahnes am seidenen Faden hängt. Ist der gerissen, hilft es auch nichts, sich in die Mundhöhle zu verkriechen. Dann muss man in den sauren Apfel beißen und den Dentisten aufsuchen. Denn eines muss uns klar sein: Gegen Prophylaxe kann man nicht vorbeugen. Also, auch wenn es jetzt vielleicht ein bisschen wehtun wird – machen Sie den Mund weit auf und beißen Sie die Zähne zusammen!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.06.2010)

Das Ding mit dem Dings

Oft fehlen einem die Worte – oder zumindest eines. Das ist für den Betreffenden zwar betrüblich, weil er dann mit hochrotem Kopf  herumzustammeln beginnt. Doch auf der anderen Seite freut sich die Sprachfabrik, in der die ultimative Hilfe für diese peinliche Situation hergestellt wird: das „Dings“. Kaum ein Gespräch vergeht, in dem die universalste aller sprachlichen Variablen nicht eingebaut wird. Es kann den Platz jeder Sache füllen („Ich habe ihm das Dings gegeben“), aber auch an die  Stelle von Namen oder Funktionsträgern rücken („Der Dings hat das gesagt“). Doch sollte man den Gebrauch des Dings nicht allzu exzessiv betreiben, schließlich ist das  Arbeiten mit mehreren unbekannten Variablen nicht nur in der Mathematik eine Steigerung der Komplexität – und Zuhörer sind schon gewohnheitsmäßig Komplexitätsverweigerer. Und seien wir ehrlich, nicht zu Unrecht. Denn: „Der Dings hat Dings genommen“, da müssen die  Zusammenhänge schon sehr deutlich sein, um die Worthülse mit dem passenden Inhalt zu füllen.

Da der Mensch aber sogar in der Einfallslosigkeit nach Abwechslung giert, ist es mit „Dings“ allein  natürlich nicht getan. Und so werden in der Sprachfabrik auch erweiterte Varianten des Verlegenheitswortes angeboten. Vom liebevoll-kindlichen „Dingsi“ bis zum eher abwertenden „Dingsbums“ reicht das Portefeuille. (Das „Bumsdings“, wie es einst für eine Kondomwerbung eingesetzt wurde, fällt allerdings nicht in diese Kategorie!) Empfehlenswert ist es übrigens, diese Platzhalter lediglich in der mündlichen Kommunikation anzuwenden. Sonst würden Sie etwa in Zeitungen lesen, dass Dings ein Dings fordert oder dem Dingsbums langsam das Dingsi ausgeht. Und das wäre dann doch ein wenig dings.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.06.2010)