Ich weiß, dass du mehr weißt

Menschliche Kommunikation nimmt zeitweise paradoxe Formen an. Hängt man etwa an eine vertrauliche Information den Zusatz „Bitte sag es nicht weiter“, kann man sich fast schon sicher sein, dass dieser Satz als Freibrief für die ungezügelte Weiterverbreitung betrachtet wird. Spätestens in jenem Moment, in dem der Erstverbreiter des Geheimnisses die vermeintlich geheime Information selbst wieder bekommt – „streng vertraulich“, selbstverständlich -, hat sich der Kreislauf der Information wieder geschlossen und die Ursprungsquelle muss davon ausgehen, dass sich unter der vorgehaltenen Hand doch ein Abhörgerät verborgen haben muss.

Angesichts dieses scheinbaren Naturgesetzes vom freien Fluss der Information steckt der Geheimnishüter ein wenig in der Zwickmühle. Verbreitet er die geheime Nachricht weiter, ist die Büchse der Pandora geöffnet und die gesamte Öffentlichkeit sagt artig Danke. Schweigt man hingegen, ist die – doch recht attraktive – Rolle des Wissenden dahin. In der Realität findet sich meist ein Mittelweg, dass nämlich implizit kein Zweifel daran gelassen wird, ein Geheimnis zu haben. Mit wissendem Lächeln, in der Sache jedoch schweigend, sonnt man sich dann in Sprüchen wie „Ich weiß, dass du mehr weißt“ ein wenig. Die etwas plumpere Methode ist die, das Geheimnis verpackt auf den Tisch zu legen – dann aber nicht auszupacken. Die begleitende Phrase dazu lautet dann: „Das darf ich dir nicht sagen!“ Diese Methode des verbalen Coitus Interruptus lässt den Geheimnisträger zwar ebenfalls im Sonnenlicht stehen, birgt jedoch die Gefahr einer zunehmenden Verfinsterung in sich. Bei Gelegenheit kann ich Ihnen gerne noch mehr dazu erzählen. Das bleibt aber unter uns, versprochen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.01.2009)

Zusammen sind wir halb so viel

Ich sehe zu viel Werbung. Das wäre an sich nicht schlimm, würde sich nicht die Erinnerung an alte Werbespots immer wieder unvermittelt den Weg in die Konversation bahnen. So Winnetou, Zähne putzen. Hab‘ ich schon. Dann mach‘ mal den Färbetest von Antibelag. Erwischt. Das Rote ist gefährlicher Zahnbelag, Karies kann entstehen. Blendax Antibelag entfernt Zahnbelag und führt dem Zahn stärkendes Kalzium zu. Verstanden? Mhm! Gerade im Gespräch mit jüngeren Semestern ernte ich dafür ratlose Blicke.

Selbst ältere Kollegen schütteln erstaunt den Kopf, wenn während des Essens plötzlich „Mogst an Radi? Na, du, i trau mi nit. Wieso? Na, wegen meine Dritten halt, host du do keine Probleme? Schmarrn, i nimm doch die Kukident Haftcreme“ aus mir hervorbricht. Dabei ist mir doch nur wichtig, dass alle gesunde Zähne haben. Unvermeidlich geht es auch mit mir durch, sobald eine Flasche Rotwein geöffnet wird. Denn „ich druck den Stoppel eini, und alles dem Herbert aufs Hemd. Ein Riesenfleck. Also, wenn da was hilft, dann nur Dixan“.

Nun ist mir klar, dass markige Sprüche aus der Vergangenheit einen ewig langen Bart haben. Doch auch auf die Gefahr hin, dass ich mich damit als „Wickie, Slime & Paiper“-Werbekonsument oute, früher waren die Spots halt irgendwie markanter. Und es ist nun einmal so: Ich bin alle Werbespots, die ich gesehen habe. Ich bin die roten Zähne, wegen denen ich nach dem Färbetest mehrere Tage lang nicht den Mund aufzumachen wagte. Ich bin die Haftcreme, die auf meine dritten Zähne wartet. Ich bin Herberts Hemd, das nach einem Waschgang wieder weiß war. Ich bin der Leser, der mir per Postkarte einen Dachschaden attestiert hat. Aber ich bin nicht Gerlinde Kaltenbrunner, denn ich habe Höhenangst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.01.2009)

Wenn der Hamster Hände trocknet

Sollten Sie nicht jener Spezies angehören, die Händewaschen nach der Toilette für massiv überbewertet hält, ist Ihnen die Problematik vermutlich nicht ganz unbekannt – so manche öffentliche Be dürfnisanstalt scheint darauf ausgelegt zu sein, den ma nuellen Selbstreinigungsvorgang mit möglichst viel Unannehmlichkeit zu verquicken. Das beginnt schon damit, dass der Wasserhahn so kurz ist, dass die Hände permanent mit dem Porzellan auf Tuchfühlung gehen müssen, um überhaupt einen Wasserstrahl zu erhaschen. Einen Strahl, der oft die gefühlte Temperatur eines kirgisischen Gebirgsbaches hat. Nun wird kaltem Wasser ja eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben, aber sollte es bei der Minikneippkur auf der Kaffeehaustoilette nicht eher um das Beseitigen von Keimen als um durchblutungssteigernde Maßnahmen für die Finger gehen?

Die ultimative Erniedrigung folgt aber ohnehin erst danach, wenn die klammen Finger unter jene unseligen Automaten gehalten werden, die statt Papier- oder Handtüchern die Handflächen wieder trockenlegen sollen. Wie das Klischee eines Fernsehmonteurs beim Ausrichten der Antenne gilt es, jenen kleinen infrarotabgetasteten Bereich zu ertasten, der das Gebläse zum Arbeiten bringt. Ein Gebläse, das seine Tätigkeit wie ein Fabriksarbeiter beim Ertönen der  Sirene sofort wieder beendet, sobald die Hand den Bereich des Infrarot-Annäherungsschalters wieder verlässt. Auch schon egal, schließlich entspricht die Stärke des lauwarmen Luftstroms ohnehin nur dem Atemhauch eines lungenkranken syrischen Goldhamsters. Wenn Sie dann frustriert die feuchten Hände einfach an Ihrer Kleidung abstreifen, kann man Ihnen fast nicht verdenken, wenn Sie Händewaschen nach der Toilette für massiv überbewertet halten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2009)

Wenn der Neger zweimal klingelt

Das Phänomen der verschlossenen Tür, hinter der ein Bewohner krampfhaft versucht, Abwesenheit zu suggerieren – den starren Blick durch den Türspion gerichtet -, ist dieser Tage besonders heftig verbreitet. Immerhin spart man sich damit  ein paar Euro – und zwei Minuten unbehaglichen  Angesungenwerdens. Dass die Tür trotz mehrmaligen Klingelns nicht geöffnet wird, weil einer der davor  stehenden Sternsinger schwarze Haut hat, kann man hingegen vermutlich ausschließen. Schließlich ist  es meist jenes Schwarz, das man – schuhcremeartig auf das Gesicht eines Weißen aufgetragen – von Schminksets kennt, auf denen ein schwarz gelockter Afrikaner mit dicken roten Lippen und Kreolen abgebildet ist. (Ja, das „Schminkset Neger“ um 3,20 € gibt  es tatsächlich noch: http://www.faschingsfactory.com/schminkset+neger.html.)

Im Volksglauben der „Heiligen Drei Könige“ wird Jahr für Jahr das Bild des Schwarzen als liebes kleines Negerlein transportiert, wie es in bestem Deutsch „Unter einem guten Stern“ trällert. Aber Gott behüte, ein Schwarzer würde wirklich König. Oder Präsident der USA – schließlich seien „die Schwarzen in ihrer politisch-zivilisatorischen Entwicklung noch nicht so weit“, wie ORF-Mann Klaus Emmerich aussprach, was in den Köpfen vieler noch heute seine Runden macht.

Ein latenter Rassismus, der aber bei Weitem nicht auf Schwarze beschränkt ist. Oder glauben Sie, dass es ein Zufall war, dass die „Kronen Zeitung“ lieber die Neujahrszwillinge Anna und Samara aus Oberwart auf die Titelseite hievte als das echte Neujahrsbaby? – Seine Eltern sind türkischstämmig, sein Name ist  Hasan. Des Volkes Stimme ist entsetzt.

Übrigens, weil wir gerade beim verklärten Volksglauben sind: Der heilige Nikolaus war Türke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.01.2009)

Es gibt viel zu tun: Baut Urlaub ab

Mit einer Körpergröße von 1,70 Meter weiß ich seit Teenagerzeiten, wie sich stagnierendes Wachstum anfühlt. Insofern bin ich so weit abgehärtet, dass ich bei Schlagworten wie „Krise“ und „Rezession“ nicht reflexartig in Duldungsstarre verfalle. Denn so wie bei der Körpergröße – klein, aber oho – gibt es auch im Arbeits- und Wirtschaftsleben geeignete sprachliche Mechanismen, um einer negativen Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. Das beginnt schon damit, sich niemals in eine passive Rolle drängen zu lassen, sondern immer das Ruder in der Hand zu behalten.

Statt 2009 also „Ferien zu machen“ oder „abzuschalten“, sollten Sie aktiv „Urlaub abbauen“. Damit entsteht im Kopf des Zuhörers das Bild eines Bergarbeiters mit Helm, der mühevoll Urlaubstage aus dem Gestein hämmert – und nicht das eines in Sonnenöl marinierten Stücks Fleisch auf dem Liegestuhl. Das Abbauen von Urlaub ist gerade jetzt eine Tugend wie sonst kaum. Schließlich winken keine Zinsen, wenn Urlaub länger aufgespart wird. Und auch mit Termingeschäften lassen sich angesparte freie Tage nicht als Gewinn im Urlaubsportefeuille verbuchen.

Andererseits muss uns aber auch klar sein, dass der Urlaub, analog zu den natürlichen Rohstoffen, die im Bergbau gewonnen werden, endlich ist. Und dass unkontrollierter Raubbau letztlich nur dazu führt, dass die Ressourcen irgendwann erschöpft sein werden. Womit wir im Rahmen der aktiven Sprache gleich noch eine Ebene weiter gehen und den uns zur Verfügung stehenden Urlaub „maßvoll“ und „nachhaltig“ verbrauchen. Aber tappen Sie nicht in die Falle: Weisheiten à la „Wir haben den Urlaub nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen“ sind dann doch ein wenig dick aufgetragen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.12.2008)

Die Lügen der Eltern

Ich entschuldige mich für das triste Wetter, dessen Fratze Ihnen beim Blick aus dem Fenster gerade entgegen grinst. Aber Sie müssen verstehen, ich hätte die Portion Spinat-Oliven-Gnocchi gestern Abend wirklich nicht mehr aufessen können. Und nachdem sich der alten elterlichen Regel zufolge das schöne Wetter indirekt proportional zur Restmenge auf dem Teller verhält, muss ich Wolken, Wind und Graupel wohl auf meine Kappe nehmen. Sorry! Zugegeben, ich habe mich schon das eine oder andere Mal gefragt, warum gerade zwischen meinem Essverhalten und der österreichischen Großwetterlage ein Zusammenhang bestehen soll. Und wozu die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik komplizierte Wettermodelle erstellt, wo doch ein Blick auf meinen Teller ausreichen würde. Aber gut, so funktioniert elterliche Logik.

Schmerzhaft wird es dann, wenn dieses jahrelang gelernte Gefüge in sich zusammenbricht. Wenn eine Konstante plötzlich in der Erkenntnis verpufft, dass es doch nicht so ist. Sie können sich die Enttäuschung vorstellen, die mich in dem Moment befiel, als ich erfahren musste, dass das Christkind gar nicht wirklich durch das Fenster hineingeflogen kommt. Jahrelang war es mein einziges Ziel gewesen, einmal so alt zu werden, dass ich dem kleinen Engel beim Ablegen der Geschenke unter dem Weihnachtsbaum assistieren und ihn dann mit einem freundlichen Klaps auf die Schulter – gerade so, dass ich die Flügel nicht streife – aus dem Fenster verabschiede. Und dann das – statt eines Rendezvous am Fensterbrett nur finstere Gesichter am Einkaufssamstag in der Mariahilfer Straße. Das tut weh. Aber auch für diesen Fall haben mir meine Eltern ja eine unverrückbare Wahrheit mitgegeben – bis ich heirate, ist es wieder gut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2008)

Die Ökonomie der Bonbonniere

Weihnachten ist die Zeit, in der Geld als Zwischentauschmittel ein wenig in den Hintergrund treten darf. An die Stelle von kaltem Metall oder bedrucktem Papier treten andere Einheiten, die zwischen Menschen zirkulieren und deren Wert weniger in der Befriedigung von Bedürfnissen als in der freizügigen Weitergabe besteht. Ein besonders beliebtes Objekt dieser alternativen Ökonomie sind Süßwaren, vorzugsweise mit Alkohol und Früchten gefüllt. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viele Stationen etwa eine Packung Pralinen durchläuft, ehe tatsächlich ein Abnehmer, vulgo Beschenkter, das Cellophan vom Karton löst und den Tauschwert des Objekts für ein paar schnelle Kalorien kurzerhand auf Null reduziert. Vorsicht sollte bei dieser Ökonomie des Schenkens allerdings in jedem Fall walten, denn im Gegensatz zu Geld können Merci, Mon Chéri & Co. hinterlistigerweise mit identifizierenden Elementen versehen sein. Firmenlogos oder Aufschriften wie „Viele Bussi, deine Oma“ auf der Rückseite sollten also entfernt werden, ehe die Pralinen in den weiteren Kreislauf weihnachtlichen Tauschhandels eintauchen.

Das Worst-Case-Szenario wiederum tritt dann ein, wenn sich der Kreis weihnachtlicher Spendierfreude schließt – und ein Beschenkter in der edlen Gabe ein Geschenk erkennt, das er einst selbst in Umlauf gebracht hat. Besonders anfällig dafür sind Weinflaschen vom Winzer des Vertrauens, die einst als Gastgeschenk zum Einsatz kamen und die der Gastgeber beim Gegenbesuch plötzlich wieder in Händen hält. Besonders Findige versehen die Flaschen im Weinkeller daher mit einer Notiz über den Überbringer – und verschenken den Wein an jemand anderen weiter. Im besten Fall klebt das PostIt dann nicht mehr dran . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2008)

Tanz Limbo, Sepp! Yes, you can!

Im medialen Wettstreit um die häufigsten Assoziationen mit Tanzen hatte Josef Pröll vergangene Woche eindeutig die Nase vorn. Doch es war weder der Landler noch der Tanz auf dem Society-Parkett, der dem schwarzen Hoffnungsträger aus Radl brunn zugeschrieben wurde. Nein, das Schreckgespenst untrainierter Bauchmuskeln wurde aus dem Hut gezogen, um Pröll metaphorisch ein wenig zu steinigen – der Limbo. Bei seiner Wahl zum VP-Parteichef habe er sich mit 50 Prozent „die Latte so niedrig gelegt“, hieß es im ORF, „dass nicht einmal ein Lambada-Tänzer darunter durchkäme“. (Kleiner Lapsus, natürlich war Limbo gemeint.) Sonntags wiederum hörte man in der „Runde der Chefredakteure“, dass sich die Regierung die Latte so hoch gelegt hat, dass sie ohne Schwierigkeiten darunter durchmarschieren können sollte. (Okay, da ist nicht nur Pröll allein gemeint.)

Interessant an dieser Metaphorik ist, dass ja gemeinhin eher das Überspringen einer hoch gelegten Latte als wünschenswertes Ergebnis sportlicher Leistung gesehen wird. Aber gut, zurück zum Limbo. Der Tanz selbst wurde auf den Westindischen Inseln ursprünglich nach Begräbnissen getanzt, um die Seele des Toten aus dem Zustand der Schwebe zu befreien. Schwebe im Sinne von „to be in limbo“, was sich vom Begriff „Limbus“ ableitet – der Vorhölle. Die wurde wiederum vergangenes Jahr von Papst Benedikt XVI. abgeschafft. Damit ist der Limbo auf seine heutige Bedeutung als Partyelement reduziert. Und so warten wir voller Spannung auf das Weihnachtskränzchen der Volkspartei, bei dem Josef Pröll auf dem Parkett seinen Oberkörper in die Waagrechte bringt, während seine Parteifreunde ihm genau das zujohlen, was sie auch jetzt schon allen Ernstes tun: „Sepp, yes, you can!“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2008)

Willkommen in der Socken-Singlebörse

Über manche Dinge lohnt es sich wirklich nicht mehr zu schreiben. Wer heute noch Witze über Kärnten macht, ist schon retro. Wer sich über die hyperinflationäre Verwendung des Wortes „Lebensmensch“ echauffiert, hat den Anschluss ebenfalls verpasst. Auch jegliche Lob- oder Hassschrift über Punsch, Advent und dieses ganze Weihnachtsgetue ist angesichts unzähliger einschlägiger Elaborate längst hinfällig. Im Grunde ist ja zu jedem Thema eigentlich schon alles gesagt worden.

Zeit also, um sich langsam wieder auf das Wesentliche zu besinnen – das für uns ja immer wichtiger wird, wie Josef Hader es einmal formuliert hat. Reden wir über Socken. Darüber, dass schwarze Socken in der Waschmaschine unterschiedliche Formen annehmen, auf dass sie danach nie mehr ihrem Gegenüber zugeordnet werden können. Ja, eine Trennung tut weh. Reden wir daher auch über die Socken-Singlebörse, in der einzelne Söckchen verzweifelt auf die Rückkehr des Zwillings warten – oder ihn einfach nicht mehr erkennen, wenn er ausgebleicht und zu Tode geschleudert aus der Waschmaschine geholt wird.

Das Äquivalent zur Kontaktbörse à la „Love.at“ im Internet spielt sich in der analogen Welt der Socke meist irgendwo zwischen Wäscheständer und Kommode ab – mit ähnlich schlechten Aussichten, jemals die Wunschsocke leibhaftig zu Gesicht zu bekommen. Geben Sie es zu, auch Sie haben einen solchen Hügel der einsamen Socken, auf dem in unregelmäßigen Abständen ein – in der Regel erfolgloser – Versuch gestartet wird, aus den textilen Singles doch noch Pärchen zu bilden. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Sockenklammern. Denn über manche Dinge lohnt es sich wirklich nicht nachzudenken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.11.2008)

Wer hat Angst vor Virginia Wurst?

Grundsätzlich ist es ja schön, wenn Freunde an einen denken. Nachdenklich kann es allerdings stimmen, bei welchen Gelegenheiten das passiert. Wenn etwa in „Willkommen Österreich“ ein Kochbuch mit dem schönen Titel „Zum Scheißen reicht’s“ vorgestellt wird, muss man in der Assoziationskette ja nicht unbedingt an vorderster Front stehen, könnte man meinen. Genau da bin ich allerdings kürzlich gelandet: „Das wäre das perfekte Weihnachtsgeschenk für dich!“

Tatsächlich haben Kochbücher, die mehr sind als nur Rezeptsammlungen, ihren Reiz. Man denke an „Küche totalitär“, Wladimir und Olga Kaminers Kochbuch des Sozialismus, in dem die postsowjetische Küche mit launigen Beschreibungen einzelner Regionen garniert wird. Oder der von Droste/Heidelbach/Klink gestaltete Band „Wurst“, der mit Bonmots à la „Wer hat Angst vor Virginia Wurst?“ das Kochbuchgenre in literarische Höhen trägt.

Einen eher unfreiwilligen skurrilen Charme hat auch das „What Would Jesus Eat Cookbook“, in dem Autor Don Colbert Rezepte vorstellt, die auf biblischen Prinzipien beruhen. Kern der Jesus-Diät sind Tipps, wie man sie auch aus modernen Ernährungsberatern kennt – Vollkorn, wenig Fleisch, langsam essen & Co. Spektakulärer ist da schon das E-Book „Cooking With Balls – The Testicle Cookbook“ (www.yudu.com/testicles). Autor Ljubomir Erovic – der Serbe organisiert auch die jährlichen World Testicle Cooking Championships – erklärt, wie man Hoden richtig zubereitet und schmackhafte Gerichte wie Hodenpizza zaubert. Ja, das gibt es wirklich. Ganz im Gegensatz zum anfangs genannten „Zum Scheißen reicht’s“, das nur ein Gag war. Schade, eigentlich. Unter dem Weihnachtsbaum hätte sich das sicher gut gemacht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.11.2008)