Aerosexuelle Fantasien

In jedem Freundeskreis finden sich auch Freaks, Menschen, die bei Treffen immer wieder ihr Lieblingsthema in die Runde werfen – ob die Runde will oder nicht. In meiner näheren Umgebung sind das vor allem wandelnde Wikipedia-Einträge zum Thema Luftfahrt – ich bezeichne sie als Aerosexuelle. Kaum erzählt man von seinen Urlaubsplänen, wissen sie schon, mit welchem Flugzeugtyp man unterwegs sein wird. Nach der Rückkehr ist die erste Frage, ob man auf flugstatistik.de schon seine Flüge aktualisiert hat. Und soziales Prestige scheint vor allem darin zu liegen, mit möglichst exotischen Flugzeugen von möglichst exotischen Flughäfen abgehoben zu haben.

Gelegentlich haben derartige Gespräche dennoch einen gewissen Witz. Dann etwa, wenn es um Flughäfen mit skurrilen Namen geht. So freut sich der Sprachverliebte über den Wagga Wagga Airport in Australien oder fragt sich, wie der Chicken Airport in den USA wohl zu seinem Namen kam. Auch der Batman Airport in der Türkei lässt die Fantasie auf Reisen gehen – ob dort wohl auch Batmobile landen? Und wie muss es sein, über dem australischen Useless Loop Airport noch eine zusätzliche Schleife zu drehen? Getoppt wird dieser Name nur noch von einem Flughafen – dem Mafia Airport in Tansania, auch wenn man den vielleicht eher auf Sizilien erwartet hätte.

Doch zu diesem Zeitpunkt haben meine aerosexuellen Freunde längst etwas Neues entdeckt – die dreistelligen IATA-Codes, mit denen die Flughäfen eindeutig abgekürzt werden. CAT, DOG oder POO kichern sie dann vor sich hin. Und insgeheim wünschen sie sich wohl, einmal den Militärflughafen im deutschen Sembach in ihre Flugstatistik aufnehmen zu können. Der wird übrigens mit SEX abgekürzt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2009)

Kleine Erniedrigung zum Frühstück

Eine Einladung zum Essen kann sich schnell vom Vergnügen zu einem kleinen Akt der Demütigung wandeln. Dann etwa, wenn die Gastgeberin sich als wandelnder Imperativ entpuppt und der Besucher sich nach den Worten „Herkommst!“, „Anziehst!“ und „Spargel schälst!“ plötzlich in einer Küchenschürze wiederfindet. Selbst aufmunternde Worte, wie sexy Männer damit aussähen, können nichts daran ändern, dass man sich wie ein unfreiwilliger Jamie Oliver-Klon fühlt. Fehlt nur noch die Kamera, in die man kulinarische Superlative plappern muss.

Gut, ein gewisser Hang zur kleinen Demütigung steckt ja in jedem von uns. Jede Fernreise mit dem Flugzeug etwa gerät am Flughafen zu einem Anfall gewollten Selbstmobbings – Taschen entleert, Gürtel aus den Schlaufen gezogen und statt mit Schuhen darf man mit Plastiksäcken an den Füßen durch den Metalldetektor wandeln. Längst sind diese Erniedrigungen Teil eines jeden Urlaubs. So wie auch die Auswahl des Essens im asiatischen Urlaubsort. Gekonnt werden die drei Chilischoten in der Speisekarte ignoriert, wie auch die Nachfrage des Kellners – „you know, it’s spicy!“. Wenn er das Menü wieder an sich nimmt und ein mitleidig-wissendes Grinsen aufsetzt, weiß man, dass man verloren hat, dass die Servietten am Tisch wohl nicht ausreichen werden, um die Schweißperlen beim Essen von der Stirn zu tupfen. Aber das gehört zum Spiel, die körperlich-kulinarische Demütigung als Urlaubserinnerung, die später zum Heldenmythos wird.

An Heldentaten wie diese lässt es sich vortrefflich klammern, während man in der Küchenschürze auf ein schnelles Ende hofft – und dass die Gastgeber bei einer Einladung zum Frühstück nicht auf die Idee kommen, den Gast in einen Pyjama zu stecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.06.2009)

Wenn die Welt auf dem Kopf steht

Wie fühlt sich Trinken im Handstand an? Wichtigste Erkenntnis: Selbst mit einem Strohhalm ist es ziemlich mühsam.

Wenn die Welt Kopf steht, heißt es kühlen Kopf zu bewahren. Und sich auf die geänderten Bedingungen einzustellen. Leichter geht das, wenn man den Fall der Fälle schon einmal geübt hat. Die auf dem Kopf stehende Welt wird dabei durch einen kopfüber stehenden Körper simuliert. Wie können unter diesen Umständen die für das Leben notwendigen Grundbedürfnisse verrichtet werden? Nun weiß man, dass man ohne feste Nahrung bis zu 30 Tage überleben kann, ohne Flüssigkeit dagegen nur maximal drei bis fünf. Trinken ist also als Bedürfnis Nummer eins identifiziert. Na, dann üben wir mal.

Zurück zum Turnunterricht. Der erste Teil der Übung ist die Rückbesinnung auf sportliche Tugenden, die seit dem Turnunterricht in der Schule ein wenig zu kurz gekommen sind. Wie ging noch mal der Handstand? Sicherheitshalber kommt eine Wand als Hilfe zum Einsatz – sagt ja niemand, dass in einer auf dem Kopf stehenden Welt plötzlich alle Hausmauern verschwunden sind. Nach einem eleganten Perspektivenwechsel zeigt sich die erste Schwierigkeit der Versuchsanordnung: Wenn die Arme das Gewicht des Körpers tragen müssen, fällt der Griff zum Glas schwer. Und die Zehenfertigkeit des Menschen ist doch nicht so stark ausgeprägt, dass man damit eine Flasche Eistee zum Mund führen könnte. Es braucht also Hilfsmittel.

Ein Strohhalm bietet sich an. Tatsächlich könnte der rosa Flexi-Trinkhalm eine große Erleichterung sein – wenn nicht das Glas zu niedrig wäre und der Mund so hilflos nach dem Ende des Halms schnappt. Dachte nicht, dass die verkehrte Welt so kompliziert sein würde. Aber gut, muss eben ein höheres Trinkgefäß her. Die Kombination aus Sektflöte und Strohhalm wird wohl die richtige Höhe haben. Sollte sie auch, denn langsam beginnen die Arme zu schmerzen.

Eistee in der Nase. Endlich sind die technischen Voraussetzungen geschaffen, und der Strohhalm ist zwischen die Lippen geklemmt. Jetzt beginnt der Kampf gegen die Schwerkraft, der Härtetest für die Peristaltik der Speiseröhre. Langsam quält sich der Eistee bergauf, landet im Mund. Und siehe da, der Schluckreflex funktioniert, das Getränk wandert in den Magen. Das Glas in einem Zug auszutrinken fällt allerdings nicht ganz so leicht. Denn irgendwann macht das Trinken keinen Spaß mehr. Das Schlucken fällt schwerer, die Arme schmerzen immer stärker. Zeit, die Welt wieder zurechtzurücken. Ein Perspektivenwechsel, der für eine dezente Eisteenote in der Nasenhöhle sorgt. Was bleibt am Ende? Die Erkenntnis, dass die verkehrte Welt mit einigen Mühen verbunden ist. Sollte es dennoch einmal dazu kommen, sollten Sie aber auf jeden Fall eine Sektflöte und einen Strohhalm dabeihaben. Nur, falls Sie Durst bekommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.06.2009)

Wasabi ist keine Nuss

Unlängst musste ich am Naschmarkt einem Gespräch lauschen, in dem doch tatsächlich jemand fragte, wo diese Wasabinüsse wachsen. Nun, vermutlich in der selben Gegend, in der skrupellose Züchter hilflos miauenden Katzen ihre Zungen herausreißen, um sie zu Süßwaren zu verarbeiten. Dort, wo übrigens auch regelmäßig der arme Kokos gemolken wird. Man stelle sich das einmal bildhaft vor: Die Bäuerin auf dem Schemel, das Euter des haarigen Gesellen fest im Griff. Ein trauriger Anblick.

Aber zurück zum Ausgangspunkt: Bei Wasabia japonica handelt es sich schlicht um eine Pflanze, deren Wurzel zu Pulver oder Paste verarbeitet und in der japanischen Küche zum Würzen eingesetzt wird. Für Sushi, zum Beispiel. Oder eben für Erdnüsse, denen auf diese Weise ein Geschmack jenseits von schnödem Salz verliehen wird.

Besonders vertrackt ist die Wasabinuss übrigens dann, wenn sie über den Ärmelkanal schwimmt – dann wird sie nämlich zur Erbse. Im Englischen verwendet man dafür den Begriff Wasabi Pea, weil das kleine, grüne Etwas anscheinend einer Erbse so ähnlich sieht. Eine ähnliche Transformation hat auch der Alaska-Seelachs hinter sich, wenn er als Fischstäbchen auf den Teller gelangt. Bevor er von einem findigen Manager der Lebensmittelindustrie umgetauft wurde, war er nämlich noch ein Speisefisch aus der Familie der Dorsche. Sein Name: Pazifischer Pollack. Ein Etikettenschwindel sondergleichen. Ähnlich erbost war ich, als ich erfahren musste, dass meine Eltern gelogen hatten – und sie die gebackenen Mäuse gar nicht im Vorratsraum gefangen hatten. Aber nach so viel Tadel auch noch ein wenig Lob: Der falsche Hase gibt wenigstens zu, dass er in Wirklichkeit nur ein faschierter Braten ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.06.2009)

Beine enthaaren

Manche Dinge kann man sich nur vorstellen, wenn man eine Frau oder ein Radrennfahrer ist. Aber wie fühlt es sich an, seine Beine zu enthaaren? Eines vorweg, es dauert . . .

Für Ästheten ein schrecklicher Anblick.“ Mit diesen Worten wurden vergangenen Sonntag in diesem Blatt meine behaarten Beine bedacht. Gut, man ist ja lernfähig und will den Freunden der Ästhetik keine schlaflosen Nächte bereiten – also runter damit. In Gesprächen mit erfahrenen Enthaarern lernte ich zunächst, dass es gleich mehrere Wege gibt, sich des Buschwerks zu entledigen – und dass der Großteil davon eher schmerzhaft sein soll. „Du wirst schreien“, meinte etwa die Freundin, die grinsend ihren Epilierer aus dem Badezimmer kramte. Völlig emotionslos war hingegen der Gesichtsausdruck der Verkäuferin im Drogeriemarkt, als sie Kaltwachsstreifen und Enthaarungscreme über die Kassa zog.

Einen ganz so phlegmatischen Blick schaffe ich daheim nicht, als der erste Wachsstreifen mit einer beherzten Handbewegung ein paar hundert Haare von meinem Unterschenkel reißt. Aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Lustig sieht er aus, der gerodete Streifen. Mehr schon nicht. Und der Epilierer? Auch kein Drama. Das Gefühl dabei ist nicht mehr als ein etwas intensiveres Kitzeln. Bleibt noch die Enthaarungscreme, die von der Anwendung her wohl am gemütlichsten ist. Mit einer Spachtel auftragen, fünf Minuten eine rauchen gehen, mit der Spachtel das Schaum-Haar-Gemisch abkratzen. Fertig. Wieder ein paar Quadratzentimeter freigelegt. Wo ist das Problem?

Die Mühen der Ebene. Der Anruf einer Freundin unterbricht die Enthaarungszeremonie – mit drei Landebahnen auf den Unterschenkeln geht es zu einem spontanen Abendessen. Bei dem ich stolz erzähle, dass Enthaaren ja überhaupt nicht wehtut, wie kann man nur so wehleidig sein und überhaupt. Stolz rolle ich ein Hosenbein auf – sehr zum Gaudium des Gegenübers: „Du hast ja nur an den Stellen enthaart, wo es am wenigsten wehtut!“ Aha, an den Innenseiten soll es also schmerzhafter sein. Und an den Knien erst. Interessant, dürfte also noch ein längerer Abend werden . . .

Und tatsächlich werden die Mühen der Ebene spürbar, wenn es um mehr geht als nur einen Streifen aus dem Busch zu reißen. Beim sechsten Wachsstreifen beginnt das Gefühl, dass es mühsam wird – der Kniebereich ist wirklich eher schmerzhaft zu roden. Der Epilierer wird auch langsam nervig, wenn er sich immer wieder in den Haaren festfrisst. Und die Enthaarungscreme macht auch keinen Spaß mehr – weil sie leer ist, ehe die Beine glatt sind. Der Abend endet mit einem langen Rendezvous mit dem Nassrasierer unter der Dusche, Beinen wie Hühnerschenkel in Zellophan – und der Erkenntnis, dass mir die Ästheten die Beine runterrutschen können. Glatt genug wären sie jetzt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.05.2009)

Eine Konifere auf seinem Gebiet

Bevor mir die Emulsionen hochgingen, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen.

Gelegentlich ist das Schreiben einer Kommune eine regelrechte Syphilisarbeit. Umso schöner ist es, einer Konifere auf diesem Gebiet zu begegnen. Und da gibt es schon einige, die mir ziemlich imprägnieren. Erst unlängst saß ich mit einer solchen bei einem Kartoffelcretin zusammen und wir plauderten ein wenig über das sinkende Nivea mancher Texte. Als mein Gesprächspartner allerdings begann, auch über mich zu lästern, fühlte ich mich ein wenig auf den Schlitz getreten. Aber ich beschloss, ruhig zu bleiben, schließlich lasse ich mich von unbedarften Aussagen sicherlich nicht produzieren. Er ließ aber nicht locker und stichelte weiter. Irgendwann reichte es mir, denn so manche Meldung meines Gegenübers war ein glatter Schlag unter die Gürteltiere. „Das verbiete ich mir“, sagte ich, „denn das ist doch keine konjunktive Kritik mehr“.

Dabei versuchte ich, so autistisch wie möglich zu agieren, immerhin wollte ich jegliche Imitation vermeiden – er sollte ja nichts in den falschen Hans bekommen. Doch währte die Diskursion nicht lange, denn mein Gesprächspartner stammelte pergament nur noch inhaltslose Phasen. Langsam bemerkte ich, wie meine Emulsionen hochgingen. Und bevor ich mich wie Hektar vor Troja zu einer Attrappe hinreißen lassen und das Duett in einem Fiaker enden würde, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen und lieber von Tannen zu ziehen. Immerhin bestand die Gefahr, dass mein Resümee darunter leider könnte.

Ich muss gestehen, dieser unliebsame Verlauf des Gesprächs war eine Zensur in meinem Leben. Vielleicht habe ich ja ein bisschen übererigiert. Mittlerweile vertagen wir uns aber eh wieder. Sollte ich auf diesen Vorfall angesprochen werden, werde ich dennoch mit Sicherheit antworten: „Kein Kommissar!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.05.2009)

Finnisch ist das bessere Französisch

Die Welt könnte eine bessere sein, würden Weltsprachen nicht wegen militärischer Erfolge entstehen, sondern nach dem Grad des Amüsements, das sie bereiten. Unter dieser Voraussetzung hätte es etwa Französisch nie und nimmer zur Lingua franca großer Teile der Welt geschafft. Oder ist es sonderlich amüsant, auf Französisch zu zählen? Dann sagen Sie mal zum Beispiel „97“ – quatre-vingt dix-sept, übersetzt so viel wie „vier Mal zwanzig und siebzehn“. Nicht lustig? Na eben. Und jetzt versuchen wir das Ganze einmal auf Finnisch: Yhdeksänkymmentäseitsemän. Da springt doch das Herz vor lauter Freude.

Oder nehmen wir einen lauen Sommerabend, Sie sitzen eng umschlungen mit der oder dem Angebeteten auf einer Parkbank und möchten eine innige Sympathiebekundung durchführen. „Je t’aime“ klingt da doch nur abgedroschen. Viel origineller und treffender kommt es, wenn Sie zärtlich „Minä rakastan sinua“ in das Ohr des Gegenübers hauchen. Der Erfolg sollte damit jedenfalls gesichert sein. Und selbst im Fall der Ablehnung haben Finnen mehr zu lachen, wenn beim mitfühlenden „leider“ statt eines weinerlichen „malheureusement“ ein strammes „valitettavasti“ auf den Lippen geformt wird.

Möchten Sie sagen, dass etwas „sofort“ zu geschehen hat, müssten Sie das mit „silmänräpäyksessä“ ausdrücken. Und sollten Sie je in die Situation kommen, nach einem „Feuerlöschschlauch“ fragen zu müssen, käme mit „Pikapaloposti“ eines der wohl schönsten Worte der Welt zum Einsatz. Ebenso traumhaft klingt der Komparativ von warm – „lämpimämpi“. Wer braucht da noch Französisch? Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist. Und Finnisch ist keine Weltsprache. Valitettavasti . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.05.2009)

Im Bademantel in die Arbeit

Manche Dinge sind nicht dafür gemacht, außerhalb der eigenen vier Wände eingesetzt zu werden. Aber wie fühlt es sich an, wenn man im Bademantel in die Arbeit fährt?

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Einige Dinge sind einfach nicht dazu gedacht, außerhalb der eigenen vier Wände zum Einsatz zu kommen. Trainingsanzüge, zum Beispiel, eignen sich nur be dingt für den Sonntagsspaziergang – es sei denn, man ist Sportler und das Spazieren erfolgt im Laufschritt. In den meisten Fällen wird der Jogginganzug jedoch mitnichten zum Joggen übergestreift, sondern zum Ausführen des Hundes oder zum Einsammeln der Sonntagszeitungen missbraucht.

Bei einem anderen Kleidungsstück ist diese natürliche Schamgrenze offenbar noch nicht gefallen. Oder kennen Sie jemanden, der das Haus im Bademantel verlässt? Und, nein, das Öffnen der Haustüre, um die abonnierte Sonntagszeitung von der Matte zu holen, zählt natürlich nicht.

Zeit also, den Grenzgang zu wagen – und mit dem Bademantel in die Arbeit zu fahren. Ein Unterfangen, das mit einem kleinen Kribbeln beginnt, nachdem die Wohnungstür ins Schloss gefallen ist – verbunden mit der Hoffnung, dass nicht gerade ein anderer Hausbewohner auch den Aufzug nach unten nimmt. „Ein Experiment . . . für die Arbeit“, würde man dann stammeln. Nein, bei allem Forschungsdrang – zumindest im eigenen Haus will man sich nicht unbedingt zum Trottel machen.

Schamgefühl verfliegt. Einmal auf der Straße, weicht das Schamgefühl der Neugierde. Die entgegenkommenden Passanten beobachten, Blickkontakt suchen, auf eine Reaktion warten. Allein, die Leute benehmen sich nicht sonderlich auffällig. Die einen schauen vorbei, ein paar verschämt zu Boden. Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, auf den Frotteemantel angesprochen zu werden, doch wenigstens ein verdutzt-freundliches Lächeln oder ein verschämtes Grinsen wäre schon schön. Hallo, hier geht jemand mit dem Bademantel durch die Neustiftgasse! Findet da niemand etwas dabei?

Bleibt die Hoffnung auf die U-Bahn. Und endlich, am Bahnsteig tuschelt ein Pärchen hinter vorgehaltenen Händen. Juhu! Endlich bemerkt mich jemand. Als die U-Bahn einfährt und sich die Türen öffnen, strömen die Fahrgäste aber wieder mit Tunnelblick aus dem Waggon und registrieren mich nicht. Na gut, Sitzplatz suchen und das Gegenüber beobachten. Die ältere Dame ist sichtlich bemüht, möglichst nirgendwo hinzuschauen. Im Grunde nicht anders als sonst – Blickkontakt in öffentlichen Verkehrsmitteln ist in Wien ja ohnehin tabu.

Resümee: Als Bademantelträger erregt man in Wien kein sonderliches Aufsehen. Vielleicht, weil die Wiener lieber wegschauen und hinterher heimlich flüstern? Vielleicht, weil man sich an derartige Erscheinungen schon gewöhnt hat? Vermutlich, weil hier ein derart offenes Klima herrscht – und Menschen, die man früher als Dorftrottel bezeichnet hätte, heute nur mehr als Exzentriker gelten.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Der Bademantel an sich wurde nicht dafür gemacht, um damit in die Arbeit zu fahren. Dennoch bleibt das öffentliche Aufsehen verhältnismäßig gering.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Die U-Bahn-Fahrt verläuft nicht anders als sonst, kein einziger Fahrgast spricht mich an, es wird nicht gelächelt - und Blickkontakt ist sowieso tabu.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Allzu oft kommt es nicht vor, dass Redakteure im Schlafrock das Gebäude der "Presse" betreten. Aber den Versuch war es wert.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.05.2009)

Nein zum Zwickeltag

Wie nennt man den Tag zwischen einem Feiertag und einem Wochenende? Fenstertag, ganz klar. Und in ganz Österreich ist man sich darüber einig. Ganz Österreich? Nein, ein unbeugsames Bundesland leistet bis heute erbitterten Widerstand gegen diesen Begriff. Und nicht nur das, still und heimlich unterwandert die oberösterreichische Sprachmafia die heimische Begriffslandschaft mit einer eigenen Wortkreation – dem Zwickeltag. Begonnen hat alles mit einem Welser Möbelhaus – das mit dieser Familie in der Werbung, Sie wissen schon – und einem unseligen Werbespot, in dem mit Rabatten an Zwickeltagen geworben wurde.

Damit war der Damm gebrochen und dem Zwickel Tür und Tor für die schleichende Unterwanderung der restösterreichischen Umgangssprache geöffnet. Plötzlich war in der medialen Debatte über Lehrerarbeitszeiten von Zwickeltagen die Rede, konnten sich sogar stolze Niederösterreicher auf einmal nicht mehr an den Fenstertag erinnern. Und das alles für den Zwickel. Für alle, die nicht wissen, was das überhaupt sein soll: Dabei handelt es sich um ein Stück Stoff, das in ein Kleidungsstück eingesetzt wird, etwa im Schrittbereich von Strumpfhosen. Oder allgemeiner, wie mir eine oberösterreichische Freundin erklärte, „einfach alles, das zwischen etwas steckt“.

Was erwartet uns als Nächstes? Welche Begrifflichkeit wird das unbeugsame Bundesland als nächstes Exportgut in den restösterreichischen Diskurs bringen? Womöglich die Zeitangaben? Das könnte dann wirklich hart werden, wenn 16.15 Uhr statt „Viertel fünf“ plötzlich „Viertel über vier“ heißen würde. Ein Aufeinanderprallen zweier Sprachwelten, in der die Uhren plötzlich anders gingen. Und das, liebe Oberösterreicher, das geht ja überhaupst nicht!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.05.2009)

Ja ja, so ist das… und sonst?

Die Stille genießt üblicherweise keinen allzu guten Ruf. Zumindest dann, wenn sie mitten in einem Gespräch plötzlich im Raum steht und ihren Platz einfordert. Denn an ihrer Seite betritt meist auch ein peinliches Gefühl der Beklemmung die Szenerie. Dummerweise ist die Welt nun einmal kein Film von Aki Kaurismäki, in dem das mit leerem Blick garnierte kollektive Schweigen zum guten Ton gehört. Im Gegenteil, bei uns entsteht in solch einer Situation der unbändige Wunsch, die Ruhe sofort zu bekämpfen. Doch leider haben die meisten bei der Ausgabe der rhetorischen Keulen zum Kampf gegen die Stille nur bedingt taugliches Material ausgefasst. Und so wie das österreichische Bundesheer im Ernstfall keine Geheimwaffen hervorzaubern kann, wird auch beim kommunikativen SUPERGAU mit kleinen Brötchen gebacken.

Ein seufzendes „Na ja“ gehört zu den am häufigsten gehörten Stilmitteln im Kampf gegen die Stille. Auch oft im Einsatz ist ein gehauchtes „Au weh“, das gerne mit einer Veränderung der Körperhaltung einhergeht. Nachteil dieser Taktik: Eine Starthilfe für ein ins Stocken geratenes Gespräch ist das nicht gerade. Da wird dann gerne ein hoffnungsvolles „Und sonst?“ ins Spiel gebracht, das dem Gesprächspartner den Ball zuschiebt. Säuft die Kommunikation dennoch ab, wird aus dem rhetorischen Katastrophenportfolio schließlich die ultimative Waffe abgerufen: „Ja, so ist das“ – quasi das Eingeständnis, dass der tote Punkt nicht weiter mit Wiederbelebung gequält werden sollte. Bleibt nur noch die Aufgabe, möglichst würdevoll zur Verabschiedung zu schreiten. Das geht am besten mit einem simplen „Na gut“. Dann dreht man ab und lässt sowohl Gesprächspartner als auch peinliche Stille einfach zurück. Ja, ja, so ist das.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.05.2009)