Gebt die Hände aus dem Gesicht!

Ich gestehe, es gibt Fotos von mir, auf denen ich die Hand im Gesicht habe. Da war ich im Umgang mit Medien und Fotografen extrem ungeübt. Mittlerweile weiß jeder, der häufiger im Rampenlicht steht, dass Fotografen nur darauf warten, bis eine Hand in Kopfhöhe wandert, um just in diesem Moment abzudrücken. (Stellen Sie sich die Freude unserer Fotografin vor, als sie Rainhard Fendrich beim Kokain-Prozess in dem Moment erwischte, als er sich beim Betreten des Sitzungssaals an die Nase fasste.)

Aber gut, in freier Wildbahn kann so etwas vorkommen. Gesten der Nervosität oder Unsicherheit gehören einfach dazu. Aber – und hier beginnt die Pikanterie – manche heben sogar in gestellten Szenen die Hand zum Kinn, stützen im Fotostudio das Haupt auf die Hand oder streichen vor der Kamera bedeutungsvoll den Bartansatz. Jetzt sind gestellte Fotos sowieso ein Kapitel für sich, doch werden sie durch die angedeutete Pose des Denkers nicht besser. Wiens Neo-Wohnbaustadtrat Michael Ludwig ist einer jener Spezialisten, deren Hand wie magnetisch vom Kinn angezogen zu werden scheint. Dabei sollte er als langjähriger Chef der Volkshochschulen über Körpersprache (etwa „Auftritt – Bewerbung – Präsentation“ am VHS Polycollege, ab 13.2.) Bescheid wissen. Lieber Herr Ludwig, lassen Sie die Hände unten! Bitte! Und falls Sie mit dieser Aufforderung nichts anfangen können, reihen Sie sie einfach unter die Kategorie, die auch Thema des Briefkabaretts in der Company Stage (Neudeggerg. 14, 1080 Wien; 19 Uhr) ist: „Blöde Briefe an g’scheite Leut.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.02.2007)

 

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Auf diese Kolumne kam folgende Reaktion, die am 10.2.2007 als Leserbrief abgedruckt wurde:

 

Blick in die Zukunft

Gebt die Hände aus dem Gesicht!, 8. Feb.
Die Körpersprache ist eine wunderbare Sache – vor allem auch, weil sie immense Interpretationsspielräume bietet. Das Gesicht ist der Spiegel der Seele, die Hände stehen für Anpacken, Schaffen und Arbeit. In genau diesem Zusammenhang können die „Hand im Gesicht“-Fotos von Wohnbaustadtrat Dr. Michael Ludwig gesehen werden. Sich mit Hand in, an oder neben dem Gesicht abbilden zu lassen, hatte über viele Jahre aber gerade in der Zunft der Journalisten große Tradition. Beispiele dafür sind – wenn auch fragmentär – auch heute noch auf der Homepage der „Presse“ zu finden. Heutzutage scheint sich eher die „Geradeaus-Starr-Methode“ durchzusetzen. Das mag auf manche Menschen vielleicht moderner wirken, sagt jedoch über den Menschen nicht das Geringste aus. Und so zieht Stadtrat Dr. Ludwig es vor, seine Überzeugungen und seine Art, die Dinge anzupacken, bildlich auch weiterhin auszudrücken – mit Blick in die Zukunft und tatkräftiger Hand.

Mag.a Roberta Kraft

Büro Stadtrat Dr. Michael Ludwig

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Über Erich Kocina
Erich Kocina, Redakteur der Tageszeitung "Die Presse"

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